Das Phänomen „Reiche Schweiz“ — Kommt ZURICH doch von „zu reich“?
Januar 20th, 2010(reload vom 13.11.06)
Viele Jahre konnte man bei der Einfahrt in den Zürcher Hauptbahnhof dieses Wandgemälde an einem Stellwerk lesen: „Zureich“.

Wir hielten es erst für ein Überbleibsel aus den wilden 80ern, als die sonst so beschauliche Limmatstadt Schauplatz von Jugendunruhen wurde:
Krawalle mehrerer hundert Jugendlicher vor dem Opernhaus Zürich am 30./31. Mai 1980 lösten Jugendunruhen in der Schweiz aus, die mehr als zwei Jahre dauerten. Im Mai 1980 genehmigte der Stadtrat 60 Millionen Franken für die Renovation des Opernhauses. Gleichzeitig lehnte er die Forderungen nach einem autonomen Jugendzentrum ab. Daraufhin folgte eine in der Schweiz einzigartige Gewaltspirale zwischen den „Bewegten“ und der Polizei, so etwa nach der ersten Schliessung des Autonomen Jugendzentrums (AJZ) in der Nähe des Zürcher Bahnhofs. Sie forderte insgesamt mehrere hundert Verletzte auf beiden Seiten und Sachschäden in Millionenhöhe.
(Quelle: Wikipedia)
Aber nein, es war nur die Werbung des Netzanbieters Sunrise.
Das Thema taucht mit schöner Regelmässigkeit immer wieder in den Medien auf, meistens dann, wenn das statistische Bundesamt der Schweiz aktuelle Zahlen dazu bekannt gibt. So auch in der Nachrichtensendung „10 vor 10“ vom 14.09.2006:
Das statistische Bundesamt gibt bekannt, dass der durchschnittliche Schweizer Haushalt 8‘506 Franken zur Verfügung hat.
(Quelle: SF1, Beitrag als Real-Stream )

Für unsere Leser aus Deutschland: 8‘506 Franken sind 5‘335 Euro im Monat.
Ein Schweizer Banker, der als Anlageberater in Zürich tätig ist, erzählte uns einmal:
„Wegen ausgebliebener Wertvernichtung durch Kriege im Zusammenspiel mit Pensionskassen und alemannischem Spartrieb haben die meisten Schweizer gehörig was auf der hohen Kante. Die Mustersteuererklärung des Kantons Zürich hat ein Ehepaar mit 90’000/50’000 CHF Jahreseinkommen, aber einem Sparkonto von 800’000 CHF. In Deutschland müsste der Finanzminister zurücktreten wenn er eine solche Musterfamilie abdruckte.“
(Quelle: Private E-Mail)
In der Schweiz wurde, anders als in Deutschland, nach dem zweiten Weltkrieg nicht „von Null“ angefangen. Hausbesitz wurde nicht zerbombt und es gab keine „Währungsreform“ wie in Deutschland, bei der alle Deutschen mit 40 Mark auf der Hand neu anfangen mussten:
In Deutschland wird mit dem Begriff meist die Einführung der Deutschen Mark (DM) in „Westdeutschland“ (d. h. in der Englischen, Amerikanischen und Französischen Besatzungszone) am 21. Juni 1948 verbunden. Hier wurden jeder Person in zwei Schritten sofort 40,- DM und etwas später 20,- DM bar ausgezahlt;
• Schulden wurden umgerechnet mit dem Kurs 10 Reichsmark (RM) zu 1 DM (10:1) umgestellt;
• Löhne und Mieten jedoch mit dem Kurs 1:1;
• Bargeld wurde zum Kurs 100 Reichsmark zu 6,50 DM umgetauscht. (…)
Diese Währungsreform war das im positiven Sinne markanteste kollektive Erlebnis der westdeutschen Nachkriegszeit nach 1945, vor allem, weil Ludwig Erhard sie mit der fast völligen Aufhebung der „Bewirtschaftung“ (Rationierung) der Güter des Alltagsbedarfes verband: „Auf ein Mal gab es Alles!“
(Quelle: Wikipedia)
In der Schweiz hingegen ist das Geld alt und wurde nie entwertet. Schon die Münzen sind alt. Wir haben einmal versucht, ein 20-Rappen-Stück in einen Getränkeautomaten zu bekommen. Es fiel immer wieder durch. Als wir drauf schauten trug es eine Stempelprägung von 1938. Kein Land in Europa hat heute noch die gleichen Münzen wie vor dem Zweiten Weltkrieg im Einsatz.
