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Wie schmeckt eigentlich ein Füdlibürger?

  • Ist Füdlibürger immer „mit Fleisch“?
  • In unserer Schweizer Lieblingszeitung, die mit der täglichen „Extraportion Schweizerdeutsch“, so lecker wie das Weisse in der Milchschnitte, fanden wir dieses hübsche Überschrift:

    Die Füdlibürger werden vorgeführt

    Füdlibürger kann man nicht essen
    (Quelle Foto: www.tagesanzeiger.ch)

  • Was ist ein Füdlibürger?
  • Auch nach 9 Jahren in der Schweiz können wir auf Anhieb nicht genau definieren, was damit gemeint ist. Vielleicht doch etwas zum Essen? So wie ein Hamburger oder Cheeseburger? Die Google-Suche bringt uns 66‘000 Fundstellen bei Google.CH gegenüber nur 1940 Stellen bei Google.DE, noch schweizerischer geht also nicht.

    Auf dem Forum von empfindsam.de findet sich der Begriff schliesslich erläutert:

    Also Bünzli ist auch ein Schweizer Nachname, warum man den genau auswählte um damit Spiesser zu bezeichnen weiss ich nicht. Füdli heisst Hintern/Arsch, denke der Ausdruck Füdlibürger kommt daher, dass man bei uns auch synomym für wen, der kein Rückgrat hat, sagt, er hat kein Füdli.
    Für mich ist ein Spiesser einfach ein überangepasster Bürger.
    (Quelle: empfindsam.de)

    Wer kein Rückgrat hat und damit kein Widerstandskraft hat in der Schweiz bisweilen auch kein „Füdli“? Gemeint ist vielleicht das „Sitzfleisch“, also die Fähigkeit, eine Krise einfach geduldig auszusitzen.

  • Von Bünzlis und Spiessern
  • Gibt es wirklich Menschen, die „Bünzli“ heissen? Ja, 285 Eintäge hat das Online-Telefonbuch tel.search.ch. Der Name ist Programm. Die „Spiesser“ kennen wir, dass sind die Mitbürger mit den extra langen Spiessen, bei denen es in der Schweiz immer extrem wichtig ist, dass die auch wirklich „gleichlang“ sind (vgl. Blogwiese ). Doch Füdlibürger?
    Kurt Meyers Schweizerwörterbuch, sonst immer sehr komplett, hat diesen Begriff erstaunlicher Weise nicht aufgeführt, Michael Kühntopf’s Schweiz-Lexikon erwähnt es hingegen sogar in der Schreibweise „Füdlibörger“ als Synonym für „Spiessbürger“.

  • Kopf, Fiedle, Geldbörse
  • Aus dem Schwäbischen kennen wir den Merksatz „Kopf, Fiedle, Geldbörse“, die drei Dinge, die man beim Verlassen des Hauses dabei haben sollte. „Auf sich tragen“, sagt man dann in der Schweiz. Beim Kopf kann ich das nachvollziehen, bei der Geldbörse und dem Allerwertesten, nun die trage ich liebe an oder bei mir, aber nicht „auf“ mir. „Fiedle“ ist hier die Schwäbische Variante von „Füdli“. Warum die Bürger diese Vorsilbe bekommen? Vielleicht weil sie gern drauf sitzen, auf ihrem Füdli, und nicht in die Pötten kommen, wenn es ernst wird. Richtig negativ scheint uns der Begriff jedoch nicht besetzt, anders als alle Varianten von „Arsch…“. Eine „Arschgeige“ z. B. ist so negativ, dass sie bei Wikipedia als gesperrtes Wort gilt und nur von Administratoren angelegt werden kann.

  • Gesperrte Wörter
  • Die Liste der gesperrten Wörter bei Wikipedia ist übrigens eine unglaubliche Fundgrube für kreative Schimpfwortschöpfungen, sollten Sie sich mal ansehen. Zurück zu unsren Füdlibürgern in Zürich. Die gibt es also aktuell nun im Schauspielhaus zu sehen. Werden wir hingehen, und garantiert 2-3 Stunden auf dem Füdli hockend ansehen.

