Gut gestimmt zur „Abstimmig“

Oktober 6th, 2005
  • Vier Mal im Jahr JA oder NEIN schreiben
  • Die Schweiz ist berühmt für ihre basisdemokratischen Volksabstimmungen. Damit bei der grossen Anzahl von Volksinitiativen nicht an jedem zweiten Sonntag abgestimmt werden muss, und so bald niemand mehr Lust haben könnte, zur Abstimmung zu gehen, werden die Referenden gesammelt und es wird an vier Terminen im Jahr darüber entschieden. Allein diese Terminfestlegung kann für das Los einer Initiative entscheidend sein, denn zu Abstimmungen, die zusammen mit einer herkömmlichen Wahl stattfinden, gehen erfahrungsgemäss mehr Wahlberechtigte.

  • Genug von Volkes Stimme
  • In Deutschland gibt es keine „Volksbegehren“ auf Bundesebene. Nach der Verblendung in der Nazi-Zeit bis hin zur „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Rede Goebbels, bei der alle befragten JA schrieen, hatten die Väter und Mütter des Deutschen Grundgesetzes genug von „Volkes Stimme“. Nur noch gefiltert über eine repräsentative Demokratie sollte über alle wichtigen Fragen entschieden werden.
    In Baden-Württemberg (also auf Landesebene) kann das Volk zum Beispiel per Volksbegehren die Auflösung des Landtags bewirken.

  • Briefwahl für alle
  • Die Unterlagen werden den Schweizern einige Zeit vorher mit der Post zugeschickt, weswegen die meisten per Briefwahl abstimmen. In Deutschland ist es notwendig, die Briefwahlunterlagen für eine Bundestagswahl anzufordern, sonst ist nix mit Kreuzchen machen vom Urlaubsort aus. In der Schweiz überfliegen viele sofort nach Erhalt der Unterlagen die Themen, schreiben Ja oder Nein, tüten den Kram ein und ab geht die Post. Nur bei wirklich spannenden Themen steigt die Wahlbeteiligung auf über 50%.

  • Wahlunterlagen in EINEM Umschlag
  • Bei den letzten Gemeinderatswahlen in unserer neuen Wahlheimat wunderten wir uns besonders über die Art, mit der die verschiedenen Schweizer Parteien in den knallharten Wahlkampf einstiegen: Wir bekamen einen grossen Briefumschlag zugeschickt, mit einem gemeinsamen Anschreiben der Parteien, worin uns empfohlen wurde, die beiliegenden Informationen aufmerksam zu lesen und uns dann zu entscheiden. Abgesehen davon, dass wir als Ausländer sowieso kein Wahlrecht hatten, rätselten wir über diese Art von Konkurrenz. Da wird gegeneinander um die Stimmen der Wähler gestritten, gleichzeitig aber befürchtet, der Wähler könne böse werden, wenn man unsinnig viel Geld verpulvert und die 8 Broschüren einzeln per Post zuschickt. Die Parteien harmonieren also miteinander, und das bereits im Wahlkampf.

    Besonders gefiel uns die Schweizer F.D.P., das ist die „Freisinnig-Demokratische-Partei“, „frei“ in dem Sinne, dass sie frei von Sinnen ist? Rätsel über Rätsel.

  • Die Zeitungen sind parteiisch bei den Abstimmungen
  • Als begeisterte Zeitungsleser haben wir in Deutschland gelernt, dass im Journalismus streng zwischen Textsorten „sachlicher Bericht“ (ohne Wertung), „Kommentar (mit Wertung), „Kolumne“ (mit persönlicher Meinung) etc. unterschieden wird. Nicht so in der Schweiz, hier steht bei jeder Abstimmung im Tages-Anzeiger zu lesen: „Die Haltung des Tagsanzeigers ist JA (oder NEIN)„.

    Merkwürdig, wie wollen die noch neutral über die Pro- und Contra-Argumente berichten, zwecks eigener Meinungsbildung des Lesers, wenn sie selbst so deutlich Stellung beziehen? Seit kurzem gibt es den Plan für eine Volksinitiative, die verbieten will, dass der Bundesrat und die Bundesverwaltung öffentlich kund tut, ob sie für oder gegen eine Vorlage sind. Die Diskussion darüber nahm absurde Züge an, als die Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz sagte:

    Das Volk hat immer das entscheidende letzte Wort. Aber das Volk hat nicht immer recht (Quelle)

    Zu dieser Erkenntnis waren die Väter und Mütter des Deutschen Grundgesetzes auch schon gekommen.

