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Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 8) — Wer schafft sein Essen nicht?

(reload vom 10.12.05)
Die Schweizer lieben deftiges Essen, sie essen auch gerne viel. Wenn sie dann gemeinsam am Tisch sitzen und die Portionen mal wieder sehr gross sind, dann stellen sie sich gegenseitig die Frage: „Na, schaffst Du es, alles aufzuessen?“. Ein solches Essen, bei dem nicht sicher ist, wer seine Portion ganz aufessen kann, nennen sie dann ein „Wer-schafft’s?“ Essen.

Aus historischen Gründen wurden bei dieser Bezeichnung der Buchstabe „ä“ und „h“ beibehalten, so schreibt man „währschaft“ zusammen, wie bei „Gewähr“. Diese haben Sie nämlich, wenn sie währschaftes Essen zu sich nehmen müssen und sich vergeblich dagegen wehren: Sie werden unter Garantie satt, denn das kann Dank der „währschaften“ Nahrung immer „gewährleistet“ werden.

Währschaftes Essen“ ist äusserst beliebt. Wir finden bei Google-Schweiz 661 Belege .

Schweizer Kost im Gastrotrend – Währschaft essen, symbolisch fooden (Quelle)

In Deutschland ist eine „Wehrschaft“ mit „e“ eine Studentenverbindung mit ziemlich militärischer Ausrichtung:

Wehrschaften wurden nach dem 1. Weltkrieg gegründet, um militärisches Wissen trotz der strengen Bedingungen der Verträge von Versailles (Berufsheer 100.000 Mann) bzw. Saint-Germain in der akademischen Bevölkerung zu verbreiten. Teilweise wandelten sich aufgrund der geänderten politischen Verhältnisse auch bereits bestehende Verbindungen in Wehrschaften um. (Quelle)

Diese Wehrschaften robbten dann in der Freizeit gemeinsam durch das Unterholz und übten Nahkampf mit Holzgewehren, um ihr „militärisches Wissen“ nicht zu verlieren, nehmen wir an. Wahrscheinlich hatten sie nicht genug echte Erfahrungen in den Schützengräben von Verdun sammeln können.

Ob die bei ihren Zusammenkünften auch immer so deftige „währschafte“ Kost zu sich nehmen müssen? Um sich danach besser wehren zu können? Wahrscheinlich jedoch ernährt man sich in diesen Verbindungen vorzugsweise von Hopfen, Malz, Gerste und Wasser, in flüssiger Form selbstverständlich.

Beispiel für „währschaftes Essen“ in Zürich im Restaurant Blockhus:
Restaurant Blockhus: Holzhütten-Tatar

Währschaftes Essen in gemütlicher Umgebung zeichnet das Reich von Wirt Pierre Sobkowiak aus. (Quelle)

  • „En guote“ und „Maaahlzeit“
  • Die Deutschen wünschen sich bei solchen Gelegenheiten immer eine „gesegnete Mahlzeit„, was aber im Laufe der Zeit radikal zu „Maaaahlzeit“ verkürzt wurde, und als Standardgruss im Büro zwischen 11.00 Uhr und 15.00 Uhr gilt. Recht skurril mit unter, wenn ihnen um 14.30 Uhr ein Kollege auf dem Weg zum Klo begegnet, und ihnen eine gesegnete Mahlzeit in Kurzfassung wünscht.

    

    18 Responses to “Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 8) — Wer schafft sein Essen nicht?”

    1. mario Says:

      Ebenfalls etwas skurril mutet der Nachmittagsgruss in typografischer Umgebung an: Hier wird mit einem herzhaften „Prost“ gegrüsst…

    2. Ugugu Says:

      @mario
      Nett dass mich jemand an diese „Prost“-Floskel erinnert. Dachte die sei längst ausgestorben. Offenbar nicht.

    3. boby Says:

      Was in Deutschland eine Wehrschaft ist! Passt wohl nicht so ganz : Na, schaffst du es alles aufzuessen!. Ein seltsamer Vergleich.

      [Anmerkung Admin: Ja, das Leben ist manchmal seltsam. Manche vergleichen verwechseln sogar Birnen mit Äpfeln]

    4. Cocomere Says:

      Ich glaube, es heisst eher „währschaftLICHES“ Essen (so sagt man es jedenfalls bei uns). „währschaftes Essen“ ist somit wohl eine fehlerhafte Abwandlung, denn die Endung „-schaft“ ist den Nomen vorenthalten.

    5. Kreis7 Says:

      En guote? In Zürich wohl eher „än Guätä“!

    6. Brun(o)egg Says:

      Es heisst Währschaft und nicht –liches.
      Prost ist keine Floskel, sondern kommt von Prosit = Gesundheit.

    7. AnFra Says:

      Bei der Frage von „Wer-schafft’s?“ muss eine „quantitativ orientierte“ Antwort gegeben werden, denn es geht bei dieser Frage eindeutig um die Menge! Auf solch eine Frage ist eine typische schwäbische Aussage möglich: „Hauptsach de Ranze spannt!“.

      Über die „Wehrschaft“ als deutschnationalistische und national-sozialistische braun-fäkaliesche Tunke sollte man lieber nichts schreiben.

      Bei der Frage zum „währschaften“ Essen muss jedoch eine „qualitativ orientierte“ Antwort gegeben werden. Hierbei dreht es sich eindeutig um die Qualität des Essens.
      Denn hier wird eine fehlerfreie und einwandfreie Qualität erwartet, beschrieben, zugesagt, geliefert, konsumiert und demzufolge auch auf diesem Qualitätsniveau bezahlt. Hier tritt die „gute Qualität“ in den Vordergrund sowie die entsprechenden Eigenschaften „tüchtig, gut, bestens, solide, brauchbar, bei Getränken und Nahrung: nahrhaft, genießbar, genussvoll, fein, deliziös, lecker!“
      Es scheint sich bei etlichen Leuten jedoch die Menge des Essens in den Vordergrund geschoben zu haben, was eigentlich so nicht richtig ist.

