Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 9) — Von „struben“ Wochen und Brisen ohne „r“

März 13th, 2008

(Reload vom 11.12.05)

  • Kein Strubbel am Montagmorgen
  • Wir lesen in der Sonntagszeitung den hübschen Satz:

    Vorsicht, die Sterne versprechen einen struben Wochenbeginn

    Wie immer in solchen Fällen, sind wir zunächst ratlos und beginnen zu grübeln. In welcher Sprache ist dieses Blatt geschrieben? Deutsch! Genauer gesagt: Schriftdeutsch. Aus welchem Land kommen wir noch mal ursprünglich? Ach ja: Deutschland. Was spricht man dort und was lernten wir dort von der Mutter? Die Muttersprache, und die war Deutsch. Und warum verstehen wir dann dieses Wort nicht?

    In solch einsamen Momenten der sprachlichen Not greifen wir dann zum Duden, und finden dort glücklich schwarz auf weiss:

    „strub, strüber, strübste (schweiz. mdal. für struppig; schwierig)“

    Dicht gefolgt von „strubbelig“ oder „strubblig“ wie der „Strubbelkopf“ oder „Struwwelkopf“.
    Ein strube struppiger Struwwelkopf

    Wir folgern messerscharf: Die Woche wird wohl windig beginnen, die Haare bringt es durcheinander und wir sollten mal wieder zum Frisör gehen. Das wollen uns die Sterne sagen. Aber warum wir wegen ein bisschen Wind und Strubbelhaaren gleich Vorsicht walten lassen sollen, bleibt ein Rätsel. Ob es einfach verstecktes Sponsoring ist: „Das Horoskop wurde Ihnen präsentiert von: Ihr Coiffeur“? Der heisst in Deutschland „Frisör„, was zwar nicht mehr Französisch aber dennoch hübsch ist, so wie der „Regisseur„, der sich heutzutage in Frankreich „metteur en scène“ nennt.

  • Wie die Norddeutsche Brise das „r“ verloren hat
  • An der norddeutschen Waterkant, dort wo man nicht die Landesgrenze Deutschlands überschreiten kann, ohne sofort nasse Füsse zu bekommen, weht fast ständig eine „steife Brise“. So steif, dass sich auf der Insel Helgoland laut einer Erzählung von James Krüss die Kinder gegen den Wind anlehnen können. (siehe: „Mein Urgrossvater und ich“).

    Brise mit einem „r“, dass je nach Gegend in Deutschland mit der Zungenspitze gerollt oder mit im Rachen gekrächzt wird. Im Ruhrgebiet fällt es ganz raus und wird durch „ia“ ersetzt, aus „Wurst“ wird „Wuast“. Und so ist dann wohl auch bei der Nord-Süd-Überquerung des Ruhrpotts das „r“ der „Brise“ verloren gegangen, denn in der Schweiz heisst der kalte Nordwind nur noch die „Bise“. Wir Ruhrpöttler finden das prima, haben wir es doch sowieso nicht so mit dem „r“ in Gelsenkiaachen.

    Alles falsch, denn die „Bise“ ist ein 100% Schweizer Produkt:

    Bise ist ein kalter und trockener Nord- bis Nordostwind im Schweizer Mitelland. „Bise“ ist also eine Schweizer Erfindung. Sie tritt bei Hochdruckwetterlagen auf. Im Gegensatz zum Föhn überströmt die Bise kein Gebirge. Bise ist darum weniger turbulent. Im Sommer ist die Bise meist mit heiterem Wetter verbunden, während sie im Winter oft zu Hochnebel führt: Sowohl im Winter als auch im Sommer führt die Bise kühle Luft an die Alpen heran, die sich dort staut und einen Kaltluftsee im Mittelland bilden kann. (Quelle: sfrdrs.ch)

  • Beim Küssen Wind produzieren: Faire la bise
  • Ganz Schlaue behaupten zwar, dass die „Bise“ ursprünglich aus Frankreich stammt. Aber das stimmt nicht, sonst würden die Franzosen nicht ständig versuchen, eine solche zu machen: „Faire la bise“ hat in Frankreich (und in Teilen der Schweiz) nichts mit Windproduktion zu tun, sondern es geht um die berühmte Küsse links und rechts von der Wange in die Luft:
    (Quelle)

