Das Phänomen „Reiche Schweiz“ — Kommt ZURICH doch von „zu reich“?

Januar 20th, 2010

(reload vom 13.11.06)

  • Das Graffiti am Zürcher Hauptbahnhof
  • Viele Jahre konnte man bei der Einfahrt in den Zürcher Hauptbahnhof dieses Wandgemälde an einem Stellwerk lesen: „Zureich“.
    Zu Reich in Zürich

    Wir hielten es erst für ein Überbleibsel aus den wilden 80ern, als die sonst so beschauliche Limmatstadt Schauplatz von Jugendunruhen wurde:

    Krawalle mehrerer hundert Jugendlicher vor dem Opernhaus Zürich am 30./31. Mai 1980 lösten Jugendunruhen in der Schweiz aus, die mehr als zwei Jahre dauerten. Im Mai 1980 genehmigte der Stadtrat 60 Millionen Franken für die Renovation des Opernhauses. Gleichzeitig lehnte er die Forderungen nach einem autonomen Jugendzentrum ab. Daraufhin folgte eine in der Schweiz einzigartige Gewaltspirale zwischen den „Bewegten“ und der Polizei, so etwa nach der ersten Schliessung des Autonomen Jugendzentrums (AJZ) in der Nähe des Zürcher Bahnhofs. Sie forderte insgesamt mehrere hundert Verletzte auf beiden Seiten und Sachschäden in Millionenhöhe.
    (Quelle: Wikipedia)

    Aber nein, es war nur die Werbung des Netzanbieters Sunrise.

  • Sind die Schweizer zu reich?
  • Das Thema taucht mit schöner Regelmässigkeit immer wieder in den Medien auf, meistens dann, wenn das statistische Bundesamt der Schweiz aktuelle Zahlen dazu bekannt gibt. So auch in der Nachrichtensendung „10 vor 10“ vom 14.09.2006:

    Das statistische Bundesamt gibt bekannt, dass der durchschnittliche Schweizer Haushalt 8‘506 Franken zur Verfügung hat.
    (Quelle: SF1, Beitrag als Real-Stream )

    8506 Franken Durchschnittliches Haushaltseinkommen

    Für unsere Leser aus Deutschland: 8‘506 Franken sind 5‘335 Euro im Monat.

  • Der Schweizer „Durchschnittssparer“
  • Ein Schweizer Banker, der als Anlageberater in Zürich tätig ist, erzählte uns einmal:

    „Wegen ausgebliebener Wertvernichtung durch Kriege im Zusammenspiel mit Pensionskassen und alemannischem Spartrieb haben die meisten Schweizer gehörig was auf der hohen Kante. Die Mustersteuererklärung des Kantons Zürich hat ein Ehepaar mit 90’000/50’000 CHF Jahreseinkommen, aber einem Sparkonto von 800’000 CHF. In Deutschland müsste der Finanzminister zurücktreten wenn er eine solche Musterfamilie abdruckte.“
    (Quelle: Private E-Mail)

  • Was heisst „ausgebliebene Wertvernichtung durch Kriege“?
  • In der Schweiz wurde, anders als in Deutschland, nach dem zweiten Weltkrieg nicht „von Null“ angefangen. Hausbesitz wurde nicht zerbombt und es gab keine „Währungsreform“ wie in Deutschland, bei der alle Deutschen mit 40 Mark auf der Hand neu anfangen mussten:

