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Wir wollen nur noch Züridütsch im Radio! — Beim Radio zählt nicht der Inhalt sondern das Geräusch

(reload vom 10.11.06)

  • Unser Leben als Sprachminderheit in der Schweiz
  • Wir lasen im BLICK-Online, der Fachzeitschrift für die feinen textuellen Unterschiede, vom 09.11.06:

    BERN – Wir hören immer mehr Dialekt am Radio, vor allem bei den Privatsendern. Doch unser Radio DRS gibt jetzt Gegensteuer: Hochdeutsch ist das Motto. Radio DRS hat hohe Ansprüche und einen wichtigen Auftrag. Es soll nicht nur informieren und unterhalten. Es will auch Sprachminderheiten integrieren. Deswegen sollen bestimmte Sendungen neu auf Hochdeutsch zu den Hörern kommen.
    (Quelle:blick.ch)

    Uns wird ganz warm ums Herz wenn wir lesen, wie hier plötzlich fürsorglich der sprachlichen Minderheit von 136.000 Deutschen in der Schweiz gedacht wird. Man denkt an uns! Ein eigenes Radioprogramm im DRS nur für uns! Alle anderen hören ja sowieso weg, verstehen nichts oder schalten um auf Radio-Energyzueri.

  • Bedeutet „Gegensteuer geben“ etwas „gegen die Steuer geben“?
  • Und noch etwas würden wir gern wissen. Wie gibt man eigentlich „Gegensteuer„? Ist das eine von der Steuer befreite Steuer, für die Gegner der Steuer? Oder ist es ein Fachbegriff aus der Seefahrt, so wie Luv und Lee und Elbe und Spree? Der kleine Google-Check beweist. „Gegensteuer“ wird fast 5 Mal so häufig in der Schweiz gegeben als in Deutschland, 984 vs. 184 Funde bei Google-CH und Google-D. Ist es hier also doch ein „Gegen Steuer“ Paradis?

    In der Informationssendung «Rendez-vous» auf DRS 1 wird ab kommenden Mai nur noch Hochdeutsch gesprochen. Dasselbe gilt für die Sendung «Info 3» auf DRS 3. Und so begründet DRS-Chefredaktor Rudolf Matter diese Neuheiten: Mit der Umstellung will der Sender in der mehrsprachigen Schweiz zur Integration der Landesteile und der Migranten beitragen.

    „Rendez-vous“? Meint der nicht das „Stell-dich-ein“? Warum nur dieser hässliche französische Titel bei einer Sendung zur „Integration der Landesteile und der Migranten“. Wenn schon Hochdeutsch für Deutsche, dann bitte auch mit deutschem Titel, sonst verstehen die ja gar nichts.

    Es gebe eben eine grosse Zahl von Westschweizern, Tessinern oder Ausländern, die gerne das deutschsprachige Programm hören. Diese Hörer würden aber den Dialekt nicht richtig verstehen. Und würden daher unnötig ausgeschlossen.

    Halt Stop, dass ist gar nicht nur für die Deutschen? Sondern für Westschweizer, Tessiner und sonstige Ausländer in der Schweiz? Ja, können die denn nicht gefälligst endlich mal Züridütsch lernen, wenn die den Dialekt nicht richtig verstehen? Überhaupt, wann gibt es im Radio endlich die täglich Lektion Zürdütsch für alle, auch die Berner und Basler bräuchten da unbedingt mal ein paar Stunden Nachhilfe. Wir empfehlen auch gleich das richtige Lehrwerk dazu:
    Hoi Zäme“, Züridütsch leicht gemacht, auch für Berner, St. Galler und Basler.
    Hoi Zäme aus dem Bergli Verlag

    Das Buch sorgt dafür, dass endlich der Dialekt von allen nicht nur verstanden, sondern auch gesprochen wird, den sowieso die meisten sprechen. Gibt es übrigens auch auf Englisch.

