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Wenn Radfahrer geschlachtet werden — Was ist die Züri-Metzgete?

(reload vom 2.10.06)

  • Metzgete klingt nach viel zu essen
  • In Zürich ist immer was los. Erst machen sich Tausende von jungen Zürchern mit verlorenem Binnen-i im Geist von Friedrich Hegel auf, um beim Züri-Hegel-Lauf dessen Spuren zu suchen (vgl. Blogwiese) , dann wird die männliche Stadtbevölkerung beim „Knabenschiessen“ dezimiert. Schliesslich kommt der Oktober, und es gibt endlich mal was Deftiges zu essen, denn eine „Metzgete“ steht in Zürich auf dem Programm. Was das ist? Fragen wir doch einfach Wikipedia:

    Unter Metzgete versteht man in der Schweiz den unmittelbaren Verzehr von nicht haltbar zu machenden Lebensmitteln die bei der Schlachtung von Schweinen anfallen. Insbesondere Blut und Innereien wie der Leber, häufig in Form von Wurst.

    Die Metzgete, jeweils zur Herbstzeit, hat Tradition. Es gibt sie seit der Mensch sesshaft geworden ist und sich die Tierhaltung zu Nutzen gemacht hat. In den entbehrungsreichen Wintermonaten war es, und ist es noch Heute, nicht möglich den gesamten Tierbestand durch den Winter zu füttern. Nach der Schlachtung geht es darum, aus Vernunft und Verantwortung gegenüber dem Tier, möglichst viel der gewonnenen Produkte zu verwerten. Zur Haltbarmachung des Fleisches kannte man früher die Trocknung sowie das Räuchern oder Salzen des Fleisches, in neuerer Zeit ist das Tiefgefrieren dazu gekommen. Jene Produkte die man nicht konservieren kann müssen unmittelbar verwertet werden. Man verarbeitete sie unter anderem zu Blut- und Leberwürsten, Produkte die auch Heute noch ohne Zugabe von Konservierungsstoffen sofort genossen werden. Blut- und Leberwürste werden vor dem Verzehr in heissem Wasser gesotten. Vorverarbeitete Leberwürste können auch eingefroren werden.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Im Stau am Pfannenstiel
  • Na, klingt das lecker? Wenn Sie sich nun am 1. Oktober 2006 aufgemacht hatten um in Zürich Blut- und Leberwürste zu verzehren, dann werden Sie nicht nur im strömenden Regen abgesoffen sein, wie viele andere Zürcher an diesem Tag, sondern sie gerieten mitten in den Stau einer ganz anderen Veranstaltung. Es handelte sich nämlich bei der „Züri-Metzgete“ nicht um ein Schlachtfest, sondern um den „Grand Prix Suisse“. Nein, es war kein Eurovision Chanson-Wettbewerb angesagt. Der heisst schon lange „European Song Contest“. Es ging vielmehr um das damals einzige Schweizer Weltcup Radrennen. Für einmal durften Sie „Rad“ sagen, denn die Teilnehmer waren absolut international.

    Es ging über den Pfannenstiel. Dieser lange Höhenzug zwischen dem rechten Ufer des Zürichsees und dem linken Greifensee-Ufers wird übrigens mal mit Stil und mal mit Stiel geschrieben, nur mit „Stihl“ haben wir ihn noch nicht gesehen:

    Um 1960 hat das Bundesamt für Landestopographie bei einer revidierten Ausgabe der Landeskarte die bisherige Schreibweise «Pfannenstiel» in «Pfannenstil» geändert. Dieser Entscheid wurde hingegen bei der nächsten Revision um 1970 bereits wieder rückgängig gemacht. Die Behörden der Gemeinde Meilen auf der Westseite des Pfannenstiels hatten aber eilfertig die neue Schreibweise «Pfannenstil» bereits umgesetzt. Wegweiser und Strassennamen (Pfannenstielstrasse) wurden an die neu beschlossene Schreibform angepasst. Um 1975 wurden diese Änderungen allmählich wieder rückgängig gemacht. Aber noch heute begegnet man da und dort der Schreibweise «Pfannenstil».
    (Quelle: Wikipedia)

    Wenn man die Geschichte des Pfannenstiel-Namens liesst, wird einem wieder klar, wie kompliziert in der Schweiz die Bezeichnungen der Topographie sind, bei den vielen Landessprachen und Dialektvarianten.