    In Deutschland wird mit dem Begriff meist die Einführung der Deutschen Mark (DM) in „Westdeutschland“ (d. h. in der Englischen, Amerikanischen und Französischen Besatzungszone) am 21. Juni 1948 verbunden. Hier wurden jeder Person in zwei Schritten sofort 40,- DM und etwas später 20,- DM bar ausgezahlt;
    • Schulden wurden umgerechnet mit dem Kurs 10 Reichsmark (RM) zu 1 DM (10:1) umgestellt;
    • Löhne und Mieten jedoch mit dem Kurs 1:1;
    • Bargeld wurde zum Kurs 100 Reichsmark zu 6,50 DM umgetauscht. (…)
    Diese Währungsreform war das im positiven Sinne markanteste kollektive Erlebnis der westdeutschen Nachkriegszeit nach 1945, vor allem, weil Ludwig Erhard sie mit der fast völligen Aufhebung der „Bewirtschaftung“ (Rationierung) der Güter des Alltagsbedarfes verband: „Auf ein Mal gab es Alles!“
    (Quelle: Wikipedia)

    In der Schweiz hingegen ist das Geld alt und wurde nie entwertet. Schon die Münzen sind alt. Wir haben einmal versucht, ein 20-Rappen-Stück in einen Getränkeautomaten zu bekommen. Es fiel immer wieder durch. Als wir drauf schauten trug es eine Stempelprägung von 1938. Kein Land in Europa hat heute noch die gleichen Münzen wie vor dem Zweiten Weltkrieg im Einsatz.

    Unser Banker-Freund schreibt:

    Der Sage nach soll das hier ein armes Land gewesen sein, dass durch offshoring im banking (sorry fürs swinglisch) und ausbleibender Wertvernichtung reich geworden sein soll. Aber vielleicht sind die Leute im Schnitt gar nicht so reich, ich nur von so vielen umgeben.
    (Quelle: Private E-Mail)

  • Dispo 4‘000 Euro war kein Problem
  • Die Deutsche Musterfamilie hat hingegen im Durchschnitt 10.000 Franken und mehr Konsumentenschulden. Woran liegt das? Ganz einfach: Während es in der Schweiz immer schwieriger ist, einen Konsumentenkredit zu bekommen (ausser bei windigen Kredithaien mit dubiosen Geldeintreibermethoden) bekam man in Deutschland, regelmässigen Gehaltseingang vorausgesetzt, ohne Probleme das 2-3fache des monatlichen Gehaltseingangs als Dispositionskredit von seiner Bank. Die Banken verdienten genug an den horrenden Überziehungszinsen von 12-14 Prozent um damit die gelegentlichen „Abschreibung“ von Privatinsolvenzen gegenfinanzieren zu können.

    In der Schweiz müssen sie mit ihrer Bank feilschen, wenn sie mehr als 1000-2000 Franken Dispositionskredit möchten. Und wehe, sie überziehen am Monatsende tatsächlich mal ein paar Tage um 150 Franken! Dann bekommen Sie unter Garantie einen doppelt unterschriebenen Brief ihrer Bank mit der Anfrage, wann sie denn denken diese horrenden Schulden wieder zu begleichen.

  • Vielleicht liegt es an den vielen Millionären
  • Daran dass das Durchschnittseinkommen zu hoch ist, mögen die vielen Millionäre mit Schuld sein, die es nach wie vor nach Zürich zieht:

    In Zürich gibt es immer mehr Millionäre. Die 7300 besten Steuerzahler bringen rund einen Viertel der gesamten Steuereinnahmen. Und 13 Prozent der Zürcher bezahlen überhaupt keine Steuern. Wie der «Tages Anzeiger» (…) berichtet, gibt es im Kanton Zürich weit mehr Millionäre als bislang angenommen. Auch Multimillionäre gibt es immer mehr. Wohnten 1991 erst 2900 Personen mit mehr als 5 Millionen Franken auf dem Bankkonto im Kanton, waren es zur Steuerperiode 2003 schon 5114 Personen.
    (Quelle: 20min.ch vom 11.10.06)

    Ob das den Durchschnitt so weit nach oben treibt? Tatsächlich gibt es natürlich auch das Problem der Armut in der Schweiz. Doch Armut wird versteckt, darüber wird nicht gesprochen:

    Ohne Geld ist man in der Schweiz ein Nichts
    Es ist ein Leichtes, Arme zu übersehen, auch in Winterthur. Dennoch gibt es sie. Wer betroffen ist, hat das Gefühl, von einer ansteckenden Krankheit befallen zu sein. Die Frage ist simpel. Doch Ernst Schedler kann nicht beantworten, wie viele Menschen in Winterthur, wo er Leiter des Sozialamtes ist, arm sind. Im Bericht, in dem er blättert, ist aufgelistet, dass im vergangenen Jahr 4400 Menschen Sozialhilfe bekamen, was fast 14 Prozent mehr sind als im Vorjahr – nicht alle aber empfänden sich deswegen als arm. Sich arm fühlen, sagt Schedler, sei etwas «sehr Individuelles».
    (Quelle: Tagesanzeiger.ch 12.10.04)

    Wir wollen nur noch Züridütsch im Radio! — Beim Radio zählt nicht der Inhalt sondern das Geräusch

    Januar 19th, 2010

    (reload vom 10.11.06)

  • Unser Leben als Sprachminderheit in der Schweiz
  • Wir lasen im BLICK-Online, der Fachzeitschrift für die feinen textuellen Unterschiede, vom 09.11.06:

    BERN – Wir hören immer mehr Dialekt am Radio, vor allem bei den Privatsendern. Doch unser Radio DRS gibt jetzt Gegensteuer: Hochdeutsch ist das Motto. Radio DRS hat hohe Ansprüche und einen wichtigen Auftrag. Es soll nicht nur informieren und unterhalten. Es will auch Sprachminderheiten integrieren. Deswegen sollen bestimmte Sendungen neu auf Hochdeutsch zu den Hörern kommen.
    (Quelle:blick.ch)

    Uns wird ganz warm ums Herz wenn wir lesen, wie hier plötzlich fürsorglich der sprachlichen Minderheit von 136.000 Deutschen in der Schweiz gedacht wird. Man denkt an uns! Ein eigenes Radioprogramm im DRS nur für uns! Alle anderen hören ja sowieso weg, verstehen nichts oder schalten um auf Radio-Energyzueri.

  • Bedeutet „Gegensteuer geben“ etwas „gegen die Steuer geben“?
  • Und noch etwas würden wir gern wissen. Wie gibt man eigentlich „Gegensteuer„? Ist das eine von der Steuer befreite Steuer, für die Gegner der Steuer? Oder ist es ein Fachbegriff aus der Seefahrt, so wie Luv und Lee und Elbe und Spree? Der kleine Google-Check beweist. „Gegensteuer“ wird fast 5 Mal so häufig in der Schweiz gegeben als in Deutschland, 984 vs. 184 Funde bei Google-CH und Google-D. Ist es hier also doch ein „Gegen Steuer“ Paradis?

    In der Informationssendung «Rendez-vous» auf DRS 1 wird ab kommenden Mai nur noch Hochdeutsch gesprochen. Dasselbe gilt für die Sendung «Info 3» auf DRS 3. Und so begründet DRS-Chefredaktor Rudolf Matter diese Neuheiten: Mit der Umstellung will der Sender in der mehrsprachigen Schweiz zur Integration der Landesteile und der Migranten beitragen.

    „Rendez-vous“? Meint der nicht das „Stell-dich-ein“? Warum nur dieser hässliche französische Titel bei einer Sendung zur „Integration der Landesteile und der Migranten“. Wenn schon Hochdeutsch für Deutsche, dann bitte auch mit deutschem Titel, sonst verstehen die ja gar nichts.

    Es gebe eben eine grosse Zahl von Westschweizern, Tessinern oder Ausländern, die gerne das deutschsprachige Programm hören. Diese Hörer würden aber den Dialekt nicht richtig verstehen. Und würden daher unnötig ausgeschlossen.

