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Schaufeln Sie mal den Pflotsch weg — Neus aus der Schweizer Meteofachsprache

  • Pikett ohne Lanze
  • In der letzten Oktoberwoche wurde die Schweiz überraschend von massiven Schneefällen zugedeckt. Tags drauf lasen wir dazu die Einzelheiten in unserer Hauspostille für das angewandte Schweizerdeutsch der Gegenwart, dem Tages-Anzeiger:

    Um 4 Uhr früh bot die Stadt alle Pikettleute auf und schickte Schneepflüge statt Wischmaschinen hinaus.
    (Quelle Tages-Anzeiger 31.10.08, S. 15)

    Für Deutsche Leser sei angemerkt, dass diese Wischmaschinen nicht wischen sondern kehren, also eigentlich Kehrmaschinen sind, aber das versteht sowieso kein Mensch, warum „Wischen“ in Deutschland feucht und in der Schweiz trocken durchgeführt wird. Die Bezeichnung „Pikettleute“ stammt noch aus der Zeit, als man mit Hellbarde und Pikett, einer spitzen langen Waffe, spitz wie eine Pickelhaube, Dienst schieben muss, allzeit bereit, darum heisst dieser Dienst auch in Deutschland „Bereitschaftsdienst“, und die „Pikettleute“ wären, wie immer umständlich hochdeutsch, „die Leute vom Bereitschaftsdienst“. Da bleiben wir doch bei „Pikettleute“, ist praktischer.

  • Der Pflotsch und die Grosssalzroute
  • Wir lasen weiter im Tages-Anzeiger:

    Um 6.30 Uhr kämpften 120 Mitarbeiter in bis zu 80 Fahrzeugen gegen den Schnee. Auf Treppen und an Haltestellen schaufelten sie den Pflotsch von Hand weg. Filli: «Dass es jede Frau in Stöckelschuhen trockenen Fusses ins Büro schafft, konnten wir natürlich nicht garantieren. » In Winterthur rückten die Equipen noch früher für die «Grosssalzroute » aus. (…)
    (Quelle Tages-Anzeiger 31.10.08, S. 15)

    Die „Grosssalzroute“ erklärt sich selbst. In der Schweiz wird auf Hauptstrassen nicht mit Salz gespart, da wird gestreut was die Lagerhallen hergeben, im Grossen, nicht im Kleinen. „Schwarzräumen“ nennt man das hierzulande, weil es heimlich und in der Nacht geschieht (vgl. Blogwiese). Darum „Grosssalz“. Ja, und der „Pflotsch“, das ist wirklich eine interessante Schweizer Sprachschöpfung. „Nassschnee“ oder „Schneematsch“ sind lang nicht so poetisch und melodiös wie der platschende Pflotsch. Bei Google-CH konnten wir spontan 1’510 Fundstellen für den “Pflotsch” ausfindig machen.

    Diese Erklärung besagt, dass Pflotsch doch etwas anderes als Schneematsch ist:

    Pflotsch und Schneematsch unterscheiden sich für mich dadurch, dass im Pflotsch sehr viel Wasser steckt, was dann der Fall ist, wenn es in den Schnee hineingeregnet hat. Jeder Abdruck im Schnee wird dann zu einem kleinen Tümpel, was beim Schneematsch nicht unbedingt der Fall sein muss. Der kann auch durch Matschigtreten entstanden sein.
    (Quelle: newsgroup.derkeiler.com) http://newsgroups.derkeiler.com/Archive/De/de.etc.sprache.deutsch/2006-03/msg01996.html

  • Pflotscht es auch wenn es flatscht?
  • Selbst unser Lieblingswörterbuch, das der Gebrüder Grimm, kennt das Wort „Pflotsch“ nicht, wohl aber das Verb „pflotschen“

    PFLOTSCHEN, verb., vgl. flatschen:
    (die frösch) ohn wasser nicht lang leben,
    und müssen stets zu pflotschen han.
    EYERING 2, 271.
    (Quelle: Grimms Wörterbuch)

