Blogwiese auf DRS1 am Montag

Mai 18th, 2007
  • Blogwiese auf DRS1 am 21.05.07 um 10.03 – 11.00h
  • Am Montag bin ich zu Gast bei Diana Joerg beim Schweizer Radio DRS1 in der Sendung „Treffpunkt“ um 10.03 – 11.00h

    Die ganze Sendung als Stream gibt es hier zu hören: Eine Stange ist ein Bier

    Hier die Ankündigung auf der Webseite:

    Eine «Stange» ist ein Bier
    Ein Bier heisst «Stange» und der Schluckauf ist der «Hitzgi». So ist das in der Schweiz und das weiss der Deutsche Jens-Rainer Wiese so gut, wie kaum ein anderer Deutscher. Betreibt er doch den Internetblog Sprachwiese.ch. Als Wahlschweizer beschäftigt er sich darin mit den Eigenheiten Helvetiens.
    Im «Treffpunkt» bei Diana Joerg spricht er über die genüsslichen kleinen Hürden im Alltag eines Deutschen in der Schweiz
    Treffpunkt, Montag, 21. Mai 2007, 10.03-11.00 h, DRS1
    (Quelle: drs1.ch)

    Aus der Blogwiese wurde die Sprachwiese. Mal sehen wie lange es dauert, bis wenigstens dieser Fehler behoben ist an einem Brückentag wie heute…

    Sprachwiese oder Blogwiese?

    Nicht gähnen bitte — Wenn alles „so gäh“ ist

    Mai 16th, 2007
  • Steil ist wichtig
  • Bei manchen Ausdrücken im gesprochenen Schweizerdeutsch sind die Gene des ehemaligen Bergvolkes noch deutlich zu spüren. Ein Bergvolk plagte sich dereinst ab an steilen Berghängen und Wiesen. Während im deutschen Flachland ein „steiler Zahn“ unter den Jugendlichen „Halbstarken“ in den Fünfzigern noch ein beliebter Ausdruck für ein hübsches Mädchen war, pflegen die Schweizer heutzutage in Erinnerung an die „steilen Lagen“ noch ein paar andere Ausdrücke für „steil“ zu verwenden:

  • So gäh = so steil
  • So gäh“ hörten wir in einem Gespräch zwischen jungen Zürchern in der S-Bahn, „so gäh“ sei eine Sache gewesen. Nein, sie sprachen gewiss nicht von der letzten Wanderung auf den Pilatus, dem Hausberg von Luzern.
    Die Erklärung für diese Wort fand sich dann glücklich im Slangikon

    So gäh
    (Quelle: Slangikon)

    es gaht zümftig abe, gäch, högerig, schtotzig, schtötzlig, spitzig, zünftig

    Nun, bei „zümftig“ und „zünftig“ sind natürlich die alten Zünfte mit im Spiel, die sich althochdeutsch noch mit „m“ schrieben als „Zumft“ (vgl. Wikipedia).
    Hingegen „schtotzig“, „schtötzlig“ müssen eindeutig von besagten unbequemen Bergpfaden hergeleitet worden sein. Selbst unser Duden spricht dieses Wort den Alemannen zu:

    stọtzig [alemann. stotzig = steil, zu: Stotz[e] = Hügel, Abhang] (bes. südwestd., schweiz.): steil: der Weg war stozig
    (Quelle: duden.de)

    Doch etwas fehlt in der Erklärung des Dudens, denn nicht der Weg allein war schtozig, schtotzlig oder stozig, sondern auch das letzte Event in Zürich, zumindest im Gespräch meiner S-Bahn Nachbarn. Oder sprachen die eventuell doch vom letzten Kletterwochenende?