    Wie wird man Mitglied im Schweizerverein? – Durch Vereinsmitgliedschaft

    März 12th, 2008
  • Seit 35 Jahren im Land, leider nicht an einem Ort
  • Der Tages-Anzeiger vom 7.03.08 brachte einen interessanten Bericht über einen 35-Jährigen „Nicht-Schweizer“, der gern Schweizer werden möchte. Er bringt dazu eigentlich die idealen Voraussetzungen mit: Er wurde in Horgen (das liegt in der Schweiz) geboren, ist dort aufgewachsen und lebt seit acht Jahren in Freienbach. Von Beruf ist er „Kader einer grossen Schweizer Bank“, hat sogar die Prokura bekommen, doch alle das reicht nicht aus:

    [er]hat einen tadellosen Leumund, schreibt fehlerfrei Deutsch und spricht, da er als Kind eine italienische Schule besuchte, zwar keinen Dialekt, aber ein tadelloses Hochdeutsch. Und dennoch ist die Einbürgerungskom­mission der Gemeinde nach einem Gespräch im Februar zum Schluss gekommen, Molina erfülle die Einbürgerungsvoraussetzungen nicht. «Das Gremium konstatierte, dass bei Ihnen weder auf kommunaler noch auf regionaler Ebene eine Eingliederung in die schweizerischen Verhältnisse spürbar ist», heisst es in einem Schreiben der Kommission. Man werde dem Kanton und dem Bund deshalb beantragen, Molinas Einbürgerung abzulehnen.
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 7.3.08, S. 15)

  • Hier ausgebildet, aber als Bürger nicht erwünscht
  • Nachdem also der Schweizer Steuerzahler die Ausbildung dieses Herrn „Molinas“ (Name wurde vom Tagi geändert) finanziert hat, er als Banker zu den guten Steuerzahlern gehört, will man ihn doch nicht richtig haben im Land. Schliesslich gibt es zwei grosse Probleme: 1.) Der Mann spricht auch nach 35 Jahren noch kein Schweizerdeutsch, sondern nur Italienisch, Hochdeutsch und wahrscheinlich Französisch. 2.) Der Mann ist in keinem Schweizer Verein engagiert!
    Der Tagi schreibt weiter:

    Für Molina kam das Verdikt aus heiterem Himmel. «Ich denke wie ein Schwei­zer, meine Kollegen sind Schweizer, meine Familie ist hier», sagt Molina. An jenem Gespräch mit der Kommission sei es nie um seine Eingliederung in der Schweiz gegangen: «Man hat mir Fragen zur Geographie gestellt, die ich alle beantworten konnte. Dann kamen Fragen zur Politik. Da wusste ich nicht auf alles eine Antwort, das gebe ich zu. Aber welcher Schweizer könnte das?», fragt er. Möglich, dass dem jungen Mann eines zum Verhängnis wurde: Er ist in keinem Verein.
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 7.3.08, S. 15)

    Vielleicht spielte sein loser Lebenswandel auch eine Rolle, denn er lebte erst seit 8 Jahren in Freienbach. Und dann bereits Bürger werden wollen, wie soll das gehen? Von Sesshaftigkeit ist da noch nicht viel zu spüren. Dann fehlt einfach noch die Mitgliedschaft im Schützenverein, im richtigen Bankverein, im Kirchenchor und und und. Lässt sich aber alles noch nachholen. Der Mann ist jetzt 35. Bis zur Rente soll der Antrag dann durch sein. Die „Integration in die Schweizer Verhältnisse“ kann schon mal etwas länger dauern. Ein Migros-Clubschule Kurs in Schweizerdeutsch hilft vielleicht auch.

  • Was ist eine integrationsunwillige Gesinnung?
  • Im Grunde genonmmen hat dieser Wunsch-Schweizer noch Glück gehabt, nicht wegen „integrationsunwilliger Gesinnung“ gleich ausser Landes verwiesen zu werden, denn am 11.03.08 lasen wir ebenfalls im Tages-Anzeiger:

    Lausanne. – Eine «integrationsunwillige Gesinnung» ist kein ausreichender Grund, einen Ausländer auszuschaffen. Mangelnde gesellschaftliche Integration sei kein Verstoss gegen die Rechtsordnung. Mit diesen Argumenten hat das Bundesgericht die zehnjährige Landesverweisung eines 48-jährigen Türken rückgängig gemacht, der vom Kanton St. Gallen weggewiesen worden war.

    Fazit: Nichts wie rein in den Verein.