    Halt Stop, dass ist gar nicht nur für die Deutschen? Sondern für Westschweizer, Tessiner und sonstige Ausländer in der Schweiz? Ja, können die denn nicht gefälligst endlich mal Züridütsch lernen, wenn die den Dialekt nicht richtig verstehen? Überhaupt, wann gibt es im Radio endlich die täglich Lektion Zürdütsch für alle, auch die Berner und Basler bräuchten da unbedingt mal ein paar Stunden Nachhilfe. Wir empfehlen auch gleich das richtige Lehrwerk dazu:
    Hoi Zäme“, Züridütsch leicht gemacht, auch für Berner, St. Galler und Basler.
    Hoi Zäme aus dem Bergli Verlag

    Das Buch sorgt dafür, dass endlich der Dialekt von allen nicht nur verstanden, sondern auch gesprochen wird, den sowieso die meisten sprechen. Gibt es übrigens auch auf Englisch.

  • Ein Sendeplatz für alle
  • Für die anderen Varianten gibt es sicher auch noch den einen oder anderen Sendeplatz im Program. Vielleicht die Gutenachtgeschichte auf Bärndütsch, damit die Kinder schneller einschlafen, das „Neuste aus der Landwirtschaft“ auf Thurgauisch, den Wetterbericht auf Walliserdeutsch, damit ihn auch bestimmt jeder Bergsteiger versteht, und die Börsenkurse meinetwegen in Baseldütsch, denn „Hausse und Baisse“ kann auch ein Elsässer gut vorlesen.

    Reicht das noch nicht? Nun, da gibt es ja noch die Zeitansage. So wie bei dieser praktische Vogelstimmenuhr,
    Jede Stunde eine andere Stimme
    die zu jeder vollen Stunde mit einer anderen Vogelstimme nervt, könnte man doch auch analog im Radio zu jeder vollen Stunde ein heiteres „Na, woher kommt die Zeitansage?“ Rätselspiel veranstalten. Ein unter Aufsicht eines Notars per Los bestimmter waschechter Dialektsprecher darf die Zeit vorlesen, und die Zuhörer rufen an und raten, woher der Sprecher stammt.

  • Das geheimnisvolle Geräusch erraten auf Rete Uno
  • So wie bei unsere Lieblingsendung im Tessiner Sender Rete Uno aus Lugano: „Il rumore misterioso“. Dieses Kultspiel läuft seit dem 10. Februar 1995 täglich um 7:50 und 15:30 Uhr. Da wurde auch schon mal an 150 Sendetagen in Folge ein und dasselbe Geräusch bis zum 20. Mai 2002 nicht geraten. Die Macher der Sendung kannten da kein Erbarmen. Jeden Tag gab es das Geräusch zwei Mal zu hören, und keiner bekam es raus. Was es war? Keine Ahnung, übersetzen sie doch einfach die Beschreibung. „Regolare con l’apposita manovella un vecchio cavalletto da pittore in legno ”, irgend eine Staffelei aus Holz wird da eingestellt. Bin ich Maler?

    Sie merken: Erfolgreiches Radio muss nicht immer Inhalte übertragen, es reichen auch manchmal Geräusche, zusätzlich zur Sprache.

    Wie meint noch gleich der DRS-Chefredaktor am Schluss des Blick-Artikels:

    Matter ist sich sicher: Die Änderung werden gut ankommen: «Die Leute schätzen am ´Rendez-vous´ nicht die Sprache, in der es gehalten wird, sondern den Inhalt.»

    Das Problem ist nur: signifiant et signifié, das Bezeichnende und das Bezeichnete, die Sprache und sein Inhalt, sind laut Ferdinand de Saussure wie zwei Seiten einer Medaillen, nämlich einfach nicht voneinander zu trennen. Wenn sie die Inhalte schätzen sollen, hängt das immer davon ab, mit welchem Hilfsmittel sie übermittelt wurden.

    Dann doch lieber weiter Geräuschraten auf Rete Uno wie bisher.

