Vom Fallen, vom Uhu und vom Hai

August 12th, 2008

(reload vom 14.1.06)

  • Ein Volk von Fallschirmspringern
  • Die Schweizer sind ein Volk von Fallschirmspringern, denn ziemlich häufig hört man sie im Alltag sagen, was sie „im Fall“ alles tun würden. Es muss ein ziemlich langer Fall sein, bei den vielen Tätigkeiten, die alle „im Fall“ erledigt werden. Manchmal ist er auch sehr konkret bezeichnet, dieser Fall, dann nämlich, wenn die Schweizer deutlich „in dem Fall“ sagen, womit jeder Deutsche weiss: Dieser und kein anderer Fall.
    Ein Volk von Fallschirmspringern

  • Die Fahrstuhl-Verabschiedung
  • In dem Fall“ hörten wir ziemlich regelmässig am Abend im Fahrstuhl, der abwärts fällt fährt, wobei die Betonung deutlich auf „dem“ lag. Wir hielten es für eine Form der Verabschiedung, sowas wie die höfliche und gedrängte Kurfassung (denn im Fahrstuhl geht es oft gedrängt zu, und man muss extrem höflich dabei bleiben) von:

    „Nur in dem Fall, dass wir uns heute und zu einer anderen Gelegenheit nicht mehr sehen sollten, wünsche ich Dir noch einen wunderschönen Feierabend und mach das Beste draus“.

    Kurz: „in DEM Fall.

  • „Hochmut kommt vor dem Fall“
  • Das haben wir in der Schule gelernt, erst sind die Schweizer also hoch gestimmt und mutig, wenn sie hoch droben auf den Skihütten feiern, oder aus dem Lift steigen, dann geht es abwärts auf Skiern die Hänge hinab, wie ein Fallwind, oder wie beim Sprung aus dem Flugzeug mit einem Fallschirm.

    Die Deutschen müssen an „den Fall“ immer noch ein „e“ anhängen, wie kleingeistig und unpraktisch! Weil sie stets so verschwenderisch mit den Buchstaben umgehen.

  • „Im Falle eines Falles, klebt Uhu wirklich alles“
  • Diesen Werbespruch wird jeder Deutsche über 30 sofort zitieren können. Nicht so in der von Migros beherrschten Konsumwelt der Schweizer. Da gibt es kein Uhu, da gibt es neutrale „Papierkleber“. Der markenfixierte Deutsche hat da ganz schlechte Karten, wenn er sich in irgendwie im Bastelshop zurechtfinden will.

    Der Schweizer kennt den „Uhu“ aber auch, aus zahlreichen Witzen vom Uhu und vom Hai, die Ursus & Nadeschin in ihrem Liveprogramm „HaiLights“ erzählten.
    Ursus und Nadeschkin (Bild Geri Born Zürich)
    (Bild Geri Born Zürich)

    Fliegt ein Uhu übers Meer und sieht einen Hai.. Sagt der Uhu zum Hai uhu, sagt der Hai zum Uhu, Hai

    Viel lieber mögen wir die Geschichte, in der jemand beim Uhu und beim Hai an der Wohnungstür klingelt fragt: „Isch d’Uhu dahai?“. Der Hai antwortet ihm: „I bin da Hai“

    Der Witz würde auf Hochdeutsch überhaupt nicht funktionieren, die Deutschen haben einfach keinen Hai dahai. Zum Trost gibt es wenigstens die „Haidenei“, ein wichtiger Fluch bei den Schwaben:

    haideblech! Ausruf des Ärgers;
    haidenei! Ausruf des Ärgers;
    hailix Blechle!Ausruf des Ärgers;
    Quelle: Schwäbisch geschimpft!

    Ein Badener in Hamburg und anderswo — Wo man deinen Dialekt versteht, da bist Du daheim

    Juli 28th, 2008
  • Ein Badenser bei den Fischköppen
  • Während Blogwiese in den Ferien weilt, gibt es ein bisschen was zu gucken. Dieser hübsche Film stammt von einem Menschen aus Karlsruhe, der sein (sprachliches) Glück in Hamburg versuchte. Wer aus diesem Teil Deutschlands stammt, nennt sich selbst „Badener“ oder „Badner“, und wurd einst von Goethe „Badenser“ genannt. Das ist zwar nicht richtig, aber sehr verbreitet.
    Als Badener nach Hamburg zu gehen, das ist nicht so einfach, denn dort oben versteht niemand Badisch, was zu den alemannischen Mundarten zählt, ähnlich wie Schwäbisch, Elsässisch und Schweizerdeutsch. Mal schauen, was Sie alles verstehen. Sonst gibt es ja noch die englischen Untertitel. Ja, die sind auch Englisch, nicht auf Niederländisch, auch wenn es oft so aussieht:
    Viel Vergnügen!

    Bei den Schwiizlis in Berlin — Unterwegs in der Hauptstadt der Deutschen. Der Deutschen?

