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Räbeliecht-Lauf statt Martinsumzug

  • Martini-Umzug in Deutschland
  • Es ist Herbst, die Tage werden kürzer und es wird früher dunkel. In Deutschland freuen sich Millionen von Kindern auf das „Laternelaufen“ beim Sankt Martins Umzug. Wochenlang werden Laternen aus schwarzem Karton und durchsichtigem Buntpapier gebastelt, bemalt, mit Blättern verziert und schliesslich mit einer echten Kerze ausgestattet, die dazu dient, am entscheidenden Umzugsabend das ganze Prachtwerk in Flammen aufgehen zu lassen.
    Martini Laterne

    Ganz faule kaufen sich einen fertigen Papier-Lampion in einem Schreibwarengeschäft, und noch grössere Loser statten ihn sogar mit einer durch eine Taschenlampenbatterie gespeisten elektrischen Glühbirne aus. Lampion auf dem Umzug
    Die Kinski-Kinder (nein, nicht die vom Klaus) freuen sich auf Sankt Martin am 11. November, wenn sie abends im Dämmerlicht hinter dem Typen herauflaufen, der mit einem roten Mantel und Schwert den heiligen Sankt Martin mimt, welcher einst in einer kalten Winternacht einem Bettler am Strassenrand die Hälfte seines Mantels abtrat. Ich habe schon als Kind nie verstanden, warum er ihm nicht gleich den ganzen Mantel gegeben hat oder ihn lieber in einen warmen Gasthof einlud, der Schuft.
    Sankt Martin mit dem roten Mantel

    Ganz Deutschland feiert Sankt Martin, auch in nicht katholischen Gegenden werden Laternen geklebt und wird ein Umzug veranstaltet.

  • Räbelicht-Laufen in der Schweiz
  • Und in der Schweiz? Da herrschen heidnische Bräuche. Nicht der heiligen Sankt Martin wird verehrt, sondern die heilige Räbe! Das ist – wohlgemerkt – keine Zuckerrübe sondern so ein Zwischending zwischen nicht scharfem Rettich (von der Form) und etwas zu spitzem Kürbis. Sie dient als Symbol für Fruchtbarkeit wird als Dank für eine reiche Ernte geopfert. Fragen Sie doch mal einen Schweizer in Ihre Nähe, was die „Räbe“ eigentlich ist. Keiner weiss es so genau, und die Erklärungen sind mit unter recht lustig und unterschiedlich. Ein Kultgegenstand, und niemand weiss wo er herkommt!
    Raebeliechtli

    Am dritten Novemberwochenende war bei uns Räbeliechtle-Laufen. Lange nach St. Martin, den hier niemand zu kennen geschweige denn zu feiern scheint. Die Kohlrabi ähnliche Rüben, die „Räben“ werden in einer Abendsitzung von Müttern ausgehöhlt und zu Laternen umgebaut; sehr hübsch die lila Färbung dieser Rübe, die man nicht essen kann, und die wohl offensichtlich nur noch für dieses Brauchtum angebaut wird in der Landwirtschaft.

  • Die Väter müssen ran zum Schnitzen
  • Schweizer erzählten mir, dass das in manchen Schulen die mords- mässige Väteraktion ist, wenn man sich abends zum Schnitzen der Lampen einzufinden hat. Bei unserer Tochter taten dies die Mütter. Die Kinder können da nicht mithelfen, viel zu gefährlich und schwierig mit den scharfen Messern die Dinger auszuhöhlen. Arm dran sind die Väter mit drei Kindern, denn da heisst es dann an drei Abenden dabei sein und schnitzen!

  • Umzug mit der Primarschulklasse
  • Gelegenheit, das Klassenzimmer kennen zu lernen war dann das Treffen zum gemeinsamen Umzug. Die Klasse wird nur mit Finken, den Hausschuhen betreten. Der Lehrer hat um sich rum so was wie ein Arbeitszimmer aufgebaut mit Regalen, Stereoanlage, Büchern, Schreibtisch, kaum denkt man, hier in einer Klasse zu sein. Hinten stehen 4 PCs mit Druckern, von Eltern gespendet (meist ausrangierte Geräte), damit die Kleinen den Anschluss an die moderne Zeit nicht verpassen!

