Wenn der Jöö-Effekt versagt — Ressentiments gegenüber Schweizer

Oktober 23rd, 2009

(reload vom 3.10.06)

  • Schweizer sprechen hyperkorrekt
  • Wir möchten heute von Franzi erzählen. Franzi stammt aus der Schweiz und lebt in Berlin. Sie bemüht sich sehr, ein fehlerloses und akzentfreies Hochdeutsch zu sprechen um nicht als Schweizerin erkannt zu werden, doch gerade diese „Hyperkorrektheit“, das Fehlen von Verschleifungen, die makellose Verwendung von Perfekt und Genitiv verrät sie als Schweizerin.

  • Wenn Schweizer Deutschen den Job wegnehmen
  • Franzi hat das nicht immer so toll erlebt, wenn Sie als Schweizerin in Berlin erkannt wurde. Sie musste sich des Öfteren ziemlich harsche Vorwürfe anhören. „Wie, Sie kommen aus der Schweiz und arbeiten jetzt in Deutschland?“ Im Kopf geht der Satz dann weiter mit „… und nehmen hier einem Deutschen den Job weg, wo es doch wirklich genug Jobs in der Schweiz gibt.

  • Ja bist Du denn nicht reich?
  • Mehrfach muss sie sich rechtfertigen und erklären, dass nicht alle Schweizer automatisch sehr wohlhabend sind, nur weil sie aus der Schweiz kommen. Ausserdem wurde ihr vorgeworfen, mit dafür verantwortlich zu sein, dass Deutsche wie Boris Becker oder Michael Schumacher in die Schweiz vor den hohen deutschen Steuern geflohen sind. Ja tatsächlich, das bekam sie von, sagen wir „einfachen deutschen Gemütern“ das ein oder andere Mal zu hören. So von einem Handwerker, den sie in ihre Wohnung bestellt hatte, um etwas zu reparieren. Da war nichts mehr zu spüren von „ach die Schweizer, wie süss und niedlich“, das waren blanke Eifersucht und Neid, aber auch starke Vorwürfe konnte sie herauszuhören. Wir hatten sie schon früher gewarnt, auf keinen Fall Michael Schumacher oder Boris Becker in die Schweiz einzuladen. Jetzt war es passiert, sie sind einfach geblieben. Und Franzi hatte Schuld.

  • Feindbild Schweiz
  • Die Deutschen lieben die Schweiz und die Schweizer, sagt man und wir haben neulich noch darüber geschrieben. Dass dies bei weitem nicht für alle Deutsche gilt, erzählte uns Franzi aus Berlin. Den Vorwurf der „Rosinenpicker“ bekam sie genauso zu hören wie die „persönliche Schuld am Bankengeheimnis“ und am „Geldwaschplatz Schweiz“. War waren gelinde gesagt ziemlich erstaunt, für das die arme Franzi in Berlin alles verantwortlich ist. Aber irgendeiner muss ja schuld sein, warum also nicht sie.

  • Bloss keinen Jööö-Effekt erzeugen
  • Sie hat auch bisher noch nicht positiv ihren Schweizer Akzent einsetzen können, im Gegenteil. Weil sie auch für den Rundfunk arbeitet, musste sie oft gegen das Vorurteil ankämpfen, dass sie als Schweizerin ja unmöglich auf Deutsch Reportagen machen könnte. Von einem Meteo-Hochdeutsch eines Herrn Kachelmann oder der perfekten Schauspielerstimme eines Bruno Ganz‘ schienen die Leute beim Radio in Berlin bisher weniger gehört zu haben. Emil Steinberger und sein Pseudo-Schweizer-Hochdeutsch ist nach wie vor in alle Köpfen fest verankert, wenn man versucht, sich die Aussprache von Schweizern vorzustellen.

