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Hahnenburger sind keine Chickenburger — Die Ressourcen der Schweiz

(reload vom 28.6.06)

  • Mögen Sie Hahnenburger?
  • Wir lasen in 20minuten die Schlagzeile

    „Hahnenburger so beliebt wie noch nie“.
    (Quelle: 20minuten, 22.06.06)

    Hat die Schweiz die McBurger Kultur revolutioniert und nach dem „Chickenburger“ und dem Vogelgrippe-Skandal ganz umgeschwenkt auf eigenproduziertes eidgenössisches Hühnerfleisch? Werden die Burger, von denen wir gelernt haben, dass es lange dauern kann, als solcher anerkannt zu werden (vgl. Blogwiese Wie wird man ein Burger?) jetzt vielleicht nicht mehr aus mit BSE verseuchtem Rinderfleisch, sondern vermehrt aus „poulet“ hergestellt, bei dem auch die männlichen Hähne verarbeitet werden können?

  • Was hat die Schweiz im Überfluss?
  • Doch es geht gar nicht um Geflügel, es geht um edles Mineralwasser.
    Hahnenburger ist beliebt
    (Quelle: 20minuten vom 22.06.06)

    In der Schweiz gehört dies zu den Ressourcen, die man in grosser Menge zur Verfügung hat und auch locker als Eigenproduktion exportieren könnte. Wasser ist also eine grosse Ressource in der Schweiz. Die anderen beiden sind Steine und Elektrizität, aus Wasserkraft gewonnen.

  • Steine und Kies:
  • Die Tiefdruckgebiete lassen ihre Wassermassen an den Alpenhängen, das Wasser fliesst bergab, wobei es jede Menge Geröll löst und mit sich führt. Es sind immerhin acht LKW-Ladungen voll mit Kies, die allein der Vorderrhein jeden Tag als „Geschiebe“ von den Alpen herab zum Bodensee befördert, und die dort gleich wieder aus dem Flussbett gebudelt werden, damit nicht auf die Dauer der See zugeschüttet wird.

  • Strom aus Wasserkraft:
  • In der Schweiz bildet die Wasserkraft mit ihrem Anteil von rund 60% an der gesamten Stromproduktion das Rückgrat der Elektrizitätsversorgung. Wasserkraft ist erneuerbar, emissionsfrei und einheimisch.
    (Quelle: Swissworld.org)

    Die Speicherbecken in den Alpen sammeln das Wasser, welches durch Röhren und Tunnel im Fels zu den Turbinen der Kraftwerke schiesst, wo diese Energie für die Stromerzeugung genutzt wird.
    Speicherkraftwerk Vorderrhein
    (Foto: poweron.ch)
    Hier noch eine schöne animierte Grafik von der Poweron.ch Seite, welche die Funktionsweise eines solchen Speicherkraftwerks erläutert.

    Die natürliche Ressource „Wasser“ lässt sich freilich auch als Mineralwasser in Flaschen abfüllen und verkaufen. Es ist ja genug da. Valser Mineralwasser zum Beispiel.

    Mineralwasser
    Die Schweizer verbrauchen im Jahr über 876 Mio Liter Wasser, nur 600 Mio davon sind im Land abgefüllt, 7.4 Mio werden exportiert, und tatsächliche 284 Mio werden importiert (!).
    (Quelle mineralwasser.ch)

    Was hier passiert, kann man ruhig als „ Eulen nach Athen“ tragen bezeichnen. Wer schafft das Kunststück, den Schweizern ausgerechnet Mineralwasser zu verkaufen, wo sie doch selbst so zahlreiche und augezeichnete Quellen im Land haben? Marktführer beim Import ist die Sanpellegrino AG, auch als S.Pellegrino oder San Pellegrino bekannt.

    2001 ist die Sanpellegrino S.p.A. mit über 2 Millarden Füllungen im Jahr und 13 Marken größter Getränkehersteller Italiens.
    2004 Integration der Sanpellegrino Deutschland GmbH, in die Nestlé Waters Deutschland AG.
    (Quelle)

    Gehört also zum Nestlé Konzern, ist darum ein Stück Schweiz, wir können beruhigt sein.

  • Wie schafft es ein Importeur, den heimischen Abfüllern so Konkurrenz zu machen?
  • Mineralwasserabfüllen ist ein unkompliziertes Geschäft. Man braucht die Flaschen, eine Quelle, eine Abfüllanlage um das Wasser mit Kohlensäure zu versetzen, rein in die Flasche und fertig. Für die eingesetzte Ressource muss man nichts bezahlen, wenn man direkt an der eigenen Quelle abfüllt. Komplizierte Gesetze wie in Deutschland, die Einweg-Petflaschen verbieten oder dafür ein Pfand-Rückgabesystem vorschreiben, von Deutschen Umweltministern ausgedacht, kennt die Schweiz nicht.

    Es gibt sogar Abfüller wie die Coca Cola GmbH, die für ihre Marke „Bonaqua“ einfaches Leitungswasser verwenden, mit Mineralen und Salzen versetzt, damit der Kunde auch schön durstig bleibt beim Trinken.

    Die Frage nach dem Grund, warum importiertes Mineralwasser häufig billiger ist als schweizerisches, beantwortet die Website des Zweckverbands mineralwasser.ch:

    Zur Verbilligung tragen die tieferen Herstellungskosten bei (billigere Arbeitskräfte, Verpackungen, Energiekosten usw.)

