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Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 9) — Von „struben“ Wochen und Brisen ohne „r“

(Reload vom 11.12.05)

  • Kein Strubbel am Montagmorgen
  • Wir lesen in der Sonntagszeitung den hübschen Satz:

    Vorsicht, die Sterne versprechen einen struben Wochenbeginn

    Wie immer in solchen Fällen, sind wir zunächst ratlos und beginnen zu grübeln. In welcher Sprache ist dieses Blatt geschrieben? Deutsch! Genauer gesagt: Schriftdeutsch. Aus welchem Land kommen wir noch mal ursprünglich? Ach ja: Deutschland. Was spricht man dort und was lernten wir dort von der Mutter? Die Muttersprache, und die war Deutsch. Und warum verstehen wir dann dieses Wort nicht?

    In solch einsamen Momenten der sprachlichen Not greifen wir dann zum Duden, und finden dort glücklich schwarz auf weiss:

    „strub, strüber, strübste (schweiz. mdal. für struppig; schwierig)“

    Dicht gefolgt von „strubbelig“ oder „strubblig“ wie der „Strubbelkopf“ oder „Struwwelkopf“.
    Ein strube struppiger Struwwelkopf

    Wir folgern messerscharf: Die Woche wird wohl windig beginnen, die Haare bringt es durcheinander und wir sollten mal wieder zum Frisör gehen. Das wollen uns die Sterne sagen. Aber warum wir wegen ein bisschen Wind und Strubbelhaaren gleich Vorsicht walten lassen sollen, bleibt ein Rätsel. Ob es einfach verstecktes Sponsoring ist: „Das Horoskop wurde Ihnen präsentiert von: Ihr Coiffeur“? Der heisst in Deutschland „Frisör„, was zwar nicht mehr Französisch aber dennoch hübsch ist, so wie der „Regisseur„, der sich heutzutage in Frankreich „metteur en scène“ nennt.

  • Wie die Norddeutsche Brise das „r“ verloren hat
  • An der norddeutschen Waterkant, dort wo man nicht die Landesgrenze Deutschlands überschreiten kann, ohne sofort nasse Füsse zu bekommen, weht fast ständig eine „steife Brise“. So steif, dass sich auf der Insel Helgoland laut einer Erzählung von James Krüss die Kinder gegen den Wind anlehnen können. (siehe: „Mein Urgrossvater und ich“).

    Brise mit einem „r“, dass je nach Gegend in Deutschland mit der Zungenspitze gerollt oder mit im Rachen gekrächzt wird. Im Ruhrgebiet fällt es ganz raus und wird durch „ia“ ersetzt, aus „Wurst“ wird „Wuast“. Und so ist dann wohl auch bei der Nord-Süd-Überquerung des Ruhrpotts das „r“ der „Brise“ verloren gegangen, denn in der Schweiz heisst der kalte Nordwind nur noch die „Bise“. Wir Ruhrpöttler finden das prima, haben wir es doch sowieso nicht so mit dem „r“ in Gelsenkiaachen.

    Alles falsch, denn die „Bise“ ist ein 100% Schweizer Produkt:

    Bise ist ein kalter und trockener Nord- bis Nordostwind im Schweizer Mitelland. „Bise“ ist also eine Schweizer Erfindung. Sie tritt bei Hochdruckwetterlagen auf. Im Gegensatz zum Föhn überströmt die Bise kein Gebirge. Bise ist darum weniger turbulent. Im Sommer ist die Bise meist mit heiterem Wetter verbunden, während sie im Winter oft zu Hochnebel führt: Sowohl im Winter als auch im Sommer führt die Bise kühle Luft an die Alpen heran, die sich dort staut und einen Kaltluftsee im Mittelland bilden kann. (Quelle: sfrdrs.ch)

  • Beim Küssen Wind produzieren: Faire la bise
  • Ganz Schlaue behaupten zwar, dass die „Bise“ ursprünglich aus Frankreich stammt. Aber das stimmt nicht, sonst würden die Franzosen nicht ständig versuchen, eine solche zu machen: „Faire la bise“ hat in Frankreich (und in Teilen der Schweiz) nichts mit Windproduktion zu tun, sondern es geht um die berühmte Küsse links und rechts von der Wange in die Luft:
    (Quelle)

    

    8 Responses to “Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 9) — Von „struben“ Wochen und Brisen ohne „r“”

    1. pit vo lissabon Says:

      auf französisch ist bise ein kräftiger ost- oder nordwind. berüchtigt ist die „bise noire“ in genf, ein kalter wind, der im trichter des lac de genève so richtig zur geltung kommt.

    2. Thomas Says:

      @ pit: mmh, das Interessiert mich jetzt wirklich. Die ‚bise noir‘ ist bei uns Meteorologen ein relativ klar definierter Begriff. Wir verwenden ihn dann, wenn mit Bise Niederschlag fällt (was eigentlick nur im Winter passiert). Was ist denn bei dieser bise noire am Leman anders als bei einer normalen Bise? Kanalisiert wird ja jede Bise bei Genf unten und ‚kalt‘ sind auch alle.

    3. AnFra Says:

      @Jens

      Dein beschriebenes „schräges“ Küssen auf französische Art ist nichts gegen das „frontale“ Küssen nach teutonischer Art!

      Wenn ich die nun folgende Hypothese wg. der Bise darstelle, so ist etymologisch „bise“ wohl aus dem afr., frz. abzuleiten, das für „schräg, schräge = biseaute, biseautee“ steht. Eine weitergehende Ableitung ins Lateinische ist mir z.Z. nicht möglich. Erbitte hierzu Unterstützung durch dich, Phipu uam.
      Im hermeneutischen Sinne ist „Bise“ aus der Funktion seines Wirkens abzuleiten, nämlich als „der/die/das Schräge“!