  • Nicht mehr durch die Schweiz fahren
  • Kürzlich erzählte uns ein Bekannter aus Deutschland, dass er beschlossen habe, aus Prinzip auf dem Weg von Süddeutschland in die Provence nicht mehr durch die Schweiz zu fahren, weil seine Ressentiments und Hassgefühle gegenüber der Schweiz einfach zu stark geworden sind. Er mag diesen Hort der Kapitalflucht und Rosinenpicker nicht mehr besuchen. Wir waren baff. Bis jetzt gingen wir immer nur von dieser permanenten „Wir lieben die Schweiz“ Haltung der Deutschen aus. Es gibt also doch auch andere Sichtweisen der Schweiz. Ob die Holsteinische Schweiz und die Sächsische Schweiz auch unter diesen Kollektivbann unseres Bekannten fällt, das haben wir uns nicht mehr getraut zu fragen, bei so viel feiner Fähigkeit zur Differenzierung.

    Wenn Radfahrer geschlachtet werden — Was ist die Züri-Metzgete?

    Oktober 22nd, 2009

    (reload vom 2.10.06)

  • Metzgete klingt nach viel zu essen
  • In Zürich ist immer was los. Erst machen sich Tausende von jungen Zürchern mit verlorenem Binnen-i im Geist von Friedrich Hegel auf, um beim Züri-Hegel-Lauf dessen Spuren zu suchen (vgl. Blogwiese) , dann wird die männliche Stadtbevölkerung beim „Knabenschiessen“ dezimiert. Schliesslich kommt der Oktober, und es gibt endlich mal was Deftiges zu essen, denn eine „Metzgete“ steht in Zürich auf dem Programm. Was das ist? Fragen wir doch einfach Wikipedia:

    Unter Metzgete versteht man in der Schweiz den unmittelbaren Verzehr von nicht haltbar zu machenden Lebensmitteln die bei der Schlachtung von Schweinen anfallen. Insbesondere Blut und Innereien wie der Leber, häufig in Form von Wurst.

    Die Metzgete, jeweils zur Herbstzeit, hat Tradition. Es gibt sie seit der Mensch sesshaft geworden ist und sich die Tierhaltung zu Nutzen gemacht hat. In den entbehrungsreichen Wintermonaten war es, und ist es noch Heute, nicht möglich den gesamten Tierbestand durch den Winter zu füttern. Nach der Schlachtung geht es darum, aus Vernunft und Verantwortung gegenüber dem Tier, möglichst viel der gewonnenen Produkte zu verwerten. Zur Haltbarmachung des Fleisches kannte man früher die Trocknung sowie das Räuchern oder Salzen des Fleisches, in neuerer Zeit ist das Tiefgefrieren dazu gekommen. Jene Produkte die man nicht konservieren kann müssen unmittelbar verwertet werden. Man verarbeitete sie unter anderem zu Blut- und Leberwürsten, Produkte die auch Heute noch ohne Zugabe von Konservierungsstoffen sofort genossen werden. Blut- und Leberwürste werden vor dem Verzehr in heissem Wasser gesotten. Vorverarbeitete Leberwürste können auch eingefroren werden.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Im Stau am Pfannenstiel
  • Na, klingt das lecker? Wenn Sie sich nun am 1. Oktober 2006 aufgemacht hatten um in Zürich Blut- und Leberwürste zu verzehren, dann werden Sie nicht nur im strömenden Regen abgesoffen sein, wie viele andere Zürcher an diesem Tag, sondern sie gerieten mitten in den Stau einer ganz anderen Veranstaltung. Es handelte sich nämlich bei der „Züri-Metzgete“ nicht um ein Schlachtfest, sondern um den „Grand Prix Suisse“. Nein, es war kein Eurovision Chanson-Wettbewerb angesagt. Der heisst schon lange „European Song Contest“. Es ging vielmehr um das damals einzige Schweizer Weltcup Radrennen. Für einmal durften Sie „Rad“ sagen, denn die Teilnehmer waren absolut international.