  • Gäh ist alt
  • Aber gäh? Es erinnert uns an „gähnen“, dem plötzlichen Maulaufreissen, was wir kaum unterdrücken können, am Ende einer durchtanzten Nacht. Dabei hat dieses Wörtchen, bevor es im Zürcher Slangikon der Jugendsprache auftauchte, schon gewaltige Karriere im Deutschen gemacht, wie ein Auszug aus Grimms Wörterbuch belegt:

    1) rasch, von höchster schnelligkeit oder eile, mhd. die vorherschende bed., ahd. z. b. gâheჳ waჳჳer (…)
    a) von stürzenden dingen, wie eben ahd.: platzregen oder geher regen (…)
    der dick beschäumte flusz dringt durch der felsen ritzen
    und schieszt mit gäher kraft weit über ihren wall. (…)
    b) von menschen, thieren in bewegung, von allerlei thun überhaupt: ein gächs wenden im lauf, (…), man beachte den starken lat. ausdruck; darfst (brauchst) du nit ze eilen, so ist mir auch nit gäch. (…)
    c) meistens und vielleicht ursprünglich rasch mit ungestüm, ‚überstürzung‘: preceps … ein geher, gar gech, der sich übergrift. (…)
    e) auch als a d v . (wofür besser gach, s. d.): hoch kompt man nit gäh. (…)
    2) steil abfallend.
    a) mhd. zwar noch nicht belegt, aber sicher durch ahd. ‚gâhi abrupta‘ GRAFF 4, 129 und durch ein swinde gæhe, steile bergwand:
    (Quelle: Grimms Wörterbuch)

    Wir können nicht genug bekommen von diesen vielen Belegen in den unterschiedlichsten Schreibweisen. Die Verwandschaft von „gäh“ zu „jäh“, noch erhalten in „jähzorning“ wird deutlich.

    jähzornig [spätmhd. gæchzornig] : zu Jähzorn neigend; sich in einer Anwandlung von Jähzorn befindend: ein -er Charakter; j. fuhr er auf.
    (Quelle: Duden.de)

    Und nun wird klar, dass wir mit diesem vermeintlich neuem Schweizerdeutschen Wort einfach ein sehr altes Deutsches Wort in der S-Bahn gehört und im Zürcher Slangikon wiederentdeckten hatten. Nebenbei bemerkt: Auch im Ruhrgebiet wird ein „jetzt“ zu „getzt“ verhärtet. Und getzt ist Feierabend.

    Ob Spanner auch zusammen spannen? — Neue Schweizer Lieblingswörter

    Mai 15th, 2007
  • Was ist eigentlich ein Spanner?
  • Ein „Spanner“ ist eine Vorrichtung zum Spannen, erklärt uns unser Duden:

    Spạnner, der; -s, -:
    1. a) Vorrichtung zum Spannen von etw.: den Tennisschläger in den Spanner stecken;
    b) kurz für Hosenspanner;
    c) kurz für Schuhspanner.

    Das Verb „spannen“ kann in der Schweizer weitere spannende Bedeutungen bekommen, denn hier wird ständig gespannt, und zwar zusammen und in Gemeinschaft:

    So hörten wir in der Sendung 10 vor 10:

    „Die UBS spannt zusammen mit dem WEF“

    Und lasen im Tages-Anzeiger:

    Vergangenes Jahr lehnte es beispielsweise das reiche Brugg in einer Volksabstimmung ab, mit dem verschuldeten Windisch zusammenzuspannen.
    (Quelle: Tages-Anzeiger 10.03.07 S. 5)

    Die hochindustrialisierte Eidgenossenschaft, in der gern mal das „Heu auf der gleichen Bühne gelagert“ wird, oder so mancher „sauber überm Nierenstück“ ist, pflegt auch im 21. Jahrhundert das Zusammenspannen:

    Es spannt die Binnenwirtschaft zusammen
    (Quelle: sbv-usp.ch)

    Die SBB mit dem SRK (Schweizer Roten Kreuz) (Quelle: redcross.ch), und sogar der japanische Mischkonzern Sanyo mit Telion.

    Unser Duden erklärt:

    zusạmmenspannen :
    1. als ein Gespann einspannen: vier Pferde z.; Ü einen alten und einen jungen Mann z.
    2. (schweiz.) sich mit jmdm. zusammentun, zusammenschließen: sie spannte mit ihrer Nachbarin zusammen.
    (Quelle duden.de)

    Eindeutig ein helvetisches Erbe in der gemeinsamen Deutschen Sprache! Die belegen zusätzlich die 33.500 Fundstellen bei Google-CH für „spannt zusammen“. Deutlich erkennen wir die Sprache der ehemaligen Pferdebesitzer. Vom anfänglich erwähnten Spanner, der sein privates Hobby des Spannens gern allein und nicht zusammen ausübt, ist leider nirgends mehr die Rede. Doch unser Duden kennt auch ihn:

    3. (salopp) a) Voyeur: er ist ein alter Spanner;
    b) jmd., der bei unerlaubten, ungesetzlichen Handlungen die Aufgabe hat, aufzupassen u. zu warnen, wenn Gefahr besteht, entdeckt zu werden.
    (Quelle: duden.de)

    Die zweite Bedeutung unter b) kannten wir nicht. Das war bisher jemand, der „Schmiere steht“. Aber man lernt ja nie aus. Den Schmetterling namens „Spanner“ haben wir auch unerwähnt gelassen. Wo gibt es denn noch Schmetterlinge, ausser im Papilorama bei Kerzers?
    Echter Spanner
    Echter Spanner
    (Quelle Foto: rotholl.at)

    Telefonieren Sie ihm oder mit ihm? — Ich ruf dir an

    Mai 14th, 2007
  • Er telefonierte seinen Kollegen
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger den Satz:

    (…) telefonierte der Beamte seinen Kollegen auf den Nachbarstationen und liess alle Züge Richtung Bhopal stoppen.
    (Tages-Anzeiger 12.05.07 S. 36)

    Moment mal, fehlt da nicht das Wörtchen „mit“? Er „telefonierte seinen Kollegen“ steht dort geschrieben, ganz direkt und frank und frei, ohne jegliche Präposition. Es steht nicht: „Er rief ihn an“ oder er „kontaktierte ihn“, sondern er „telefonierte ihnen“, als Mehrzahl von „ihm“. Sie sind halt doch etwas direkter, die Schweizer, und brauchen für die Kommunikation über das Telefonnetz keine Präposition wie wir Deutsche.

    Wir kennen diese direkte Art zu telefonieren aus Frankreich, dort heisst es auch „téléphoner à qn“, also mit der Präposition „à“ zwischen dem Verb und der Person, aber gemeint ist damit der Akkusativ wie in „jemanden anrufen“, aber nicht wie in „jemanden telefonieren“. Oder haben dies die Deutsch-Schweizer tatsächlich erneut von ihren Welschen Landsleuten übernommen? Es ist, zugegeben, eine sehr elegante und platzsparende Variante, die neben „jemanden anrufen“ oder „jemanden benachrichtigen“ sehr logisch und konsequent auftritt. Doch seit wann ist Sprache logisch? Wenn Deutsche „er telefoniert ihm“ lesen, dann kommen da Assoziationen wie „er glaubte ihm“ oder „er verzieh ihm“ auf. Oder nicht? Es ist einfach ungewohnt, so direkt ohne „mit„.

  • Rufst Du mir an? Ja, ich ruf dir an
  • Wenn Sie diesen kleinen Satz ohne mit der Wimper zu zucken äussern, dann leben Sie eindeutig in der Schweiz, oder im Schwabenland.

    Im Forum der Wörterbuchseite LEO.org lasen wir zu der Frage, ob anrufen ein „dir“ oder „dich“

    Denke auch, dass „ruf mir an“ ein Fehler ist, der typischerweise von Schweizern begangen wird, die nicht gut Deutsch können.
    (Quelle: Leo.org)

    Na na, wer wird denn da so voreingenommen den Schweizern gegenüber sein. Was heisst hier eigentlich „gut Deutsch können“? Einen Sprachstandard sollten wir doch völlig wertfrei betrachten. Er wird einfach von der grössten Sprechergruppe als „richtig“ empfunden, was jedoch nicht heissen soll, dass keine Varianten zulässig sind, oder? Wir finden diese ewige Beurteilung „das ist gut“ und „das ist nicht gut“ ziemlich egozentrisch und borniert. Sie findet sich mehrheitlich bei Menschen, die Sprache für regelbar und eindeutig festgelegt halten.

