Was wir als Deutsche in der Schweiz vermissen (Teil 1) — Pommesbuden

November 13th, 2005
  • Alle 600 Meter eine Pommesbude
  • Wir vermissen die Pommesbuden. Sie sind ein wichtiger Teil nordwestdeutscher Lebenskultur. Falls Sie mal mit der Strassenbahn oder dem Auto von Bochum nach Gelsenkirchen durch das Ruhrgebiet fahren sollten, werden sie auf 12 Km nur durch Stadtlandschaft fahren. Der Ruhrpott ist ein einziger „Städtebrei“, eine Grossstadt geht nahtlos in die andere über, und irgendwann ist plötzlich Schluss und es beginnt das Münsterland. Unterwegs können Sie sich die Zeit mit „Pommesbuden-Zählen“ vertreiben. Wir kamen beim Zählen auf 20, was einen mittleren Abstand von 600 Metern zwischen zwei Pommesbuden bedeutet.

    Dazwischen findet sich jeweils eine „Trinkhalle„, so heissen hier die Kioske oder „Büdchen“ für den Flaschenbier Verkauf. Früher wurden die Schnellimbiss-Lokalitäten, in denen man sich sogar hinsetzen kann und gepflegt mit Messer und Gabel von Tellern speist, von Deutschen betrieben, später übernahmen die Griechen das Geschäft, führten Gyros und Pitta in die Ruhrgebietsküche ein, und heute sind diese Lokalitäten meist fest in türkischer Hand.

    Die traditionelle „Currywurst“ mit heisser roter Sosse ist geblieben, egal wer da gerade die Friteuse bedient.
    Eine echte Currywurst

    Pommes Rot-Weiss“ ist eine Portion Pommes Frites mit Ketschup und Mayonnaise, gerne auch „Pommes-Schranke“ (denn die Bahnschranke ist auch rot-weiss gestreift) genannt. „Rot-Weiss“ heisst auch ein Fussballverein: Rot-Weiss Essen. Dazu eine echte Currywurst, das sind hier die Klassiker (und ich kriege schon Hunger, wenn ich nur darüber schreibe).
    Pommes Rot-Weiss

  • Die Entdeckung der Currywurst
  • Der Hamburger Uwe Timm hat darüber ein tolles Buch geschrieben: „Die Entdeckung der Currywurst„. Kein Sachbuch, sondern eine ganz fabelhaft erzählte Novelle, die sogar auf Englisch übersetzt wurde. Etwas, dass sehr selten geschieht in der Deutschen Literatur. Einige tausende Titel werden jährlich aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, aber nur wenig hundert Sachbuchtitel und noch weniger Literarisches findet den Weg zurück in den Englisch-Amerikanischen Markt.
    Die Entdeckung der Currywurst von Uwe Timm
    Nebenbei bemerkt: Wie das Rezept für die Currywurst entdeckt wurde, das erfahren Sie auch in dem Buch, aber es ist nur eine ganz kleine Geschichte am Rand. Eigentlich ist es eine ganz ausserordentliche und ungewöhnliche Liebesgeschichte in den letzten Tagen des 2. Weltkriegs in Hamburg.

  • Wo gibt es Pommes Frites in der Schweiz?
  • In der Schweiz haben wir da nur MacDo und ab und zu einen Döner-Kebab, der sich auch in Sachen „Currywurst“ versucht. Etwas Bratwurst mit Ketschup und Currypulver soll dann unseren Ansprüchen genügen. Keine Chance!
    Currywurst vom Wurststand am Zürcher Hauptbahnhof isst man als Deutscher auch nur genau ein Mal: Viel zu fett, die Wurst wurde nicht auf dem Rost gebraten sondern in der Pfanne in Fett, und dazu wird eine bananen-gelbe Sosse als „Curry“ gereicht, die vielleicht besser zu Reis und Huhn passen würde. Noch dazu das Ganze doppelt so teuer wie in Deutschland.