    Topaktuelles Design

  • Frisch designte Plakate zur Abstimmung
  • Was ich bei den Abstimmungen in der Schweiz aber am liebsten mag sind die hipp-hopp retro-mässig cool designten Werbeplakate, die immer wieder aktuell kurz vor einer Abstimmung ausgehängt werden.

    Cooles Retrodesign für die Abstimmung

    Räbeliecht-Lauf statt Martinsumzug

    Oktober 4th, 2005
  • Martini-Umzug in Deutschland
  • Es ist Herbst, die Tage werden kürzer und es wird früher dunkel. In Deutschland freuen sich Millionen von Kindern auf das „Laternelaufen“ beim Sankt Martins Umzug. Wochenlang werden Laternen aus schwarzem Karton und durchsichtigem Buntpapier gebastelt, bemalt, mit Blättern verziert und schliesslich mit einer echten Kerze ausgestattet, die dazu dient, am entscheidenden Umzugsabend das ganze Prachtwerk in Flammen aufgehen zu lassen.
    Martini Laterne

    Ganz faule kaufen sich einen fertigen Papier-Lampion in einem Schreibwarengeschäft, und noch grössere Loser statten ihn sogar mit einer durch eine Taschenlampenbatterie gespeisten elektrischen Glühbirne aus. Lampion auf dem Umzug
    Die Kinski-Kinder (nein, nicht die vom Klaus) freuen sich auf Sankt Martin am 11. November, wenn sie abends im Dämmerlicht hinter dem Typen herauflaufen, der mit einem roten Mantel und Schwert den heiligen Sankt Martin mimt, welcher einst in einer kalten Winternacht einem Bettler am Strassenrand die Hälfte seines Mantels abtrat. Ich habe schon als Kind nie verstanden, warum er ihm nicht gleich den ganzen Mantel gegeben hat oder ihn lieber in einen warmen Gasthof einlud, der Schuft.
    Sankt Martin mit dem roten Mantel

    Ganz Deutschland feiert Sankt Martin, auch in nicht katholischen Gegenden werden Laternen geklebt und wird ein Umzug veranstaltet.

  • Räbelicht-Laufen in der Schweiz
  • Und in der Schweiz? Da herrschen heidnische Bräuche. Nicht der heiligen Sankt Martin wird verehrt, sondern die heilige Räbe! Das ist – wohlgemerkt – keine Zuckerrübe sondern so ein Zwischending zwischen nicht scharfem Rettich (von der Form) und etwas zu spitzem Kürbis. Sie dient als Symbol für Fruchtbarkeit wird als Dank für eine reiche Ernte geopfert. Fragen Sie doch mal einen Schweizer in Ihre Nähe, was die „Räbe“ eigentlich ist. Keiner weiss es so genau, und die Erklärungen sind mit unter recht lustig und unterschiedlich. Ein Kultgegenstand, und niemand weiss wo er herkommt!
    Raebeliechtli

    Am dritten Novemberwochenende war bei uns Räbeliechtle-Laufen. Lange nach St. Martin, den hier niemand zu kennen geschweige denn zu feiern scheint. Die Kohlrabi ähnliche Rüben, die „Räben“ werden in einer Abendsitzung von Müttern ausgehöhlt und zu Laternen umgebaut; sehr hübsch die lila Färbung dieser Rübe, die man nicht essen kann, und die wohl offensichtlich nur noch für dieses Brauchtum angebaut wird in der Landwirtschaft.

  • Die Väter müssen ran zum Schnitzen
  • Schweizer erzählten mir, dass das in manchen Schulen die mords- mässige Väteraktion ist, wenn man sich abends zum Schnitzen der Lampen einzufinden hat. Bei unserer Tochter taten dies die Mütter. Die Kinder können da nicht mithelfen, viel zu gefährlich und schwierig mit den scharfen Messern die Dinger auszuhöhlen. Arm dran sind die Väter mit drei Kindern, denn da heisst es dann an drei Abenden dabei sein und schnitzen!

