Zugfahren in der Schweiz — Der allmorgendliche Schwarzfahrerzug in Basel

Oktober 26th, 2005
  • Was „schmökt“ denn hier?
  • Durch Bülach fährt der „Cisalpino“, ein direkter Zug von Mailand nach Stuttgart. Der Name ist Programm bei diesem Zug, denn es riecht empfindlich nach Chemieklo. In der Schweiz riecht es übrigens nicht, es „schmeckt“. Wenn etwas ein „Geschmäckle“ hat, dann weiss man nicht, ob es nun gut schmeckt oder eher gemein stinkt. Seit einiger Zeit ist der Cisalpino übrigens komplett rauchfrei. Wir finden es praktisch, mit diesem Zug in nicht mal drei Stunden bis ins Tessin nach Bellinzona fahren zu können!

  • Mit dem Rudolf Steiner nach Stuttgart
  • Es fahren auch ICEs von Zürich nach Stuttgart, einer davon heisst „Rudolf-Steiner“, nach dem Begründer der Anthroposophie, bekannt durch die Waldorfschulen, die in der Schweiz passend „Rudolf-Steiner-Schulen“ genannt werden. Es ist ein Zug mit Neigetechnik, der sich auf seinem Weg durch den Schwarzwald und die Täler der Schwäbischen Alb mächtig schräg legen kann. Dem Lokführer an der Spitze des Zuges kann man, nur durch eine Glasscheibe getrennt, bei der Arbeit zuschauen. Es ist jedoch wie im Zoo-Aquarium verboten, an die Scheibe zu klopfen, um den guten Mann nicht davon abzulenken, jede Minute einmal das „Tote-Mann-Pedal“ zu betätigen. (genannt SIFA = Sicherheitsfahrschaltung)

  • Zweisprachige Schaffner/Conducteur
  • Die Schaffner auf dieser Strecke arbeiten seit Jahren grenzüberschreitend. Ein Schweizer Schaffner beginnt in Stuttgart und fährt bis Zürich, das Team wird unterwegs nicht gewechselt. Fährt der Zug durch das Schwabenland, so heisst es nach jedem Halt: „Zugestiegene die Fahrausweise bitte“, genau ab Schaffhausen wird dann umgestellt auf: „Alle Billette ab Schaffhuuse bitte vorwiise.“ Meine ich da nicht auch herauszuhören, dass der Ton ein ganz klitzeklein wenig höflicher wird?

  • Halbtax gilt in Deutschland
  • In beiden Ländern kann man die Fahrkarte billig im Internet kaufen und gleich daheim ausdrucken. Wer von der Schweiz aus über die Grenze zu einem Ziel nach Deutschland fahren will, kann so sein Schweizer Halbtax-Abonnement nutzen und zahlt in Deutschland 25% weniger. Kinder, die in der Schweiz mit dem Junior-Ticket umsonst mitreisen, können dies auch in Deutschland tun, sofern die Fahrkarte in der Schweiz gekauft wurde und die Fahrt auch dort beginnt.

  • No more smoking im Untergrund und bald überall
  • Das Rauchen auf dem Tiefbahnhof in Zürich wurde vor einiger Zeit endlich verboten. In Lyon und auf deutschen Bahnhöfen ist es das schon seit Jahren. Mit der Einführung des Winterfahrplans am 10.12.2005 wir das Rauchen übrigens in allen Zügen der SBB verboten. Wann war dazu eigentlich das Referendum? Wann wurde dieser „Entscheid“ im Tages-Anzeiger begrüsst mit dem rituellen Bekenntnis:

    Die Meinung des Tages-Anzeigers: Der Tages-Anzeiger ist dafür

    Haben wir da irgendetwas verpasst? Wurde da vielleicht eine Regelung getroffen, ohne zuvor „den Souverän“ zu befragen? Kaum zu glauben, es geht ja „für einmal“ richtig diktatorisch zu in der Schweiz!

  • Die massenhafte Schwarzfahrpraxis in Basel
  • Jeden morgen um 07:01 fährt ein ICE mit Berufspendlern von der Uni-Stadt Freiburg im Breisgau, die eine hohe Lebensqualität aber wenig Arbeitsplätze aufweist, zur Chemie-Metropole Basel. Es sind sicher 500-700 Pendler, die in den Bereichen Medizin, EDV, Chemie, aber auch an Schulen und in Verlagen in Basel arbeiten und mit einem Monatsabonnement der Deutschen Bahn AG ganz legal bis zum deutschen „Badischen Bahnhof“ in Basel fahren.