    Die „Pommes-Kultur“ ist übrigens absolut kein gesamtdeutsches Phänomen. Im Schwabenland um Stuttgart werden Imbiss-Stuben schon um 18.30 Uhr geschlossen, also ziemlich genau dann, wenn der normale Norddeutsche gerade mal anfängt, Lust auf eine „Portion Pommes Schranke“ zu bekommen. Es gibt da mächtige Unterschiede zwischen dem Norden und Süden in Deutschland. Der Schwabe geht abends lieber heim und „schlotzt“ sein Viertele Wein allein vor dem Fernseher, während weiter nördlich an Rhein und Ruhr die Eckkneipe bei vielen zum zweiten Wohnzimmer wird und die Imbiss-Stuben bis um Mitternacht geöffnet sind. Aber jetzt krieg ich Heimweh und höre besser auf zu schreiben. Reich mir doch mal die Kleenex-Schachtel…

    Begrüssung in der Schweiz (Teil 1) — Wie outet man sich als Deutscher?

    November 9th, 2005
  • Grüezi sagen beim Zeitungskauf
  • Ich stand in einer fremden Stadt in der Ostschweiz an einem Bahnhofskiosk, trug keinen Bundeswehrparka mit aufgenähter Deutschlandflagge, hatte keine Bildzeitung in der Hand, keine Pickelhaube auf dem Kopf, keinen Lodenmantel an und auch keinen Tirolerhut mit Gamsbart.

    Ich sagte einfach nur „Grüezi“ zu der Verkäuferin und händigte ihr die gewünschte Schweizer Zeitung aus. Ich schwöre, ich habe die Diphthonge Ü und E langsam und deutlich voneinander getrennt ausgesprochen, auch die Sprachmelodie war dem schweizerischen Ausdruck angepasst. Dennoch wurde ich sofort erkannt und in perfektem Hochdeutsch bedient: „Darf es sonst noch etwas sein? Vielen Dank und Auf Wiedersehen„. Anschliessend sprach die gute Frau sofort auf Schweizerdeutsch mit dem nächsten Kunden weiter.

    Woran hatte sie mich erkannt? Gab es da noch ein Merkmal, das mir entgangen war? Frustriert beschloss ich, in Zukunft wieder meinen Norddeutschen Lieblingsgruss zu äussern: „Moin Moin„, wobei das erste „Moin“ so viel heisst wie „einen guten“ und das zweite „Moin“ dann für „Morgen“ steht.

  • Zur Begrüssung „Tschüss“ sagen
  • Die Basler, habe ich mir sagen lassen, sind bereits ziemlich von den Deutschen und ihren Unarten infiziert worden und werden deswegen von den restlichen Schweizern meist skeptisch beäugt. Dort in Basel erlebte ich, dass das norddeutsche „Tschüss„, welches bekanntlich eine Abkürzung und Variante des frommen Wunsches „Ad Deus“ = mit/zu Gott ist, auch zur Begrüssung verwendet wird. Ich vermute aber, da hat irgend jemand zu viel „Ciao“ zur Begrüssung und zum Abschied gesagt, und das dann auf das „Tschüss-Sagen“ übertragen. Warum auch nicht. Sagen wir uns zur Begrüssung einfach „Tschüss„, dann brauchen wir uns später nicht mehr umständlich zu verabschieden.

  • Wer Tschüss sagt, mit dem war man schon Pferde stehlen
  • Das ist, nebenbei bemerkt, der klassische „faux pas“, den man sich als Deutscher in der Schweiz leisten kann. Kunden oder Vorgesetzte bei der Verabschiedung, auch am Telefon, darf man nie mit „Tschüss“ verabschieden. Warum? Weil dies von den Schweizern als sehr persönliche Verabschiedung empfunden wird. Man sagt nur Tschüss zu jemanden, mit dem man schon mal Pferde stehlen war. Schweizer, die viel mit Norddeutschen zu tun haben, sind es allerdings langsam gewohnt, von denen mit dem kurzen und knappen „Tschüss“ verabschiedet zu werden, auch ohne immer erst ein Pferd zusammen zu stehlen. Soviel Pferde gäbe es in der ganzen Schweiz nicht, die wären dann alle schon gestohlen.