    Bekannt ist, dass einige schweizerische Handelsunternehmen bei ausländischen Mineralquellen grosse Mengen Mineralwässer zu Tiefstpreisen kaufen. Würden Schweizer Produzenten gleichermassen „tauchen“, würden sie bald in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, da sie entsprechend geringere Mengen von korrekt kalkulierter Ware absetzen könnten.
    (Quelle: Mineralwasser.ch)

    Es gibt also keine Hochpreisinsel, es gibt nur „korrekt kalkulierte Ware“. Muss ich mir merken für den nächsten Einkauf. Werde dann fragen, ob es noch ein bisschen „falsch kalkulierte Ware“ zum Mitnehmen gibt.

  • Und warum nennen die Schweizer ihr Leitungswasser „Hahnenburger“?
  • Dieser geläufige Übernamen „Hahnenburger“ für Leitungswasser stammt höchstwahrscheinlich von der Mineralquelle Weissenburg im Simmental ab. Wir erfuhren, dass man noch vor etwa 20 Jahren oft im Restaurant Weissenburger Citro („Wiisseburger Zittro“) erhielt. Heute können wir im Internet nur noch spärliche Hinweise auf Weissenburger Mineralwasser finden. Es verlor seine Markposition, bevor es im Internet Spuren hinterlassen konnte.

    Mögliche Entstehung des Namens:
    „Was hast denn du für ein Wasser in deiner Flasche?“ – „Hahnenburger“ (klingt eher nach Mineralwassermarke als „Hahnenwasser“)

    (Teil 2 morgen: Warum die Deutschen kein Leitungswasser trinken und warum Harass kein Schäferhund ist)

    

    7 Responses to “Hahnenburger sind keine Chickenburger — Die Ressourcen der Schweiz”

    1. Brun(o)egg Says:

      Hahnenburger gibts auch im Welschland (Romandie): Chateau Robinet.

      Das mit der einfachen Abfüllung von Leitungswasser + Kohlensäure = Mineralwasser stimmt seit den 20-er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht mehr. Auch für CocaCola nicht.
      Es gibt Bestimmungen was als Mineralwasser gilt und was nicht.

      [Anmerkung Admin: Bist du dir sicher? Bei Bonaqua ist das hundsgemeines kommt das Wasser von den Stadtwerken. Vgl Wikipedia.de:

      Die etwa dreißig Abfüllbetriebe für Bonaqa in Deutschland beziehen ihr Wasser aus eigenen Brunnen oder von den jeweiligen Stadtwerken. Im Abfüllbetrieb wird dieses Wasser nochmals gefiltert, mit Mineralien wie Natrium, Calcium und Magnesium angereichert und schließlich mit Kohlensäure versetzt. Das so produzierte Wasser soll überall gleich schmecken

      ]

    2. Ingo Says:

      Also in meiner Heimat (Siegerland) hiess das immer Kraneberger (vom Wasser-Kran = Wasserhahn). Die Wortbildung ist also nichts spezifisch schweizerisch. Hat wohl eher damit zu tun, dass viele Getränkemarken irgendwie auf „-berger“ oder „-burger“ enden…

    3. da Gonozal Says:

      Bei uns in der Kurpfalz nennt man dies Hahnewasser, weil es aus dem Wasserhahn kommt. Auch unter dem pseudonym „Gänsewein“ bekannt.
      Tönt geil. :-))

    4. Bense Says:

      „Poweron“ erinnert mich immer an diesen neuen englischen Wodka, „Poweron/off“…

    5. Brun(o)egg Says:

      @ Adm:

      Jens: Das trifft nur für die Schweiz zu! Hab übersehen, dass es um deutsches Wasser geht.
      Damals, aben im letzten Jarh. wurde den schon bestehenden Quellen, wie zum Bsp. Henniez erlaubt weiter abzufüllen, obwohl sie die Bedingungen nicht erfüllen.

      Generell zu Mineralwasser: Wenn man Herrn Brabeck von der Nestlé glaubt, braucht es 5 bis 6 Liter normales Wasser in der Prod. um einen Lt. Mineral herzustellen.
      Bei der voraussichtlichen Wasserknappheit nicht gerade gut!

    6. dip Says:

      Da stehen mir ja die Haare zu Berge! Das Hahnenburger kommt vom „Wasserhahn“ und der suffix -burger stammt tatsächlich von ähnlich lautenden Getränkemarken.

    7. Ingo Says:

      @Ein Zuercher: Mag ja sein, dass das „bei Euch“ eine konkrete Anspielung ist – ich wollte nur darauf hinweisen, dass sich dieses Wort in meiner Heimat (und anscheinend auch im Welschen, s. Brun(o)egg) ganz generisch gebildet hat. Weshalb ich die Möglichkeit auch für die Schweiz zumindest nicht ausschliessen wollte. Wäre nicht das erste Mal in der Sprachgeschichte, dass ein Wort nachträglich eine Ethymologie verpasst bekommt, die gar nicht stimmt 😉 Vgl. auch „Backronym“ ( http://de.wikipedia.org/wiki/Backronym ).

      Und was an dem Kommentar wg. „Das Citro“ konkret an mich gerichtet ist, verstehe ich nicht 😉 Ich lebe lang genug hier, um zu wissen, dass Eure Geschlechter sich von unseren oft unterscheiden…

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