    Und dann passiert es: Anstatt auszusteigen, die Grenzkontrolle zu passieren und legal mit einer Tram oder dem Vélo weiter zum Zielort in Basel zu fahren (es gibt auch ein paar hundert Leute, die das tun), entschliessen sich die übrigen Berufspendler jeden Morgen wieder spontan, doch nur an diesem Morgen „für einmal“ sitzen zu bleiben und bis zum Schweizer Bahnhof SBB weiterzufahren. Die Schaffner freuen sich, denn nun gilt es, „Anschlussbillette“ zu verkaufen. Die ersten 2-3 kontrollierten Pendler werden so zur Kasse gebeten. Dann sind 5 Minuten rum, der Zug kommt im Bahnhof SBB an, und alle Fahrgäste sind ruck-zuck ausgestiegen. Ein Anschlussbillett kann jeder lösen, der im Besitz eines gültigen Fahrausweises ist und sich spontan entschliesst, doch weiter als geplant zu fahren. Er muss dazu nicht den Schaffner im Zug suchen sondern kann warten, bis dieser auf seiner Kontrollrunde vorbeikommt. Dann muss sich der Fahrgast sofort direkt beim Schaffner mit seinem Wunsch melden.

  • Rückfahrt ohne Zugbegleiter
  • Auf der Rückfahrt am Nachmittag geht dieses Spielchen dann anders rum. Diesmal wissen die Pendler, dass der Zug bis zum Badischen Bahnhof praktisch ohne Zugbegleiter fährt, denn erst dort steigt das Deutsche ICE-Team ein und beginnt kurz darauf mit der Kontrolle. Für alle Fälle haben die Pendler aber dann eine Basler Mehrfahrtenkarte für das Stadtgebiet dabei, die sich im Bedarfsfall abstempeln lässt. Falls man schon im Zug sitzt, wird sie einfach von Hand mit einem Kugelschreiber ausgefüllt, denn es kann ja immer mal vorkommen, dass so ein Abstempelautomat ausser Betrieb war oder das Papier zu weich, um den Stempel auszulösen, speziell wenn man die Dinge im „Hosensack“ trägt (was schüttelt es mich vor Wohlgefallen, wenn ich diese Wort nur schreibe!).

  • Die netten Damen von der SBB-Statistik
  • Alle paar Wochen werden die Fahrgäste statistisch erfasst, emsige SBB-Damen mit Taschencomputern wollen wissen, wer alles keine Fahrkarte hat. Das sind ziemlich viele, denn das Monatsabo für die kurze Strecke in Basel kostet soviel, wie die Monatskarte von Freiburg nach Basel. Na zum Glück sitzen die da alle und warten ganz spontan darauf, dass der Schaffner endlich das Anschlussbillett verkaufen kommt!

    Koedukation Nein Danke — Wo Männlein und Weiblein in der Schweiz getrennt bleiben

    Oktober 25th, 2005
  • CEVI steht für C.V.J.M in der Schweiz
  • Die Schweizer Version des „Christlichen Vereins Junger Menschen“, kurz C.V.J.M (früher stand das M übrigens wahlweise für „Männer“ oder „Mädchen“) heisst CEVI.

    Die Cevi ist eine christliche Jugendorganisation in der Schweiz, der Reformierten Kirchen nahestehend (in der Schweiz gibt es keine Protestanten, sondern nur „Reformierte“, die gehen nicht auf Martin Luther sondern auf Huldrych Zwingli in Zürich und Johannes Calvin in Genf zurück gehen).

    Uns ist die Cevi kurz nach unserer Ankunft in der Schweiz besonders dadurch aufgefallen, dass hier christliche Jugendarbeit strikt für Jungen und Mädchen getrennt angeboten wird. Die Erkenntnisse der „Koedukation„, der gemeinsamen Aufzucht und Pflege von Mädchen und Buben, sind also noch nicht bis in diesen Bereich vorgedrungen. Egal, unsere Tochter fand es cool, nur mit „Maidlis“ ohne Buben die Samstagnachmittage beim Feuermachen im Wald (immer auf der Flucht vor dem Förster), beim Singen und Spielen zu verbringen. Buben stören nur, und ausserdem haben die ja ihre eigenen Gruppen.