Unser Banker-Freund schreibt:
Der Sage nach soll das hier ein armes Land gewesen sein, dass durch offshoring im banking (sorry fürs swinglisch) und ausbleibender Wertvernichtung reich geworden sein soll. Aber vielleicht sind die Leute im Schnitt gar nicht so reich, ich nur von so vielen umgeben.
(Quelle: Private E-Mail)
Die Deutsche Musterfamilie hat hingegen im Durchschnitt 10.000 Franken und mehr Konsumentenschulden. Woran liegt das? Ganz einfach: Während es in der Schweiz immer schwieriger ist, einen Konsumentenkredit zu bekommen (ausser bei windigen Kredithaien mit dubiosen Geldeintreibermethoden) bekam man in Deutschland, regelmässigen Gehaltseingang vorausgesetzt, ohne Probleme das 2-3fache des monatlichen Gehaltseingangs als Dispositionskredit von seiner Bank. Die Banken verdienten genug an den horrenden Überziehungszinsen von 12-14 Prozent um damit die gelegentlichen „Abschreibung“ von Privatinsolvenzen gegenfinanzieren zu können.
In der Schweiz müssen sie mit ihrer Bank feilschen, wenn sie mehr als 1000-2000 Franken Dispositionskredit möchten. Und wehe, sie überziehen am Monatsende tatsächlich mal ein paar Tage um 150 Franken! Dann bekommen Sie unter Garantie einen doppelt unterschriebenen Brief ihrer Bank mit der Anfrage, wann sie denn denken diese horrenden Schulden wieder zu begleichen.
Daran dass das Durchschnittseinkommen zu hoch ist, mögen die vielen Millionäre mit Schuld sein, die es nach wie vor nach Zürich zieht:
In Zürich gibt es immer mehr Millionäre. Die 7300 besten Steuerzahler bringen rund einen Viertel der gesamten Steuereinnahmen. Und 13 Prozent der Zürcher bezahlen überhaupt keine Steuern. Wie der «Tages Anzeiger» (…) berichtet, gibt es im Kanton Zürich weit mehr Millionäre als bislang angenommen. Auch Multimillionäre gibt es immer mehr. Wohnten 1991 erst 2900 Personen mit mehr als 5 Millionen Franken auf dem Bankkonto im Kanton, waren es zur Steuerperiode 2003 schon 5114 Personen.
(Quelle: 20min.ch vom 11.10.06)
Ob das den Durchschnitt so weit nach oben treibt? Tatsächlich gibt es natürlich auch das Problem der Armut in der Schweiz. Doch Armut wird versteckt, darüber wird nicht gesprochen:
Ohne Geld ist man in der Schweiz ein Nichts
Es ist ein Leichtes, Arme zu übersehen, auch in Winterthur. Dennoch gibt es sie. Wer betroffen ist, hat das Gefühl, von einer ansteckenden Krankheit befallen zu sein. Die Frage ist simpel. Doch Ernst Schedler kann nicht beantworten, wie viele Menschen in Winterthur, wo er Leiter des Sozialamtes ist, arm sind. Im Bericht, in dem er blättert, ist aufgelistet, dass im vergangenen Jahr 4400 Menschen Sozialhilfe bekamen, was fast 14 Prozent mehr sind als im Vorjahr – nicht alle aber empfänden sich deswegen als arm. Sich arm fühlen, sagt Schedler, sei etwas «sehr Individuelles».
(Quelle: Tagesanzeiger.ch 12.10.04)