    Juli 22nd, 2008
  • Kaum angekommen, schon das Schweizerkreuz gesichtet
  • Vor einiger Zeit machen wir einen längeren Besichtigungstrip nach Berlin, die Stadt der Schweizer. Kaum stiegen wir aus dem frisch designten Hauptbahnhof, sahen wir bereits die erste Schweizer Flagge:

    Rechts die Schweizer Botschaft

    Ja, es ist die Schweizer Botschaft, als einziges Gebäude auf dem Gelände zwischen dem heutigen Bundeskanzerlinnenamt und dem Deutschen Reichstag.

    Schweizer Botschaft in Berlin

    Aber deutliche Spuren von Schweizer sahen wir noch mehrfach, zum Beispiel diese Ansichtskarte, zu kaufen bei einem Kiosk auf der Prachtstrasse „Unter den Linden:“

    unheilbar verliebt in Berlin?

    In was der Absender dieser Postkarte wohl verliebt ist? Doch nicht etwa in die Stadt Berlin?

    Luftballon Schweizerkreuz in Berlin Mitte

    Oder dieses merkwürdige Kreuz aus roten und weissen Luftballons mitten in Berlin Mitte. Ist das hier vielleicht ein geheimer Schweizertreffpunkt?

    Dann trafen wir die „Schwiizlis“ in Berlin.
    Schwiizlis in Berlin
    Sie stellen sich im Internet so da:

    Was sind schwiizlis?
    * Schwiizlis sind selbständige und kreative Schweizerinnen und Schweizer in Berlin.
    * Schwiizlis haben einen Schweizerpass, eine Postkarte, eine Webseite und einen BLog.
    * Schwiizlis sprechen mal mehr, mal weniger hochdeutsch.
    * Schwiizlis essen gerne Rösti und Thailändische Reistafel, Nussstängeli und Mövenpickeis und freuen sich über die zunehmenden Marronistände im Winter.
    * Schwiizlis haben oft Besuch aus der Schweiz. Sie lernen dann immer wieder ein neues Stück Berlin kennen. Zum Beispiel die Aussicht vom Fernsehturm, denn Schwiizlis lieben Panoramen.
    * Schwiizlis sind spontan und unbürokratisch.
    * Schwiizlis sind offen, tolerant und nicht immer neutral.
    * Schwiizlis lieben die Ironie, das Spiel mit den Klischees und meinen es auch manchmal ernst.
    * Schwiizlis treffen sich einmal im Monat und freuen sich auf weitere Schwiizlis.
    (Quelle: Schwiizli.de)

    Na na, ob die alle eine B-Bewilligung haben? Und sich auch ja so wie Gäste benehmen? Kein Böller am 1. August abfeuern und so, keine Ruhestörung im Gastland, oder?

    Toblerone am Flughafen Tegel

    Vor dem Heimflug vom Flughafen Tegel aus wollte man uns das hier als Souvenirs und Mitbringsel aus Berlin andrehen. So merkwürdige dreieckige Schokoladestangen und Lindt-Schokolade. Oder nachgeahmte Milchkannen mit Schweizerkreuz drauf. Ob das überhaupt jemand mag in der Schweiz? Wir haben es dann doch besser stehen gelassen.

    Die gemeinsame Sprache unterscheidet uns — Wie hoch ist Hochdeutsch?

    Juli 16th, 2008
  • Die Baselbieterin Ruth Schweikert kommt aus Lörrach
  • Im Tages-Anzeiger lasen wir ein Interview mit der erfolgreichen Schweizerschriftstellerin Ruth Schweikert. Sie hat etwas mit dem neuen „Nati“-Trainer der Schweizer, Ottmar Hitzfeld, gemeinsam, denn sie wurde ebenfalls in Lörrach geboren. Ist sie damit nicht automatisch eine Deutsche? Nein, eine „Baselbieterin“, wie wir seit der Euro 08 wissen (siehe hier). Ausserdem ist sie quasi eine Blogger-Kollegin, denn sie führte bis zum 18.04.2008 einen Literaturblog beim Tages-Anzeiger.

  • Die trennende Rolle der gemeinsamen Sprache
  • Im Interview des Tages-Anzeigers sprach sie über die trennende Rolle der gemeinsamen Sprache der Schweizer, Deutschen und Österreicher. Besonders gefiel uns dieser Passus:

    Tagi:
    Karl Kraus hat einmal gesagt, was die Österreicher von den Deutschen unterscheide, sei ihre gemeinsame Sprache. Das müsste auf die Schweiz noch mehr zutreffen.