  • Cevi: Jugendarbeit streng auf Schwyzerdütsch.
  • Die Cevi brilliert dadurch, dass sie neben der christlicher Jugendmission auch die Förderung der Schweizerdeutschen Schriftsprache zu ihrem Programm gemacht hat. So lasen wir auf der Webseite folgenden Hinweis für die samstägliche Cevi-Versammlung, was die Mädchen mitbringen sollen:

    „Z’Trinke, dem Wetter angepasste Kleider (mir sind de ganzi Namittag verusse), gute Laune“

    Ganz verrusst kehren sie heim. Oder wir lasen auf einem Anschlag:

    „Mitnehmen: gueti Luune, verschiedeni (exotischi) Früt, Sunnehuet, wenn Ihr eini Händ, e Sunnebülle“

    Neben dieser Geheimsprache werden auch eigene Codenamen gepflegt, die Leiterinnen heissen:

    Astraea, Caballo, Chili, Coccinella, Hakuna, Maña, Mikado, Mint, Pistache, Patchanga, Hilari, Nanuk, Ocoña, Simea, Tupf, Kobold, Yoyo, Purzel, Tsunami , Twist, Lucciola, Luna. (Quelle)

    Klingt zum Teil richtig lecker: Chili, Mint und Pistache, ob das alles „exotischi Früt“ sind? Früher war auch noch „Curry“ dabei, aber das ist jetzt vorbei.

  • Pfadis, Blauring und die Jungwacht
  • Die Cevi ist bei weitem nicht die einzige christliche Jugendorganisation in der Schweiz. Es konkurrieren ausserdem noch die Pfadfinder „Pfadi“, der „Blauring“, der nichts mit den Anti-Alkoholiken vom Blaukreuz zu tun hat, und die „Jungwacht“ (beide katholisch) miteinander. Bei den Pfadis und beim Blauring sind die Jugendgruppen übrigens gemischt. Gerade bei den Pfadis wird die Koedukation richtig zum Thema:

    In der Pfadibewegung ist Koedukation ein Mittel, um Mädchen und Buben für eine gleichwertige Partnerschaft zwischen den Geschlechtern zu sensibilisieren (Quelle)

    Gleichzeitig setzen sich die Pfadis auch mit den Nachteilen der Koedukation auseinander. Jawohl, die gibt es massenhaft! Hier eine kleine Zusammenstellung: Facts zum Thema „Koedukation“

    Es gibt jedoch noch weitere Bereiche in der Schweiz, in der Männchen und Weibchen getrennt waren oder werden.

  • Rudern früher nur für Männer
  • In Eglisau am Rhein bahnte sich 2002 eine Sensation an. Der „Seeclub Zürich“ öffnet eine Ruderschule, die zum ersten Mal in der Geschichte dieses Vereins das Rudern auch für Frauen gestattet. Bisher war dies, echt old-english, eine reine Männerdomäne.

    Lange Zeit blieb der Rudersport für Frauen unausführbar am Rhein. Den Fluss samt Bootshaus direkt vor der Nase, gab es keine Möglichkeit, in eins der begehrten Ruderboote zu kommen. Jetzt wurde es möglich, aber nur im Rahmen der neuen „Schule“.

    Die Schweizer machten also auch im Jahr 2002 weiter Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung.

  • Frauenbad in der Limmat

  • Der Fluss, der durch Zürich fliesst, heisst „Die Limmat“, und in der Limmat gibt es in Züri ein reines Frauenflussbad. Das ist geradzu progressiv, die Kerle müssen draussen bleiben!

    1837 wurde beim Bauschänzli das Badehaus für Frauenzimmer eingerichtet. Heute trifft frau sich im nostalgischen Laubsägeli-Bad aus dem Jahre 1888. Das geschichtsträchtige, auf der Limmat vertäute Holzbad ist klein, überschaulich und – für die, die es mögen – auch persönlich. Es ist Kommunikationstreff für die Einen, Region ohne Anbaggern für die Andern (…).
    Im geschlossen Teil (…) ist frau wind- und blickgeschützt, während auf dem Rost gegen die Limmat raus schon mal ein paar Blicke aus den vorbeifahrenden Ausflugsbooten riskiert werden.
    An schönen Tagen kann es ganz schön eng werden, da liegt Busento an Busento. Für Kinder ist das Bad weniger geeignet, es ist kaum Platz zum Rumtoben. Geschwommen wird in zwei Becken, die in den Holzrost eingelassen sind. Das freie Schwimmen in der Limmat ist untersagt. (Quelle)

    Moment mal: „Busento„? War das nicht ein Fluss in Kalabrien? (Wiki)

    Wir kennen so ein Frauenbad auch aus Freiburg (im Breisgau), wo im Lorettobad im „Damenbad“ auch nur weibliche Gäste zugelassen sind, durch hohe Zäune und einer Tür von der restlichen Badeanstalt getrennt. Einst klagte hier ein Jurastudent in einem Musterprozess, in dem er seine „geschlechtspezifische Benachteiligung“ gerichtlich bestätigt haben wollte, auf Einlass in dieses Damenbad. Er verlor, denn die Richter fanden, er könne ruhig im „Familienbad“ nebendran baden. Das Gerichtsurteil hängt nun im Glasfenster des Kassenhäuschens zur Abschreckung aller Nachahmer.

