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Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 7) — Schwarzräumen

Wir kennen „schwarzsehen“, wenn jemand die Zukunft nicht sehr optimistisch beurteilt oder wenn er ohne die GEZ-Gebühren zu bezahlen, einfach das öffentlich-rechtliche Fernsehprogramm konsumiert. Die deutsche „Gebühren-Einzugs-Zentrale“ sind Sie durch ihren Umzug in die Schweiz zwar los geworden, jetzt lauert dafür der freundlichen Herr von der „BILLAG“ im Hauseingang und wartet nur darauf, ihnen ein Anmeldeformular für die Programme der Schweizer Rundfunkanstalten in die Hand drücken zu können. Ob BILLAG von „BILLIG fernsehen“ oder doch von „BIsschen ILLegal“ fernsehen kommt, konnten wir noch nicht ganz klären, jedenfalls ein hübscher und bedeutungsschwangerer Name.

Ausserdem kennen wir „schwarzfahren“, wenn man ohne gültigen Fahrausweis unterwegs ist, und „schwarz ärgern“ kann man sich sicherlich auch. Das Wort „schwarzarbeiten“ haben wir jedoch noch nie gehört.

  • Was heisst „schwarzräumen“?
  • Aber was ist „schwarzräumen“? Vielleicht die illegale Räumung einer nicht angemeldeten Demo durch die Polizei? Sozusagen illegal mal illegal = legal? Oder geht es um die Räumung einer Wohnung, die ohne Licht von statten geht?

    Weit gefehlt: Hier müssen wir uns der Sprache mit Logik und Antithese nähern. Was ist das Gegenteil von Schwarz? Ich weiss: Weiss! Und was ist im Winter weiss? Richtig: Der Schnee. Und der fiel im Februar 2005 ungewöhnlich oft und viel in der Schweiz, dummerweise nicht nur auf die Skipisten sondern auch auf die Strassen des Kantons Zürich. Und was fordert der mündige Steuerzahler, der seinen „Steuerfuss“ stets zu hoch ansieht, obwohl er nur ein Mal (!) im Jahr Steuern zahlen muss:

    Schwarzräumen bitte sehr! Die kantonalen Schneeräumedienste sollen die Strasse so rechtzeitig und gründlich vom Schnee befreien, so dass sie morgens um 7.00 Uhr, wenn der Zürcher zur Arbeit pendelt, nicht mehr weiss sind, sondern schwarz.
    Ich weiss, hier wurde noch nicht schwarz geräumt:
    Hier wurde noch nicht schwarz geräumt
    Foto von Bloggingtom

  • Prinzip der Gegenteilslogik: Saurer statt süsser Sprudel
  • Diese Gegenteilslogik findet sich in Süddeutschland auch bei der Bezeichnung von Mineralwasser. Wir wissen ja bereits, dass die deutsche Bezeichnung „Sprudel“ bei den Schweizern eher Assoziationen wie „Sprudelbad“ und „Wellness-Kur“ auslösen. Wie nennt man nun in Süddeutschland ein Mineralwasser „ohne Geschmack“? Also etwas, was „nicht-süss“ ist? Genau: Was nicht süss ist, ist eben „sauer“, darum heisst das hier „saurer Sprudel“, auch wenn es nicht im entferntesten nach sauren Gurken schmeckt.

    

    12 Responses to “Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 7) — Schwarzräumen”

    1. Phipu Says:

      Die Herkunft des Namens Billag ist tatsächlich ein wenig mysteriös. Jens bringt da ein paar gute Vorschläge. Ich vermute allerdings eine viel profanere Namensgebung. Die Firma wurde erst Ende 90er-Jahre gegründet, als Nachfolge von PTT-Telecom – spätere Swisscom (als bundesweite Autorität). http://www.billag.ch/web/de/billag.html oblag. Was macht eine moderne Unternehmung, besonders in der mehrsprachigen Schweiz? Sie nennt sich nicht etwa SIRF, OSRT, USRT (Wort Billag im Blogeintrag anklicken) wie die altmodische SBB CFF FFS, die sich wirklich schon lange und viel modischer SwissRail taufen sollte, sondern gleich „neudeutsch“, bzw. „franglais“ Bill-AG (klingt schöner als frz./ital. BillSA) Diese Aktiengesellschaft (AG) erstellt also „the bill“ (die Rechnung) für die RADIO*- und Fernsehgebühren.

      * = Merke: in der Schweiz lösen gerade im technischen Bereich deutsch-deutsche Wörter Denkpausen zur Übersetzung aus. Z.B. „Fernsprecher? … ah, Sie meinen Telefon“ oder eben „Rundfunk? …Funkwellen, die rundherum ausgestrahlt werden, ah, Radio!“ Nur bei Fernseher/Fernsehen braucht man nicht auf „TV“ oder „Télé“ zurückzugreifen, um auf Anhieb verstanden zu werden. Fazit: im Zweifelsfall für das Fremdwort.

      Schwarzarbeit gibt es sehr wohl, sie wird aber eher streng geahndet. Die Kontrolle ist einmal mehr Sache der Kantone.** Wenn also ein Unternehmen Schwarzarbeiter anstellt, muss er mit saftigen, oft existenzbedrohenden Strafen rechnen. Auch der Schwarzarbeiter hat Pflichten verletzt und wird sanktioniert (sicher auch so ein Helvetismus). Zum Selbstschutz sprechen also Betroffene einfach nicht darüber.