    Allfällige Umtriebe treiben uns um

    November 8th, 2005
  • Was treiben die Umtriebe
  • Triebe können so manches in Bewegung halten. Zum Beispiel einen Triebtäter. Auch der Triebwagen bei der Eisenbahn treibt so einiges vor sich her. „Treiben“ heisst auf Englisch übrigens „to drive„, darum ist „the driver“ = „der Treiber„, und wir müssen immer an den kleinen Kuhjungen (= cowboy) denken, der mit einer Weidenrute bewaffnet, die Kühe vor sich her auf die Weide „treibt„. Später sitzt er auf dem Kutschbock des Ochsenkarrens und treibt die Ochsen an, „he is driving„, und so wurde ein Fahrer draus.

  • Allfällige Umtriebe
  • In der Schweiz gibt es die Umtriebe. Die sind immer unangenehm, und für die muss man sich entschuldigen. Meistens in Kombination mit allfällig. „Allfällige Umtriebe“ findet sich bei Google 9.840 Mal.

    „Für allfällige Umtriebe bitten wir Sie um Entschuldigung“. So tönte (es tönen die Lieder…) es aus dem Lautsprecher der S-Bahnlinie 5, als im Oktober 2000 kurz vor dem Bahnhof Bülach die Strecke Zürich-Schaffhausen durch einen Erdrutsch unterbrochen war. Bauarbeiten an Bülachs neuem Postverteilzentrum genau neben den Bahndamm hatten den Erdrutsch ausgelöst. Die Schweizer sprachen dann vom „Unterbruch“ der Strecke, nicht von der Unterbrechung. Wir Deutsche denken bei „Unterbruch“ an den berühmten Professor Sauerbruch oder an „Schwangerschaftsunterbruch“. Vier Wochen lang mussten die Fahrgäste dieser Strecke die Unannehmlichkeit in Kauf nehmen und zwischen Niederglatt und Bülach auf Einsatzbusse (die ohne Strafzettel) ausweichen. Oh wie war das der SBB unangenehm, oh wie wurde sich da für die Umtriebe entschuldigt. Als die Strecke endlich wieder befahren werden konnte, gab es am Morgen Gipfeli und heissen Kaffee zum Mitnehmen für alle, umsonst und als Wiedergutmachung gedacht für das erlittene Ungemach.

    Verkehrsunterbrüche (ist das tatsächlich die Mehrzahl von „Unterbruch“, klingt ja wie „Einbrüche“) werden im Netz des Zürcher Verkehrsverbunds ZVV über Funk an alle Busse und Trams weitergegeben. So kann man im Bus von Oerlikon nach Wallisellen mithören, dass mal wieder am Bellevue eine Tram mit einem Auto einen Verkehrsunfall hat, genauer gesagt: „verunfallt ist„. Das passiert in Zürich fast täglich, denn die Trams fahren oberirdisch.

  • Warum fährt die Tram in Zürich nicht unter der Erde?
  • Hätte sie ja mal sollen, es gab diese Idee, doch dann hat man dazu das Volk, den Souverän, gefragt, und das Volk fand diese Idee nicht gut. Zu teuer und zu unbequem.

    2001 hat der Stadtrat eine neue Mobilitätsstrategie verabschiedet. Zentral ist das Wohl des langsamen Verkehrs – zu Fuss Gehende sollen wieder Teil des Verkehrs werden und nicht mehr wie in den 70er Jahren oft unter die Erde verbannt sein. (Quelle)

  • Und wie lief das im Ruhrgebiet?
  • Im Ruhrgebiet wurde in den 80er Jahren das Volk nicht gefragt, ob es damit einverstanden sei, die Strassenbahnlinien tief unter die Erde zu legen. Viele Jahre wurde gebuddelt und gegraben, für Millionen, die die Kommunen eigentlich gar nicht hatten. Nun kann man von Bochum nach Gelsenkirchen oder nach Wanne-Eickel weite Strecken unter der Erde fahren. Die wenigsten Menschen im Ruhrgebeit nutzen diese schnellen Verbindungen, sondern setzen sich lieber ans eigene Steuer um in einem Dschungel von Autobahnen, die den Kohlenpott von Ost nach West und von Nord nach Süd durchziehen, den Überlebenskampf aufzunehmen.