    

    13 Responses to “Wie schmeckt eigentlich ein Füdlibürger?”

    1. Guggeere Says:

      Unter Füdlibürger stelle ich mir den typischen dumpfschweizerischen Spiesser vor, der sich erst für etwas interessiert, wenn es in der Nähe seines Gesässes – und somit seines Portemonnaies – geschieht. Je weiter weg, desto uninteressanter, und spätestens jenseits des Gartenhags ist Terra incognita.
      Als Kind wurde mir von den Eltern eingeschärft, das Wort Füdli sei etwas Schlimmes und deshalb nicht zu benutzen. Aber solches pflegt sich überall etwa gleich zu entwickeln: Die Realität bzw. das sprachliche Umfeld ist übermächtig. Immerhin – und da hat Jens Recht – gilt Füdli als nicht ganz so abgrundtief «pfui» wie A… Eigentlich zu Unrecht, denn es handelt sich ja um das alte Wort Fut (bei den Brüdern Grimm noch im Sortiment, aber nicht mehr im Duden) plus Diminutiv. Im heutigen Standarddeutsch ist es umgekehrt: Das F-Wort (d.h. dessen modernere Version) gilt als viel schlimmer als das A-Wort.
      Danke für den Tipp mit der Wikipedia-Liste der gesperrten Wörter. Bin hell begeistert. Leider gedeihen auch auf der Blogwiese diverse völlig überflüssige Unkräuter aus der Familie der Trollgewächse; z.B. Helveten, thoitsch, har har, Sauschwab… 😉

    2. Peter Says:

      Ein kleiner Hinweis: In der Stadt St. Gallen findet alljährlich der sog. „FöBü-Verschuss“ statt. Was geschieht hier? Vor der Fasnacht wird ein Stadtbewohner zum „Ehren-FöBü“ (Ehren-Födli-Bürger) bestimmt. Diese Person sollte kein „Bünzli“ sein sondern „Födlä“ haben, also etwas Mut oder Courage. Am Fasnachtssamstag wird dann bekannt gemacht um wen es sich handelt und nach einem Umzug wird die Person vor eine, vom bekannten St. Galler Künstler Max Oertli hergestellte Kanone platziert und mit einer Ladung Konfetti beschossen – der Verschuss!
      Ein paar Hinweise finden sich auch hier: http://www.tagblatt.ch/lokales/stgallen/tb-st/Fuer-die-Fasnacht-geruestet;art186,1395573

      St. Gallen hat also nebst Bratwürsten auch noch eine grössere Anzahl Ehren-FöBüs zu bieten!

    3. Simone Says:

      Die Bezeichnung Bünzli stammt aus einem Theater Stück der 50er Jahre, das wurde mal in der DRS1 MailBox erklärt. Die Details sind mir aber im Moment nicht mehr bekannt.

    4. AnFra Says:

      Man sollte es nicht glauben, die Brüder Grimm haben wieder mal vor 200 Jahren das mit den Zürichern richtig vorausgesehen!

      Nach GWB:

      FÜDLIBURGER, m.
      was spieszbürger zu Zürich u. s. w. – ein bürger der gleichsam mit dem »füdli« am heimatsorte haftet -.

    5. Guggeere Says:

      @ Peter
      Die Erschiessung des Födlebürgers in St.Gallen gibts erst seit wenigen Jahrzehnten. Damals empfand ich diese neu erfundene Zeremonie als bemüht wirkenden Versuch, die klinisch tote St.Galler Fasnacht künstlich am Leben zu erhalten. Wie das heute ist, kann ich allerdings nicht beurteilen.
      Die Fasnacht hat im protestantisch-nüchternen St.Gallen leider «ka Födle» (keine Standfestigkeit / kein Glück – die Redewendung kann beides aussagen). Das hat wie in Zürich und Bern nie wirklich zusammengepasst.

      @ Simone
      Zum Bünzli: Gibts eine ähnliche Art von Personifizierung bzw. Allegorie des Spiessers nicht auch in Deutschland? Ich meine schon mal so was gehört/gelesen zu haben, weiss aber keinen Namen mehr.

      @ Troll: Plonk!

    6. Peter Says:

      @ Guggeere
      Du hast völlig recht, die Fasnacht in St. Gallen IST klinisch tot – und von mir aus könnte sie auch ganz beerdigt werden … hier wie anderswo. Und der FöBü-Verschuss passt zwar zu Blogwieses Thema ist aber einfach doof!

      @ Blogwiese
      Ich geniesse deinen Blog ungemein!!!!!!