    Wir sind wie wir sind — Die Gruppe „Basta“ über die Deutschen

    März 11th, 2008
  • Wie sind die Deutschen?
  • Die Fussballweltmeisterschaft in Deutschland ist lang her, die Vorfreude auf die EM in Österreich wird von Tag zu Tag grösser. Eine noch nicht allzu bekannte A-Cappella Band namens BASTA brachte bereits im letzten November die CD „Wir sind wie wir sind“ heraus, mit einem Stück zum Thema „Deutsche“. Könnte zum Schlachtgesang der deutschen Fans bei der anstehenden EM werden. Weil die Gruppe kein eigenes Video produziert haben, schrieben sie einen Wettbewerb aus, und viele Fans produzierten fleissig Filmchen zu diesem Song. Hier ein Beispiel (man achte besonders auf den typisch deutschen Wetterman) :


    Gewonnen hat den Wettbewerb allerdings eine Gruppe aus einem Altersheim mit diesem Film

    Weitere Stücke der Gruppe kann man sich hier auf der Homepage anhören. Das Stück „Ich will nicht nach Paris“ läuft sogar schon ab und zu im Schweizer Radio. Das Stück „Deutsche“ ist aber höchstwahrscheinlich mit Sendeverbot belegt.

    Hier noch der komplette Text, direkt von der Homepage. Schweizer Leser dürfen jetzt entweder weiterblättern zu Polo Hofer und seiner sexy Alpenhose oder weiterlesen und anstreichen, wann sich das Wort „Deutsche“ mit „Schweizer“ problemlos ersetzen können. Vielleicht bei „unser Land ist klein, doch es passen viele rein„? Oder bei „Frauen an die Macht„?

    Deutsche werden Helden über Nacht
    Deutsche lassen auch mal Frauen an die Macht
    Deutsche sind zwar blond, aber nicht doof
    Deutsche lieben Zäune und jagen sich vom Hof

    Deutsche wären gern Amerikaner
    Deutsche sind nicht so, sie sind viel humaner
    Deutsche Wohnzimmerschränke sind schwedisch
    Deutsche wollen’s französisch und essen italienisch

    Deutsche reden auch in Spanien deutsch
    Deutsche sind nicht deutsch, das ist typisch deutsch

    Wir sind, wie wir sind, weil wir Deutsche sind
    Deutsche waren wir schon als Kind
    Unser Land ist klein, doch es passen viele rein
    Nicht alle müssen Deutsche sein
    Wir sind Deutsche
    Deutsche rechnen noch in deutscher Mark
    Deutsche fluchen übers Wetter jeden Tag
    Deutsche zahlen Steuern wie die Pest
    Deutsche mögen niemand, der das Land verlässt

    Deutsche fordern alles jetzt und heut
    Deutsche wollen nicht warten, das ist typisch deutsch

    Wir sind, wie wir sind, weil wir Deutsche sind
    Deutsche waren wir schon als Kind
    Unser Land ist klein, doch es passen viele rein
    Nicht alle müssen Deutsche sein
    Wir sind Deutsche
    Deutsche schlafen vor der Glotze ein
    Für „Wer wird Millionär“ gehen sie auch da rein
    Wir sind Goethe, Schiller und Beethoven
    Auch Drafi war ein Deutscher – alle sind schon oben

    Deutsche reden auch in Spanien deutsch
    Deutsche sind nicht deutsch, das ist typisch deutsch

    Wir sind, wie wir sind, weil wir Deutsche sind
    Deutsche waren wir schon als Kind
    Unser Land ist klein, doch es passen viele rein
    Nicht alle müssen Deutsche sein
    Wir sind Deutsche
    (Quelle: basta-online.de)

    Für alle diejenigen, die gern noch mehr sehen und hören möchten, hier noch ein Nachschlag zum Thema Fussball, der Song „Spielerfrauen“:

    You can ring my bell — Wenn es leicht geht in der Schweiz

    März 10th, 2008
  • Ring my bell
  • Die Älteren unter uns werden sich vielleicht noch an Anita Ward erinnern, die 1979 einen funky Schmachtsong brachte mit dem Titel „You can ring my bell“. Ja, da hörten wir die Glocken läuten. Oder klingeln? Oder war es ein „ring“, was wir da hörten?

    Für die Jüngeren gibt es dann noch die Version von Julio Iglesias, Verzeihung, ich meinte natürlich den Sohn Enrique, der zur Zeit von Anita Wards „Onehitwonder“ 1979 gerade mal 5 Jahre alt war.