    Öffentliche Verkehrsmittel benutzen? Das ist etwas für Rentner, Schüler, Studenten und Minderbemittelte, die sich kein Auto leisten können. Das erste, was man in der Autometropole Essen sieht, wenn man den Bahnhof verlässt, ist eine Stadtautobahn. So müssen sich die Menschen in Los Angeles fühlen. Essen bekam 1991 vom ADFC, dem Fahrradclub Deutschlands, die Rostige Speiche verliehen für die fahrradunfreundlichste Stadt Deutschlands.

    Und in Zürich? Da verlassen Sie den Bahnhof um zur Fussgängerzone der Bahnhofsstrasse vorzudringen, doch eh Sie sich versehen, sind Sie schon von einer Tram überfahren worden, den die kommen hier von allen Seiten.
    Nun, es wäre ja auch möglich gewesen, unterirdisch durch die Shop Ville (wo ein Wille ist, ist auch ein Shop) zur Bahnhofsstrasse zu gelangen.

  • Wie soll man mit Umtrieben umgehen?
  • Am besten immer dafür entschuldigen, und zwar schon im Vorfeld, bevor sie überhaupt auftreten. So las ich in einer Einladung zu einer Hauseigentümerversammlung den Satz:

    Sollte der Termin aus noch nicht bekannten Gründen nicht zustande kommen können, bitte wir Sie jetzt schon um Entschuldigung für die allfälligen Umtriebe…

    Wohlgemerkt: Es war noch gar nichts Schlimmes passiert! Aber es hätte ja etwas passieren können.

    ZH 7156 ist ein tolles Nummernschild — Sie können es ersteigern!

    November 4th, 2005
  • Jetzt können Sie Ihre Wunsch-Nummer ersteigern
  • So titelt eine halbseitige Anzeige im Tages-Anzeiger vom 31.10.05.
    Angeboten werden traumhaft schöne Zulassungsnummern für das Auto:
    Beispiele:

    ZH 2261
    ZH 5028
    ZH 6260
    ZH 7723

    Was ist an diesen Nummern nur so schön, dass ich deswegen zur Versteigerung am 3. und 4. November zur Messe „Auto Zürich“ gehen sollte? Etwa, dass diese Nummern nur 4 Stellen haben???

    Damit ich sie mir leichter merken kann, wenn ich nicht mehr weiss, wie mein Auto aussieht und ich mit den Zulassungspapieren in der Hand, sukzessive die Ebenen des Parkhauses im Glattzentrums (4.750 Parkplätze) absuche, um mein Auto zu finden? Wenn man das Glattzentrum betritt, kann man beim Verlassen des Parkdecks eine Nummer ziehen. Am Anfang fragte ich mich auch warum, doch nachdem ich einmal 30 Minuten auf dem falschen Deck suchen musste, bin ich nun ganz kleinlaut und ziehe immer brav meine Nummer (es gibt 18 Parkdecks).

  • Autonummer S-EX und M-AX
  • Ich habe nie verstanden, wie man sich leicht zu merkende Kennzeichen freiwillig aussuchen kann, oder sogar noch extra viel Geld dafür bezahlt. In Stuttgart gibt es z. B. zahlreiche „S-EX“ Kombinationen, und ein Münchener „M-AX“ ist auch nicht billig zu haben. Der Vorteil dieser Nummern? Nun, Sie finden Ihren schwarzen Schlitten in Zürich unter all den anderen schwarzen Schlitten ohne Probleme wieder. Denn in Zürich sind alle Autos schwarz. Oder dunkeldunkelblau, oder blau-schwarz, oder schwarz-dunkelblau. Ob diese Farbe gerade im Angebot war?