  • Die Eskimos haben auch viele Wörter für Schneesorten
  • Ein spezielles Fachwort für extrem nassen Schnee zu haben, der massenweise Bäume durch sein hohes Gewicht umbrechen lässt, scheint am ehesten in einer Gegend sinnvoll, wo der Schnee eine wirtschaftliche Rolle spielt. Angeblich haben Eskimos zahlreiche unterschiedliche Wörter für diverse Arten Schnee, so wie die Franzosen beim Wein über das Vokabular zu differenzieren wissen. Und wir Deutschen? Wir haben zig Wörter für diverse Bier- und Brotsorten, nehme ich mal an. Den „Pflotsch“ sollten wir im Vokabular aufnehmen. Könnte auch ein Getränk sein, so wie das klingt. „Mach uns doch nochmal zwei Pflotsch bitte, wir sitzen auf dem Trocknen..“ Muss ich gleich beim nächsten Kneipenbesuch in Deutschland mal ausprobieren. Mal sehen, was dann serviert wird.

    

    16 Responses to “Schaufeln Sie mal den Pflotsch weg — Neus aus der Schweizer Meteofachsprache”

    1. neuromat Says:

      Pflotsch, so so … wieder einmal der Tagesanzeiger. Pflotsch, Schneebrei, Maskulinum, der. Pflotsch, Neutrum, also wohl das Pflotsch und der Pfludi. Heisst so ziemlich dasselbe.

      Auch pflotschnass nicht zu verwechseln mit pflätschnass heisst soviel wie plütternass. Was Plütter ist, ist jetzt mal nicht so wichtig. Es geht hier um die feuchtweiche Konsistenz.

      Das muss irgendwie aus dem griechischen stammen, „plássein“ aus weicher Masse formen. Wäre eigentlich ein Pflümes Pflotsch denkbar.

      Nur mit dem Wasser, das fände ich dann für den Besuch in der Beiz doch etwas zu langweilig…

    2. vorgestern Says:

      Heute kommt im SW-Fernsehen eine Sendung über deutsche Dialekte (oder eher Dialekte in Deutschland). „Planet Wissen“, von 15 – 16 h.

    3. Thomas W. Says:

      Die hochdeutsche Alternative zu Pikettdienst ist nicht „Leute vom Bereitschaftsdienst“ sondern schlicht „Bereitschaftsdienst“.
      Dieser Satz hieße dann „…bot die Stadt den gesamten Bereitschaftsdienst auf…“
      Im Zusammenhang mit dem Winter kann man auch von der „Schneeräumbereitschaft“ sprechen, die früh morgens aktiv wurde.

      [Anmerkung Admin: Den Begriff „Pikettleute“ nur mit „Bereitschaftsdienst“ zu übersetzen, halte ich für ein bisschen zu knapp. Darum diese lange Formulierung.]

    4. AnFra Says:

      Dem schw. „Pikettdienst“ sind die dt. Begriffe „Freiwache (bes. Marine), Wachbereitschaft, Rufbereitschaft, Alarmbereitschaft“ uäm. m. E. nach Sinninhalt und Historie gleichwertig nebenan zu stellen.

      Den Begriff „Pikettdienst“ kann man aus der militärischen Vergangenheit ableiten, als die dreigestufte Wachgruppierungen in „Aktiv-Dienst“, „Bereitschafts-Dienst“ und „Schlafzeit“ eingeteilt wurden. Der „Bereitschafts-Dienst“ durfte in der ges. Wachzeit des zu bewachende Areal nicht verlassen, um dadurch als Alarmreserve beim feindlichen Angriff eine erste Verstärkung für den „Aktiv-Dienst“ zu sein!

      Nun die Frage: Was machen die Soldaten in der „Freiwache“: Sie spielen üblicherweise Karten und Glücksspiele.