  • Ein Sendeplatz für alle
  • Für die anderen Varianten gibt es sicher auch noch den einen oder anderen Sendeplatz im Program. Vielleicht die Gutenachtgeschichte auf Bärndütsch, damit die Kinder schneller einschlafen, das „Neuste aus der Landwirtschaft“ auf Thurgauisch, den Wetterbericht auf Walliserdeutsch, damit ihn auch bestimmt jeder Bergsteiger versteht, und die Börsenkurse meinetwegen in Baseldütsch, denn „Hausse und Baisse“ kann auch ein Elsässer gut vorlesen.

    Reicht das noch nicht? Nun, da gibt es ja noch die Zeitansage. So wie bei dieser praktische Vogelstimmenuhr,
    Jede Stunde eine andere Stimme
    die zu jeder vollen Stunde mit einer anderen Vogelstimme nervt, könnte man doch auch analog im Radio zu jeder vollen Stunde ein heiteres „Na, woher kommt die Zeitansage?“ Rätselspiel veranstalten. Ein unter Aufsicht eines Notars per Los bestimmter waschechter Dialektsprecher darf die Zeit vorlesen, und die Zuhörer rufen an und raten, woher der Sprecher stammt.

  • Das geheimnisvolle Geräusch erraten auf Rete Uno
  • So wie bei unsere Lieblingsendung im Tessiner Sender Rete Uno aus Lugano: „Il rumore misterioso“. Dieses Kultspiel läuft seit dem 10. Februar 1995 täglich um 7:50 und 15:30 Uhr. Da wurde auch schon mal an 150 Sendetagen in Folge ein und dasselbe Geräusch bis zum 20. Mai 2002 nicht geraten. Die Macher der Sendung kannten da kein Erbarmen. Jeden Tag gab es das Geräusch zwei Mal zu hören, und keiner bekam es raus. Was es war? Keine Ahnung, übersetzen sie doch einfach die Beschreibung. „Regolare con l’apposita manovella un vecchio cavalletto da pittore in legno ”, irgend eine Staffelei aus Holz wird da eingestellt. Bin ich Maler?

    Sie merken: Erfolgreiches Radio muss nicht immer Inhalte übertragen, es reichen auch manchmal Geräusche, zusätzlich zur Sprache.

    Wie meint noch gleich der DRS-Chefredaktor am Schluss des Blick-Artikels:

    Matter ist sich sicher: Die Änderung werden gut ankommen: «Die Leute schätzen am ´Rendez-vous´ nicht die Sprache, in der es gehalten wird, sondern den Inhalt.»

    Das Problem ist nur: signifiant et signifié, das Bezeichnende und das Bezeichnete, die Sprache und sein Inhalt, sind laut Ferdinand de Saussure wie zwei Seiten einer Medaillen, nämlich einfach nicht voneinander zu trennen. Wenn sie die Inhalte schätzen sollen, hängt das immer davon ab, mit welchem Hilfsmittel sie übermittelt wurden.

    Dann doch lieber weiter Geräuschraten auf Rete Uno wie bisher.

    Das hübsche Spiel „Il rumore misterioso“ zur Sendung gibt es zum selber Ausprobierenhier gezippt zum Runterladen.
    Il Rumore Misterioso

    

    2 Responses to “Wir wollen nur noch Züridütsch im Radio! — Beim Radio zählt nicht der Inhalt sondern das Geräusch”

    1. cocomere Says:

      „Rendez-vous“ ist kein hässlicher Titel! Es ist ein wunderschönes Wort, das man im Französischen einerseits für „Date“ andererseits für „Termin“ (beim Arzt, Coiffeur, etc.) verwendet. Ein Rendez-vous mit dem Radio für eine Sendung, das ist doch wirklich eine hübsche Formulierung.

    2. Smilla Says:

      @Cocomere:
      Bisher hatte ich weder beim Arzt noch beim Coiffeur ein Rendez-vous 🙂

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