    Es ging über den Pfannenstiel. Dieser lange Höhenzug zwischen dem rechten Ufer des Zürichsees und dem linken Greifensee-Ufers wird übrigens mal mit Stil und mal mit Stiel geschrieben, nur mit „Stihl“ haben wir ihn noch nicht gesehen:

    Um 1960 hat das Bundesamt für Landestopographie bei einer revidierten Ausgabe der Landeskarte die bisherige Schreibweise «Pfannenstiel» in «Pfannenstil» geändert. Dieser Entscheid wurde hingegen bei der nächsten Revision um 1970 bereits wieder rückgängig gemacht. Die Behörden der Gemeinde Meilen auf der Westseite des Pfannenstiels hatten aber eilfertig die neue Schreibweise «Pfannenstil» bereits umgesetzt. Wegweiser und Strassennamen (Pfannenstielstrasse) wurden an die neu beschlossene Schreibform angepasst. Um 1975 wurden diese Änderungen allmählich wieder rückgängig gemacht. Aber noch heute begegnet man da und dort der Schreibweise «Pfannenstil».
    (Quelle: Wikipedia)

    Wenn man die Geschichte des Pfannenstiel-Namens liesst, wird einem wieder klar, wie kompliziert in der Schweiz die Bezeichnungen der Topographie sind, bei den vielen Landessprachen und Dialektvarianten.

    In der Schweiz wird die Schreibweise von Namen auf der Landeskarte in einer eidgenössischen Verordnung geregelt. Im Sinne dieser Verordnung ist in jedem Kanton eine amtliche Nomenklaturkommission für die Erhebung und die Schreibweise der Lokalnamen zuständig. Die Verordnung sieht zudem vor, dass geographische Namen in der lokalen Mundart geschrieben werden, wobei für ein langes i das Dehnungs-ie der Schriftsprache nicht gebraucht wird. Demnach müsste der Pfannenstiel ohne ie geschrieben werden.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Geographische Benennungen sind ein Problem in der Schweiz
  • Was geschieht nun bei sehr langen Bergketten, die auf Kantonsgrenzen liegen, und womöglich von jeder Seite anders ausgesprochen werden? Oder Flüsse, die auf ihrem Weg durch die Schweiz alle paar Kilometer die Bezeichnung ändern müssen, weil sich die lokale Mundart geändert hat? Wir haben von Vermessungsingenieuren gehört, die einfach die Bezeichnung ihres Heimatdialekts niederschrieben, und sich nicht um die lokal übliche Variante kümmerten. So dass plötzlich drei Bezeichnungen existierten: Eine alte schriftsprachliche, eine lokale gesprochene und eine neue Bezeichnung, aus der Feder des zuständigen Topographen.

    Eine weitere Regel besagt nun aber, dass eine Art Gewohnheitsrecht herrsche. Die seit jeher übliche Schreibweise in Literatur und Wissenschaft sei demnach vorzuziehen. Darum wurde auf den amtlichen Landeskarten immer «Pfannenstiel» geschrieben.
    (Quelle: Wikipedia)

    Bei grossen Bergen und Flüssen ist das leicht, was tun bei kleinen Gemarkungen, die von den Einheimischen anders benannt werden, als sie in den Karten verzeichnet stehen, und umgekehrt?

    Doch kehren wir zurück vom Pfannenstil mit oder ohne „e“ zur Metzgete.

  • Das einzige Schweizer Weltcup-Rennen
  • Für die 233,7 Km brauchte 2006 der Spanier Samuel Sanchez 6h3.47min. Er wurde dabei weder geschlachtet noch sonstwie malträtiert. Das war aber nicht immer so:

    Walter Grimm, einer der Pioniere unter den Schweizer Radsport-Journalisten, schrieb zu diesem Thema einst: «Die Bezeichnung Züri-Metzgete ist fast so alt, wie dieser Radsport-Anlass, der 1910 erstmals auf Zürcher Strassen ausgetragen wurde. Es waren staubige und steinige, im Regen dreckige und schlammige Wege, die mit den heutigen Asphaltstrassen nicht zu vergleichen sind. Schon in den zwanziger Jahren gab es Teilnehmerfelder von mehreren hundert Fahrern. Massenstürze waren an der Tagesordnung. Die Pechvögel hatten zerschundene, blutende Glieder – wie bei einer Metzgete
    Die Züri-Metzgete war schon immer eine friedliche, sportliche «Schlacht». Die Rennfahrer bekämpften sich auf ihren noch schweren Fahrrädern und oft bei wid-rigsten Verhältnissen bis zum Umfallen – sie metzgeten sich regelrecht. Darum spricht der Volksmund auch nach nahezu hundert Jahren noch immer von der Züri-Metzgete.
    (Quelle: zueri-metzgete.ch)

    Zum Glück ist das der moderne Profi-Radsport um einiges moderater. Schon lange ist niemand mehr tot vom Rad gefallen, wie 1967 auf der 13. Etappe der Tour de France auf 1‘300 Meter am Mont Ventoux:

    Dort ist der Engländer Tom Simpson in glühender Hitze tot vom Rad gefallen. Der Weltmeister von 1965, ein Nationalheld auf der Insel, hatte Amphetamine geschluckt, er war das erste prominente Dopingopfer im Radsport. Dort, wo sein Herz aufhörte zu schlagen, steht heute ein Denkmal für Simpson, eine Kultstätte noch immer, und die Radler, die vorbeikommen, legen wie vor dreißig Jahren eine Trinkflasche, einen Reifen, einen Handschuh hin. Simpson, Doping – so also kann es enden.
    (Quelle: equipe-heinder.de)

    Halbe Sachen machen — Die Schweiz und ihre Feiertage

    Oktober 21st, 2009

    (reload vom 29.9.06)

  • Keine Knallerei an Sylvester
  • Die Schweizer sind ein arbeitsames und diszipliniertes Volk, das selten über die Stränge schlägt. Sylvester feiern sie eher beschaulich, in der Westschweiz mit einer Zwiebelsuppe und Austern wie die Franzosen, in der Deutschschweiz mit einem Kurzurlaub in Thailand oder in Hamburg, um dort den durchgeknallten Deutschen beim Feuerwerken zuzuschauen. Mit den vielen Deutschen in Zürich wird die Knallerei sicher auch bald hier Tradition sein. Bislang konzentriert sich das mehr auf den 1. August.

  • Knallen und Raketen am 1. August wie Sylvester?
  • Obwohl, wer da von „konzentriertem Knallen“ spricht, der hat das falsch erlebt. Am 1. August wird munter den ganzen Tag geknallt, mit einsetzender Dämmerung dann ein bisschen stärker, aber nicht so auf einen Schlag um Mitternacht wie zu Neujahr in Deutschland. In Bülach stand um 21:30 Uhr das Absingen der Schweizerhymne auf dem Programm, beim Schweizerfeuer, bevor dann das Schweizerfeuerwerk gezündet wurde, Schweizerbier getrunken, die Schweizerflagge geschwenkt etc. etc.

  • Komplizierte Feiertagsregelung
  • Neben dem 1. August für alle gibt es noch zahlreiche regionale und lokale Feiertage. Wie sich das gehört, „von Kanton zu Kanton unterschiedlich“. Versuchen Sie doch mal herauszufinden, wann wo welche Feiertage in der Schweiz gelten. Die Auflistungen und Erklärungen dazu füllen mehrere Seiten. Hier eine enggefasste, siebenseitige Liste im PDF Format.

    Da viele Feiertage nur in einem Kanton oder in einer Gemeinde gelten, entsteht mitunter ein lustiges Chaos, was die vielen Pendler und Berufstätigen freut. Es kann passieren, dass Sie in einem Ort wohnen, der einen Feiertag feiert, aber in einer Gemeinde arbeiten, die diesen Feiertag nicht kennt. Noch spassiger wird es, wenn Sie ihre Firma an einem solchen Tag zum Einsatz in einen Ort schickt, der gerade Feiertag hat. Da noch durchzublicken gehört zum praktischen Überlebenstraining im Schweizer Alltag.