    Das hübsche Spiel „Il rumore misterioso“ zur Sendung gibt es zum selber Ausprobierenhier gezippt zum Runterladen.
    Il Rumore Misterioso

    Deutsche Korrektheit vs. Schweizer „Laisser-faire“? — Was ist dran am Klischee von der deutschen Obrigkeitshörigkeit

    Januar 18th, 2010

    (reload vom 9.11.06)

  • Sind Deutsche sehr obrigkeitshörig?
  • Den Deutschen wird oft nachgesagt, sie pflegen eine besondere Form von „Obrigkeitshörigkeit“ und haben es lieber, genauen Weisungen zu folgen als selbst das Hirn anzuschalten. Wir tun uns schwer mit solchen Klischees, zumal sich bei jedem Volk Beispiele für und wider finden lassen, mit denen sich „Obrigkeitshörigkeit“ beweisen oder wiederlegen lässt. Diese Vorliebe der Deutschen wurde vom Fernsehmoderator Friedrich Küppersbusch in einem Interview mit der TAZ sogar als Vorteil gegenüber den Franzosen gelobt:

    Frage taz:
    In Frankreich demonstrieren seit Tagen die Studenten gegen den eingeschränkten Kündigungsschutz für Berufsanfänger. Geht es den Studis um die eigene Karriere oder erleben wir den Anfang einer neuen sozialen Bewegung?

    Antwort Küppersbusch:
    Weder noch: Gegen die kontinuierliche politische Kultur unserer Nachbarn kann man die deutsche obrigkeitshörig nennen – oder Standortvorteil.
    (Quelle: taz-de)

  • Sind die Franzosen weniger obrigkeitshörig?
  • Als vor Jahren die französische Satirezeitschrift „Le Canard Enchainé“ per fingierten Briefen unbescholtene Bürger aufrief, sich umgehend wegen eines angeblichen Vergehens auf der nächsten Präfektur zu melden, folgten ängstlich viele Franzosen diesem Juxbrief.

    Ähnliche Scherze in Deutschland oder England führten zum gleichen Ergebnis

  • Verweigerung gegen die Volkszählung
  • In den 80ern sollte in Deutschland eine Volkszählung durchgeführt werden, doch es kam zu massiven Verweigerungen und zivilem Ungehorsam, trotz angedrohter Bussgelder. Das Vorhaben drohte zu scheitern:

    Im Hintergrund stand die Befürchtung des so genannten „Gläsernen Bürgers“. Teilweise wurde die Volkszählung gar als Schritt in Richtung Überwachungsstaat gesehen. Die Zählung musste schließlich in Folge entsprechender Urteile – auch des Bundesverfassungsgerichts (siehe Volkszählungs-Urteil von 1983) – modifiziert werden, etwa, indem die Fragebögen überarbeitet wurden, um die Anonymität der Befragten besser zu gewährleisten. Aber die zahlreichen Kritiker behielten ihre Skepsis und blieben beim Boykottaufruf.
    Dazu wurde von einem breiten Bündnis verschiedener sozialer und politischer Gruppen als einem Akt des zivilen Ungehorsams aufgerufen. (…) Obwohl viele den Boykottaufruf trotz drohender Bußgeldverfahren befolgten und die Bögen nicht ausfüllten (manche füllten sie auch bewusst falsch aus), war der Rücklauf der in einem Ankreuz-Verfahren ausgefüllten Bögen, die an jeden Haushalt verteilt worden waren, groß genug, so dass die erhobenen Daten ausgewertet werden konnten.
    (Quelle: Wikipedia)

    Besonders fies war der Trick, feines Graphitpulver in die falsch ausgefüllten Bögen zu streuen, um die Optik der automatischen Auswertungsscanner zu schädigen.

    Von „Kadavergehorsam“ und „Obrigkeitstreue“ war da nicht viel zu spüren. Es ging bei der Volkszählung nicht um so konkrete Anliegen wie Fluglärm morgens um 6.00 Uhr, es ging um die diffuse Angst vor einem „Big Brother“ Staat der alles über seine Bürger weiss. Im Osten Deutschland wusste zur gleichen Zeit die Stasi alles über ihre Bürger, und erstickte an den Informationen ohne sie je richtig auswerten zu können. Informativer Overkill.