    Wenn jemand Ihren Wagen stehlen sollte, und Sie haben so eine tolle, leicht zu merkende Nummer, dann können Sie der Polizei sagen: „Das Kennzeichen lautet S-EX 69 69„, das wird das Vertrauen der Gesetzeshüter in ihre Seriosität sicherlich unmittelbar um 200 % anwachsen lassen und Sie werden bevorzugt behandelt. Dann schon lieber die absolut rattenscharfe Nummer ZH 7156. Für was stand „ZH“ nochmal gleich? Ach ja: „Zart & Heftig„.

    Der ehemalige Schauspieler und TV-Moderator Hans-Joachim „Blacky“ Fuchsberger (früher in den „Ein toller Käfer“ Filmen zu sehen, und in zahlreichen Edgar Wallace Gruselschinken) hatte als Kennzeichen „M-TV 1„, nicht so sehr wegen des Musiksenders, sondern dazumal als „Mister TiVi One“ zu lesen, der erste Mann im Fernsehen wahrscheinlich, weil die Jobs des ersten Menschens auf der Welt (Adam), oder des ersten Mannes auf dem Mond (Armstrong) schon vergeben waren.

  • Persönliche Kennzeichen
  • Die Schweizer Kennzeichen sind persönlich, man kann sie von Auto zu Auto mitnehmen. Hat jemand zwei Autos, muss er sie beide zulassen und er bekommt zwei Fahrzeugscheine. Da er nicht mit zwei Autos zugleich fahren kann, besteht die Möglichkeit, nur ein Kennzeichen zu erwerben, mit einem Versicherungsschutz, und dann wahlweise mit dem einen oder anderen Auto zu fahren. Er bekommt dann ein „Wechselnummernschild“ für beide Wagen.

  • Diebe in der Tiefgarage?
  • Als wir zum ersten Mal in einer Schweizer Tiefgarage beobachtete, wie sich da plötzlich jemand an den Nummernschildern zu schaffen machte, waren wir kurz davor, die Polizei zu rufen: „Diebe bei uns im Haus!“ Aber das ist hier Gang und gäbe („gäbe“ kommt von „gäbig“!).

  • Umbauaktion in der Tiefgarage
  • Die Nummernschilder werden regelmässig ummontiert. Vom Firmenwagen abschrauben, an den Freizeitwagen anschrauben, und am nächsten Morgen das ganz Kommando wieder zurück: Vom Freizeitwagen abschrauben und an den Firmenwagen anschrauben.
    Ganz clevere Schweizer verwenden „Magnetschilder“ die man nicht mehr zu schrauben braucht. Ob es da auch das James Bond Spezialmodel gibt, bei dem sich die Nummernschilder auf Knopfdruck wegklappen lassen? Mich wundert, dass bei den vielen Scherzen, die in der Halloween Nacht und in der Walpurgisnacht zum 1. Mai sonst so durchgeführt werden, noch niemand auf die Idee kam, einfach spasseshalber alle Magnetnummernschilder in einer Garage zu vertauschen.

    Hier fehlt das Magnetschild

    Am liebsten werden die Nummernschilder bei laufendem Motor in der geschlossenen Tiefgarage umgeschraubt. Einerseits, um sich gleich noch eine tüchtige Dröhnung Kohlenmonoxid zu verpassen, denn das törnt offenbar echt klasse, anderseits um sich vom ordnungsgemässen Betriebszustand der automatisch anspringenden Entlüftungsanlage zu überzeugen. Die verhindert dann zum Glück die Vergiftung. Ich frage in solchen Situationen dann immer höflich nach (wenn ich sehe, wie jemand bei laufendem Motor an den Schildern schraubt), ob vielleicht der Anlasser kaputt sei. Denn irgendeinen Grund muss es ja geben, warum der Motor nicht einfach ausgeschaltet wird.

  • Nummernschilder sind vorne klein und hinten gross
  • Warum? Vermutlich ist das eine reine Schikane, um den Import zu erschweren. Bei Importautos können sie die Halterungen für die alten Nummernschilder gleich demontieren. Sie brauchen neue Halterungen aus der Schweiz. Hinten wird bei den Radarfallen fotografiert, da muss das Nummernschild extra gross sein. Ausserdem passt ja sonst das Kantonswappen nicht mehr drauf. In allen EU-Staaten sind die Nummernschilder vorn und hinten gleich gross.