  • Es darf auch mal ein halber Tag sein
  • Besonders gefällt uns die Schweizer Idee, auch mal einen halben Feiertag zu begehen. Es müssen ja nicht immer gleich ganze Arbeitstage sein, die verloren gehen. Knabenschiessen in Zürich beginnt erst ab 12:00 Uhr und ist offiziell ein halber Feiertag. Sie arbeiten also für ihre Firma, die ausserhalb von Zürich ihren Sitz hat, an diesen Tag in Zürich und müssen um 12:00 Uhr aufhören, weil der Kunde ab jetzt Feiertag feiert. Was tun sie jetzt? Heimfahren und Däumchen drehen? Zurück zur Firma, um zu berichten, dass der Rest des Tages ein Feiertag ist?

  • Nur ein halber 1. Mai
  • Gleiches gilt für den 1. Mai im Kanton Fribourg. Im Land der „Halbkantone“ gibt es eben auch halbe Feiertage. Er wird dort nur halb gefeiert.

    Selbst der 1. August war nicht immer ganz arbeitsfrei für die Schweizer:

    Seit dem 1. Juli 1994 ist der Schweizer Nationalfeiertag auch ein arbeitsfreier Tag, nachdem das Schweizer Stimmvolk die Volksinitiative «für einen arbeitsfreien Bundesfeiertag (1. August-Initiative)» am 26. September 1993 angenommen hatte.
    (Quelle Wikipedia)

  • Halbe Feiertage auch in Basel
  • Während der Basler Fasnacht wird am Montag und am Mittwoch jeweils halbtags gearbeitet. Die Geschäfte schliessen erst am Mittag, damit der Cortège (so heisst der Umzug in Basel) munter seine Kreise ziehen kann. Zwei wundervolle halbe Feiertage, streng auf Basel begrenzt.

  • Am zweiten Weihnachtstag arbeiten
  • Der zweite Weihnachtsfeiertag am 26.12. heisst in der Schweiz „Stephanstag“ und gilt nicht in allen Kantonen als Feiertag. In Genf, im Jura und im Waadtland wird am 26.12. gearbeitet, nur die Banken haben „bank holiday“.

  • Sechse unterschiedliche Regelungen in nur einem Kanton
  • Das Chaos der regionale unterschiedlichen Feiertage wird nur langsam gelöst. Im Kanton Aargau wurde im Februar 2006 die Feiertagsregelung harmonisiert:

    Die Feiertagsregelung im Kanton Aargau wird harmonisiert. Nach dem Beschluss des Regierungsrates werden die bisher von Region zu Region unterschiedlichen Regelungen auf den 1. Januar 2008 aufgehoben. Als arbeitsgesetzliche Feiertage gelten neu Neujahrstag, Berchtoldstag (2. Januar), Karfreitag, Ostermontag, Auffahrt, Pfingstmontag, Weihnachten und Stephanstag. Der 1. August ist eidgenössisch geregelt und gilt als gesetzlicher Feiertag. Die römisch-katholische und die christkatholische Landeskirche sowie mehrere ihrer Kirchgemeinden hatten sich gegen die Harmonisierung ausgesprochen. Sie wollten aus religiösen Gründen an den regional unterschiedlichen Gepflogenheiten festhalten.
    (Quelle: ref.ch)

    Der Satz „das ist von Kanton zu Kanton unterschiedlich“ wird also noch überboten durch die Feststellung: „Das ist sogar innerhalb eines Kantons nicht einheitlich„. Es werden „regionale unterschiedliche Gepflogenheiten“ verteidigt. Treibende Kraft für die Harmonisierungsbestrebungen ist das wirtschaftliches Kalkül, denn das Durcheinander ist „für die Wirtschaft [ist] unpraktisch und nicht zeitgemäss“.