  • Umzug mit der Primarschulklasse
  • Gelegenheit, das Klassenzimmer kennen zu lernen war dann das Treffen zum gemeinsamen Umzug. Die Klasse wird nur mit Finken, den Hausschuhen betreten. Der Lehrer hat um sich rum so was wie ein Arbeitszimmer aufgebaut mit Regalen, Stereoanlage, Büchern, Schreibtisch, kaum denkt man, hier in einer Klasse zu sein. Hinten stehen 4 PCs mit Druckern, von Eltern gespendet (meist ausrangierte Geräte), damit die Kleinen den Anschluss an die moderne Zeit nicht verpassen!

    Raebeliechtli vor dem Umzug

  • Einsingen auf dem Schulhof
  • Am Eingang steht eine super vollautomatische Elektro-Orgel, die auf Knopfdruck fast alles allein spielt, gemeistert vom Klassenlehrer und seiner Dienstagsvertretung (da hat der Herr Lehrer frei und die Kollegin übernimmt). Einsingen auf dem Schulhof im Regen, die Trommelwirbel waren noch am besten zu hören, vom Gesang nur wenig zu ahnen, wenn da nicht ein Kind auf einer Trompete die auseinanderdriftenden Kinderstimmen auf Linie halten würde.

    Lied: „Ich gah mit myner Laterne, und myni Laterne mit miir. Am Himmel lüüchted d Sterne, da unde lüüchtet miir. De Güggel chräät und d Chatz miaut. La pimmel, la pimmel la pumm.“

    Das männliche (Schwyzerdütsch „mändliche„) Geschlechtsteil ist hier Feminin, wie jeder unschwer feststellen kann. Unsere Tochter bekringelt sich jedes Mal bei diesem Lied: „Ist wohl mehr für die Väter gedacht“.. bemerkte sie neulich

  • Multi-Nationale-Schweizer Klasse
  • Dann der Umzug: „Eltern hinterher, Kinder geschlossen voraus“. Zeit, die anderen Eltern kennen zu lernen. Der erste Papa entpuppt sich als Türke (Tochter Yasemin, 3. Kind, seit 10 Jahren hier, viele Deutsche in der Firma, gut Arbeit, gut Leben, teuer Wohnung), der zweite ist aus dem Vietnam (Maschinenbauer mit sächsischer Ausbildung und Akzent!), der dritte scheint ein Schweizer zu sein.. denkste, denn drei Strassen später fängt er an von seiner Heimat Bosnien zu erzählen und erkundigt sich, ob Freiburg in der Ex-DDR liegt? Grosse Thema bei ihm „Wie habt Ihr denn die Aufenthaltsbewilligung bekommen, und welche habt ihr?“ Wir hatten damals noch gar keine.

    Nach dem Nachtmarsch gab es Tee und Kuchen im „Singsaal“, so heisst der Musiksaal hier. Dann war diese Brauchtumsveranstaltung vorbei, ganz ohne heiligen Sankt Martin, aber dafür mit „la pimmel la pammel la pumm“

    Nationalfeiertag 1. August und 3. Oktober Tag der Deutschen Einheit

    September 29th, 2005
  • Tag der deutschen Einheit am 17. Juni
  • Von 1954 bis 1989 feierten die Deutschen ihren „Tag der Deutschen Einheit“ immer am 17. Juni, in Gedenken an den Volksaufstand von 1953 in der DDR. Wie lief das ab? Tagsüber ein Ausflug ins Grüne, dann ab in den Biergarten, denn es war ja Sommer und selbst die Pfarrer hatten dienstfrei. Abends dann wurden Kerzen ins Fenster gestellt, zum Gedenken an die „Brüder und Schwestern im Osten“. In der Schule wurde uns immer vom tragisch-dramatische Anlass für diesen Feiertag erzählt, aber am 17. Juni selbst interessierte das niemanden mehr, solange der Himmel blau und die Luft lau war.

  • Die wahre Fussball-Einheit
  • Dann kam die Wende, und kurz darauf gewann Deutschland die Fussballweltmeisterschaft von 1990. Das war die wahre Wiedervereinigung, denn in Ost und West strömte alles zum Autokorso auf die Strassen, um zu feiern. Die Brasilianer in Zürich taten dies nach dem Sieg über Deutschland beim WM-Endspiel 2002 gegen Deutschland ebenfalls.