    Die Schweizer beim Einkaufen — Boomtown Jestetten

    Oktober 24th, 2005
  • Andorra im Sackstück: Fast von der Schweiz eingekreist
  • Während eines Urlaubs in den Pyrenäen planten wir einmal einen Besuch im Zwergstaat Andorra .
    Wir träumten von einem gemütlichen Bummel durch ein schnuckliges Gebirgsdorf und fanden stattdessen eine hektische Geschäftsstadt vor, in der sich Supermarkt an Supermarkt reihte, mit niedrigen Preisen für Alkohol, Tabak und Kosmetik. Einen Ort wie Andorra gibt es auch unweit der Schweiz. Er heisst „Jestetten“ und liegt in einem deutschen „Sackstück“ kurz vor Schaffhausen, 36 Km von Zürich entfernt in der Verlängerung der Flughafen-Autobahn.

    Jestetten im Sackstück

  • Eine Kirche und ein Bäcker?
  • Wir entdeckten ihn auf der Landkarte, kurz nach der Ankunft in der Schweiz. Wir suchten einen grenznahen Ort zum Einkaufen, und Jestetten sah dafür ein bisschen zu klein geraten aus. Sicher gibt es hier nur eine Kirche, ein Rathaus, eine Bäckerei und zwei Gasthöfe, dachte wir und fuhren stattdessen den weiteren Weg bis nach Waldshut.

  • Boomtown Jestetten
  • Nun, später wurden wir eines Besseren belehrt: Jestetten ist Boomtown, in Jestetten geht die Post ab, in Jestetten wird richtig Geld verdient!
    Hinweisschild Downtown Jestetten

    Es gibt einen grossen Edeka:
    Edeka Neukauf Jestetten

    Einen Plus
    Plus in Jestetten

    Einen Aldi
    Grosser Aldi in Jestetten

    Wir möchten doch festhalten, dass die zahlreichen Schweizer Besucher, die hier an einem gewöhnlichen Samstagmorgen mit ihren Autos auf den Parkplätzen fotografiert wurden, nur „zufällig“ auf dem Weg von Schaffhausen nach Zürich durch diesen hübschen Ort kamen, und ganz spontan überprüfen wollten, ob das Angebot in Deutschen Supermärkten von der Qualität wirklich um so vieles schlechter als in der Schweiz ist. Alle hier abgebildeten Personen kaufen sonst nur in der Schweiz ein und würden im Leben nicht auf die Idee kommen, die Löhne und den Arbeitsmarkt in der Schweiz dadurch zu gefährden, dass sie ihre Franken in der EU ausgeben.

  • Die Bauern sind schon in der EU
  • Stichwort EU. Es gibt hier im Grenzgebiet die kuriose Situation, dass Schweizer Bauern ihren Deutschen Kollegen Land abkaufen, dies dann in Deutschland beackern, und den dort erzielten Ertrag auf dem Schweizer Markt verkaufen dürfen, zollfrei und zu sehr guten Preisen, weil staatlich subventioniert. Der Clou an der Sache ist nun, dass diese Bauern ausserdem noch Subventionen von der EU für die Bearbeitung dieser Landstücke kassieren können. Die Schweiz braucht gar nicht mehr in die EU eintreten, im Grenzgebiet klappt das auch so schon ganz gut mit dem Geldfluss. Und da wundert sich noch jemand, wenn der Ex-Finanzminister Eichel in einem Interview über die Schweiz das böse Wort „Rosinenpicker“ in den Mund nahm?

    Wohin mit dem Geld in Deutschland? Es gibt verschieden Banken zum Geldwechsel, auch am Samstag geöffnet. Ganz wichtig: Mehrere Lotto-Annahmestellen mit doppelt besetzten Kassen für die Schweizer, für das grosse Glück in der EU!
    Lotto spielen in Jestetten

  • Wer will noch einen Job bei Aldi?
  • Im Aldi von Jestetten hing vor ein paar Jahren ein Aushang: „Kassiererinnen gesucht. Gute Sozialleistungen“ etc. Ich wunderte mich darüber, warum bei hoher Arbeitslosigkeit eine Handelskette wie Aldi per Aushang nach Mitarbeiter suchen muss. Dann erfuhr ich:
    Wer hier gut ausgebildet ist und arbeiten gehen will, der geht als Grenzgänger in die Schweiz, und nicht zu Aldi an die Kasse! Von den 5.226 Einwohnern fahren täglich 630 in die Schweiz, 992 der dagebliebenen kümmern sich um die Schweizer Einkaufstouristen. Die „Nachrücker“ in diesem System sind Deutsche aus dem Osten sowie Spätaussiedler aus GUS-Ländern, die die freigewordenen Jobs in Jestetten übernehmen.