  • Jeder Kanton hat seine eigene Zulassungsstelle

  • Welch Kantönligeist in der Schweiz, welch geniale Arbeitsbeschaffungsmassnahme liegt darin begründet, dass wirklich jeder der 26 Kantone seine eigene Zulassungsstelle sprich sein eigenes Strassenverkehrsamt hat. Vielleicht ist das ja sogar eine echte Verdienstmöglichkeit? Wenn ich an die happigen Gebühren denke, die damals für das Zurücksenden der alten Nummernschilder an die deutsche Zulassungsstelle verlangt wurden. Wenn die kleinen Kantone mit weniger als 9999 Autos erst mal auf die Idee kämen, so wie in Zürich diese Nummern zu versteigern… da das wären vielleicht Umsätze!

    Nichts wie raus hier — Die Schweizer und ihr Schulsystem

    November 1st, 2005
  • Einschulung erst mit sieben Jahren
  • Das Schweizer Schulsystem als Deutscher verstehen zu wollen, ist ein schwieriges Unterfangen. Es beginnt mit der Einschulung. Kein Land in Europa schult so spät ein, wie die Schweiz. Erst mit sieben Jahren beginnt hier die Schulpflicht. Die Grundschule heisst Primarschule und geht fast überall 6 Jahre. In Deutschland dauert sie 4 Jahre. Danach kommen die Kinder in der Schweiz auf die dreijährige „Sekundarschule“, kurz „Sek.“

    In Deutschland verteilt sich der Schülerstrom im fünften Jahr auf die Hauptschule, Realschule und das Gymnasium. Viele (ex-)sozialdemokratisch regierten Bundesländer haben zusätzlich die Gesamtschule eingeführt und das vorhandene „dreigliedrige“ Schulsystem teilweise dadurch abgelöst. In der Schweiz gab es die Varianten „Oberstufenschule“, „Realschule“, „Bezirksschule“, die Bedeutungen variieren von Kanton zu Kanton.

  • Kanti, die Schule des Philosophen
  • Das Pendant zum deutsche Gymnasium wird in der Schweiz meist „Kanti“ genannt, nach dem berühmten Deutschen Philosoph Immanuel Kant. Je nach Kanton existiert auch die Bezeichnung „Mittelschule“ oder „Gymi“ (was wie „Gimmi Shelter“, einer Platte der Rolling Stones, ausgesprochen wird). Das Kanti wird vom Kanton finanziert.
    Das Kanti in Bülach

  • Die Hefte und Stifte werden bezahlt
  • Anders als in Deutschland, wo sich die „Lehrmittelfreiheit“ nur auf die vom Staat gestellten Bücher bezieht, werden in der Schweiz auch das Schreibzeug, die Füller und Hefte von der Schule gestellt. In Deutschland müssen die Eltern eines Erstklässlers vor Schulbeginn mit einer detaillierten Einkaufsliste in ein Schreibwarengeschäft gehen und Schreibhefte und Schulmaterial im Wert von locker 80 CHF einkaufen, selbstverständlich aus eigener Tasche zu bezahlen. Die Liste wird von der zukünftigen Klassenlehrerin (in der Grundschule sind männliche Lehrer immer noch die absolute Minderheit) per Post zugeschickt. Schulbücher werden nur ausgeliehen und müssen in Deutschland immer länger verwendet werden. So kann es passieren, dass in Erdkunde Kartenmaterial verwendet wird, auf dem noch das geteilte Deutschland zu bewundern ist. Aber auch in der Schweiz brachte unsere Tochter Schulbücher mit nach Hause, die schon 12 Jahre alt waren und in denen noch die alte Rechtschreibung gelehrt wurde.