    7. Esther Says:

      …und dann singt doch Florian Ast auch noch von den „füdlegwöhnlechi Schwizer“:

      „…aus nume füdlegwöhnlechi Schwizer
      Heimatland u Schtärnehagu nomau…“

      (Übersetzung: Alles nur „füdlegewöhnliche“ Schweizer
      Heimatland und Sternenhagel nochmal (Schimpfwörter))

      Bin nicht Bernerin und weiss nun nicht, ob der Ausdruck „füdlegwöhnlich“ auch sonst benutzt wird oder eine Eigenkreation von Florian Ast ist.

    8. Brun(o)egg Says:

      Eine Lanze für den Spiessbürger: Im Mittelalter waren das angesehene Bürger denen das Recht zugestanden wurde, mit einem Spiess durch durch die Stadt zu latschen. In Frankreich waren das die Bourgeois. Gute Bürger eben.
      Aber nachdem Charli Murks, obwohl noch nicht geboren, damals schon in den Köpfen der armen Untertänigen rumgeisterte, wurde es ein Schimpfwort. Auch nachzulesen bei Frisch.

      @ ein Zürcher.
      Zürcher sind wohl die verklemmtesten, zwinglanischen Bürger!
      ianischen Bürger.

    9. neuromat Says:

      @ Guggeere

      das A-Wort existiert im Kölschen Platt als F-Wort nur ohne li: „Sich den ganzen Tag den Futt breit sitzen“. Nur, ein Bezug zu einer bestimmten Gattung von Kölnern ist mir da nicht bekannt.

      Die Kölner werben mir ihrem Dialekt so

      De einzije Sproch,
      die mer och drinke kann

      Und auch hier schlagen sich die Bewahrer des Dialekts mit sich einschleichenden „Fehlern“ aus dem Hochdeutsch:

      http://koelschakademie.finbot.com/index.php3?seite=459&p_id=422

    10. AnFra Says:

      @Guggere

      Meinst du ne „Landpomeranze“, so ne passende Partnerin zum Spiesser Züricher.

      Spiesser- und Bübli-Züricher mit der Landpomeranze! Der neue helvetische Mensch. Horrrror.

    11. Guggeere Says:

      @ AnFra

      Eigentlich fragte ich eher nach einem deutschen Pendant zum personifizierten Schweizer Füdlibürger namens Bünzli. Obs so einen gibt und wie der eventuell heisst. So ein richtiger Detlef eben. 😉

      Die Bünzli laufen bei uns übrigens zu Hunderttausenden frei herum. Nur wenige davon sind Trolle…

    12. AnFra Says:

      @Guggere

      Kann wegen wenig Zeit hier nur ne schnelle und lange Nummer schreiben, ohne über die schlauen Bücher zu gehen.

      Mit dem „Bünzli“ ist die Herkunftsermittlung nicht leicht. Meiner Meinung nach ist diese Bezeichnung sicherlich eine endemische Schweizereigenart, wobei m. E. die Etymologie sich auf die Bezeichnung „Bunze, Punze, puncare usw“ ableiten lässt. Denn hier wirkt hermeneutisch sicherlich die Eigenart einiger Menschen ein, Gegenstände der Kunst, des Kunsthandwerks und schöner und/oder historischer Art, nicht der Schönheit wegen, der Einzigartigkeit, der Einmaligkeit und der Humanistik wegen zu bewerten, sondern auch beim Schmuck, güldenem Schnickschnack, Gebrauchsgegenständen aus Edelmetall ausschließlich nach deren materiellem Wert zu beurteilen. Und nun die mögliche Lösung zum „Bünzli“: Dieser Mensch ist sicherlich blind für schöne Werte, er sucht am Kunstwerk nur die eingeschlagene „Bunze, Punze“, um aus dieser Angabe beim Wertstück das Karat Gold, den Wert des Tausendstel Silber oder des Zinnlotes abzulesen. D.h.: Die materielle Gier nach Haben, aber nix Sein!!! Die Benennungen sind gemeindeutschen Ursprungs, aber diese Bezeichnung „Bünzli“ ist doch mir nur in den Schweizerlanden zu Ohre gekommen.