  • Kindergarten morgens und nachmittags
  • Jestetten hat 5 Kindergärten (von denen der Waldkindergarten und der Sonderschulkindergarten oft vergessen werden, siehe hier), 2 Grundschulen, eine Grund- und Hauptschule sowie eine Realschule. Wenn wir nun den Schweizer Nachbarn erzählen, dass hier Kernzeitbetreuung von 8.00 – 13.00 Uhr in der Schule, und von 8.00 – 12:00 sowie 13:30 – 16.00 Uhr im Kindergarten garantiert wird, fehlt nicht mehr viel, und sie bringen ihre Kinder dort unter. Dank der bilateralen Verträge ist der Besuch von Schweizer Kindern in Deutschen Schulen und von Deutschen Kindern in Schweizer Schulen ohne Kosten und Einschränkungen möglich, sofern die notwendigen Kenntnisse vorhanden sind.

  • Spielcasino, Bars und Sexshop
  • Den Sexshop habe ich jetzt nicht fotografiert, weil da gerade soviele reingingen und rauskamen, das war dann doch zu indiskret. Es gibt auch noch einige Bars und ein Spielcasino, für knapp 5000 Einwohner eine ganz erstaunliche Infrastruktur.
    Bar und Casino in Jestetten

  • Reifen schön schmutzig machen
  • Ein grosses Reifenhaus gibt es auch für die Schweizer.
    Reifen aus Deutschland

    Der Zoll schaut übrigens bei der Einreise immer besonders auf den Zustand der Reifen, und ob eventuell eine Reparatur in Deutschland vorgenommen wurde. Ob das Reifenhaus für diesen Zweck eine extra Schlammbehandlung anbietet, mit der man die frisch gekauften Reifen gleich schön alt und dreckig aussehen lassen kann?

  • Hier gibt es alles, ausser Benzin
  • Nicht erwähnt habe ich bisher die 2 Apotheken, die Ärzte, Zahnärzte, Tierärzte, den Drogeriemarkt, die Fachgeschäfte für Kinderkleidung, Mode, Schuhe, die Haushaltswarengeschäfte und Autohäuser. Das einzige, was sie in diesem erstaunlichen „Oberzentrum“ mit nur 5226 Einwohnern nicht finden werden, ist eine Tankstelle. Zum Tanken müssen Sie über die Grenze nach Schaffhausen oder Eglisau fahren, dort kommen Sie dann gleich an mehreren vorbei.

    Einkaufen in Deutschland können die Schweizer ohne Mehrwertsteuer, d. h. 16 % billiger, bis zu einem Wahrenwert von 200 CHF pro Person und Tag. Für Fleisch und Milchprodukte sowie Alkoholika gelten strenge Maximalmengen, die auch kontrolliert werden. Und noch was zum Schluss:
    Da von den Schweizern keine Mehrwertsteuer bezahlt werden müssen, hat der Deutsche Staat nichts von all den Millionen, die jährlich in diesem Ort von Schweizern ausgegeben werden. Jedenfalls nicht bei der Umsatzsteuer. Natürlich zahlen die Geschäfte Gewerbesteuer, und die dort arbeitenden Menschen ihre Einkommenssteuer.

    Salziges Popcorn und kein Bier hier — Die Schweizer im Kino

    Oktober 22nd, 2005
  • Bülach by night
  • Einer der Vorteile in unserer neuen Wahlheimat Bülach (der Nightlife-Metropole des Zürcher Unterlands) ist, dass wir hier alles bequem zu Fuss erreichen können: Die Post zum posten, die Migros zum Wein kaufen, und den Bahnhof um nach Zürich zu flüchten.

