Die deutsche Koryphäe hört auf — danach bitte nur einen Schweizer

Februar 11th, 2008
  • Der Mann ist aus Deutschland
  • Professor Otmar Trentz hat viele Jahre die Klinik für Unfallchirurgie im Uni-Spital Zürich geleitet und Zürich in diesem Bereich zu internationalem Ansehen verholfen. Der Mann ist das, was man gern als „Koryphäe“ bezeichnet, eine anerkannte Autorität in diesem Bereich der Medizin. Eigentlich wollte er Mitte 2007 in den Ruhestand gehen, doch da kein Nachfolger gefunden wurde, verlängerte er nochmals um ein Jahr. Der Tages-Anzeiger schreibt:

    Die Universität setzte darauf wie üblich eine Kommission ein, die vor der Wiederbesetzung des Lehrstuhls überprüfen sollte, ob die Klinikstruktur den heutigen Anforderungen noch gerecht werde. In der Kommission sassen auch drei Medizinprofessoren, welche die Klinik gerne zerlegen würden, um sie danach unter sich aufzuteilen: Leberchirurg Pierre-Alain Clavien, Lungenchirurg Walter Weder und Orthopäde Christian Gerber vom Balgrist. Sie konnten aber keine Mehrheit hinter sich bringen. Nach Anhörung zahlreicher, auch internationaler Experten sprach sich die Kommission für eine Unfallchirurgie aus, auf der sich weiterhin breit ausgebildete Fachärzte für Allgemein- und Unfallchirurgie um die Erstversorgung von verletzten Menschen kümmern. (…)
    Fachleute sagen, dass dank diesem Konzept jedes Jahr mehrere schwer Verletzte im Zürcher Uni-Spital überleben. Denn erfahrene Unfallchirurgen können rasch einschätzen, welche Verletzung lebensbedrohend ist und welche weniger schlimm, und den Patienten mit den entsprechenden Prioritäten behandeln. Was hingegen passiert, wenn nur noch Spezialisten zuständig sind, beschreiben die Befürworter des ganzheitlichen Ansatzes überspitzt so: Während sich die Spezialisten noch streiten, wem der Patient gehört, ist dieser bereits gestorben
    (Quelle: Alle Zitate aus dem Tages-Anzeiger 06.02.08, S. 17)

  • Sozialkompetenz oder Kasernenton?
  • Doch die Suche nach einem würdigen Nachfolger gestaltet sich schwieriger als gedacht. Verlangt werden nicht nur fachliche Qualitäten sondern auch die richtige Sozialkompetenz:

    Zwei Kandidaten haben kurz vor Vertragsabschluss abgesagt. Der erste, weil er ein besseres Angebot bekam. Der zweite hat nicht goutiert, dass der Spitalrat ihn vorlud, nachdem er im Persönlichkeitstest nicht gut abgeschnitten hatte. Dass ein Bewerber für einen Lehrstuhl der Medizin von den Spitalverantwortlichen zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, ist neu, wie Hasler sagt. Die Gesundheitsdirektion habe früher die von der Uni Auserwählten einfach abgesegnet. Der Spitalrat hingegen, der seit einem Jahr das oberste Organ des Uni-Spitals ist, möchte die Leute persönlich kennen lernen. Denn Professoren der Medizin lehren und forschen nicht nur, sie leiten auch Kliniken. Für das Spital ist es deshalb wichtig, dass sie Sozialkompetenz haben.

  • Einen Schweizer bevorzugen
  • Bei „goutieren“ dürfen sie jetzt nicht an die Guillotine denken, sondern eher an „le goûter“, dem „Zvieri“ in Frankreich. Es schmeckt einfach besser. Doch was im Uni-Spital mit „Sozialkompetenz“ wirklich gemeint ist, das verrät uns der Tages-Anzeiger im nächsten Absatz:

    Hinter dem Favoriten rangierten ex aequo ein Deutscher und ein Schweizer. Hasler macht keinen Hehl daraus, dass er den Schweizer Bewerber bevorzugt: «Vor dem Hintergrund der Debatte um die Deutschen an der Uni wäre dies ein wichtiges Signal.» Beim Schweizer handelt es sich um Marius Keel, 38-jährig und rechte Hand von Otmar Trentz. Er ist nicht nur fachlich und wissenschaftlich bestens ausgewiesen, sondern hat auch beim Persönlichkeitstest besser abgeschnitten als der abgesprungene Spitzenkandidat der Uni.