      Da der franz. Militäreinfluss in der Eidgenossenschaft wohl etwas stärker als im übrigen dt. Sprachraum war, ist hier aus dem in der „Freiwache“ gespieltem Kartenspiel, also dem franz. Kartenspiel „Piquet“, dann der schweizerdt. Begriff « Pikettdienst » entstanden. Man darf hierbei auch die eidgen. Söldner in franz. Diensten nicht vergessen.

      Das „Pikett-Kartenspiel“ hat den Vorteil: Es kann mit zwei (aber auch mehr) Mann gespielt, was dem üblichen Militärdienst sehr entgegenkommt, da üblicherweise Wachdienste am Objekt, wie z. B. an Stadt- od. Festungstoren, Türmen oder Kanonen in der Einteilung meist mit zwei Mann erfolgte.
      Dadurch waren die Wachwechsel identisch mit den zur Verfügung stehen Spielpartnern. Dadurch entstand der allzeit beliebte Militärdienst: Wache– Warten/Pikettdienst–Schlafen–Wache–Warten/Pikettdienst-Schlafen usw.

      Das sich diese damals besondere Diensteinteilung aus dem milit. Bereich dann im 19. JH in die industrielle Arbeitswelt übertragen hat ist schon fast ein natürlicher Vorgang, wobei hierbei sicherlich kleinere inhaltliche Begriffverschiebungen aufgetreten sind.

    5. vorgestern Says:

      Grossartig, was man hier alles lernen kann!
      Merci.

    6. Oranje Says:

      Ich hab im Weschland mal erlebt, wie eine Mutter ihrem Kind, nachdem es was angestellt hatte, befahl: „Au piquet!“ Worauf sich das Kind mürrisch in die Ecke stellte.
      Piquettdienst als Teil der Kindererziehung 😉

    7. Brun(o)egg Says:

      Von wegen Pflotsch: Bedeutet einfach eine nasse, halb kompakte Masse.

      Es gibt auch den „Kirsi- Pflotsch“ in Basel. Eier, Kirschen, Haselnüsse und sonst noch was, vermutlich Mehl oder Semmeln (scheussliches Wort), also Weggli, ergeben einen nassen, himmlischen Kuchen.
      Schwer, kalorienreich und verboten gut.

    8. bambu Says:

      Hi Jens,
      das mit den vielen Begriffen für den Schnee bei Eskimos ist heutzutage widerlegt – es sind einfach unendlich viele Wortkombinationen möglich. Empfehlenswerter Artikel hierzu:
      http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/2007/01/29/schneeschmelze/
      und evtl. noch
      http://itre.cis.upenn.edu/~myl/languagelog/archives/000405.html

    9. solanna Says:

      Pflotsche kann auch göötsche sein, also so mit Wasser spielen, dass es dabei gerne auch spritzt.

      Schneepflotsch spritzt ja (meist ungewollt) ebenfalls seitweits auf, wenn man zu schnell „absteht“ (= den Fuss absetzt/hineinsetzt). Ebenso kann man beim Göötsche und Pflotsche gewollt mit der Hand aufs/ins Wasser schlagen, dass es spritzt.

      Göötsche hat sicher mit gautschen zu tun, dem alten Brauch, wonach man Drucker zur Feier ihrer abgeschlossenen Lehre (Berufsausbildung) in einen Brunnen taucht oder gar reinschmeisst. Auch da pflotscht das Wasser auf alle Seiten über den Brunnenrand. Das ist spritziger als blosses Überschwappen.

      Wer je an einer Bindehautentzündung gelitten hat, weiss, was ein Pflotsch-Auge ist: ein von (gelber Flüssigkeit) überquellendes Auge.