  • Hightech im Kino
  • Gäbe es da nicht unser gemütliches Vorstadtkino ABC. Warum das nur so heisst? Es ist doch nicht etwa gedacht für Zuschauer, die beim Erlernen der Schriftsprache nicht viel weiter gekommen sind? Es wird dort „Hightech“ vom Feinsten geboten, Kartenreservierung via Online-Zugang (die Zeit, die ich benötige, um den PC hochzufahren und mich via Internet einzuchecken ist ungefähr doppelt so lang wie der Fussweg zum Kino), digitale Projektionssysteme und eine Toilettenanlage ganz „state of the art“, sofern sie auch mal drankommen dort.

  • 72 Stunden Dauerglotzen
  • Im April 2004 machte dieses Kino von sich reden, als dort der Weltrekord im Dauer-Kino-Glotzen auf über 72 Stunden geschraubt wurde, ohne Schlaf und nur mit allerkürzesten Pausen zwischendurch. Das berührte fast die Genfer Konvention und den Tatbestand der Körperverletzung, doch es war tatsächlich alles freiwillig. Mittlerweile wurde der Rekord von einer Deutschen aus Fulda um 30 Stunden erhöht auf 114 Stunden und 6 Minuten. Voll brutal.

  • Kino in der Schweiz ist schockierend, bewegend und lehrreich:
  • Schockierend ist für Deutsche am Anfang natürlich der Eintrittspreis. 16 – 20 CHF für einen normalen Abend und Platz, in Deutschland zahlt man 5-7 Euro = 8-9 CHF (siehe).

    Bewegend, falls man auf einem der Rüttel-Schüttel Sessel mit Spezial Super-Sub-Woofer unter dem Fiedle zu sitzen kommt, die Dinger heissen „Powerseats“, weil sie sorgen für kräftige Gesässmuskeln.

    Lehrreich ist die Lektüre der Untertitel, gedoppelt in Schweizerdeutsch und Französisch.

    In Bülach kommen die Filme zum Glück deutsch-synchronisiert ins Kino, zum Teil auch auf Schweizerdeutsch für die Kinder, dann aber ohne Untertitel für die anwesenden Deutschen. Das ist in den grossen Städten anders. Dort gilt es, sich aus den Deutsch/Französischen Untertiteln den Teil herauszusuchen, dem man mehr vertraut. Ich kann nicht umhin und muss immer beides lesen. Sagt der Schauspieler auf Englisch: „You son of a bitch“ steht im Untertitel direkt übereinander „salaud“ und „Arschloch“. Merkwürdig das nicht „huuere siech“ dort steht, wäre es doch „für einmal“ absolut passend.

    Wahrscheinlich wurden die deutsche Untertitel von einem Deutschen verfasst. Nein halt, einmal las ich als Übersetzung für „answering machine“ den Begriff „der Beantworter“ franz. „le répondeur“, und wusste nicht, was für ein Ding das sein soll. Bis ich es schnallte: Der AB = Anrufbeantworter. Wir Deutschen sind schon kompliziert, wir sprechen sogar auf den Abort. Jedenfalls macht es mich immer ganz verrückt, immer alles lesen zu wollen, darum bevorzuge ich Vorstadtkinos.

    Nur in Deutschland werden so gut wie alle Filme synchronisiert im Kino gezeigt, bis auf wenige Arthouse-Filme von Jim Jarmusch (Down by law, Stranger than paradise etc.) oder französischen Filmemacher. Die Stimme von Gérard Depardieu auf Deutsch hat wohl ganz entscheidend zu seinem Erfolg beigetragen. Woody Allan hat seinem Deutschen Synchronsprecher mal bescheinigt, er würde besser artikulieren als er selbst.

    Egal: Die Schweizer können sicherlich auch deshalb so ausgezeichnet Englisch verstehen, weil sie die Filme oft im Original im Kino sehen. Das haben sie übrigens mit den Holländern, Dänen, Schweden etc. gemeinsam. Nur wir Deutschen kriegen alles, aber auch wirklich alles übersetzt vorgesetzt. Und ich finde das klasse!

  • Das Wunder von Bern
  • Wir sahen im Kino den Deutschen Film „Das Wunder von Bern“. Kaum ist der Titel eingeblendet, höre ich hinter mir ein Schweizer Mädchen flüstern: „Pass auf, der Film ist sicher auf Bärndütsch“. Vertan vertan, kann ich da nur sagen. Falsche Erwartungshaltung durch einen Titel geweckt worden.

  • Salzige Popcorn einfach umtauschen
  • Unsere Tochter hat gleich beim ersten Kinobesuch in der Schweiz festgestellt, dass das Popcorn nicht mit Zucker, wie in Deutschland üblich, sondern mit Salz zubereitet wird. Sie wollte es gleich umtauschen. Mittlerweile haben wir uns an den Geschmack gewöhnt, der mich aber immer in Erinnerung schweifen lässt an das Affenhaus im Zoo von Gelsenkirchen, denn dort bekamen die Tiere solches Popcorn als Leckerli.