  • Völker hört die Signale
  • Diesen „Persönlichkeitstest“ würden wir gern mal kennenlernen. Wird darin auch wirklich korrekte Sozialkompetenz in Quizform abgeprüft? Zum Beispiel mit der Frage: „Wie drücken Sie sich aus, wenn Sie während einer OP einen Tupfer benötigen um eine Blutung zu stillen“:

  • a) Ach Exgüse, wären Sie so gut und täten mir vielleich einmal den Tupfer rüberreichen, wenn es keine Umstände macht? Ich bin übrigens der Hansruedi.
  • b) Please, pass me the swap!
  • c) Tupfer her, aber zack-zack!
  • So wird also ein „wichtiges Signal“ gegeben bei der Kandidatenauswahl. Auch Schweizer Fachärzte haben im Uni-Spital eine Chance, wenn sie im Persönlichkeitstest besser abschneiden. Gehört eigentlich ein zünftiger Rorschachtest auch dazu?
    Rorschachtest
    (Quelle Foto: Wikipedia)

    Rettet die Cervelat? — Rettet den Schweizerdeutsch!

    Februar 8th, 2008
  • Wer will die denn retten?
  • Jetzt haben wir mühsam und in grammatikalischer Schwerstarbeit endlich begriffen, dass der Schweizer Cervelat eine hochheilige und „erst noch“ äusserst männliche Angelegenheit ist, da müssen wir dies in einer Anzeige lesen:
    Rettet die Cervelat
    (Quelle Foto: Rettet die Cervelat

    Das ist falsch. „Die Cervelat“ will niemand retten, sonst könnten wir auch gleich aufrufen zur Kampagne „Rettet den Schweizerdeutsch“. Es gibt keine weibliche Cervelat in der Schweiz. Es gibt eine Wurst, das ist richtig, aber die nennt sich „der Cervelat“. Da haben wir den WurstSalat. Was soll nun gerettet werden? Die Sprache, das richtige Wurstgeschlecht oder doch die Wurst selbst? Als alte Currywurstfans bleiben wir dann doch lieber bei unser echten „Bratzwurst“ mit einem ordentlichen „tz“ in der Mitte, so wie in „getz ist genug“.

    «Wenn es gächti» – Die Männer in der Kantorei

    Februar 7th, 2008
  • Gibt es noch Reformhäuser?
  • Seit einigen Monaten singen wir in der «Neuen Kantorei Bülach», dem Chor der Reformierten Kirche. Die ist «reformiert» und nicht «evangelisch». «Reformiertes» kannten wir in Deutschland nur aus den Reformhäusern, die aber leider aus dem Strassenbild verschwunden sind und durch zahlreiche «Lebens-läden» ersetzt wurden. Man darf auch «Bio-Shop» dazu sagen. Erst mit der Rechtschreib-Reform gelangte die Abkürzung «Ref.» erneut in unser Bewusstsein.

  • Absitzen ganz ohne Pferd
  • Ein bisschen geht es in den ersten zwanzig Minuten einer Chorprobe zu wie im Fitness-Studio. Unser «drill sergeant» ist weiblich und hinsetzten darf sich niemand. Schweizer setzen sich sowieso nicht «hin», sondern nur «ab». Deutsche hingegen brauchen zum Absitzen ein Pferd, doch die sind in der Kirche verboten. Wohlmöglich fressen die sonst noch die Weihnachtskrippe leer.

    Wir lernen uns zu lockern, auf Befehl zu gähnen und den Nacken zu dehnen. Wir lernen tief «iischnuufe» und dürfen dann irgendwann auch wieder ausatmen, natürlich singend. Auch den Schweizer Konjunktiv II der reflexiven Vergangenheit von «gehen» haben wir dort gelernt: «Es gächti euch?» oder «gächti das?». Wer hat nochmal behauptet, dass das Schweizerdeutsche keine einfache Vergangenheitsform kennt, sondern alles im Perfekt berichtet?

    Ein grosses Problem in diesem Chor sind die zahlreichen Männerstimmen. Es müssen stets weitere Stühle geholt werden, damit auch wirklich alle einen Platz finden. Alle beide meine ich, oder manchmal auch alle drei. Wenn Sie also einen Mann kennen oder haben und uns den mal ausleihen würden, so als Dauerleihgabe für die Donnerstagabende, dann wären wir Ihnen da sehr verbunden. Wenn es noch dazu ein Mann mit Tenorstimme ist, den Sie dem Chor zur Verfügung stellen können, dann werden sie bald in den Genuss kommen, ihren Mann als Solisten in der Kirche zu hören, es sei denn es kommen zwei. Sie dürfen auch gern selbst mitkommen, Frauenstimmen sind bei uns in der absoluten Mehrheit. Sie haben das «Mehr», wie man in der Schweiz sagt, das ohne Wind und Wellen.