    Raebeliechtli vor dem Umzug

  • Einsingen auf dem Schulhof
  • Am Eingang steht eine super vollautomatische Elektro-Orgel, die auf Knopfdruck fast alles allein spielt, gemeistert vom Klassenlehrer und seiner Dienstagsvertretung (da hat der Herr Lehrer frei und die Kollegin übernimmt). Einsingen auf dem Schulhof im Regen, die Trommelwirbel waren noch am besten zu hören, vom Gesang nur wenig zu ahnen, wenn da nicht ein Kind auf einer Trompete die auseinanderdriftenden Kinderstimmen auf Linie halten würde.

    Lied: „Ich gah mit myner Laterne, und myni Laterne mit miir. Am Himmel lüüchted d Sterne, da unde lüüchtet miir. De Güggel chräät und d Chatz miaut. La pimmel, la pimmel la pumm.“

    Das männliche (Schwyzerdütsch „mändliche„) Geschlechtsteil ist hier Feminin, wie jeder unschwer feststellen kann. Unsere Tochter bekringelt sich jedes Mal bei diesem Lied: „Ist wohl mehr für die Väter gedacht“.. bemerkte sie neulich

  • Multi-Nationale-Schweizer Klasse
  • Dann der Umzug: „Eltern hinterher, Kinder geschlossen voraus“. Zeit, die anderen Eltern kennen zu lernen. Der erste Papa entpuppt sich als Türke (Tochter Yasemin, 3. Kind, seit 10 Jahren hier, viele Deutsche in der Firma, gut Arbeit, gut Leben, teuer Wohnung), der zweite ist aus dem Vietnam (Maschinenbauer mit sächsischer Ausbildung und Akzent!), der dritte scheint ein Schweizer zu sein.. denkste, denn drei Strassen später fängt er an von seiner Heimat Bosnien zu erzählen und erkundigt sich, ob Freiburg in der Ex-DDR liegt? Grosse Thema bei ihm „Wie habt Ihr denn die Aufenthaltsbewilligung bekommen, und welche habt ihr?“ Wir hatten damals noch gar keine.

    Nach dem Nachtmarsch gab es Tee und Kuchen im „Singsaal“, so heisst der Musiksaal hier. Dann war diese Brauchtumsveranstaltung vorbei, ganz ohne heiligen Sankt Martin, aber dafür mit „la pimmel la pammel la pumm“

    

    19 Responses to “Räbeliecht-Lauf statt Martinsumzug”

    1. Michel Says:

      Corrigendum:
      Das beste Stück (in Deutschland offensichtlich geschlechtsneutral und in der metrosexuellen Gesellschaft nicht mal so unpassend formuliert) ist in der Schweiz männlichen Geschlechts (wie anatomisch unschwer feststellbar) und heisst „dr Pimmel“ oder „dr Schw..z“, „dr Rüssel“ etc…
      Der Räbeliechtli-Umzug ist meines Erachtens wirklich was ganz schönes, diekInder haben viel Spass. In unserem Dorf bewegt sich nach dem Eindunkeln die gesamte Schule während des Umzuges zum Altersheim und bringt im Lichtermeer gibt schöne Ständchen (Chorgesang) zum Besten, was den Alten sichtlich sehr gefällt, zudem wird da noch ein Posaunenchor à la Heilsarmee aufgeboten, die auch noch aufspielt. Ich habe das letztes Jahr zum ersten Mal selbst miterleben dürfen und es war wirklich schön.
      Uebrigens gibt es verschiedene Räbelichtli-Lieder, die garantiert jugendfrei sind!

    2. Baba Says:

      erst mal: ich habe mich vor dem bildschirm vor lachen gekugelt – riesen kompliment für deine blogs. macht wirklich spass, die verschiedenen stories zu lesen 🙂

      noch ein hinewis: räben (die dinger für die liechtli) kann man sehr wohl essen. meine grossmutter kochte jeweils ‚räbebappe‘ (bappe – hat nich mit papa oder pappe zu tun => brei). leider kenn‘ ich das rezept nicht (mehr), habe auf dem internet aber das folgende gefunden http://www.webmuseum.ch/Diversikum/Aargaugeo/rezepte/rabebabbe.cfm. dann gibt’s noch die verarbeitung zu ’suurräbe‘ – wird häufig zusammen mit sauerkraut vermischt und ist etwas milder als das sauerkraut, macht die ganze sache also geniessbarer.