    Was wäre passiert, wenn 2002 auch Deutschland gewonnen hätte? Wären die 16.000 Deutschen in Zürich auf die Strasse gegangen und hätten einen Autokorso veranstaltet? Ich glaube kaum. Wir sind ein höfliches und äusserst bescheidenes Volk und halten uns lieber zurück im Ausland. „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“, das ist nur noch verstaubte Nazi-Propaganda. Ausser wenn es um die Plätze am Hotel-Swimmingpool auf Mallorca geht. Da gilt es, jeden Quadratzentimeter vor den Briten zu verteidigen. Wer zuerst kommt, der legt’s Handtuch zuerst. So einfach ist das mit dem Raumgewinn.
    Zumal die Schweizer im Sommer 2002 zu Brasilien hielten, und nicht für die „Sprachbrüder“ im Norden waren, ist doch selbstverständlich. Unsere Tochter war schockiert, als ihr plötzlich der unverhohlene Anti-Deutsche-Wind in ihrer schweizer Primarschulklasse ins Gesicht wehte und sie als einzige vor dem Match gegen Brasilien den deutschen Spielern die Daumen drückte.

  • Kein Gesang beim Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990
  • Im Jahr 1990 wurde der deutsche Nationalfeiertag zweimal begangen: Am 17. Juni und am 3. Oktober. Wir zogen, wie bei der gewonnenen Weltmeisterschaft gelernt, wiederum kurz vor Mitternacht in die Innenstadt von Freiburg im Breisgau und warteten auf das grosse Event, wenn Deutschland endlich „ein einig Vaterland“ wird. Doch nichts geschah. Koitus interruptus. Kein Autokorso, kein Gesang, nicht mal eine klitzekleine Parteiveranstaltung der örtlichen CDU. Die Post ging einzig in Berlin am Brandenburger Tor ab, mit Sylvesterfeuerwerk und Menschenmassen auf den Resten der damals noch existierenden Mauer.

  • Kantönligeist und Ländersache
  • Mittlerweile wird in Deutschland darüber nachgedacht, diesen Feiertag wieder abzuschaffen, zum einen aus Kostengründen, und zum anderen ist es eh meist zu kalt für den Biergarten. Neben dem 1. Mai ist das der einzige Feiertag, über den der Bundestag bestimmen kann. Alle anderen Feiertage sind Ländersache.
    Wir haben ihn auch in Deutschland, den berühmten „Kantönligeist“ der Schweizer. Bei uns heisst das: „Näheres regelt ein Ländergesetz„. Als der Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl zu Beginn des Internetbooms einmal gefragt wurde, wie er sich denn den Ausbau der Datenautobahnen vorstelle, antwortete er lakonisch: „Autobahnbau ist Ländersache„, also nicht Angelegenheit eines Bundeskanzlers.

  • Der 1. August in der Schweiz — vom halben zum ganzen Feiertag
  • Der 1. August ist ein nationaler Feiertag, allerdings haben die Schweizer nur etwas davon, wenn er auf einen Wochentag fällt, sonst fällt er aus. Viele Jahrzehnte war es nur ein halber Feiertag, d. h. bis zum Mittag wurde gearbeitet. Bei der 700-Jahrfeier 1991 haben sich dann die Schweizer den zweiten halben Feiertag gegönnt. Geplant ist, diese Grosszügigkeit im Jahre 2291 bei der Tausend-Jahr-Feier mit einem weiteren halben Feiertag mächtig auszuweiten.

    Zum 1. August gehört das Absingen der Schweizer Hymne. Damit da nix schiefgeht, wird sie ein paar Tage vorher jedem Haushalt per Postwurfsendung zugeschickt, natürlich in den vier Landessprachen. „Bitte zur Feier mitbringen“ steht auf dem Papier. Wir lernen die Schweizer Hymne (d. h. wir brummen so wie alle irgend etwas mit. Den ganzen Text kann hier niemand richtig) und kaufen Fähnchen mit Kreuz darauf. Alles ist mit Fähnchen geschmückt. Es gibt in der Schweiz kaum einen Gegenstand, den man nicht mit einem Schweizerkreuz verziert käuflich erwerben kann: Trinkbecher, T-Shirts, Socken, nur Toilettenpapier habe ich noch keins entdeckt. Wer würde auch sowas kaufen wollen?