  • Hochdeutsche Aussprache muss geübt werden
  • Gesungen wird meistens auf Hochdeutsch, manchmal auch auf Englisch oder Spanisch. Seit wir „Feliz Navidad“ zur Weihnachtszeit gesungen haben, kann ich ganz lässig „Frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr“ auf Spanisch runterrasseln. Unsere Chorleiterin spricht zwar in der Probe nur Schweizerdeutsch, erklärt aber häufig sehr genau, wie man Hochdeutsch richtig ausspricht, welche Laute stimmhaft oder stimmlos sind, und wann ein Vokal offen oder geschlossen gesungen wird. Kann man richtig was lernen in so einem Chor. Manchmal müssen wir vor dem Singen den Text langsam gemeinsam sprechen und betonen, dann wird es uns immer ein bisschen unheimlich im Raum. Soviele Schweizer, die im Chor Hochdeutsch sprechen! Das kennen wir sonst nur vom „Vater Unser“ bzw. „Unser Vater“ beten.

    Es wird sehr ernsthaft geprobt, und nicht «rumgepröbelt» im Chor. Und danach gehen wir immer alle zusammen einen saufen. Na, ist das ein Angebot? Sorry, ich wollte sagen, «eine Offerte», die Sie nicht abschlagen können? Ach, und ihr Mann wollte auch gleich mitkommen, als er das mit dem Saufen von Ihnen vorgelesen bekam? Dann bringen Sie ihn doch einfach mit. Prima, dann bis Donnerstagabend um 19.30 Uhr in der Reformierten Kirche zu Bülach. Wir freuen uns auf Sie!

    Das ist Hochdeutsch, das verstehst Du nicht

    Februar 6th, 2008
  • Gesang auf Hochdeutsch
  • Am letzten Samstag in der Bibliothek von Bülach, die unter Deutschen immer noch mit dem geheimen Decknamen „Bücherei“ bezeichnet wird, weil es dort Bücher auszuleihen gibt, wurden wir Zeugen einer bemerkenswerten Szene: Ein kleines Schweizerkind im Alter von ca. 5 Jahren greift in das Regal mit den Kindercassetten und ergattert ein Exemplar mit Deutschen Kinderliedern. Seine Mutter nimmt die Hülle prüfend in die Hand, legt sie dann zurück ins Regal und sagt zu ihm in nicht transkribierbaren Züridütsch: „Das nehmen wir nicht, das ist auf Hochdeutsch gesungen, das verstehst Du nicht. Nimm lieber diese Pingu Cassette“. Das Schweizerkind insistiert nicht länger sondern tut brav wie ihm geheissen. Es wählt eine Pingu Cassette.

    Lerne Schweizerdeutsch mit Pinug

  • Pingu und Robby sind die Lehrmeister
  • Für Leser aus Deutschland müssen wir an dieser Stelle erklärend einfügen, dass Pingu eine Trickfilm Figur ist, die seit 1986 in der Schweiz entscheidend für die frühzeitige und kindgerechte Verbreitung des elaborierten Codes des Schweizerdeutschen verantwortlich ist. Mit ganz erstaunlichem Erfolg! Wir lesen bei Wikipedia:

    Pingu ist eine Schweizer Claymation-Trickfilmserie für Kinder. Im Mittelpunkt stehen die Hauptakteure der Serie: der freche, kleine Pinguin Pingu und sein Freund, der putzige Seehund Robby. Es gab aber auch eine Reihe von Episoden, bei welchen auch der Rest von Pingus Familie eine wichtige Rolle spielt. Pingus Vater ist Postbote und ein begnadeter Spielzeugmacher. Oft an der Seite von Pingu ist auch seine kleine Schwester Pinga.
    (Quelle: Wikipedia)

    Wenn Sie also ihren nicht Schweizerdeutsch sprechenden Kindern etwas pädagogisch Wertvolles antun möchten, dann gehen Sie mit ihnen schnurstracks ins nächste grössere Migros-Restaurant und parken oder parkieren ihre Kleinen vor dem Pingu-Monitor, und schon werden sie begreifen, warum die Schweiz Deutschland in der Pisa-Studie (Lesefähigkeit ) immer noch alt aussehen lässt. In der Heimat Pestalozzis werden innovative pädagogische Konzepte wie die Pingu-Filme zur Perfektion gebracht, das müssen wir neidlos eingestehen.

