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Überleben im Schweizer Satzbau — Was alles „erst noch“ passiert

(reload vom 10.2.2006)

  • Was „erst noch“ passiert
  • Fast täglich stolpern wir bei der Lektüre des Tages-Anzeigers oder Schweizer Webseiten über ein Konstruktion mit „erst noch“, die wir nicht interpretieren können:

    Pisten gut – und erst noch Sonnenschein
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 04.01.06)

    Was heisst das jetzt: Danach wird es regnen? Erst haben wir noch ein bisschen Sonnen, danach nicht mehr?
    Erst noch
    Tages-Anzeiger vom 26.01.06
    Was passierte danach? Erst haben sie sich noch erfunden, dann muss da doch noch etwas anderes geschehen sein.

    Oder hier das Portal cash.ch:

    BAUHERRENBERATUNG: Guter Rat, der erst noch spart
    (Quelle: Cash.ch)

    Heh, das reimt sich sogar! Heisst das, später wird es dann richtig teuer?

    Der Begrif „erst noch“ findet sich bei Google-Schweiz 198.000 Mal.
    Oder hier, aus einem Tages-Anzeiger Artikel über einen Sammler alter Telefone:

    Engler hütet insgesamt 370 verschiedene Modelle aus der ganzen Welt, alle detailgetreu restauriert und erst noch funktionstüchtig
    (Quelle: Tages-Anzeiger)

    Später gehen sie dann kaputt? Was passiert danach, wenn „erst noch“ etwas geschieht?

    Wir stellen fest: In der Schweiz bedeutet diese Floskel etwas ganz anderes als in Deutschland. Dort wird das immer rein zeitlich verstanden. So z. B. in der Wochenzeitung, „Die Zeit“:

    „Das Schlimmste kommt erst noch“
    (Quelle: Manager-Magazin.de)

    Der Duden meint dazu:

    erst (Adv.) [mhd. ēr(e)st, ahd. ērist, Sup. von eher]:
    1.a) als Erstes, an erster Stelle; zuerst, zunächst:
    b) anfänglich, zu Beginn:
    2.a) nicht eher, früher als:
    b) nicht länger zurückliegend als:
    c) nicht mehr als:

    noch (Konj.) [mhd. noch, ahd. noh, zusgez. aus: ne = nicht u. ouh = auch, eigtl. = auch nicht]:
    schließt in Korrelation mit einer Negation ein zweites Glied [u. weitere Glieder] einer Aufzählung an; und auch nicht:
    er kann weder lesen noch schreiben; (…)
    (Quelle: Der Duden)

  • Erst noch und für einmal
  • Es kommt für uns in die gleiche Kiste wie das „für einmal“, welches in Schweizer Zeitungstexten ständig an Stelle von „diesmal“ oder „ausnahmsweise“ verwendet wird.

    Erst noch“ muss soviel wie „ausserdem“ bedeuten in der Schweiz, das können wir aus dem Kontext erschliessen. Allein, wir müssen es einfach „erst noch“ verstehen.

    

    7 Responses to “Überleben im Schweizer Satzbau — Was alles „erst noch“ passiert”

    1. unkultur Says:

      „erst noch“ ist genaugenommen eine Kombination aus „sogar“ und „ausserdem“.

    2. Simone Says:

      Hm, in die gesprochene Sprache fliesst so einiges. Es gibt auch jede Menge Deutsche, die statt „dass“, „damit“ verwenden, was einen erst einmal stutzig macht. Aber in der Schriftsprache würde es eher nicht auftauchen. Dieses „erst noch“ in der Zeitung…dachte eigentlich, ich hätte mich sprachlich ganz gut eingelebt, aber es fehlt mit da wohl noch etwas mehr, als ich dachte.

    3. Brun(o)egg Says:

      Erst noch, in den von Dir erwähnten Kontexten, bedeutet zusätzlich. Zusätzliche Leistung, zusätzlicher Gewinn, usw.

    4. Simone Says:

      Weitere Möglichkeit: Entsprechung zu „…dann erst“ in steigernder Aufzählung. Beispiel: Das Essen in der Schweiz ist super: die Schoggi, das Chäsfondue und dann erst das Raclette!

    5. Helza Says:

      Ich bin kein Sprachwissenschaftler, deshalb meine eher amateurhafte Erklärung. Erst noch beinhaltet auch einen Zeitfaktor, also etwas zusätzliches, das aber erst in naher oder fernerer Zukunft hinzukommt. So etwa im Sinne von ’noch einen draufsetzen‘ oder ’nicht nur, sondern sogar auch’… ach, das ist mir jetzt doch zu kompliziert. Passt nur schön auf, ihr werdet es schon noch schnallen.

    6. Brun(o)egg Says:

      @ Helza

      Du liegst genau richtig.

    7. Guggeere Says:

      @ Simone
      So ungefähr. Vielleicht ein Detail: Bei einer Aufzählung mit «und dann erst» verleihst du dem nachfolgenden Aufzählungsglied fast noch mehr Bedeutung als den vorhergehenden. Du zählst also auf, was es bei uns alles zu spachteln gibt, und bringst das Wichtigste mit «und dann erst» als Höhepunkt zum Schluss.
      Das ist bei «erst noch» m.E. nicht der Fall. Es folgt (wie von Brun(o)egg und Helza richtig beschrieben) etwas Zusätzliches, Erwähnenswertes, aber eher nicht das wichtigste Glied der Aufzählung.
      Beispiel: Jodie Foster ist eine erstklassige Schauspielerin, klug und erst noch blond.
      So gesehen, könnte man «erst noch» mit «obendrein noch» umschreiben.

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