  • Sylvesterknallerei von Juli bis August
  • Vor der Migros gibt es Raketen und Böller wie in Deutschland an Sylvester zu kaufen, und zwar schon ein paar Tage davor. Was dazu führt, dass man von Ende Juli bis Mitte August gelegentlich ein Böller in der Nachbarschaft hochgehen hört und unser Hund ernsthaft davon überzeugt ist, dass der Krieg wieder ausgebrochen ist und wir nicht ganz bei Trost sein können, bei solch einer Schiesserei auch noch spazieren gehen zu wollen. Er verkriecht sich dann lieber unters Bett.
    Anton unterm Bett wenn es knallt

    Die Schweizer feiern diesen Tag daheim, ein jeder macht sein Privatfeuerwerk. Wir feiern mit den Nachbarn ein rauschendes Fest im Garten, mit selbstgebastelten Krachern und Raketen vom Nachbarsjungen „Da-Benny“. Die Kinder haben einen Riesenspass. Manch eine selbstgebaute Rakete startet in der Waagerechten, was die Aufregung der Zuschauer noch steigert.

  • Die Schweizer sind schon auf den Bergen
  • Tagsüber machen wir einen Ausflug an den Vierwaldstättersee. Warum sind die Strassen so leer? Warum sind die Parkplätze an den Bergbahnen so voll? Die Schweizer sind schon oben, sie hocken auf den Gipfeln und warten auf den Sonnenuntergang. Dann gibt es grosse Feuer auf allen Gipfeln, die Höhenfeuer, und am Mythen wird ein überdimensionales Schweizer-Kreuz aus Strohfackeln in Brand gesetzt.
    Schweizerkreuz und Mythenkreuz

    Oberhalb vom Vierwaldstättersee entrollen mutige Bergsteiger eine Schweizerkreuz-Fahne in 20 x 20 m Grösse an einer Felswand. Die Aufhäng-Action wird live im TV übertragen.

  • Nazi Gegröle auf dem Rütli
  • Zu jedem 1. August in der Schweiz gehört auch das Ritual, zur Rütliwiese zu fahren und sich dort von an anwesenden Rechtsradikalen tüchtig die Laune verderben zu lassen. Jedes Jahr werden es mehr, und jedes Jahr herrscht grosse Empörung darüber, wie das Nazi-Gegröle und der Hitlergruss doch als störend empfunden werden. Verboten werden diese Aufmärsche dort nicht, denn das Rütli ist das nationale Heiligtum der Schweiz, und da darf jeder hin.
    Auf dem Ruetli am 1. August

    Führerausweis ohne Führer

    September 28th, 2005
  • Der Lappen von der Kirmes
  • Der Schweizer „Führerausweis“ heisst in Deutschland kurz der „Führerschein„, denn merke: Der Schein trügt! Mitunter kann man sich „den Lappen“ (Jugendjargon ) auch auf einem Jahrmarkt (Schweizerdeutsch „Chilbi“) auf einem Schiessstand (in Deutschland nur mit Luftgewehr!) selbst schiessen. Daher kommt auch die spöttische Bemerkung, wenn jemand einen äusserst schlechten Fahrstil hat. „Hast Deinen Führerschein wohl vom Jahrmarkt, oder was?“
    Ein grosser alter Führerausweis

  • In der DDR war der Führer abgeschafft
  • Führerausweis“ lässt einen Deutschen unwillkürlich stramm stehen, das Wort erinnert doch sehr an „Führerhauptquartier“ oder „Führer befiehlt — wir folgen„, und ausnahmsweise ist es mal länger als das deutsche Gegenstück „Führerschein“.

