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«Wenn es gächti» – Die Männer in der Kantorei

  • Gibt es noch Reformhäuser?
  • Seit einigen Monaten singen wir in der «Neuen Kantorei Bülach», dem Chor der Reformierten Kirche. Die ist «reformiert» und nicht «evangelisch». «Reformiertes» kannten wir in Deutschland nur aus den Reformhäusern, die aber leider aus dem Strassenbild verschwunden sind und durch zahlreiche «Lebens-läden» ersetzt wurden. Man darf auch «Bio-Shop» dazu sagen. Erst mit der Rechtschreib-Reform gelangte die Abkürzung «Ref.» erneut in unser Bewusstsein.

  • Absitzen ganz ohne Pferd
  • Ein bisschen geht es in den ersten zwanzig Minuten einer Chorprobe zu wie im Fitness-Studio. Unser «drill sergeant» ist weiblich und hinsetzten darf sich niemand. Schweizer setzen sich sowieso nicht «hin», sondern nur «ab». Deutsche hingegen brauchen zum Absitzen ein Pferd, doch die sind in der Kirche verboten. Wohlmöglich fressen die sonst noch die Weihnachtskrippe leer.

    Wir lernen uns zu lockern, auf Befehl zu gähnen und den Nacken zu dehnen. Wir lernen tief «iischnuufe» und dürfen dann irgendwann auch wieder ausatmen, natürlich singend. Auch den Schweizer Konjunktiv II der reflexiven Vergangenheit von «gehen» haben wir dort gelernt: «Es gächti euch?» oder «gächti das?». Wer hat nochmal behauptet, dass das Schweizerdeutsche keine einfache Vergangenheitsform kennt, sondern alles im Perfekt berichtet?

    Ein grosses Problem in diesem Chor sind die zahlreichen Männerstimmen. Es müssen stets weitere Stühle geholt werden, damit auch wirklich alle einen Platz finden. Alle beide meine ich, oder manchmal auch alle drei. Wenn Sie also einen Mann kennen oder haben und uns den mal ausleihen würden, so als Dauerleihgabe für die Donnerstagabende, dann wären wir Ihnen da sehr verbunden. Wenn es noch dazu ein Mann mit Tenorstimme ist, den Sie dem Chor zur Verfügung stellen können, dann werden sie bald in den Genuss kommen, ihren Mann als Solisten in der Kirche zu hören, es sei denn es kommen zwei. Sie dürfen auch gern selbst mitkommen, Frauenstimmen sind bei uns in der absoluten Mehrheit. Sie haben das «Mehr», wie man in der Schweiz sagt, das ohne Wind und Wellen.

  • Hochdeutsche Aussprache muss geübt werden
  • Gesungen wird meistens auf Hochdeutsch, manchmal auch auf Englisch oder Spanisch. Seit wir „Feliz Navidad“ zur Weihnachtszeit gesungen haben, kann ich ganz lässig „Frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr“ auf Spanisch runterrasseln. Unsere Chorleiterin spricht zwar in der Probe nur Schweizerdeutsch, erklärt aber häufig sehr genau, wie man Hochdeutsch richtig ausspricht, welche Laute stimmhaft oder stimmlos sind, und wann ein Vokal offen oder geschlossen gesungen wird. Kann man richtig was lernen in so einem Chor. Manchmal müssen wir vor dem Singen den Text langsam gemeinsam sprechen und betonen, dann wird es uns immer ein bisschen unheimlich im Raum. Soviele Schweizer, die im Chor Hochdeutsch sprechen! Das kennen wir sonst nur vom „Vater Unser“ bzw. „Unser Vater“ beten.

    Es wird sehr ernsthaft geprobt, und nicht «rumgepröbelt» im Chor. Und danach gehen wir immer alle zusammen einen saufen. Na, ist das ein Angebot? Sorry, ich wollte sagen, «eine Offerte», die Sie nicht abschlagen können? Ach, und ihr Mann wollte auch gleich mitkommen, als er das mit dem Saufen von Ihnen vorgelesen bekam? Dann bringen Sie ihn doch einfach mit. Prima, dann bis Donnerstagabend um 19.30 Uhr in der Reformierten Kirche zu Bülach. Wir freuen uns auf Sie!

