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Sprechen Sie noch Hochdeutsch mit Deutschen?

Fragebogen Deutsche hier:
Fragebogen Schweizer hier:

  • Wahl der Varietät
  • Die Lizentiatsarbeit von Anna Lukas (vgl. Blogwiese) zur „Wahl der Varietät in Gespräch zwischen Mundart- und Hochdeutschsprechern in der Schweiz“ lässt uns darüber nachdenken, ob sie in dieser Frage in den letzten Jahren tatsächlich etwas geändert hat. Sprechen Schweizer vermehrt absichtlich in ihre Mundart mit Deutschen, aus Rache für Peer Steinbrücks „Kavallerie-Indianer-Bemerkung“? Besonders gut verarbeitet in diesem Filmbeitrag des ZDF-Magazin Frontal 21:

  • Keiner fragt uns mehr ob wir Schweizerdeutsch verstehen
  • Wir beobachten, dass Schweizer uns seit Jahren nicht mehr fragen, ob wir Schweizerdeutsch verstehen. Sie setzen es schlichtweg voraus, was sehr verständlich ist, bei der grossen Anzahl von Deutschen, mit denen sie täglich zu tun haben. Gleichzeitig nimmt die Bereitschaft ab, freiwillig das Gespräch mit Deutschen in der Standardsprache weiterzuführen. Ist anstrengend, also was soll´s. Wir finden es schade, wenn immer weniger Schweizer ihre lockere Zweisprachigkeit Mundard-Standarddeutsch zu pflegen bereit sind. Die meisten können es sehr gut, aber haben so oft von ihren Lehrern zu hören bekommen, dass sie schlecht sprechen. Irgendwann müssen sie dann wohl frustriert aufgegeben haben.

  • Nur Dialekt zu hören bedeutet integriert zu sein
  • Gleichzeitig gibt es uns als Deutschen ein Gefühl von Integration und Normalität im Umgang mit Schweizern, wenn alle um uns herum keinen Hehl mehr daraus machen, wie wir sprechen. Ob hochglanzpoliert und Geschliffenes auf Norddeutsch, oder breit und vernuschelt im schwäbischen Heimatdialekt. Deutsche Dialekte haben für Deutsche merkwürdiger Weise keine postive oder negative „Nebenbedeutung“.

  • Keine Dialektwertung bei Deutschen
  • Während Schweizer alle Bündnerisch und Walliserdeutsch toll finden, weil sie das an Winterferien und braungebrannte Skilehrertypen erinnert, und auf die Ostschweizer Varianten herabsehen, empfinden Deutsche bei Schwäbisch, Hessisch oder Bairisch stets das Gleiche: „Ist kein Hochdeutsch, aber lustig“, erinnert an Volkstheater und Kabarett, an ländliche Idylle und tiefes Schwarzwaldtal.

  • Niemand spricht hier Emil-Hochdeutsch
  • Ja, und Schweizerdeutsch finden Deutsche nur so lange lustig, wie sie damit die bekannten Sketche von „Emil“ aus den Siebzigern assoziieren. Bald nach Ankunft in der Schweiz ist für immer Schluss mit lustig. Weil Schweizerdeutsch anders ist, als sie es bei Emil im Deutschen Fernsehen gehört haben. Für viele Deutsche ist es ein echter Schock, wenn sie zum ersten Mal wirklich Schweizerdeutsch hören. Es gibt keine Schweizer TV-Sender in Deutschland zu sehen, nur codiert für Schweizer via Satellit, und selbst auf 3SAT wird gnadenlos synchronisiert.

  • Trainiert euer Hochdeutsch! Oder lernt Appenzellerisch
  • Schweizer versuche ich immer zu ermutigen, ihr lockeres Hochdeutsch freiwillig im Alltag zu trainieren. Alles eine Sache der Übung, und Spass kann es auch machen, wenn man mehr als eine Variante beherrscht. Und bloss nicht so hyperkorrekt wie in der Schule sprechen, sonst outet ihr euch gleich als Schweizer. Ich selbst werde fleissig mein Ost-Schweizerdeutsches Hörverständnis ausbauen und mir ab sofort jeden Abend eine Lektion Appenzellerisch reinziehen, so wie diese hier:

    

    5 Responses to “Sprechen Sie noch Hochdeutsch mit Deutschen?”

    1. Simone Says:

      Ich bin Schweizerin, aber unter Deutschen in der Schweiz aufgewachsen. Diverse deutsche Bekannte aus meiner Kindheit wohnten seit 20 Jahren oder mehr in der Schweiz und verstanden problemlos Schweizerdeutsch, versuchten aber (zum Glück!) nicht, Schweizerdeutsch zu sprechen.

