Sydney 47 — Ein neuer Geheimcode im Radio?

März 6th, 2008
  • Ja, man kann auch telefonieren mit dem Handy
  • Morgens in der S-Bahn unterwegs in der zusammenklebenden „Agglo“ von Zürich höre ich Radio 24 via Handy. Eins der netten Dinge, die ich mit meinem aktuellen Handy tun kann, ausser Spielen, Termine verwalten, Surfen, E-Mails lesen, die Himmelsrichtung bestimmen, einen Alarm konfigurieren, die Aussentemperatur bestimmen, die aktuelle Position auf Mutter Erde bestimmen, den Blutdruck messen, Kalorien zählen, und, ach ja, sogar telefonieren kann ich mit dem Ding, wenn es dann noch Saft hat.

  • Die geheimnisvolle Äusserung
  • Das eine Lied im Radio war gerade beendet, der nächste Song hatte noch nicht angefangen, als der Moderator deutlich vernehmbar „Sydney 47“ in mein Ohr flüsterte. War das der Name der Gruppe, von der der letzte Song stammt? So etwas wie die „Gruppe 47“, das berühmte Schriftstellertreffen in der Nachkriegszeit, mit Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki in vielen Diskussionen vor dem grossen Zerwürfnis? Aber die schrieben keine Musik, sondern vergaben Literaturpreise. Wahrscheinlich war „Sydney 47“ bereits der Name des nächsten Stücks, welches nun erklang? Oder war es vielleicht wieder ein geheimes Code-Wort, so wie „Zurigo Zurigo Zurigo“ im Glattzentrum. „Sydney 47“ bedeutet wohlmöglich, dass es in einem Tunnel brennt, oder dass gleich Zürich evakuiert werden muss, weil sich ein vollgetanktes Flugzeug von Kloten her im Tiefflug nähert und die Kurve über Wallisellen nicht geschafft hat?

    Ich schaute auf die Uhr, um mir diesen wichtigen Zeitpunkt zu merken. Da wurde mir alles klar. Es war genau 7:47 Uhr. Nix mit Sidney oder geheimes Codewort, das war eine hundsgemeine Zeitansage, allerdings auf Schweizerdeutsch. Kontext ist alles, ein Uhrzeit auf Schweizerdeutsch ohne Kontext, und schon beginnen die Verschwörungstheorien und Katastrophenszenarien im Kopf eines Deutschen ganz von allein zu arbeiten. Auch nach sieben Jahren in der Schweiz. Man hört immer das, was man hören möchte. Das Gehirn versucht die Lautfolge einem Sinn zuzuordnen, und das ist ohne Kontext manchmal schwer.

    Wenn Hollywood-Stars „out of context“ gezeigt werden, sieht das mitunter ebenfalls recht merkwüdig aus:

    Spatzen die fahren und Reiten ohne Pferd — wenn Schweizer sich nicht verstehen

    März 5th, 2008
  • Zu den Spatzen fahren?
  • Eine Zürcherin erzählte uns, mit welchen sprachlichen Schwierigkeiten sie als Kind zu kämpfen hatte, als sie mit ihren Eltern nach Bern gezogen war. Eines Tages wurde sie von den Nachbarn zum „Spatze fah“ eingeladen. Nun ja, auch schön, so ein Besuch in der Natur bei den Spatzen draussen, denen man sicher etwas Brotkrumen zum Futtern mitbringen konnten.

    Spatz ohne fahren
    (Quelle Foto: gartenspaziergang.de)

    Nichts da, es wurde „spazieren gefahren“. Sowas kannten wir bisher nur von Engländern, die mit grossem Genuss im Auto an der Strandpromenade oder auf einer Steilküste parken, das Fenster herunterkurbeln, ein Sandwich dabei verspeisen und dies als „Spazierfahrt“ bezeichnen.

  • Willst du mitreiten?
  • Ein anderes Mal wurde die kleine Zürcherin unter Bern gefragt, ob sie „mitryte“ wollte. Auch toll, wir fahren zu einem Bauernhofe und gehen reiten, dachte sich das Zürcher Kind, aber weit gefehlt, niemand wollte mit ihr reiten, sie sollte „mit-reiten“ im Auto. „Riding in my car“ sang Woody Guthrie und Pete Seegers einst mit vielen amerikanischen Kindern.

    Take me riding in the car, car;
    Take me riding in the car, car;
    Take you riding in the car, car;
    I’ll take you riding in my car.
    (Quelle: mp3lyrics.org)

    So ein „ride in a car“ muss sich im Bernbiet auch festgesetzt haben, wenn man da heute noch „mitryte“ kann im Auto. Als „Zürcher Kind in der Berner Agglomeration, wo eben auch Bauernkinder mit in die Schule gingen“, war ein Ritt mit Auto etwas ganz Normales.