  • Kein Bier im Kino
  • Die meisten Kinos verkaufen nur Softdrinks und keinen Alkohol. Warum eigentlich? Weil die keine „Schankerlaubnis“ haben. Also braucht man einen grossen Mantel mit weiten Innentaschen, in die mindestens zwei Dosen Tuborg passen für den Kinobesuch, oder man geht wie in Bülach in ein Kino dessen Betreiber im Nebenberuf nichts wurde ausser Wirt. Schon ist das Problem gelöst, und mit der Zeit gewöhnt man sich als Deutscher auch an Feldschlösschen, das zwar hübsch von der Autobahn bei Rheinfelden anzusehen ist mit seinen Zinnen und Türmchen, aber schon längst nicht mehr den Schweizern gehört sondern zu Carlsberg Breweries A/S, Kopenhagen (Quelle )

  • Schweizerdeutsch in der Deutsch-Synchronisierten Fassung
  • Wir sahen „Bourne Identity“, ein amerikanischer Thriller mit Matt Damon und der Deutschen Franka Potente (aus „Lola rennt“). Eine Szene spielt in Zürich, angeblich. Wäre da nicht die Strassenbahn, niemand hätte es geglaubt. In einem Park wird der amerikanische Held von zwei Kantonspolizisten geweckt, auf Schwyzerdütsch, bzw. auf das, was Deutsche Synchronsprecher für solches halten. Die Szene ist im Originalfilm sicher auf Englisch gedreht, dann in Deutschland synchronisiert worden. Warum nun extra einen Schweizer Sprecher ins Studio holen, für die drei Sätze? Ein bisschen die CH-Laute krachen lassen, ein bisschen die Betonung von der letzten auf die erste Silbe verschieben, schon ist er fertig, der nachgemachte Schweizerdeutsche Klang. Für das Publikum in Deutschland wird das reichen. Doch nicht für die Native-Speakers in Bülach: Ein Stöhnen geht durch die Sitzreihen, die Schweizer um uns herum im Kino sind das gewohnt. Ihre Sprache wird in Deutschland nicht ernst genommen und kommt dann so lächerlich ausgesprochen daher.

    Ähnlich dämlich dargestellt fühlen sich die Deutschen, wenn im Original eines Nazi-Schurken-Films die Deutschen von Amis mit grausigem Akzent gemimt werden. Da macht sich auch niemand die Mühe, für die nicht übersetzten deutschen Passagen einen Deutschen Sprecher zu bemühen. Merkt doch sowieso niemand.

    Mir gönnt go esse — Restaurants in der Schweiz

    Oktober 20th, 2005
  • Man gönnt sich was
  • Der Schweizer sagt nicht „Wir gehen essen„, sondern „mir gönnt go esse„, womit er ausdrücken will: Er „gönnt“ sich was, er lässt richtig was springen. Was er allerdings unter „Go“ versteht, war uns lange Zeit unklar. Ist es eine chinesische Spezialität, die man da zu sich nimmt, so wie „Nasi GO Reng“ oder „GO Bang“ (nicht sehr lecker, weil ein Brettspiel)? Wird hier „im Gehen“ gegessen, weil die Schweizer stets rastlos sind und in der 42-Stunden-Woche keine Zeit fürs Absitzen beim Essen haben? „Absitzen“ tut man in Deutschland übrigens nur auf Befehl des Rittmeisters nach einem langen Ausritt zu Pferde, die Schweizer tun das bei jeder sich bietenden Gelegenheit, wenn nur ein Stuhl in Sicht ist.

  • Sie gehen nur einmal essen
  • In der Schweiz geht man nicht „nur einmal“ essen, sondern die Schweizer lieben eine andere Formulierung: „Für einmal sind wir essen gegangen“. Sie machen alles „für einmal„, jeder dritte Zeitungsartikel beginnt mit dieser Floskel. Wir fragen uns dann stets, wie es all die anderen Male abgeht. „Für einmal ist es so „. Wir finden sie hübsch, und für einmal verwenden wir sie auch.

  • Teure Pizza, sauteurer Chinese
  • Wenn Sie es in Deutschland gewohnt waren, beim Italiener um die Ecke mit max. 18 Fr = 12 EUR satt zu werden, incl. Getränk, legen Sie bitte in der Schweiz für die gleiche Pizza einfach mal das Doppelte auf den Tisch. Die Schweiz ist ein Hochpreisland, und besonders gut haben diese „hohen Preise“ die chinesischen Restaurants verstanden.