  • Schule ist Pflicht
  • Die Schweizer sprechen vom „Schulobligatorium“. Die Deutschen nennen es „Schulpflicht“. Die Pflicht ist also obligatorisch. Wer nicht zur Schule geht, und ihr fernbleibt, hat eine Absenz. Im Zivildienst in Deutschland lernte ich diesen Begriff kennen für den kurzen „Bewusstseins-Aussetzer“ eines Epileptikers, das vorübergehende Wegdämmern auf Grund von zu starker Dosierung von Antiepileptika. Hier haben sie alle Absenzen, sowohl in der Schule als auch bei der Arbeit.

  • Schulhoheit bei den Ländern

  • Es gibt in Deutschland nur ein sehr schwaches „Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur“, denn die wahre Macht über das Schulwesen hat die Kultusminister-Konferenz. Hier wird darüber entschieden, ob das mit nur einer Fremdsprache abgelegte Abitur aus Nordrhein-Westfalen ausreichend ist, um damit an einer Universität in Bayern zu studieren, oder ob und wann die Rechtschreibreform verbindlich wird. Das jeweilige Bundesland zahlt die Gehälter der Lehrer, während die Stadt oder der Kreis für den Unterhalt der Gebäude und Räumlichkeiten aufkommen muss. In Baden-Württemberg werden 52% des Staatshaushaltes für Gehälter von Lehrern, Ministern, Polizisten etc. verwendet.

    Der Bund und die Kantone teilen sich die Verantwortung für das Bildungswesen, wobei die Kantone weitgehend grosse Autonomie haben. Im Bezug auf die obligatorische Schule (Primarstufe und Sekundarstufe I) ist auf nationaler Ebene seit Ende der 1980er-Jahre der Schulbeginn auf Mitte August harmonisiert worden. Die Bundesverfassung garantiert zudem einen freien Grundschulunterricht. Es ist damit durchaus üblich, dass Gymnasiasten die Kosten für ihre Lehrmittel selber tragen müssen. Auch erheben manche Kantone eine Gebühr für den Besuch eines Gymnasiums in Form eines Schulgelds, welches aber bei weitem nicht die wahren Kosten der Ausbildung deckt. Diese trägt das Gemeinwesen. Ausserdem stellt der Bund sicher, dass die Schulen den Qualitätsanforderungen genügen. (Quelle)

  • Die Flucht der Schüler aus der Schule
  • In der Schweiz beobachten wir als Deutsche ein ganz anderes Phänomen, das uns unerklärlich ist: Die hohe Anzahl von Schulabgängern nach der Sek-Stufe, also der 9. Klasse. Ich habe vor einiger Zeit eine solche 9. Klasse unterrichten dürfen. Es waren aufgeweckte und intelligente Jugendliche, sicherlich 25 % von ihnen hätte ohne Probleme die Kantonschule besuchen und die Matura (das Schweizer Abitur) ablegen können. Aber nur einer von 25 Schülern strebte dies an.
    Wie kommen junge Menschen dazu, bereits mit 14-15 Jahren genau zu wissen, dass sie nicht mehr zur Schule gehen wollen und stattdessen einen Berufsausbildung beginnen? Die meisten hatten schon in der 8. Klasse, in Sek 2. also, den Ausbildungsplatz gefunden und zugesagt, und mussten nun das letzte Jahr der Sekundarschule nur noch „absitzen“, dementsprechend gering motiviert.
    Oberstufenschule Mettmenriet Bülach

    Woher kommt dieser für Deutsche so ungewöhnlich frühe Wunsch, die Schule zu verlassen? Ist das System so schlecht, so wenig motivierend, so uninteressant, dass die Kids schulmüde werden und sich sagen: „Nichts wie raus hier“? Sind die Anforderung auf der Kantonsschule wirklich so viel höher als auf einem Gymnasium in Deutschland, dass sich so wenig Jugendliche eines Jahrgangs zutrauen, weiter die Schule zu besuchen? Schliesslich muss man dort ständig Hochdeutsch sprechen, nicht nur im Deutschunterricht. Oder liegt es an der so ganz anderen Sozialisation, die Schweizer Kinder durchlaufen. Bekommen sie unbewusst durch die Gesellschaft, das Elternhaus und das ganze soziale Umfeld beigebracht: „Nur wer schnell einen Beruf hat, zählt etwas im Leben“?