    3. Jens-Rainer Wiese Says:

      Danke für den kulinarischen Hinweis, klingt ja mega lecker!
      Werde ich mal beim nächsten grossen Essen offerieren, mal sehen, wie das ankommt.
      Was das jetzt genau für Räben sind, ist damit aber immer noch nicht geklärt.
      Keine Zuckerrüben, keine Stockrüben, kein Kraut?
      Gruss, Jens

    4. Michel Says:

      Stoppel-, Steckrübe, Weisse Rübe, Räbe
      Kreuzblütler
      Rave d’automne / Rapa / Turnip
      Brassica rapa L. var. rapa subvar. esculenta

      wird nur noch in bestimmten Gebieten in der Schweiz angebaut, zB Kantone Aargau und Zürich.

      Gruss
      Michel

    5. Jürg Says:

      Hi Jens
      Erstmal hab ich mich auch gekugelt vor lachen und möchte dir zu deinen Bloggs gratulieren ich finde sie köstlich.
      Ich finde den Räbeliechtliumzug auch immer noch schön und hatte es beim schnitzen immer sehr lustig und man lernt so auch die anderen Väter kennen.
      Gruss aus Neftenbach
      Jürg

    6. Jürg Says:

      Räben (Stoppelrüben) angesät. Die rotköpfige Wädenswiler Sorte ist speziell für Räbenliechtli gezüchtet.
      http://www.biozac.de/biozac/capvil/Cvbr_rap.htm

    7. viking Says:

      Tja, den Pimmel haben wir wohl von Norddeutschland übernommen und eingeschweizert 😉 Der Güggel (Gockel) und die Katze kamen wohl aus Reimgründen mit ins Lied.

      Melodie – Volkstümlich aus Norddeutschland (Hamburg)

      Ich geh‘ mit meiner Laterne
      Und meine Laterne mit mir.
      Dort oben leuchten die Sterne,
      Hier unten, da leuchten wir.
      |: Mein Licht ist aus,
      Wir gehn nach Haus,
      Labimmel, labammel, labum. 😐

    8. Etienne Says:

      Habe per Zufall beim Surfen deine Seite entdeckt. Sehr witzig und lustig.

      Will hier nur schnell anmerken, dass der letzte Satz „La bimmel, la bammel, la bumm“ nichts mit Pimmel zu tun hat, sondern vom Verb „bimmeln“ herkommt. Bedeutet lediglich „herunterhangen“. Sprich:
      „Die Räbliechter der Kinder hangen wackelnd an der Griffstange herunter beim Umzug“.

      Im Berndeutsch noch oft im gebrauch.

    9. Psalmist Says:

      Ja, Etienne hat recht: Bimmeln, baumeln und bummeln kommen alle von den Glockentönen „bim, bam, bum“ und heissen ursprünglich „hin-und-her-bewegen, schwingen“, und zwar verschieden schnell (nach Kluge, Etymologisches Wörterbuch). Ich teile auch seine Interpretation von „la bimmel, la bammel, la bum“ als „baumeln“ (berndeutsch offenbar „bimmeln“; ich assoziiere es eher mit dem (zürideutschen?) „bambele“).

      Ich glaube aber, der „Pimmel“ könnte durchaus den selben etymologischen Ursprung haben und mit den genannten Wörtern verwandt sein. Leider habe ich dazu keine Angaben gefunden.

      Übrigens: Früher (vor ca. 10 Jahren), haben die Kinder die Räben noch selbst geschnitzt. Die der Jüngeren waren dann halt etwas rudimentärer verziert. Damals durften die Kinder – zumindest unter Aufsicht – tatsächlich noch mit Aushöhlinstrumenten, Guetsliförmli (für die Verzierungen) und Messern arbeiten!

    10. Louis Says:

      Hallo Jens
      Absolute Spitze Dein Wortspiel. Hab‘ ich gelacht! Nicht speziell wegen der örtlichen Gelegenheit am männlichen Körper, aber wie Du auf so eine Wortverwandtschaft gekommen bist! Ist einer Deiner 5-Sterne-Aufsätze. Gratuliere!

