Hier dürfen Sie einen Haufen machen — „äufnen“ in der Schweiz
November 7th, 2008(reload vom 11.2.06)
Wir bekamen Post von einem aufmerksamen Deutschen Leser der Blogwiese, der über einen Begriff der Schweizerdeutschen Schriftsprache stolperte:
Ich habe es im Radio gehört, es ging um die Welt-Klimakonferenz und man werde für einen bestimmten Zweck einen Fonds „äufnen„.
Rein phonetisch erinnert das Wort an „häufen“, mit ein paar Umstellungen und einem vorangestellten „h“. Dies beobachten wir im Alemannischen auch bei den Kartoffeln, die mal mit „h“ als „H-erdäpfel“, und mal ohne „h“ als „Erdäpfel“ benannt werden. Oder hat hier ein Welsch-Schweizer versucht, Hochdeutsch zu sprechen. „Isch ‚abe ‚ier heinen ‚aufen Geld ange-`äuft“? In Lausanne hörte ich mal im Radio, wie ein Sprecher den alten Song „Our house“ von Crosby, Stills, Nash & Young“ mit „Hour ‚ouse“ ansagte. Und aus „Wieviel Uhr ist es?“ wurde bei unseren französischen Freunden mitunter „Wieviel Huhr(e) ist es“. Dafür kriegen wir Deutschen die Wortverkettung im französischen Satz nicht hin machen abgehackte hässliche Pausen im Sprachfluss.
Mal schauen, ob das nur gesprochene Sprache ist, oder ob man das auch schreiben kann in der Schweiz. Man kann, sogar in einem Gesetzestext findet sich das Wort:
Die Schweizerische Eidgenossenschaft ist verpflichtet, diese Sammlungen auf eigene Kosten zweckentsprechend aufzustellen, zu unterhalten, zu verwalten und zu äufnen.
(Quelle:)
Nur aus dem Zusammenhang ist das Wort für uns nicht verständlich. Google-Schweiz bietet 4’910 Fundstellen, das muss was Wichtiges sein!
Auch im Tages-Anzeiger wird es erwähnt, dann hat es also alle Weihen der Schweizer Schriftkultur:
(…) frei verfügbares Kapital in Form von Wertschriften sowie zusätzliches Vorsorgekapital in der zweiten Säule über Einkäufe fehlender Beitragsjahre zu äufnen.
(Tages-Anzeiger vom 26.03.04)
Als letzte Zuflucht greifen wir zum Duden. Der alte Schlauberger weiss es wieder, das hätten wir ihm echt nicht zugetraut:
äufnen (sw. V.; hat) [mhd. ūfenen = erhöhen, zu: ūf, 1 auf] (schweiz.):
[ver]mehren; (Kapital, Geld) bilden, ansammeln:
eine Sammlung, ein Kapital ä.; Wie ist sicherzustellen, dass der durch staatlich verordnetes Zwangssparen geäufnete Sozialfonds von bald 25 Milliarden Dollar nicht missbraucht wird? (NZZ 13. 10. 84, 5).
(Quelle: Duden)
Also kein „Haufen“ sondern „auf-tun“ , „auf-nehmen“ steckt da drin, und es geht ums Fachvokabular für die Vermehrung von Geld. Jetzt wissen wir auch, warum wir das Wort nicht kannten. Wir kennen uns besser aus mit dem Fachvokabular für die Vernichtung von Geld, nicht für seine Vermehrung.
P.S.:
Wir fragten ein paar Schweizer Muttersprachler in unser Umgebung, ob sie uns erklären können, was „äufnen“ bedeutet. Konnten sie nicht. Wir sind beruhigt, denn es scheint, es gibt doch mehr Fachleute für die Geldvernichtung als für die Geldvermehrung.