    Hat ganz Deutschland das Ding so genannt? Nein, natürlich nicht, denn in der DDR war der Führer bekanntlich abgeschafft. Das Wort wurde ersetzt, so hiessen bestimmte Leute in Berlin offiziell die „Stadtbildzeiger„, weil sie nicht mehr als Fremden-Führer arbeiten konnten, und der Lappen hiess einfach die „Fahrerlaubnis„, womit das Führerproblem elegant umgangen werden konnte. Wobei den Jungs im Osten noch lange nicht erlaubt war hinzufahren, wohin sie wollten, trotz Fahrerlaubnis.

  • Die Nazi
  • Es gibt noch andere Worte, bei denen ein Deutscher unwillkürlich zusammenzuckt, so z. B. wenn die Schweizer immer wieder von „die Nazi“ reden. Sie meinen damit jedoch keine Nationalsozialistische Partei, sondern ihre „Nationalmannschaft„, ist echt wahr!

  • Vorbelastete Wörter
  • Weiterer Wörter, die bei mir als Deutscher in der Schweiz eine ganze Reihe von Assoziationen und Konnotationen auslösen: Fahre ich mit einem Fahrstuhl und lese das Typenschild des Herstellers „Schindlers Lifte“, muss ich sofort an den Film von Steven Spielberg über den Deutschen Judenretter Oskar Schindler und seine Liste denken.

    Höre ich auf dem Zürcher Hauptbahnhof die Lautsprecherdurchsage „Sie haben Anschluss“, dann fällt mir ein, dass die Deutsche Bahn gleich nach der Privatisierung den Anschluss abgeschafft hat. Es gibt in Deutschland keinen Anschluss mehr, der ist ersetzt worden durch „die Reisemöglichkeit“. Nur noch im Potentialis, in der Möglichkeitsform wird gesprochen, wenn sie irgendwo ankommen und ihr nächster Zug ist gerade abgefahren. Suchst Du den Anschluss, dann geh doch nach Österreich, die haben da auch genug von.

    Es finden sich weitere Beispiele. So heissen die internationalen „Workcamps„, die jeden Sommer in vielen Ländern Europas stattfinden und von zahlreichen Jugendlichen besucht werden, auf Französisch „Chantier“ und auf Deutsch verschüchtert „Aufbaulager„, denn die eigentliche Übersetzung „Arbeitslager“ ist nicht mehr verwendbar.

  • Keinen TÜV beim Strassenverkehrsamt
  • Unser Auto hatten ich erst einige Wochen nach dem Umzug in die Schweiz umgemeldet. Die Grenzer wurden von mal zu mal unfreundlicher, wenn wir mit Schweizer Wohnsitz und deutschem Kennzeichnen nach Jeststetten „go postschte“ gingen. Irgendwie total illegal, ein Auto in Deutschland gemeldet zu haben, ohne dort zu wohnen.
    Zuvor musste ich den Wagen beim Strassenverkehrsamt in Zürich vorführen, denn einen TÜV gibt es nicht in der Schweiz . Der linke Scheinwerfer war um 8 mm zu tief eingestellt, erfahre ich vom untersuchenden eidgenössischen Ingenieur nach einstündiger eingehender Prüfung unseres Neuwagens, der erst zwei Monaten zuvor in Deutschland mit zwei Jahren TÜV zugelassen worden war. Upps, da müssen die deutschen TÜV-Ingenieure wohl etwas übersehen haben! Also musste ich durch die Stadt zu meiner Werkstatt brausen und das richten lassen. Völlig umsonst, denn nach einer Stunde Rückfahrt wurde die erfolgte Korrektur nicht einmal mehr begutachtet.

    Meine Kollegen amüsierten sich über meine Folgsamkeit: „Du warst nicht beim Schweizer Militär, da hättest Du gelernt, dass Du am besten einfach auf den Parkplatz gefahren und dort zwei Stunden gewartet hättest, um dann den Wagen direkt nochmals vorzufahren.“ So geht das also, muss ich merken für die nächste Vorführung.

    Ein paar Wochen später haben wir auch unsere Führerscheine umschreiben lassen. Jetzt haben wir „Führerausweise“. Die alten Ausweise werden, wie zuvor schon die Autokennzeichnen, einkassiert und an die deutschen Behörden zurück überstellt. Das sei so üblich. Man will sich ja nicht am Eigentum des befreundeten Auslands bereichern. Für das Einpacken und Zurückschicken der alten Kennzeichnen werden sage und schreibe 120 CHF Gebühr verlangt. Ein teurer Päckchendienst ist das hier!