    Die Erklärung zum „dir anrufen“ und „dich anrufen“ Problem findet sich im Duden. Auch diesmal sitzen alemannischen Deutschschweizer und Südwestdeutsche im gleichen Boot:

    anrufen: In der Standardsprache wird anrufen nur mit dem Akkusativ verbunden. Die Verbindung mit dem Dativ gehört zur regionalen Umgangssprache, besonders in Südwestdeutschland und der Schweiz. Es heißt also: Ich rufe dich morgen an (nicht: Ich rufe dir morgen an).
    (Quelle: duden.de)

    Die Verwechslung von Akkusativ und Dativ ist nicht nur in Südwestdeutschland bekannt, wie dieser bekannte Berliner Spruch verdeutlicht:
    „Ick liebe Dir, ick liebe Dich – wie’t richtich heeßt, dat weeß ick nich.“

    Heute schon bös geschnitzert? — Neue Schweizer Lieblingswörter

    Mai 11th, 2007
  • Zigeuner oder Jäger?
  • Ein Schnitzel ist etwas Feines, und dazu etwas extrem Deutsches, auch wenn es „Wiener Schnitzel“ genannt wird. Man kann es in Deutschland als „Zigeunerschnitzel“ oder als „Jägerschnitzel“ bestellen, je nach dem, ob man mehr Paprika aus dem Glas oder lecker Pilze aus der Dose dabei haben möchte.

  • Willst Du lieber ein Plätzli oder ein Plätzchen?
  • Das „Schnitzel“ ist laut unserem Variantenwörterbuch Gemeindeutsch, es macht in Deutschland aber gern ein wenig Platz für das Schweizer „Plätzli“. Nein, so heissen keine kleinen Plätze in der Schweiz. Denn solche „Plätzlis“ kann man essen, sie sind ebenfalls aus Fleisch, zu erkennen am Beiwort, nicht an den Pilzen. Wir unterscheiden „Rindsplätzli“, „Schweinsplätzli“ (der wahre Kenner beachte das seltener Fugen-S!), aber auch „Saftplätzli“ (aus Saft gewonnen?) und „Huftplätzli“. Wobei dieses „Huft“ wahrscheinlich die Schweizer Kurzform für alle „Huftiere“ im Allgemeinen sein mag, keine Ahnung.

    Mit den Deutschen „Plätzchen“ hat das alles wenig zu tun, die sind süss und heissen in der Schweiz „Guetzli“ oder „Biskuit“. Schnitzel werden geschnitten, und nicht „geschnitzelt“, obwohl diese Verben eng verwandt sind. In Deutschland kannten wir dann noch „Schnitzen“ als entspannende Freizeitbeschäftigung mit Messer und Holz. Dabei fallen „Schnitze“ ab, die können auch aus Obst erstellt werden. Apfelschnitze zum Beispiel. Aus dem Duden lernen wir, was schnitzen mit schneiden zu tun hat. Es ist die „Intensivbildung“:

    schnitzen [mhd. snitzen, Intensivbildung zu schneiden]: a) mit einem Messer kleine Stücke, Späne von etw. (bes. Holz) abschneiden, um so eine Figur, einen Gegenstand, eine bestimmte Form herzustellen: sie kann gut s.;
    b) schnitzend herstellen: eine Madonna s.; c) durch Schnitzen an einer Sache anbringen: eine Inschrift in eine Holztafel s.
    (Quelle: Duden.de)

  • Nicht schnitzen sondern schnitzern
  • Doch dann gibt es ja da noch den Tages-Anzeiger mit seiner täglichen Lektion Schweizerdeutsch. In ihm lasen wir neulich:

    Dass die Verantwortlichen der Zürcher Kantonalbank bös geschnitzert haben, steht fest. Nur, die ZKB ist eine Bank. Sie hat von Gesetzes wegen den Auftrag, Geld zu verdienen.
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 5.5.07)

    boesgeschnitzert.jpg

    Eine Erfindung des Journalisten Bruno Schletti? Weit gefehlt, denn „böse“, „arg“ oder „grob geschnitzert“ wird laut Google-CH noch an 65 weiteren Stellen in der Schweiz. Erstaunlich, dass weder Kurt Meyer in seinem Schweizer Wörterbuch noch das Variantenwörterbuch aus dem De Gruyter Verlag diese Verbform erwähnt. Vielleicht haben die auch grob geschnitzert?

    Ab sofort, beschliessen wir, werden wir nie wieder Fehler machen sondern nur noch grob schnitzern. Ein Schnitzmesser oder Schnitzermesser braucht es offensichtlich nicht dazu.