      Dies lässt sich logisch ableiten, da üblicherweise die Winde in Mitteleuropa zu etwa 70 % der Jahreszeit aus westlicher- bzw. nord-westlicher Richtung kommen, also somit „üblich, immer, normal“ sind. Wenn also die Bise (d.h. „der/die/das Schräge“) zu einigen % aus nord- nordöstlicher Richtung kommt, dann handelt es sich für den Bewohner auf der „Bise-Rennbahn“ ( von Süddtl.-Bodensee Richtung Zürichsee-Genfersee) so gesehen nun um einen von links um eine Himmelsrichtung bzw. 1 Quadranten „verdrehten“, d. h. „schrägen“ kommenden Wind.
      Im gr. Duden und anderen WB gibt es die etwas verwirrende Aussage über den „Wirbelwind“ (mhd. bise, ahd. bisa). Dies kann man nicht als „Windhose, Tornado ua.“ in unserem Sinne deuten, sondern als ein Wind, welcher aus „verschiedenen, drehenden, wechselnden“ Richtungen, kommt. Man sagt ja auch: Ein Kind ist ein Wirbelwind. Soll sagen: Das springt lebendig in alle Richtungen rum!

      Durch die Jura-Alpen-Trichterbildung, die ihren engsten Durchgang am Genfersee besitzt, entsteht dort durch die Venturi-Düsen-Funktion die stärkste und heftigste Wirkung. Als Ergebnis der längerzeitlichen, laminaren und gleichwirkenden Windströmung wird erwartungsgemäß der Name für „das Ding“ aus diesem stärkst betroffenen Genfer Umfeld kommen, also wird der Name romanischer Sprachherkunft sein.
      Da dieser Wind aus der Sicht der Bewohner immer „schräg“ kommt, kann man deshalb ableiten, wie er zu seinem Namen „Bise“ gekommen ist. Ein „schräger Wind“ halt.

      Ein „schräger“ Vogel fliegt auch nicht mit der bürgerlichen Vogelmasse konform, sondern kommt diesen immer „schräg“ (quer) von der Seite!

    4. Phipu Says:

      Thomas,

      Hier noch der Pre-Re-Load oder so (Originaleintrag) mit seinen allerdings nicht sehr ergiebigen Kommentaren.
      http://www.blogwiese.ch/archives/116

      Meine damaligen Links funktionieren heute nicht mehr. Deshalb hier die Neuauflage, ohne Gewissheit, ob das alles nun wirklich auf deine Frage antwortet.
      http://www.sisl.ch/vent.htm

      http://www.tsr.ch/tsr/index.html?siteSect=200001&sid=4845943&cKey=1081237696000

      Aber beim nach „bise noire“ googeln findest du sicher noch mehr.

    5. Neuromat Says:

      Gerade kommt ein guter Kollege von seinem Einbürgerungstest zurück und berichtet die Fragen. „Losset Herr Wiese, dr Unterschied vo Byse un schwarzi Byse.“ Nun der Kollege war natürlich vorbereitet und hat die Sache mal ganz ruhig erläutert Die Byse ist ein Nordostwind und bringt kalte und trockene Luft, die schwarze Byse ist ein Nordwestwind, der Schnee bringt.

      Vielleicht schreibt man es aber auch Biese, es heisst ja auch Wiese und nicht Wise, und die Biese, die dient der Schonung der Hose, verhindert aber nicht wenn das Bysi reinläuft. Das verhält sich ja genau gleich wie der Wind, der bläst da von oben nach unten, oder fällt, gewissermassen Fallwinde. Und dann gilt schliesslich, wie wir es in der Schule gelernt haben, Einfallspinsel gleich Ausfallpinsel. Und willst Du etwas zusammenbinden, dann nimmst Du das Brysli, und juckt ‚s Dich in der Nase, dann vielleicht ne Brise Schnupftabak. Der Meteorologe (kann man eigentlich mit solch einer Berufsbezeichnung Frauen kennen lernen, etwa küss mich ich bin ein Frosch, ein Wetterfrosch) sollte wisse, ob die Byse nicht auch eine Brise sein kann. Aber diese Vorhersagen von heute morgen es chlis bitzeli e Mix vo Sunne un Wolchchchche… ja was denn also nur ein wenig ein Mix, also überwiegend stabil, aber wie denn stabil…

    6. Solanna Says:

      Brise kenne ich nur als „leichte Brise“.
      Die Bise habe ich nach jahre- bis jahrzehntelangen Aufenthalten irgendwo in der Detuschschweiz erst am Jurasüdfuss richtig kennengelernt. Sie kann grausam sein, schmeisst jedes abgestellte Velo um und ist zwar nicht Brise, sondern Bise, aber brrrrr!

    7. Thomas Says:

      @Solanna: die von dir erwähnte, unangenehme und kalt Bise ist selten eine „leichte Brise“, eher eine „mässige Brise“ oder sogar eine „frische Brise“. Die Brise ist drum gan klar genormt in der Beaufortskala.
      @Phippu: danke für die Links.

    8. Daniel Says:

      – Die „Brise“ ist dann also die Bezeichnung für eine bestimmte Windstärke,
      – wogegen „Bise“ in der Schweiz einen bestimmten Wind meint, genauer gesagt einen Wind, der von Norden oder Nordosten kommt.

      // Daniel gratuliert sich dafür, das offensichtliche ausgesprochen zu haben… 🙂

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