  • Führerausweis C1 — Permiss dar manischar
  • Zwei Jahre später werde ich vom Zürcher Strassenverkehrsamt erneut angeschrieben: Ich soll mich einer Kontrolluntersuchung bei einem Arzt unterziehen. Dieser muss auf einem Formblatt eintragen, ob ich Einstichstellen habe, oder ein „auffälliges Nasenseptum“ (= Koksnase), oder ein Leber-Stigmata (=“Säuferleber“).

    Besonders Wert wird auf die Untersuchung der Psyche gelegt: „Stimmung, Affekt, Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedankengänge, Gedankeninhalte und Gedächtnis“ sollen vom Arzt bei mir untersucht und beschrieben werden. Besonders freute ich mich auf die Untersuchung der Gedankeninhalte…

    Was war der Grund? Meine Deutscher Führerschein Klasse III wurde zu einem C1 in der Schweiz umgeschrieben, wodurch ich die Berechtigung habe, PKW über 3.500 KG zu fahren (in Deutschland nur bis 2800 KG), somit auch Kleinbusse etc., aber definitiv noch keine Panzer. Will ich diese Bewilligung behalten, muss ich zur Untersuchung. Seit März 2003 gibt es diese Regelung, und nach und nach wird es alle Deutsche mit umgeschriebenen Führerausweis in der Schweiz erwischen!
    Neuer C1 Führerausweis
    Das rätoromanische „Permiss dar manischar“ klingt meiner Meinung nach eher nach einer Erlaubnis zum Essen. Sind die sicher, dass da nicht ein Irrtum vorliegt und das hier als Mensa-Ausweis gilt?

    Dem Grenzer lieber keine Fragen stellen — Erlebnisse an der Deutsch-Schweizer Grenze

    September 25th, 2005
  • Erlebnisse an der Grenze
  • „Der Grenzer grenzt ein, der Grenzer grenzt aus, ich grinse dem Grenzer ins begrenzte Gesicht…“

    Diese Textzeile aus einem alten Mike Krüger Song fällt mir ein, wenn ich an die Grenzer denke. Wir lieben sie, diese letzte Bastion zwischen der glücklichen Schweiz und dem gefährlichen Europa, die Grenze bei Lottstetten, Tag und Nacht von Deutschen und Schweizer Grenzern scharf bewacht, die aufpassen, dass nicht mehr wie 2 Liter Alkohol pro Person eingeführt werden (3 Weinflaschen = 3 x 0.7 = 2.1 Liter, also Obacht!), und die bei 503 Gramm Hackfleisch die Nase rümpfen, denn das sind 3 Gramm zu viel!

  • Bloss keine Fragen stellen
  • Gelegentlich fordere ich die fundierte, 3jährige Ausbildung der deutschen Grenzbeamten heraus, in dem ich mich erdreiste, ihnen Fragen zu stellen:
    „Wo kann ich mein Auto ummelden, wenn es schon verzollt ist. Geht das hier bei Ihnen, oder muss ich dazu nach Schaffhausen?“

    Die Antwort weiss der Grenzer nicht, aber dafür wird jetzt erst mal mein Fahrzeug kontrolliert, sprich durch den Computer gejagt. Ich möchte die Wartezeit nutzen, und die Schweizer Kollegen befragen: „Bleiben Sie bitte neben dem Wagen stehen, solange dieser überprüft wird!!!“ werde ich energisch aufgefordert. Na klar, schon verstanden, könnte ja sein, dass die Karre ohne mich wegfährt während der Überprüfung.
    Zollkontroller durch Schweizer

    Oder dann, als wir endlich Pässe mit Schweizer Wohnsitzeintrag haben, meine Frage, wie das denn nun mit den Bundestagswahlen funktioniert. Ob ich dazu zum Konsulat muss, oder ob das auch per Briefwahl geht? Fragen, die ein in der Schweiz lebender Deutscher einen deutschen Grenzbeamten zu fragen wagt. Antwort: „Darüber kann ich ihnen keine Auskunft geben, fragen sie doch mal die Schweizer Kollegen“. Klar, die werden sicher bessere Kenntnisse in deutschem Auslandswahlrecht haben als der deutsche Grenzschützer.