  • Lerne Schweizerdeutsch mit Pingu!
  • Hier einer der erfolgreichen Sprachkurse mit Pingu. Also passen Sie gut auf, spitzen Sie beide Ohren und achten Sie besonders auf die wohlartikulierten Vokale und typisch Schweizerdeutschen Konsonanten. Sie können die Sequenzen jederzeit mit der Pause-Taste unterbrechen und nachsprechen. Schon bald ist eine deutliche Progression ihre Schweizerdeutschen Sprachkompetenz messbar. Viel Erfolg!

    Es gibt kein Schweizer Madel — Die Wahrheit über Heinos Blauer Enzian

    Februar 5th, 2008
  • Das Schweizer Madel ist aus Österreich
  • Bei der Beschäftigung mit der Farbe „Blau“ in der letzten Woche fiel uns unweigerlich ein besonders gruseliges Stück „blauer“ Kultur ein. Die Rede ist vom„Blauen Enzian“, vorgetragen von der einzigen noch lebenden Schaufensterfigur der Deutschen Schlagerszene, die mit Sonnenbrille und blonder Perücke auftritt.

    Das Lied enthält die spannende Textzeile:

    Wenn des Sonntags früh um viere die Sonne aufgeht,
    und das Schweizer Madel auf die Alm ’naufgeht,
    bleib ich ja so gern am Wegrand stehn, ja stehn,
    denn das Schweizer Madel sang so schön.
    Holla hia, hia, holla di holla di ho.
    Holla hia, hia, holla di holla di ho.
    Blaue Blumen dann am Wegrand stehn, ja stehn,
    denn das Schweizer Madel sang so schön.

  • Schweizer Madel gibt es nicht
  • Bei diesem „Schweizer Madel“ handelt es sich eindeutig um ein Importprodukt aus Österreich oder aus Bayern, denn ein Schweizerwort ist das auf keinen Fall. Wir fragen unsere Fachkraft fürs Schweizerdeutsche um Rat. Hier die Antwort:

    Möglicherweise gibt es etwas leicht ähnlich Klingendes im St. Galler Rheintal (nahe Vorarlberg und Liechtenstein). Das würde aber wohl eher nach „Maatli“ tönen. Was ich hingegen mit Sicherheit weiss, ist, dass das „Modi“ auf Berndeutsch diesem bairischen Wort ebenfalls ähnelt.
    Lediglich durch regionale Dialektvariationen ergeben sich schon viele Aussprache-Untergruppen für ein und dasselbe Wort. Bern: „Meitschi“ und „Modi„, im Oberland auch „Meetschi“ (MZ: Meetscheni), im Brüniggebiet dann eher „Meetli“ (MZ: „Meetleni„). Im üblichen Ballungsraum des Mittellands dann: „Meitli“ (in Olten) über „Mäitli“ (Zürich, St. Gallen) bis zu „Maitli“ (Graubünden und Basel).

    Kein „Madel“ weit und breit. Dabei wurden noch nicht einmal alle Slang-Variationen berücksichtigt, die sich im Slangikon finden: „Chick„, „Schneehäsli“ und „zwäibäinigi Chatz“ und viele andere.

  • Einmal das Lied anhören und dann sterben
  • Es erfüllt bereits die Folterdefinition der Genfer Konventionen, wenn man jemanden dieses Stück anzuhören zwingt (den vollständigen Text dazu findet man hier). Also gut anschnallen, Beissholz zwischen die Zähne klemmen, Fäuste machen und los geht es. Obacht, ein „Schweizer Madel“ wird dreimal erwähnt und ist völlig unschuldig:

    In den von 1977 bis 1986 abgehaltenen Rocknächten, live aus der Essener Grugahalle, wurde dieses Stück morgens um 5:00 Uhr nach der letzten Zugabe über die Hallenlautsprecher gespielt, um so unglaublich rasch das Publikum aus der Halle zu treiben, welches dann draussen mit der ersten Strassenbahn zum Schlafen nach Hause fuhr.

    Historisch interessant ist diese frühe Version von 1972. Noch mit Gitarre und völlig ausflippendem Publikum gedreht. Diese Fassung beweisst, dass dreissig Jahre für eine gute Perücke nichts sind:

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