    11. Romy Says:

      Hallo Jens-Rainer! Ich empfehle Dir mal die Räbechilbi (Räbeliechtliumzug) in Richterswil zu besuchen. Dieser Anlass zu Martini hat eine lange Tradition. Der Umzug wird angeführt von „Kirchgängerinnen“. Die Oberstufenschülerinnen sind gekleidet wie anno dazumal und tragen alle eine einzelne geschnitzte Räbe. Der Brauch ist auf den Kirchgang zurückzuführen, als noch keine Strassenlaternen den Weg zur Kirche beleuchteten. Sämtliche Schulklassen lassen sich jedes Jahr ein bestimmtes Thema einfallen und stellen ein Räbenbild dazu her. Die meisten Vereine der Gemeinde überbieten sich mit Darstellungen. Einzelräben, Räben in Körben bis hin zu riesigen Bildern die auf den Schultern getragen werden bezaubern das Publikum. Auch die Häuser sind mit ausgehöhlten, durch Kerzen erleuchtete Räben dekoriert. Alle, die in Richterswil aufgewachsen sind erinnern sich an tagelanges, fröhliches Aushöhlen in Kellern und die Vorfreude auf den Umzug. Siehe auch: http://www.räbechilbi.ch

    12. siddy Says:

      Weiss jemand vielleicht die genaue historische Bedeutung für den Räbe-Umzug, das hat mich schon immer interessiert.

    13. daniu Says:

      Auch ich bin auf der Suche nach der historischen Bedeutung des Räbenliechtliumzuges. Seit 26 Jahren muss ich mich berufeshalber mit diesem Brauch beschäftigen ohne so richtig zu wissen warum. Die Informationen die ich habe sind, dass der Räbeliechtliumzug einerseits eine Ableitung von Halloween sei und andererseits im Zusammenhang mit der St. Martinsage steht. So richtig weiss ich es aber doch nicht. Wer kann mir weiterhelfen?

    14. Valerik Says:

      Bei Ihnen in der Schweiz in Bitsch und Sils ist St. Matti in 1110 geboren worden. Für seine Heldentat in 1135 Lotharius II und der Papst Innokentij haben ihn belohnt und haben den Herzog gemacht. Sehen meine Web-Seite: http: // http://www.bitny-schlachta.pochta.ru
      Hochachtungsvoll,
      Valerik.

    15. Franzi Says:

      Es gibt jetzt ein Projekt der Malteser, die das Thema Martinstag und Laternenumzüge aufgreift. Die Aktion heißt Martinshilfe. Die sammeln Spenden für Hilfsprojekte der Malteser auf Laternenumzügen und anderen Veranstaltungen am Martinstag. Müsst mal auf die Seite gehen. http://www.martinshilfe.de

    16. valerik Says:

      Der Ritter Matheus ist in 1110г. in BITSCH geboren worden(entstanden). Lernte in Sils im Domleschg. Siehe das Wappen in ihm das abgeschnittene Bein(Fuß), bei dem Bock in den Hufen die Prothese. Der Ritter diente bei Dem polnischen Fürsten, während des Kampfs, wenn bei dem Fürsten das Pferd getötet haben, hat er seine(ihr) zurückgegeben. Ihn haben im Sklaven – Räbe ergriffen. Den Ritter mit dem Genossen, haben von einer Kette, надели die Fesseln zugebunden. Matheus sich, hat seines(ihres) Bein(Fuß) abgeschnitten. Sein Genosse ist aus der Gefangenschaft fortgelaufen. In drei Tagen, hat er den Feinden .Враги ihm mitgeteilt haben sich verneigt, behandelten auch die Ehre, haben entlassen(zugeteilt). In 1135 Lothair II, der Kaiser, ihm das Herzogtum geschenkt.

    17. A Says:

      Wir haben als Kinder die Räben auch noch selber ausgehöhlt und verziert, und die ausgehöhlten Stücke (natürlich nicht die ganze Menge!) haben wir mit Genuss (roh) gegessen!

    18. Taloa Says:

      sicher kann man das räbäliechtli ding essen^^

    19. nurich Says:

      war mir klar.

      heutzutage herrscht einfach ein total übertriebenes sicherheitsdenken „ochgottogott die armen kindchen wenn die sich verletzen“

      ja und? wir leben doch auch noch.

      ich beglückwünsche jede gemeinde welche die kinder die räbe noch selber aushöhlen lässt. die gibts bestimmt, die sagen: das ist eine tradition und die lassen wir uns auch von selbsternannten dorfpolizisten nicht kaputtmachen!

      recht so.

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