    Ich finde diese Information dann auf der Homepage des Deutschen Konsulats in Genf: Wir können uns in der letzten Gemeinde, in der wir in Deutschland gemeldet waren, ins Wahlverzeichnis eintragen lassen, und dann per Briefwahl dort wählen.

  • Impfisswiss
  • Wir fahren nach Deutschland zum Einkaufen. Auf der Rückfahrt fragt der Schweizer Grenzbeamte: „Hen Sie d’Impfisswiss dibii?“ Welche deklarationspflichtige Ware er damit wohl meint? Ein paar Missverständnisse später ist es klar: Gefragt ist der Impf-Ausweis für unseren Hund. Der darf nicht ohne Tollwutimpfung ein- oder ausreisen, auch wenn die Tollwut in beiden Nachbarländern seit langem ausgestorben ist

  • Trödel nach Deutschland importieren
  • Als wir einmal mit einem gemieteten Transporter alte Möbel nach Stuttgart fahren wollen, um sie dort auf einem Garagen-Flohmarkt verkaufen zu lassen, wird der Deutsche Grenzer bei der Einreise aufmerksam: „Dann ist das ja sozusagen Handelsgut! Wir schätzen dass auf einen Wert von EUR 100,–, das macht dann also 16 EUR Mehrwertsteuer.“

    Er beteuert, dass wir besser nix von dem Garagen-Verkauf erzählt hätten, jetzt muss er das wohl verzollen. Kurz schiesst mir der Gedanke durch den Kopf: „Hoffentlich macht er jetzt einen richtigen grossen Tanz um das Zeug, mit viel Papierkram und stundenlangem Aufenthalt, dann kann ich das wenigstens für meinen Blog verwenden…“, da klärt sich die Angelegenheit plötzlich ganz schnell: Da wir keine Euro dabei haben, und die nächste Wechselstelle geschlossen ist, wird ihm das alles doch zu mühsam. So lässt er uns ziehen und „schenkt“ uns die 16 Euro Zoll für 3 alte Korbsessel, ein paar kaputte Holzstühle, eine Kiste mit gebrauchtem Porzellan etc.

  • Erbstücke importieren
  • Auf der Rückfahrt führten wir dann geerbte Möbelstücke von Deutschland in die Schweiz ein. Zum Glück hatten wir uns eine genaue Aufstellung der Möbel incl. Wertangabe und einer Bestätigung, dass es sich um ein Erbe handelt, in Deutschland anfertigen lassen. Möbel bis max. 2000 CHF Wert darf man so kostenlos einführen. Alles geht gut, wir lassen uns den Import bescheinigen und werden dann, wie immer, von den Schweizern ohne Kontrolle durchgewunken.

    Manchmal bin ich versucht, meine „Fragen an die Grenzer“ zu sammeln und an unser Aussenministerium zu schicken. Vielleicht kann man da eine Unterrichtseinheit für die 3jährige Ausbildung draus machen? Sie sehen, ich denke immer methodisch-didaktisch-praktisch.

  • Wollen Sie wiegen oder sollen wir schätzen?
  • Einmal fahre ich allein zum Einkaufen nach Deutschland, und kaufe absichtlich mehr Milch und Fleisch ein, als eine einzige Person eigentlich zollfrei einführen darf. Ich beabsichtige die Übermenge ganz regulär zu verzollen. Mit soviel freiwilliger Bereitschaft zum Zoll entrichten werde ich an der Grenze misstrauisch rausgewunken, und die eingeführten Mengen werden genaustens inspiziert. Man fragt mich, ob ich mit einer provisorischen Schätzung des Warengewichts einverstanden bin, oder auf ein genaues Wiegen bestehe. Ich will sehen, wie der Mann schätzen kann, und lasse mich auf Ersteres ein:
    „Nun, sie haben da 2 Kästen Mineralwasser, das sind schon mal 12 KG…“, so geht das weiter. Jetzt wird also auch das Wasser verzollt. Mit sage und schreibe 14 CHF Zoll werde ich zur Kasse gebeten. Was tun wir nicht alles um die Aussenhandelsbilanz der Schweiz zu verbessern!

    Zoll in Lottstetten bei Nacht