  • Beispiel Leseausweis Stadtbücherei
  • In Bülach bekamen wir kurz nach unserem Umzug bei der Stadtbibliothek einen Leseausweis, ohne je ein amtliches Dokument vorzulegen. Man vertraute einfach dem freundlichen Gesicht. Um in einer Deutschen Stadtbücherei einen Leseausweis zu bekommen, muss ein Personalausweis oder ein Reisepass plus Meldebestätigung vorgelegt werden. In Frankreich behilft man sich in solchen Fällen mit einer Stromrechnung, auf der die korrekte Anschrift steht, denn eine Meldepflicht, bei der aktuelle Wohnort in der ID-Karte nachgeführt wird, gibt es nicht.

    Wir haben in verschiedenen Städten Deutschlands gelebt und können uns nicht erinnern, jemals in einer Bibliothek ohne gültigen Leseausweis ein Buch bei der Ausleihe verbucht zu bekommen. Vielleicht war damals die EDV auch noch nicht so weit gediehen, dass dies ohne Barcode einfach möglich gewesen wäre. In Bülach habe ich noch nie einen Ausweis vorlegen müssen. Alle Daten stehen doch im Computer. Namen nennen genügt.

  • Beispiel Garderobefrau Deutschland vs. Schweiz
  • Neulich waren wir in einer süddeutschen Kleinstadt auf einem Konzert. Mäntel und Jacken mussten bei einer kostenpflichten Garderobe abgegeben werden. „Aus feuerpolizeilichen Gründen ist es uns nicht möglich, zwei Jacken auf einen Haken zu hängen“ hörten wir doch tatsächlich dort eine Garderobefrau sagen, bevor sie zweimal kassierte und uns die Mäntel abnahm. Wenn wir da an die armen Studentinnen der Theaterwissenschaften im Schauspielhaus Zürich denken, die sich ständig über alle feuerpolizeilichen Gründe hinwegsetzen bei ihrer Arbeit, wird uns ganz flau in der Magengegend.

  • Doch zu wenig „pedantisches Beamtendenken“ in der Schweiz?
  • Dann war da noch die Geschichte von dem betrügerischen Schweizer Firmenvertreter, welcher die Rechnungen für die in der Schweiz ausgelieferte Maschinen seiner Firma selbst vor Ort kassierte, das Geld unterschlug und dann die echten Rechnungen am lokalen Postamt abfing, in dem er dort anrief und sich nach Einschreiben seiner Firma erkundigte, die er gleich darauf selbst nur unter Vorlage einer Firmen-Visitenkarte abholte.

    Es ist da was durcheinandergeraten, das Einschreiben für XY sollte nicht zugestellt werden…“ war sein Begründung , bis es dem Besitzer der Firma irgendwann aufging, dass seine per Einschreiben verschickten Rechnungen an die Endkunden nie ankamen. Die Schuld lag bei den Postbeamten, die sich auf unterschiedlichen Schweizer Postämtern nur durch einen Anruf und eine Visitenkarte dazu breitschlagen liessen, einen eingeschriebenen Brief auszuhändigen, der angeblich fehlgelaufen sei.

    Die Schweiz hat ihre Beamten abgeschafft (vgl. Blogwiese), die Deutsche Post ist auch schon privatisiert. Ob dieser Betrug bei einem Deutschen Pöstler auch funktioniert hätte?

    Hier der bekannte Touché Postbeamte von TOM alias Thomas Körner
    Touches Postbeamte
    (Quelle (und weitere Touché Comix Online): hu-berlin.de)

    Sprechen Sie noch Hochdeutsch mit Deutschen?