  • Ist „ring“ ein Schreibfehler?
  • Das Wörtchen „ring“ entdeckten wir bei der Lektüre des Tages-Anzeigers, und hielten es zunächst für einen Schreibfehler:

    Statt der nötigen 3000 Unterschriften brachte die Luzerner SVP 14’500 zusammen: «Noch nie», beteuert Kantonalpräsident Otto Laubacher, «ist das Sammeln so ring gegangen.»
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 8.3.08, S. 5)

    Aber schnell fanden sich weitere Belege für die Verwendung dieses hübschen Adjektivs:

    aber nichts da! Bin selber erstaunt, dass es jetzt so „ring“ gegangen ist. Aber wie schon erwähnt, ohne Druck wäre es nicht gegangen 😉
    (Quelle: wir eltern – forum.ch)

    Und sogar unser Duden verzeichnet es ganz offiziell als

    ring (Adj.) [mhd. (ge)ringe, →gering] (südd., schweiz. mundartl.): leicht zu bewältigen, mühelos.
    (Quelle: Duden.de)

    Das war doch jetzt echt ring, oder? Dann können wir ja weiter Enrique Iglesias gucken.

    Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 8) — Wer schafft sein Essen nicht?

    März 7th, 2008

    (reload vom 10.12.05)
    Die Schweizer lieben deftiges Essen, sie essen auch gerne viel. Wenn sie dann gemeinsam am Tisch sitzen und die Portionen mal wieder sehr gross sind, dann stellen sie sich gegenseitig die Frage: „Na, schaffst Du es, alles aufzuessen?“. Ein solches Essen, bei dem nicht sicher ist, wer seine Portion ganz aufessen kann, nennen sie dann ein „Wer-schafft’s?“ Essen.

    Aus historischen Gründen wurden bei dieser Bezeichnung der Buchstabe „ä“ und „h“ beibehalten, so schreibt man „währschaft“ zusammen, wie bei „Gewähr“. Diese haben Sie nämlich, wenn sie währschaftes Essen zu sich nehmen müssen und sich vergeblich dagegen wehren: Sie werden unter Garantie satt, denn das kann Dank der „währschaften“ Nahrung immer „gewährleistet“ werden.

    „Währschaftes Essen“ ist äusserst beliebt. Wir finden bei Google-Schweiz 661 Belege .

    Schweizer Kost im Gastrotrend – Währschaft essen, symbolisch fooden (Quelle)

    In Deutschland ist eine „Wehrschaft“ mit „e“ eine Studentenverbindung mit ziemlich militärischer Ausrichtung:

    Wehrschaften wurden nach dem 1. Weltkrieg gegründet, um militärisches Wissen trotz der strengen Bedingungen der Verträge von Versailles (Berufsheer 100.000 Mann) bzw. Saint-Germain in der akademischen Bevölkerung zu verbreiten. Teilweise wandelten sich aufgrund der geänderten politischen Verhältnisse auch bereits bestehende Verbindungen in Wehrschaften um. (Quelle)

    Diese Wehrschaften robbten dann in der Freizeit gemeinsam durch das Unterholz und übten Nahkampf mit Holzgewehren, um ihr „militärisches Wissen“ nicht zu verlieren, nehmen wir an. Wahrscheinlich hatten sie nicht genug echte Erfahrungen in den Schützengräben von Verdun sammeln können.

    Ob die bei ihren Zusammenkünften auch immer so deftige „währschafte“ Kost zu sich nehmen müssen? Um sich danach besser wehren zu können? Wahrscheinlich jedoch ernährt man sich in diesen Verbindungen vorzugsweise von Hopfen, Malz, Gerste und Wasser, in flüssiger Form selbstverständlich.

    Beispiel für „währschaftes Essen“ in Zürich im Restaurant Blockhus:
    Restaurant Blockhus: Holzhütten-Tatar

    Währschaftes Essen in gemütlicher Umgebung zeichnet das Reich von Wirt Pierre Sobkowiak aus. (Quelle)

  • „En guote“ und „Maaahlzeit“
  • Die Deutschen wünschen sich bei solchen Gelegenheiten immer eine „gesegnete Mahlzeit„, was aber im Laufe der Zeit radikal zu „Maaaahlzeit“ verkürzt wurde, und als Standardgruss im Büro zwischen 11.00 Uhr und 15.00 Uhr gilt. Recht skurril mit unter, wenn ihnen um 14.30 Uhr ein Kollege auf dem Weg zum Klo begegnet, und ihnen eine gesegnete Mahlzeit in Kurzfassung wünscht.