    10. AnFra Says:

      @solanna

      Das mit dem Gautschen ist ein guter Hinweis bezügl. der Vergleichbarkeit zu dem Pflotsch.
      Jedoch ist die tatsächliche namensgebende Quelle beim „gautschen, schaukeln, hin- und herwippen“ zu suchen. Der Bezug vom Gautschen in der händischen Papierproduktion war es, die mit dem Papiersieb abgeschöpfte Pulpe nach dem Abtropfen auf ein Berett zu legen und dann mit einer Gautsche auszuquetschen.
      Diese Gautsche / Wippe hatte die Form vergleichbar wie ein alter Tintenlöscher, mit dem man die noch nasse Tinte durch hin- und herschaukeln / wippen trocknen / löschen konnte.
      Durch dieses Gautschbewegungen wurde eine größere Menge Überschusswasser entfernt und das Papier konnte deshalb schneller trocknen.
      Im Schwäbischen sagt man für das Schaukeln eines Schaukelbettes auch „gautsche“.

    11. Marroni Says:

      @AnFra: Das Wort Gautschen wurde bei uns verwendet, wenn ein Drucker seine Lehre abgeschlossen hatte. Er Wurde gepackt und von den Druckergesellen zum Dorfbrunnen getragen. Vorneweg ein Trommler, zuhinterst der „Gautschmeister“. Dann wurde der oder die ausgelernte tüchtig „getunkt“. Nachher wurde der „plotschnassen“ Person der „Gautschbrief“ übergeben, erst dann war die Person ein echter Drucker oder In.

    12. AnFra Says:

      @Marroni

      Klar, der Brauch beim Gautschen wird noch immer trotz der „trockenen Elektronik“ im Druckwesen angewendet, aber als Urquelle der Benennung dieses technischen Vorganges ist nun mal der germ.-alem. Begriff für „wippen / hin- und herschaukeln“, eben das „Gautschen“ beim Entwässern der Pulpe, der Namensgeber.
      Der Papiermacher entnimmt eine besondere berufsspezifische Bezeichnung seiner damals heimatlichen Umgangssprache.

      Da die übrige Sprache sich weiterentwickelt, bildet doch schon fast automatische eine sog. „Fachsprache“ im Berufsumfeld aus, weil diese Begriff hier weiterverwendet werden und diese somit nicht aussterben, während im übrigen Sprachraum eine oft rasante Sprachentwicklung weitergeht. Die zugehörigen Bräuche sind ein immer später entwickelte berufsspezifische Verhalten.

      Mit den Bräuchen und deren Namensgebungen müssen wir extrem vorsichtig sein, da superschnell eine falsche Fährte begangen wird, wie z. B. mit den „uralten germ.“ Fasnachtsbräuchen im dt. Sprachraum, wie den Hänsele, Hexen und den anderen Fasnachtsfiguren!!!!!

      Beim traditionellen Gautschen scheint mir der ursprüngliche Inhalt dieses Brauche solcherart zu sein: Der noch „nasse“, also „grüne“ Lehrling (nass hinter den Ohren!) wird nach Abschluss der Lehre aus dem Wasser geholt, gegautsch und dann für den Druck bereitgemacht, vergleichbar wie das zunächst unbrauchbare, weil „nasse“ Papier, auch erst nach dem „Gautschen“ d.h. Entwässern und dem Trocknen der Drucktechnik zur Verfügung steht.

    13. Guggeere Says:

      Ein Pflutschauge (jawohl, in meinem Dialekt ganz klar mit u) ist auch das, was entsteht, wenn dein Auge mit einer feindlichen Faust Bekanntschaft gemacht hat. Oder wenn du nach einer durchzechten, durchrauchten, durchwachten Nacht kaum noch aus dem Kopf hinaussiehst.

    14. Brun(o)egg Says:

      @ all und AnFra

      Gautschen, nämlich Papier, kann man in Basel im Papiermuseum in der Dalben. Macht Spass!
      Durfte ich mal während der Stifti als Drucker / Setzer.

    15. lis Says:

      @Bruno
      Dieser „Chriesipflotsch“ heisst in der badischen Nachbarschaft „Kirschplotzer“ – und er schmeckt einfach fantastisch (als Pflotsch und Plotzer).

    16. erika Says:

      Flutschauge? noch nie gehört. aber GLUPSCHaache! die hat mer in hesse am morsche früh, wemmer abends zuviel äbbelwoi gesoffe hat.

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