      ** = (KIGA, Kantonales Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit). Glücklich daher, wer eine Lehre abschliesst mit einem BIGA (Bundesamt …)-anerkannten, also schweizweit gültigen Fähigkeitsausweis.

      Beim sauren Sprudel haben wir in der Schweiz so unsere Verständnisschwierigkeiten. Ist das also einfach (geschmackloses) Mineralwasser? Noch vor wenigen Jahren bestellten wir einfach „es Hennyee ohni/mit Cholesüri“ (Henniez ist die bekannteste Schweizer Mineralwassermarke) http://www.henniez.ch/s_henniez/index_de.html . Schon damals erhielt man dafür oft regionsbedingt Valser-, Eptinger-, Lostorfer-, Elmer-, oder Rhäzünser-Wasser. Heute zu Zeiten des eingewanderten Servierpersonals (welcheR SchweizerIn würde freiwillig so eine schlechtbezahlte anstrengende Arbeit annehmen?) und der globalen Verbreitung von San Pellegrino und Evian, weichen wir auf den neutralen Ausdruck „Mineralwasser“ aus.

    2. ichbins Says:

      Einmal im Jahr Steuern zu bezahlen, heisst ja nicht, dass man nur einen 12tel bezahlt 😉

      Schwarzräumen ist auch recht logisch. Man räumt die Strasse damit sie wieder schwarz ist. Ich würde aber behaupten, dass „Schneeräumen“ verbreiteter ist.

    3. Oliver Says:

      Gott was hatte ich wieder viel zu lachen :-)))

      Dein Blog gefällt mir!
      Werde von Zeit zu Zeit vorbeischauen.

      Oliver

    4. R.B. Says:

      Schwarzräumen? Das war doch schon mal bei „Genial daneben“ dran. Ich glaube, Hoecker hats gewusst. 😉

    5. viking Says:

      Es gibt logischerweise in der Schweiz auch das Weissräumen. Wird aber leider viel zu wenig angewandt. Im Flachland meistens nur in Wohnquartieren.

      Mineralwasser wird oft, im Rahmen der beliebten Buchstabensparaktion (man weiss ja nie, wann man die Dinger/Buchstaben nochmals brauchen kann) zu „es Mineral“.

    6. David Says:

      Ein Deutscher, der Schwarzarbeit nicht kennt???

      (dafür aber umso besser rummosern kann, immerhin!)

    7. David Says:

      @Phipu: BILLAG als „Nachfolge“ von „PTT Telecom“??? Richtig ist, dass die heutige Swisscom der früheren Telecom PTT entspricht und die BILLAG eine Tochtergesellschaft der Swisscom ist, aber keine Nachfolgerin oder so der Telecom PTT…

    8. tulek Says:

      Saurer Sprudel, das irritiert mich an Süddeutschland ebenso wie „Heb‘ das mal!“. Es heißt Selter und „Halt das mal!“. Außerdem würde ich auch gern öfter das Wort Feudel hören. Das Leben im Exil ist kein leichtes ;).

    9. Phipu Says:

      an David:
      Danke für die Korrektur. So wie ich es schrieb, stimmt’s natürlich nicht. Billag (Tochterunternehmen der Swisscom) kümmert sich heute um das Einkassieren der Radio+TV-Gebühren. Früher mussten diese Gebühren an PTT-Telecom (Telefongesellschaft mit weiteren Aktivitäten) bezahlt werden. So wäre es klarer gewesen.

      an Tulek:
      Ich musste „Feudel“ in Wikipedia nachschauen. Damit das nun nicht alle tun müssen: es heisst Scheuerlappen: „Fäglumpe“. Wer „feudelt“ scheuert den Boden: „fägt de Bode/nimmt de Bode (nass) uuf“. „Stimmt’s oder han i rächt?“

    10. clarissa Says:

      Die Sendung, von der R.B. spricht, habe ich auch gesehen. Von daher habe ich eigentlich gedacht, dass das auch ein in D bekannter Begriff ist. Naja.

      „Saurer Sprudel“ habe ich hingegen – weder in D noch in der CH – noch nie gehört bzw. gelesen. Wenn man hier einen Sprudel bestellt, dann sagt man: „I hät gärn es Mineral (mit/ohni Cholesüüri (=Kohlensäure))“. Vor einigen Jahren – wie oben schon jemand geschrieben hat – wurde „Mineral“ gerne auch mit „Henniez“ ersetzt.

      Bei „Billag“ hört sich Phipu’s Erklärung ziemlich einläuchtend an, finde ich.

    11. HaegarCH Says:

      Die Billag war früher schon das Inkasso-Büro der PTT. Damals wurden die Fernseh- und Radiogebühren über die Telefonrechnung bezahlt. Da jedoch der Markt jetzt geöffnet wurde, übernimmt die Billag alleine das Inkasso dieser Rechnungen (früher machte sie nur das Mahnwesen). Bill kommt von Rechnung/Rechnungsstellung/offene Rechnung. Die AG ist logischerweise die Aktiengesellschaft gemeint.

      Alles unklar oder chunts druus??

    12. Marliese Says:

      Saurer Sprudel und “ heb das mal“

      Mensch Tulek …… den Selter und das “ halt das mal “ kannste dir aber an the hut stecken ….. wenn der dialekt so ist ……. dann wird’s auch so ausgesprochen …… aber du kannst ja daheim bleiben …… dann muste es dir nicht anhoeren

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