    Januar 15th, 2010

    Fragebogen Deutsche hier:
    Fragebogen Schweizer hier:

  • Wahl der Varietät
  • Die Lizentiatsarbeit von Anna Lukas (vgl. Blogwiese) zur „Wahl der Varietät in Gespräch zwischen Mundart- und Hochdeutschsprechern in der Schweiz“ lässt uns darüber nachdenken, ob sie in dieser Frage in den letzten Jahren tatsächlich etwas geändert hat. Sprechen Schweizer vermehrt absichtlich in ihre Mundart mit Deutschen, aus Rache für Peer Steinbrücks „Kavallerie-Indianer-Bemerkung“? Besonders gut verarbeitet in diesem Filmbeitrag des ZDF-Magazin Frontal 21:

  • Keiner fragt uns mehr ob wir Schweizerdeutsch verstehen
  • Wir beobachten, dass Schweizer uns seit Jahren nicht mehr fragen, ob wir Schweizerdeutsch verstehen. Sie setzen es schlichtweg voraus, was sehr verständlich ist, bei der grossen Anzahl von Deutschen, mit denen sie täglich zu tun haben. Gleichzeitig nimmt die Bereitschaft ab, freiwillig das Gespräch mit Deutschen in der Standardsprache weiterzuführen. Ist anstrengend, also was soll´s. Wir finden es schade, wenn immer weniger Schweizer ihre lockere Zweisprachigkeit Mundard-Standarddeutsch zu pflegen bereit sind. Die meisten können es sehr gut, aber haben so oft von ihren Lehrern zu hören bekommen, dass sie schlecht sprechen. Irgendwann müssen sie dann wohl frustriert aufgegeben haben.

  • Nur Dialekt zu hören bedeutet integriert zu sein
  • Gleichzeitig gibt es uns als Deutschen ein Gefühl von Integration und Normalität im Umgang mit Schweizern, wenn alle um uns herum keinen Hehl mehr daraus machen, wie wir sprechen. Ob hochglanzpoliert und Geschliffenes auf Norddeutsch, oder breit und vernuschelt im schwäbischen Heimatdialekt. Deutsche Dialekte haben für Deutsche merkwürdiger Weise keine postive oder negative „Nebenbedeutung“.

  • Keine Dialektwertung bei Deutschen
  • Während Schweizer alle Bündnerisch und Walliserdeutsch toll finden, weil sie das an Winterferien und braungebrannte Skilehrertypen erinnert, und auf die Ostschweizer Varianten herabsehen, empfinden Deutsche bei Schwäbisch, Hessisch oder Bairisch stets das Gleiche: „Ist kein Hochdeutsch, aber lustig“, erinnert an Volkstheater und Kabarett, an ländliche Idylle und tiefes Schwarzwaldtal.

  • Niemand spricht hier Emil-Hochdeutsch
  • Ja, und Schweizerdeutsch finden Deutsche nur so lange lustig, wie sie damit die bekannten Sketche von „Emil“ aus den Siebzigern assoziieren. Bald nach Ankunft in der Schweiz ist für immer Schluss mit lustig. Weil Schweizerdeutsch anders ist, als sie es bei Emil im Deutschen Fernsehen gehört haben. Für viele Deutsche ist es ein echter Schock, wenn sie zum ersten Mal wirklich Schweizerdeutsch hören. Es gibt keine Schweizer TV-Sender in Deutschland zu sehen, nur codiert für Schweizer via Satellit, und selbst auf 3SAT wird gnadenlos synchronisiert.

  • Trainiert euer Hochdeutsch! Oder lernt Appenzellerisch
  • Schweizer versuche ich immer zu ermutigen, ihr lockeres Hochdeutsch freiwillig im Alltag zu trainieren. Alles eine Sache der Übung, und Spass kann es auch machen, wenn man mehr als eine Variante beherrscht. Und bloss nicht so hyperkorrekt wie in der Schule sprechen, sonst outet ihr euch gleich als Schweizer. Ich selbst werde fleissig mein Ost-Schweizerdeutsches Hörverständnis ausbauen und mir ab sofort jeden Abend eine Lektion Appenzellerisch reinziehen, so wie diese hier:

    Umfrage zur Sprachwahl in Alltagsgesprächen

    Januar 14th, 2010
  • Umfrage zur Sprachwahl
  • Gestern erreichte uns diese Mail mit einer Bitte:

    Ich brauche Ihre Hilfe!
    Vor gut 25 Jahren bin ich mit meinen Eltern (meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Schweizer) aus Deutschland in die Schweiz gekommen. Hier angekommen habe ich im zarten Alter von zwei Jahren schnell festgestellt, dass ich und meine Familie so ganz anders sprechen als die Menschen hier in der Deutschschweiz. Also habe ich mich bemüht und eiligst Schweizerdeutsch gelernt. Mittlerweile beherrsche ich es fehlerfrei, doch das Verhältnis der Deutschschweizer zum Hochdeutschen, aber auch die Erwartungen der in die Schweiz kommenden Deutschen bezüglich der Sprachwahl, interessieren mich nach wie vor.

    Daher schreibe ich nun bei Frau Professor Dürscheid an der Uni Zürich meine Lizentiatsarbeit zur „Wahl der Varietät in Gesprächen zwischen Mundart- und Hochdeutschsprechern in der Schweiz“ . Ich möchte also untersuchen, von welchen Faktoren es abhängt, ob ein Deutschschweizer im Alltag mit einem Deutschen Hochdeutsch oder Schweizerdeutsch spricht und ob sich Auslöser für allfällige Wechsel während des Gesprächs erkennen lassen. Das Thema ist natürlich kein neues, doch wissenschaftliche Untersuchungen gibt es bislang keine dazu.

    Für meine Arbeit habe ich einige Gespräche aufgezeichnet, die ich nun transkribiere und näher untersuche. Da das Aufnehmen privater Gespräche jedoch nicht ganz einfach ist und einiges beachtet werden muss, um zu verhindern, dass später rechtliche Probleme auftreten, ist mein Korpus noch eher bescheiden. Meine Arbeit wird sich daher vor allem auf eine Befragung von Deutschschweizern und (in der Schweiz lebenden) Deutschen stützen.

  • Bitte Fragebogen online ausfüllen!
  • Anna schreibt weiter:

    Und hier kommt nun meine Bitte: Ich habe zwei Fragebogen erstellt, die online ausgefüllt werden können. Könnten Sie vielleicht in einem Ihrer nächsten Blogeinträge meine Arbeit kurz erwähnen und auch auf die Umfrage hinweisen? Links zu den Fragebogen siehe unten. Ich brauche natürlich so viele Antworten wie möglich und möchte diese nicht ausschliesslich im universitären Umfeld sammeln. Ich hoffe dann, anhand der Ergebnisse meiner Umfragen Aussagen über das die Sprachwahl und das Sprachbewusstsein der Deutschschweizer sowie die Wahrnehmung der Deutschen machen zu können.

    Die Fragebogen wurden übrigens nicht für Linguisten sondern für Laien (was die Sprachwissenschaft betrifft) konzipiert. Entsprechend werden auch die Begriffe Hochdeutsch und Schweizerdeutsch verwendet ohne z.B. zwischen dem Schweizer und dem bundesdeutschen Standarddeutsch zu differenzieren. Sollten sich Ihre Leser und Leserinnen daran stossen, kann ich dann natürlich gerne auch in einem Kommentar darauf hinweisen. Und man darf mich selbstverständlich für Kritik und Anregungen auch direkt kontaktieren. Meine Mailadresse steht auch auf dem Fragebogen.

    Ich danke Ihnen schon mal – ganz schweizerisch – im Voraus herzlich für Ihre Hilfe.

    Freundliche Grüsse
    Anna L.

    Fragebogen Deutsche hier:
    Fragebogen Schweizer hier:

    Das Ergebnis dieser Arbeit wird uns Anna selbstverständlich wieder hier auf der Blogwiese präsentieren.