      Wenn diese Leute dann von Fremden auf Hochdeutsch angesprochen wurden, fühlten sie sich als Fremde in der „Heimat“ (denn dazu war die Schweiz schon lange geworden), als nicht akzeptiert.

      Deswegen spreche ich Deutsche in der Schweiz immer zuerst auf Schweizerdeutsch an (ausser, wenn sie aus einem Auto mit HH oder so nach dem Weg fragen). Wenn der Gesichtsausdruck dann zu verstehen gibt, dass ich nicht oder nur schlecht verstanden werde, kann ich immer noch umstellen. Wenn aber der Deutsche Schweizerdeutsch verstehen würde, ich ihn aber auf Hochdeutsch anspreche und somit beleidige, dann sehe ich das nicht.

    2. Ric Says:

      Die einzige Alternative für Deutsch-Muttersprachler ist also „Hochdeutsch“ (ich wette dass damit kein echtes Hochdeutsch im Sinne der Sprachwissenschaft gemeint ist, „Ja nee is klaa“) oder Schweizerdeutsch?

      Es gibt magische Landen zwischen Donau und Adria, dort sagt man werden Zungen gesprochen deren Verständnis einem Berner wie einem Berliner – so von dortigen Einheimischen gewollt – ganz und gar unmöglich ist.

      Die kolportierte Dichiotomie zwischen „dr Schwyz“ und „TV Total Deutsch“ entspricht doch nicht der Realität. Ich empfinde es schlicht als unverschämt wenn klar wird dass ich von woanders komm‘ und dann nicht in einer Sprache mit mir kommuniziert wird von der mein Gegenüber annehmen kann dass ich sie auch leicht verstehe – zumindest im deutschen Sprachraum, wo ich von einem Gegenüber erwarten darf dass er/sie dazu imstande ist. Das irgendwie an „Identität“ oder gar „Integration“ aufzuhängen ist mir unverständlich und ich empfinde das als einen gewollten Affront. Es sollte darauf ankommen _was_ man zu sagen hat und die Form der Kommunikation – ob in Hochdeutsch, Englisch oder Esperanto – sollte nicht zum Fetisch werden.

    3. Guggeere Says:

      Jassen gegen «ein» Japaner: Wenn das Japaner jasst, gewinnt es also gegen das Appenzeller, worauf dieses zu bescheissen versucht.
      Entweder hat das Internet-User, das dieses Film auf Youtube untergebracht hat, keine Ahnung von das Akkusativ, oder es weiss nichts von das maskuline Geschlecht von das hochdeutsche Substantiv «Japaner».

    4. Smilla Says:

      Wieso bewerten Deutsche ihre Dialekte nicht untereinander? Hab ich da was falsch verstanden? Die meisten empfinden es als nett, wenn man anhand einer Sprachmelodie erkennen kann, aus welcher Region der andere kommt, aber so ein waschechter Schwabe dürfte sich in Norddeutschland ziemlich schwertun. Auch Hessisch und Sächsisch kommen nicht überall gut an.

      [Antwort Admin: Mit „Bewerten“ meinte ich, dass es keine so ausgeprägte Rangfolge vom beliebesten zum unbeliebtesten Dialekt gibt, wie in der Schweiz. (vgl. http://www.blogwiese.ch/archives/447 )
      Ein waschechter Schwabe tut sich zwar schwer in Norddeutschland, dennoch wird sein Dialekt als „süss“ und „herzig“ empfunden. Selbst das Sächsisch der Ostdeutschen Polit-Kader konnte diesen Dialekt nicht ganz mies erscheinen lassen, weil es gleichzeitig genug Comedians gibt, die Sächsisch humorvoll nutzten, etc. etc. Hessich ist seit dem Duo „Badesalz“ auch als postiver Dialekt geprägt. Es mag wie überall Vorlieben und Abneigungen geben, aber sie sind in Deutschland nicht so gleichmässig und einhellig wie in der Schweiz verteilt ]

    5. anna Says:

      Was viele Deutsche, die in der CH wohnen nicht verstehen, ist, dass Schweizerdeutsch, nicht Hochdeutsch unsere Muttersprache ist. Die Sprache also, in der wir uns wohl fühlen, in der wir reden möchten. Hochdeutsch ist ok – bleibt aber immer etwas fremd und emotionslos. Zuzüger sollten deshalb zumindest Schweizerdeutsch verstehen (was ja an sich eine Selbstverständlickeit sein sollte) und es wäre schön, wenn sie es auch sprechen würden. Ich kenne drei Deutsche, die inzwischen gut Dialekt sprechen, und ich höre die paar Fehler überhaupt nicht mehr.

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