    Schweikert:
    Das ist ein grosses Thema. Die Sprache des Schweizers, der Dialekt, ist keine Schriftsprache. Daher kommt ein enormes Defizitempfinden. Ich erinnere an Dürrenmatt, als er in Berlin war und eine Lesung hatte und darum gebeten wurde, doch Hochdeutsch zu sprechen. Und er dann sagte: Also höher kann ich nicht. Es gibt die Vorstellung, dass Hochdeutsch oben ist. Und wir dann unten.
    (Quelle: Tages-Anzeiger Online vom 29.05.08 Interview mit Ruth Schweikert)

    Friedrich Dürrenmatt
    (Quelle Foto: ulricianum-aurich.de)

    Dürrenmatt wurde in Konolfingen im Kanton Bern geboren. Das Wissen um die Tatsache, dass das „Hoch“ in „Hochdeutsch“ die geographische Komponenten von „Neu-Hochdeutsch“ ist und den Süden des deutschen Sprachraums bezeichnet, und damit die Sprecher, die in den höher gelegenen Gebieten wohnen, ist einfach nicht weit genug verbreitet. „Unten“ sind die Menschen im niederdeutschen Raum, z. B. „Niedersachen“ und Hannover. Ganz unten sprechen die Deutschen Plattdeutsch, tiefer geht es dann kaum mehr.

    Schweizer Höflichkeitsrituale — Vom Ihrzen und Euchzen

    Mai 21st, 2008

    (reload vom 28.12.05)

  • Wenn Sie plötzlich viele sind
  • Kennen Sie das? Sie sind mitten im Gespräch mit einem Schweizer, weit und breit ist niemand Ihrer Familie oder Ihrer Freunde zu sehen, und plötzlich sagt der Schweizer:
    „Ihr müsst das verstehen, das könnt Ihr so nicht machen..“

    Ich drehe mich dann um und suche die anderen Menschen, die hier mit „Ihr“ gemeint sein könnten, denn „Ihr“ ist für mich die 2. Person Plural, die Mehrzahl von „DU“ also.

    Ausserdem frage ich mich, warum ich plötzlich so plump geduzt werde von meinem Gegenüber. „Euch macht das wahrscheinlich nichts aus, aber uns ist es doch arg“ geht die Rede weiter. Das Wörtchen „arg“ kennen wir zum Glück von „Argwohn“, es bedeutet etwas Schlimmes. In der isolierten Form als Variante von „sehr“ ist es im Norden eher ungebräuchlich, aber im Süden „arg“ praktisch, also haben wir es ruckzuck in unser Vokabular aufgenommen.

    In einer Gesprächssituation im nördlichen Teil Deutschlands kann man sich durch Verwendung von „arg“, „gell“ und „hat’s noch Kaffee“ jederzeit als hoffnungslos Süddeutsch eingefärbt zu erkennen geben, und damit auch als Deutscher vom „Jöö-Effekt“ profitieren.

  • Ihrzen und Euchzen
  • Die Schweizer haben diese geschickte Form der Anrede, die grammatikalisch gesehen ein Mittelding zwischen „Du“ und „Sie“ darstellt: Das „Ihrzen“. Ein kleiner Trost für die Schweizer: Sie sind mit dieser Angewohnheit nicht allein im Deutschen Sprachraum, auch im Badischen und Schwäbischen haben wir die „Ihr“ Anrede häufig gehört. So sagte mein Fahrlehrer (ein Schwabe), wenn ich etwas falsch machte:
    „Ihr müsst einfach besser aufpassen, ihr schaut da beim Überholen nicht rechtzeitig in den toten Winkel“, und ich lehnte mich entspannt zurück, denn mich konnte er ja nicht gemeint haben, weil auf Du waren wir nicht.

  • „Ihr“ kommt von „Vous“?
  • Es ist vielleicht ein Überbleibsel aus der Zeit Napoleons? Als die Schweiz und Süddeutschland besetzt waren von Französischen Truppen? Die französische Höflichkeitsform „Vous“ = „Sie“ entspricht der 2. Person Plural, dem deutschen „Ihr“. Ob es daher kommt? Ob man zu Zeiten, als es zum guten Ton gehörte, unter Bildungsbürgern auf Französisch zu parlieren, die „Vous“ Form verwendete und dann beim Rückfall ins eigene Idiom beim „Ihr“ blieb? Bei den Russen im 19. Jahrhundert war es garantiert so, die Romane von Tolstoi hat er nicht allein auf Russisch geschrieben, sondern grosse Passagen auf Französisch, nämlich immer dann, wenn sich die russischen Herrschaften unterhielten und dabei nicht von ihren Diener verstanden werden wollten.

  • Nördlich des Weisswurstäquators
  • „Wer von Euch ist dafür zuständig? Könnt Ihr mir das sagen?“ Geschickt wird hier mit der französischen Höflichkeitsform der Mittelweg zwischen „Du“ und „Sie“ gewählt. Das ist alles gut und schön, wir empfinden das als eine wundervolle Bereicherung. Nur hütet Euch davor, dies irgendwo nördlich des „Weisswurstäquators“ zu verwenden. Das ist die Grenze, die Bayern und den Süden vom Rest Deutschlands abtrennt, das einzige Pendant, was wir in Deutschland zum „Röstigraben“ kennen.