      Beim „Spießbürger“ sind es die „bürgerlichen Gruppierungen“, die ca. Mitte des 18. JH in der jeweiligen Stadt auch eine Möglichkeit hatten, mit militärischen Mitteln ihren Ort zu verteidigen. In diesem Falle mit den alten, übrig gebliebenen, nicht mehr auf der militärtechnischen Höhe seienden Spießen, den kurzen und den etwas überholten langen (a-la-Reissläufer des 16. JH!). Nach den napolionischen Kriegen hatten Stadtmauern und deren Befestigungen keine sinnvolle Funktion. Die Mauern wurden danach abgerissen und auch die Verteidigungsstrukturen lösten sich auf. Da diese Bürgergruppierung in der städtischen Verteidigung an 3. Stellen war (1. Stelle die Soldaten, 2. Stelle die alten Zünfte, die entsprechende Mauerabschnitte oder Befestigungsstellungen hatten), hatten diese Bürger nun keine Rechtfertigungsbasis für ihr Agieren. Folge: Die liefen mit den überlassenen Spießen noch unnötig herum, bildeten Traditionsvereine wie z.B. Bürgerwehren, Schieß- und Schützenvereine, folgend auch Feuerwehr u.a. Banalitäten mehr. Ergo: Man brauchte in der Zeit am Anfang des 19. JH keine spießtragende bürgerliche Stadtverteidiger mehr, aber diese Bürger haben für solche Vorgänge keine Erkenntnis. Sie trugen und tragen „ihren“ Spieß noch mit sich rum. Sind halt die „Spießbürger“, der Tradition verhaftet, auch wenn diese wenig sinnvoll scheint.

      In Deutschland wird der Spießbürger fälschlicherweise mit dem „Nachtwächter“ gleichgesetzt. Dat is nich richtig. Der Nachwächter war ein von der Stadt eingesetzter und bezahlter Mensch, der auf die Stadt auf Feuer und Brand überprüfte, bei Gefahr durch fremde Menschen, Räuber und / oder Soldaten außerhalb der Stadtmauer Alarm auslöste und auch die Uhrzeit ausrief. Nachdem die Stadtmauern geschliffen wurden, wurde dann auch diese Arbeit überflüssig. Wer nichts wurde, wurde Nachtwächter. Ein Job für Schnarcher!

      Beim „Füdliburger“ gibt’s ne Besonderheit. Denn „Füdli“ lässt sich über eine sehr lange Ableitung auf das indoeurop. „pu“ zurückführen. Man / frau denke an die vollen Kinderwindeln. Beim aufwickeln dieser Windel gibt’s oft die Reaktion: „pu“, was das Kleine schon alles macht!!!. Über die 1. Lautverschiebung zum „fu“ und „fott“ uam. kommts zum ahd. „füdle, fidle, fudl“, als das Gesäß meinende. Da in diesem Körperbereich dieser Ausdruck eigentlich Gestank, Eitel und Fäulnis beschreibt, hat sich der Sinninhalt des „füdle“ auch auf „faules“ Sitzen übertragen. Also ist der „Füdliburger“ ein Mensch, der „faul“ auf seinem Hintern sitzt und nicht sein Heim, den Ort oder die Region verlässt. Er ist also ein „fauler“ Siech. Er kann, muss aber jedoch nicht, auch noch ein „Spießbürger“ sein. M.E. ist der „Füdlisburger“ nicht identisch mit dem „Spießbürger“.

      Da in der Schweiz die Entwicklung etwas langsamer ablief, sind diese Begriffe auch in der Schweiz gebräuchlich gewesen. In Deutschland scheinen nach den napolionischen Kriegen etliche Schweizersoldaten eine Tätigkeit in den dt. Städten und auch Kirchen Gefunden zu haben. Aber nicht nur aus dieser Zeit gibt’s den Begriff des „Schweizers“ mit dem typischen Spieß. Also liegt die Namensquelle des „Spießers“ ursprünglich auch im Schweizerumfeld.

      Der Züricher findet wie ein erfolgreiches Trüffelschwein immer wieder seine Abstammungsquellen!

      Mögliche Entwicklungslinie nach Darwin: Bünzli = Spießbürger / Füdlisburger = Nachtwächter = Irrläufer = Schmierer = Züricher.

    13. Phipu Says:

      Nur noch kurz zu den „Bürgern“: Wenn man schon „Burger“ nicht essen kann, dann noch viel weniger „Bürger“. Siehe dazu:
      http://www.blogwiese.ch/archives/27
      http://www.blogwiese.ch/archives/335
      bzw. in den Zweitausstrahlungen*
      http://www.blogwiese.ch/archives/637
      http://www.blogwiese.ch/archives/1141

      * Man muss ja nicht immer „Rilöud“ sagen. Zwar … wenn man „Börger“ oder „Baga“ sagt, kann man dann vielleicht „Burger“ plötzlich doch essen.

      [Anmerkung Admin: „Zweitausstrahlung“ finde ich klasse, werde ich mir merken. Ist das das englische Wort für „reload“? ]

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