    Im Kanton Aargau ist uneinheitlich geregelt, welche Feiertage gesetzlich den Sonntagen gleichgestellt sind. Sechs unterschiedliche Kombinationen von Feiertagen gelten in verschiedenen Regionen. Diese Regelung ist für die Wirtschaft unpraktisch und nicht zeitgemäss. Sie wird nun durch eine einheitliche Lösung ersetzt, welche die wirtschaftlichen Standortfaktoren besser berücksichtigt.
    (Quelle: ag.ch)

    Was lernen wir daraus? Wenn die Wirtschaft nicht Druck gemacht hätte, wäre es wohl noch ewig so weiter gegangen mit der „lokalen Vielfalt“ an Feiertagen.

    Sind Sie in Ordnung? Ja, ich stimme

    Oktober 20th, 2009

    (reload vom 28.9.06)

  • Spielen Sie ein Instrument? Oder haben Sie eine schöne Stimme?
  • Auf diese Frage könnte man kurz und knapp antworten: „ICH STIMME“. Jawohl, ich habe eine Stimme und kann sehr gut singen damit. In der Schweiz wird regelmässig vier Mal im Jahr für Chormitgliedschaften geworben. Der Chor heisst „Direkte Demokratie“ und der plakative Aufruf an alle Sängerinnen und Sänger mit gutem Singorgan lautet: OK, ICH STIMME.
    OK ich stimme!
    (Foto vom Strassenrand in Zürich)

    Wir wissen natürlich genau, dass hier keine „Stimmung“ gemacht wird, sondern dass es um „Stimme“ geht, dem wunderbaren und leider viel zu selten benutzen Instrument. Auch wir möchten ein-stimmen in den Chor der Stimmen, und uns von ganzen Herzen dazu bekennen: Auch wir stimmen!

  • Muss der Stimmer kommen?
  • Doch jetzt fällt es uns wie Schuppen aus dem Haar, was hier gemeint ist: „OK, ich stimme!“ hat gar nichts mit unserem Gesang zu tun. Es stellt demonstrativ die Korrektheit eines jeden einzelnen zu Schau. Wenn etwas nicht stimmt, wenn etwas nicht in Ordnung ist, wenn eine Sache geregelt werden muss, gestimmt werden muss wie ein verstimmtes Klavier, dann muss entweder ein Stimmer, genauer gesagt ein Klavierstimmer kommen, oder wir lehnen dies demonstrativ auf Plakatwänden in der Öffentlichkeit am Strassenrand einfach ab: „Ich, für meinen Teil erkläre hiermit, dass ich mich gesund und in Ordnung fühle, keiner Stimmung bedarf, also frank und frei behaupten kann: OK, ich stimme!“.

  • Stimmen Sie auch?
  • Stimmt das bei Ihnen? Stimmen Sie auch? Können Sie auch von ganzen Herzen frei erklären, dass Sie stimmen? Dann geht sicher was ab. Dieses kleine „ab“ ist es, was uns irgendwie beim Stimmen abgegangen ist. Wir vermissen es ein wenig. Es wartet bei der Ab-stimmung, hoffen wir. Absolut stimmig, das Ganze.

    Bereits ist es erforscht — Neues von der Vorfeldbesetzung

    Oktober 19th, 2009

    (reload vom 27.9.06)

  • Auch schon das Vorfeld besetzt?
  • Der Titel klingt wie eine militärische Lagebesprechung. Die „Vorfeldbesetzung“ ist dem gemeinen Sprachwissenschaftler eher bekannt unter dem Begriff der „Topikalisierung“. Darunter versteht er die