    In der Schweiz wird die Schreibweise von Namen auf der Landeskarte in einer eidgenössischen Verordnung geregelt. Im Sinne dieser Verordnung ist in jedem Kanton eine amtliche Nomenklaturkommission für die Erhebung und die Schreibweise der Lokalnamen zuständig. Die Verordnung sieht zudem vor, dass geographische Namen in der lokalen Mundart geschrieben werden, wobei für ein langes i das Dehnungs-ie der Schriftsprache nicht gebraucht wird. Demnach müsste der Pfannenstiel ohne ie geschrieben werden.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Geographische Benennungen sind ein Problem in der Schweiz
  • Was geschieht nun bei sehr langen Bergketten, die auf Kantonsgrenzen liegen, und womöglich von jeder Seite anders ausgesprochen werden? Oder Flüsse, die auf ihrem Weg durch die Schweiz alle paar Kilometer die Bezeichnung ändern müssen, weil sich die lokale Mundart geändert hat? Wir haben von Vermessungsingenieuren gehört, die einfach die Bezeichnung ihres Heimatdialekts niederschrieben, und sich nicht um die lokal übliche Variante kümmerten. So dass plötzlich drei Bezeichnungen existierten: Eine alte schriftsprachliche, eine lokale gesprochene und eine neue Bezeichnung, aus der Feder des zuständigen Topographen.

    Eine weitere Regel besagt nun aber, dass eine Art Gewohnheitsrecht herrsche. Die seit jeher übliche Schreibweise in Literatur und Wissenschaft sei demnach vorzuziehen. Darum wurde auf den amtlichen Landeskarten immer «Pfannenstiel» geschrieben.
    (Quelle: Wikipedia)

    Bei grossen Bergen und Flüssen ist das leicht, was tun bei kleinen Gemarkungen, die von den Einheimischen anders benannt werden, als sie in den Karten verzeichnet stehen, und umgekehrt?

    Doch kehren wir zurück vom Pfannenstil mit oder ohne „e“ zur Metzgete.

  • Das einzige Schweizer Weltcup-Rennen
  • Für die 233,7 Km brauchte 2006 der Spanier Samuel Sanchez 6h3.47min. Er wurde dabei weder geschlachtet noch sonstwie malträtiert. Das war aber nicht immer so:

    Walter Grimm, einer der Pioniere unter den Schweizer Radsport-Journalisten, schrieb zu diesem Thema einst: «Die Bezeichnung Züri-Metzgete ist fast so alt, wie dieser Radsport-Anlass, der 1910 erstmals auf Zürcher Strassen ausgetragen wurde. Es waren staubige und steinige, im Regen dreckige und schlammige Wege, die mit den heutigen Asphaltstrassen nicht zu vergleichen sind. Schon in den zwanziger Jahren gab es Teilnehmerfelder von mehreren hundert Fahrern. Massenstürze waren an der Tagesordnung. Die Pechvögel hatten zerschundene, blutende Glieder – wie bei einer Metzgete
    Die Züri-Metzgete war schon immer eine friedliche, sportliche «Schlacht». Die Rennfahrer bekämpften sich auf ihren noch schweren Fahrrädern und oft bei wid-rigsten Verhältnissen bis zum Umfallen – sie metzgeten sich regelrecht. Darum spricht der Volksmund auch nach nahezu hundert Jahren noch immer von der Züri-Metzgete.
    (Quelle: zueri-metzgete.ch)

    Zum Glück ist das der moderne Profi-Radsport um einiges moderater. Schon lange ist niemand mehr tot vom Rad gefallen, wie 1967 auf der 13. Etappe der Tour de France auf 1‘300 Meter am Mont Ventoux:

    Dort ist der Engländer Tom Simpson in glühender Hitze tot vom Rad gefallen. Der Weltmeister von 1965, ein Nationalheld auf der Insel, hatte Amphetamine geschluckt, er war das erste prominente Dopingopfer im Radsport. Dort, wo sein Herz aufhörte zu schlagen, steht heute ein Denkmal für Simpson, eine Kultstätte noch immer, und die Radler, die vorbeikommen, legen wie vor dreißig Jahren eine Trinkflasche, einen Reifen, einen Handschuh hin. Simpson, Doping – so also kann es enden.
    (Quelle: equipe-heinder.de)

    

    One Response to “Wenn Radfahrer geschlachtet werden — Was ist die Züri-Metzgete?”

    1. Ric Says:

      In Augsburg gibt es eine alte Verbindungsstraße an der Stadtmauer, die schreibt sich „Am Pfannenstiel“ mit „e“. In Ulm gibt es ebenfalls so eine Straße. In BaWü gibt es sogar eine Burgruine die so heißt ^^ Deren Lage wird als auf einem schmalen Hohenzug beschrieben. Also offenbar eine übliche Ortsbezeichnung im alemannischen Sprachraum.

      Was es umso seltsamer macht dass man dort die Schreibung geändert hat.

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