      Bei diesem „währhaften“ steckt noch das „währ = ahd. wari“ drin für „wahr“, also für wahrheitsgemäß, nicht gelogen, nicht betrügerisch und real. „Wari“ im ahd. komper. „gewari“.

      Im Handelsrecht ist die „Gewährleistung“ also die „Einhaltung der Wahrheit“ bei der zugesagten Qualität, Eigenschaften, Materialien und uam. Im GWB der Brüder Grimm wunderbar nachvollziehbar.
      Merke: „Wie geschrieben und bestellt, so gegessen und bezahlt!“

      Einige Manager und Kaufleute sollten doch wieder einmal die Bücher der Brüder Grimm lesen, nicht unbedingt die Märchenbücher, sondern die Sprach- und Wörterbücher!

    8. Brun(o)egg Says:

      Gefühltes zum Begriff Währschaft: Bei Euch in deutschland ist’s vielleicht der Unterschied von einem währschaften Kohl’schen Saumagen und zu der feineren Küche eines Schubecks.
      Französische Küche kann auch währschaft sein, sicher aber nicht die Nouvelle Cuisine. Und hier in der Schweiz ist eine „Metzgete“ währschaft, aber nicht unbedingt die mediterrane Küche.
      Ich glaube nicht, dass es vor allem mit dem Preis – Leistungsverhältnis zu tun hat, sondern eher mit den Fettanteilen, usw.

    9. Cocomere Says:

      @Brun(o)egg
      Eben, es hiesse richtig Währschaft (als Nomen) und währschaflich (als Adjektiv). Oder kennst du ein Adjektiv mit der Endung -schaft

    10. neuromat Says:

      @ Cocomere

      ich kenn da ein Adjektiv mit schaft. Es heisst währschaft. Währschaft heisst tüchtig, solide (siehe anfra oder schweizerdeutsche Wörterbücher) und jitz no ne währschafte Schluck …

    11. Solanna Says:

      Vielleicht ist das eben gerade eine Ausnahme von der Regel. Jedenfalls habe ich meiner Lebtag noch nie von einem währschaftlichen Essen gegört, sonderns sehr klar immer nur von währschaftem Essen, und zwar für eine Mahlzeit genau so, wie sie AnFra beschreibt. Jedenfalls aber mit Genuss sättigend (bis übersättigend 😉

    12. Rainer Says:

      @ Mario
      Auch ich kenne das „Prost“ am Nachmittag unter den Schwarzkünstlern hier in der Schweiz. Weis jemand wie das entstanden ist?

    13. Thomas Says:

      @Brun(o)egg: Prosit ist aber von proesse, lat. für nützen. ‚es möge nützen‘

    14. Brun(o)egg Says:

      @ Thomas

      Danke. Wusste ich nicht. Aber das es nützen möge finde ich sehr gut. Darauf einen Dujardin.

    15. mario Says:

      Ich schätze, der rege Alkoholkonsum der Setzer während der Arbeitszeit führte zu diesem Brauch…

    16. Guggeere Says:

      @Rainer, Mario: Nix Alkohol! Der Gruss „prost“ kommt aus der Zeit, als noch mit Bleiplatten gedruckt wurde (und das ist noch nicht so lange her). Es musste ja immer wieder Blei geschmolzen werden, weshalb die Schriftsetzer häufig giftigen Bleidämpfen ausgesetzt waren. Deshalb stellte der Arbeitgeber täglich Milch zur Verfügung, deren Genuss angeblich dazu beitrug, dass von dem eingeatmeten giftigen Zeug nicht alles im Körper hängen blieb, sondern mit Hilfe der Milch gebunden und vom Körper wieder ausgeschieden wurde. Dass die Schriftsetzer nach dem Mittagessen zu Arbeitsbeginn einen halben Liter Milch tranken und sich „prost“ (eben „prosit“, es möge nützen) zuriefen, ist vor diesem Hintergrund verständlich.

    17. Marco Says:

      Ihr habt Probleme. Wirklich (im Kopf)

    18. Phipu Says:

      Cocomere

      Meinst du etwa ein „herrschaftliches“ (= fürstliches) Essen? Das muss dann mengenmässig nicht „währschaft“ (=viel, nach meinem Verständnis) sein, sondern einfach qualitativ wie in der oberen Klasse.

      Bezugnehmend auf AnFras Reisen durch andere Jahrhunderte: Es ist eher eine neuzeitliche Erscheinung dass die Reichen (= Fürsten) ++wenig++ aber qualitativ ++gut++ essen. Meines Wissens war es in früheren Jahrhunderten nur der Oberschicht vergönnt, gut und gleichzeitig viel zu essen und sich wenig bewegen zu müssen (nicht arbeiten).

      Daher stammt wohl auch der Ausdruck „Wohlstandsbauch“. Die arme Bevölkerung heutiger Zeit arbeitet und reist aber – genau so wie die Fürsten (oder meinetwegen heute Top-Manager) – ebenfalls sitzend (also wenig Kalorien verbrauchend) und hat „erst noch“ weniger Ahnung von Ernährungswissenschaft. So ist erst heute das Dicksein eher ein Ausdruck der Armut als des Reichtums.

      Diese meine Idee hat für Wahrheitsgehalt zwar keine Ge-
      währ, schafft
      aber hoffentlich dennoch etwas Nährboden für Überlegungen.

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