    Plazierung einer satzgliedwertigen Konstituente ohne Satzakzent (= Topik, Thema) an den Satzanfang (ins Vorfeld) vor das finite Verb, wobei im Dt. das Subjekt durch Inversion hinter das finite Verb ins Mittelfeld des Satzes rückt:
    Er hat seine Absichten gestern genau erläutert (= unmarkierte (Normal)stellung mit Subjekt im Vorfeld und finitem Verb in Zweitposition)
    vs.
    Gestern hat er seine Absichten genau erläutert (= T. des Adverbs und Inversion von Subjet und finitem Verb)
    (Quelle: Hadumod Buβmann, Lexikon der Sprachwissenschaft, S. 548, Stuttgart 1983, damals schrieb man „Plazierung“ noch ohne „tz“)

    Na, ist Sprachwissenschaft nicht doll? Da fühlt man sich doch wie beim Fussball mit Mittelfeld, Vorfeld und Stellung. Dabei geht es einfach nur um das Wörtchen „bereits“ am Satzanfang.

    Am 20.09.06 berichteten wir auf der Blogwiese über das Schweizer Phänomen, am Satzanfang das Wörtchen „bereits“ zu verwenden, und dann mit einer finiten Satzkonstruktion ohne zusätzliches Zeitwort fortzufahren. „Bereits ist es so, dass…“ (vgl. Blogwiese).

  • Die Wissenschaft hat festgestellt…
  • Nun fanden wir in der Sonntagszeitung vom 24.09.96 einen Artikel von Balz Spörri über eine Forschungsarbeit zum Thema „Schweizerdeutsch“ von Christa Dürscheid, in der exakt dieses Phänomen bestätigt und wissenschaftlich untermauert wird:

    In einem Beitrag für den Band «Schweizer Standarddeutsch» konnte die Zürcher Linguistik-Professorin jetzt erstmals empirisch nachweisen, dass sich das Schweizer Hochdeutsch durch eine Reihe von syntaktischen Konstruktionen vom deutschen Standarddeutsch unterscheidet.

    Zusammen mit Inga Hefti hat sie speziell die so genannte Vorfeldbesetzung in Aussagesätzen wie «Bereits befürchtet die Polizei soziale Unruhen» untersucht. Diese Satzstellung kommt im Schweizer Standarddeutsch häufig vor, in bundesdeutschen Texten jedoch kaum. Dies ergab eine computergestützte Auswertung deutschsprachiger Printmedien. In vier Jahrgängen des «Mannheimer Morgen» und zwei Jahrgängen des «Spiegels» fand sich eine einzige Satzkonstruktion mit «bereits + finites Verb». Im «St. Galler Tagblatt» dagegen zählte Dürscheid allein in einem Jahr Dutzende Belege.
    (Quelle: Sonntagszeitung 24.09.06)

    St. Gallen? Ist das nicht die Ecke der Schweiz, in dem das für deutsche Ohren am schwersten zu verstehende Schweizerdeutsch gesprochen wird? Tief im Osten usw.

  • „Bereits“ ist gar kein Schweizerdeutsch
  • Am meisten erstaunt uns bei der ganzen Untersuchung die Feststellung, dass „bereits“ überhaupt kein typisches Schweier Dialektwort ist. Der Schweizer sagt „schoo„, also „schon„. Und wenn er schreibt, dann hat er das Gefühl, man können einen Satz nicht mit „schon“ anfangen, sondern müsse „bereits“ nehmen. Uns los geht es mit der Vorfeldbesetzung.

    Es war uns doch gleich suspekt, dieses „bereits“ am Satzanfang. Computergestützte Auswertungen konnten wir nicht bieten, jedoch ist Google auch kein schlechtes Hilfsmittel. Es bleibt die Frage offen, ob die wenigen Belege von „bereits“ am Satzanfang in Deutschen Medien nicht im Endeffekt von Schweizer Journalisten geschrieben wurden, die ansonsten sprachlich unerkannt im grossen Kanton eine geheime Schattenexistenz führen? An ihrer Syntax sollt ihr sie erkennen!

    Schon fangen wir an, Schweizerisch zu denken. Für einmal wollen wir das glauben. Für die Blogwiese hat berichtet der Jens-Rainer Wiese.