    Dialekt ist rustikal — Das hessische Duo Badesalz zum Thema „Fluchen auf Hochdeutsch“

    März 4th, 2008
  • Wie flucht man auf Hochdeutsch?
  • Wer schon immer glaubte, dass man in Deutschland nur Hochdeutsch spricht, jedenfalls in weiten Teilen, der mag sich an diesem kleinen Sketch des hessischen Duo „Badesalz“ erfreuen, das einmal anschaulich vorführt, wie es klingt, wenn man auf Hochdeutsch flucht oder einer schlechten Bedienung in einer Kneipe die Meinung sagt. Viel Vergnügen:

    Deutsch statt Dolce — Ein Leserbrief im Tagesanzeiger

    März 3rd, 2008
  • Nicht die Meinung des Tages-Anzeigers
  • Der gemässigte und liberale Tages-Anzeiger aus Zürich, ein Blatt das in letzter Zeit regelmässig für seine besänftigenden und neutralen Artikel zum Thema „Deutsche in der Schweiz“ von sich reden machte, druckte am 29.02.08 diesen Leserbrief von L. Grego aus Stäfa zu diesem Artikel ab:

    Deutsch statt Dolce
    Wir Italiener haben euch Mode, Esskultur, Dolce Vita und das Lachen gebracht, und ihr habt uns gezeigt, wie man arbeitet, was Ordnung und Pünktlichkeit bedeutet. Und jetzt kommen die Deutschen! Sie haben es im Zweiten Weltkrieg nicht geschafft, die Schweiz einzunehmen und zu kontrollieren. Jetzt versuchen sie mit ihrer «Europavorherrschaft», mit Fluglärmstreit, Banken- und Steueraffären etc. die Schweiz zu kontrollieren. Hut ab, sie können es. Rennt, Schweizer, rennt!

    Natürlich gibt der Einsender dieses Leserbriefes NICHT die Meinung des Tages-Anzeigers oder sonst eines Schweizers wieder, sonst wäre dieser Beitrag ja nicht gedruckt worden. Es ist deutlich zu spüren, wieviel Dankbarkeit und gegenseitige Hochachtung zwischen den eingewanderten Italienern und den ortsansässigen Schweizer besteht. Wo würde die Esskultur mit Pizza, Spaghetti Carbonara und Zweiliterflasche Lambrusco in der Schweiz heute ohne die Italiener stehen? Auch kulturell wichtige Begriffe aus einem Kartenspiele wie „Tschingg“, „Tschingili“ wurden den Schweizern dankbar durch die eingewanderten Italiener beigebracht. Auf dem Höhepunkt der Schweiz-Italienischen Freundschaft feierert man dann gemeinsam die „Schwarzenbach-Initiative“ als völkerverbindendes Fest.

  • Italien hat nicht kontrolliert
  • Die Deutschen „haben es im Zweiten Weltkrieg nicht geschafft, die Schweiz einzunehmen und zu kontrollieren.“ Wozu auch, die Schweiz war ja von den „Achsenmächten“ , d. h. von Mussolinis Faschisten in Italien im Süden und von Nazideutschland im Norden fest im Griff und liess brav alle Transportzüge durchfahren.

  • Kommen sie oder werden sie geholt?
  • „Und jetzt kommen die Deutschen!“ heisst es im Leserbrief. Das stimmt nicht so ganz, es müsste heissen: „Und jetzt holt ihr die Deutschen, warum nicht mehr die Italiener?“. Nehmen wir das Beispiel der Verkehrsbetriebe Zürich. Die finden für die Trams und Busse in Zürich nicht genügend Fahrerinnen und Fahrer, also Chauffeusen und Chauffeure, ganz ohne Feuer zum heizen, und gehen nach Berlin, der Hauptstadt Deutschlands, um dort gut ausgebildete Strassenbahn- und Busfahrer abzuwerben. Leider sind dort schon ein paar andere Nationen mit Abwerben beschäftigt, also kamen sie zu spät und rekrutierten geeignete Bewerber aus Ostdeutschen Provinzen, die die besten Voraussetzungen für den Job mitbrachten. Warum gingen die VBZ-Leute nicht nach Mailand oder Rom, um dort Fachkräfte mit „Dolce Vita“ und „Dolce far niente“ Spezialknowhow anzuwerben?

    VBZ suchen deutsche Buschauffeure
    Zum ersten Mal gehen die Verkehrsbetriebe Zürich gezielt im Ausland auf Personalsuche. In Berlin sollen zehn bis zwölf Busführer angeworben werden. Je besser die Wirtschaftslage, desto schlechter finden die VBZ Fahrpersonal. Schichtdienst, Arbeit am Abend und am Wochenende oder der Ersatzdienst für erkrankte Kollegen sind die wenig attraktiven Seiten des öffentlichen Verkehrs. 2008 brauchen die VBZ mindestens 42 neue Tramführer und -führerinnen sowie 44 Busführer. Neben den üblichen Rekrutierungskanälen wie Stelleninserate oder Prämien für Mitarbeiter, die einen Interessenten finden, versuchen es die VBZ jetzt erstmals direkt in Deutschland, genauer in Nord- und Ostdeutschland, wo die Arbeitslosigkeit höher ist als im Süden.
    (Quelle: Tages-Anzeiger 20.12.07)

    Damit wir jetzt nicht ganz in Sarkasmus verfallen, gehe ich jetzt erst mal Panettoni kaufen und Gelati beim Lieblingsitaliener um die Ecke. Vielleicht bringt er mir ja wieder ein bisschen „das Lachen“ bei im tristen Schweizer Alltag, so wie es L. Grego beschrieb. Was wir nicht begriffen haben bei seinem Leserbrief ist die Aufforderung „Rennt, Schweizer, rennt!“. Wohin denn, nach Italien vielleicht?