  • In Deutschland wollen alle das Abi machen und studieren
  • Wir können nur aus Deutschland berichten, wo der Abbruch der Schule vor dem von allen angestrebten Abitur immer irgendwie ein Scheitern bedeutet. Niemand hört freiwillig auf mit der Schule, bevor nicht das Abitur erlangt ist. Wenn es denn nicht anders geht, wird eben nur ein „Fachabitur“ daraus, oder die „Fachhochschulreife“ (= ein Jahr kürzer als das Abi). Schule ist cool, denn sie bedeutet viel Freizeit, viele Ferien, und wenn es wegen des verdienten Geldes ist: Einen guten Nebenjob kriegt man als Schüler auch. Dann wird erstmal studiert, egal was, denn wenn die Eltern es nicht finanzieren können, dann gibt es günstig das Ausbildungsdarlehen vom Staat, das „Bafög“ (nach dem Bundes-Ausbildungsförderungs-Gesetz), oder man findet als Student leicht einen Job, weil die Arbeitgeber da keine Sozialabgaben zahlen müssen, solange du an einer Uni eingeschrieben bist. Die zukünftigen Arbeitgeber haben sich darauf eingestellt. Eine Banklehre in Deutschland ist zwar bereits mit der „Mittleren Reife“ möglich (Abschluss nach der 10. Klasse Realschule mit einer zweiten Fremdsprache), in der Praxis werden aber nur Abiturienten genommen.

    Das Resultat ist natürlich eine Studentenschwemme, gefolgt von einer „Akademikerschwemme“. Viele dieser hochqualifizierten Deutschen flüchten dann ins Ausland, z. B. in die Schweiz, wo immer noch ein hoher Bedarf auf dem Arbeitsmarkt vorhanden ist. Oder sie werden Taxifahrer, wie einst der (noch) Aussenminister Joschka Fischer in Frankfurt.

    Natürlich gibt es auch in Deutschland Jugendliche, die nach der 10. Klasse eine Lehre beginnen wollen. Dennoch gibt es einen grossen Ansturm auf die Gymnasien. Jeder versucht es, jeder möchte so lange wie möglich weiter zur Schule gehen. Als eingeführt wurde, dass man nur mit einer „Empfehlung der Grundschule“ (d. h. sehr guten Noten) auf das Gymnasium kommen kann, habe viele Eltern über den Rechtsweg und dem Argument des „Grundrechts auf freie Schulwahl“ versucht, ihre Kinder dennoch in ein Gymnasium unterzubringen.

  • In der Schweiz machen sie am liebsten „das KV“
  • KV steht in Deutschland für „kriegsverwendungsfähig“, so wird man eingestuft, wenn man nicht mehr verletzt genug ist, um zurück an die Front zu müssen.
    Die Musiker kennen es als „Köchel-Verzeichnis“, dem Verzeichnis der Mozart-Werke, und die Ärzte gehören zwangsweise zur Kassenärztlichen Vereinigung um mit den Krankenkassen die Behandlungen der Patienten abrechnen zu können.
    In der Schweiz wollen alle ins KV, das steht für „Kaufmännischer Verband“, um eine KV-Lehre zu absolvieren. Das ist eine solide Ausbildung, vielseitig verwendbar. Man macht sich dabei die Finger nicht schmutzig, holt sich keinen Schnupfen, und an Computern darf man obendrein noch arbeiten.

  • Mit 19 schon erwachsen?
  • Mit 19 sind diese jungen Schweizer dann fertig mit der Ausbildung und beginnen ihr Leben allein zu gestalten. Ein Alter, in dem viele Deutsche gerade mal mit der Schule fertig sind und mit der Bundeswehr beginnen, ein freiwilliges soziales Jahr ablegen, Zivildienst machen oder als Au Pair ins Ausland gehen, bevor sie darüber nachzudenken beginnen, was sie denn eigentlich werden möchten.