  • Schale Reis, Schale Tee und „Flühlingslolle“ kosten extra
  • Die Chinarestaurants in der Zürcher Agglomeration sind auch an Sonntagen geöffnet, anders als die meisten Schweizer Lokalitäten, die haben am Sonntag nämlich geschlossen. Also genau dann, wenn normale Deutsche überhaupt erst auf die Idee kommen, dass sie keine Lust zum Kochen haben und die ganze Familie zum Essen ausführen möchten.
    China-Restaurants sind teuer, extrem teuer. In Deutschland ist „zum Chinesen gehen“ eine billige Ausgehalternative. Für nicht mal 25 Franken gibt es lecker Menü mit „Flühlingslolle“ und „schüss-saulen“ Schweinefleisch, sowie Jasmin-Tee und Litschies aus der Dose zum Nachtisch. Ich persönlich bestell mir immer am liebsten den grossen gemischten Salat und die Käseplatte beim Chinesen. Einfach sensationell, wie die dann gucken. Dann kommt die Rechnung, und dann gucke ich: Die Schale Reis wird mit 7 Fr. extra berechnet, der Jasmintee ebenfalls. Am Ende sind für ein simples Menü für zwei Personen leicht 100 Fr. zu bezahlen. Ob die das Geflügel für diese Suppe vorher selbst im Garten gezüchtet haben? Ähnlich wie diese sauteuren Karpfen in Japan? Wir finden keine Erklärung für diese Preise.

  • Am Sonntag ins Nachbarland flüchten
  • Und was tun die Schweizer, wenn sie in der Agglomeration von Zürich wohnen und am Sonntag Hunger haben? Wenn die Schweizer Lokalitäten geschlossen sind, weil keine Handelsreisenden und Handwerker zu erwarten sind, und die Küche frei hat? Sie fahren über die Grenze nach Deutschland oder ins Elsass, um sich richtig tüchtig satt zu essen.
    Die Ausflugslokalitäten im Südschwarzwald sind Sonntags immer geöffnet, oft gibt es gar keine Speisekarte sondern nur ein Menü, denn am Sonntag wird die deutsche Mutti vom deutschen Vati verwöhnt: Bei jeder sich bietenden Gelegenheit (Geburtstag, Taufe, Konfirmation, Hochzeitstag, Beerdigung… habe ich was vergessen? Ja, den Muttertag!) gehen die Deutschen aus und essen Menü. Ohne Reservierung läuft da meistens gar nix. Bezahlbar ist es auch.

  • Wenn die Saaltochter „einziehen“ will
  • Wir wohnten schon 3 Jahre in Bülach, und wir hatten immer noch nicht die örtliche Kneipenlandschaft näher untersucht, also in Sachen Wirtschaftswissenschaft einen Zug durch die Gemeinde gemacht. Bülach ist eine Schlafstadt, die relative geringe Anzahl von Kneipen bei Tausenden von Einwohnern lässt uns Schlimmes ahnen (Zum Vergleich: Es gibt in Norddeutschland Dörfer, die bringen es auf zwei Wohnhäuser und drei Kneipen, kein Witz!). Die Bewohner Bülachs haben wohl kein Verlangen nach einem frisch gezapften Pils am Abend . Verständlich, denn Schweizer Bier ist schon nach 30 Sekunden „parat“, wo bleiben da die vergnüglichen 6 Minuten Wartezeit auf ein frisches Pils?

    Wir starten eine Testtour, und landen in einer umgebauten Schickimicki Bahnhofskneipe mit dem passenden Namen „Quo Vadis“.
    Wohin gehst Du = Quo vadis

    Das ist Latein und bedeutet: „Wohin gehst Du“ (in meinem Heimatdialekt kurz „Wo gehse?„). Klasse Namen für eine Bahnhofskneipe. Die „Saaltochter“ bringt uns die Biere und möchten dann „einziehen“. Wir rätseln, ob sie
    a.) bei uns nun ins Arbeitszimmer einziehen möchte, oder ob sie
    b.) den Kopf einziehen muss zur Vermeidung eines Zusammenstosses, oder ob wir
    c.) vielleicht eine Einzugsermächtigung unterschreiben sollen,
    denn offensichtlich geht es um Geld.

    Nein, sie will schlichtweg kassieren. Na, warum sagt sie das dann nicht? So direkt darf das hier nicht ausgedrückt werden. Die Schweizer sind da etwas diskreter, lernen wir daraus.