    

    18 Responses to “«Wenn es gächti» – Die Männer in der Kantorei”

    1. DaniDo Says:

      Yeah! Jens singt! Schön!

      Es gibt noch viel verrecktere Varianten des Konjunktivs von gehen: Es guch mir au am Zyschdig…

      Ist das mit der Männerknappheit in Deutschlands Chören eigentlich auch so?

    2. Tellerrand Says:

      Könnte mir vorstellen, dass Mann in Deutschland lieber gleich in einen Männergesangsverein geht, weil man da viel ungestörter nach getaner Sangesabeit die Kehle anfreuchten kann 😉

    3. DaniDo Says:

      @ Tellerrand

      Tja, die Kehle anfeuchten zusammen mit dreimal so vielen Frauen hat natürlich auch was. Männer kommt singen!

    4. Simone Says:

      @Tellerrand: In Oberhessen spricht man nicht vom Gesangverein, sondern vom „xangverein“.

      Wir hatten im Chor einen Stempel, mit dem wir an bestimmten Stellen des Notenblattes „net schnaufe“ eintrugen. Das war lustig.

    5. knaus Says:

      ich weiss zwar nicht was eine reflexive vergangenheit ist, aber „gächti das“ klingt für mich nach „ginge das?“ und da frag ich mich und euch, wo da die vergangenheit geblieben worden wäre sein ist.

    6. Marroni Says:

      Dann noch die Möglichkeitsform: Es würde mir auch am Freitag gehen “ äs gieäch“ „äs giächti“ au am Friitig.

    7. Tellerrand Says:

      @ DaniDo

      Dem ehelichen Eskapismus fröhnt sich’s besser in der reinen Männerrunde. Aber klar, komplett ist das Vergnügen erst mit Wein, Weib und Gesang 😉

    8. AnFra Says:

      Wenn Frau Tambour-Feldwebel / -Feldweibel fragt: „Es gächti euch? bzw. gächti das?“ ist sicherlich nicht die Vergangenheitsform von „gehen“ gemeint, sondern eher der Sinninhalt nach der „Schnelligkeit“ des Liedes bzw. der Chorprobe, oder Jens?
      Die Frage könnte in nhd. in etwa so lauten / tönen: „Es ist für euch doch nicht zu schnell? bzw. „Ist das von der Schnelligkeit so richtig?“

      Wahrscheinlich liegt hier die Grundform von „gäch“ u.a. für schnell, rasant, jäh, eilig, eifrig, geschwind, hastig, hurtig, ungestüm, überstürzt vor.
      Die Frage von Frau FW wird sicherlich nicht nach dem „gehen können“ bzw. „geht es“ gerichtet sein, sondern nach der „Schnelligkeit der Melodie oder des Übungsfortschrittes“. Frau FW neigt sicherlich gerne dazu, die Schnelligkeit euren Gesanges zu steigern. Drum die Frage: „Es gächt (i) euch?“
      Wie und ob das „i“ hier reinkommt, muss ein echter Blutsalemanne darstellen können!

    9. Christian Says:

      Hmmm

      In dem Zusammenhang würde ich eher von gehen sprechen als von beeilen. Gäch kann ja auch für steil stehen… für mich steht gächti das frei übersetzt für „geht das so?“ resp. in unserem Dialekt mit „gohts eso?“

      Gruess
      Christian

      [Anmerkung Admin: Blogwiese zu „gäh“ siehe hier]

    10. solanna Says:

      Auch ich wiederspreche AnFra. Gächti oder giechti ist die höfliche Anfrage, ob es so ginge, also ob es so möglich wäre. Umgekehrt, also nicht als Frage, sondern als Bestätigung, heisst es dann „mir giechtis am nöchschte Määndig“, bzw. „mir göngtis/gächtis etc. au am Määntig“.

    11. Neuromat Says:

      ich weiss nicht, erst Heino in die Pfanne hauen, den wir gerade soweit hatten, dass er aus der Weltstadt Bad Münstereifel (ist das Münster in der Eifel?) auf den Weltmittelpunkt Bülach gereist wäre, um im Verein reformierter Stimmlippenschwinger so manche Barbara schwarz zu machen, und dann mit gesanglichen Nachwuchssorgen rausrücken …

      Imperfekt kennt das Schweizerdeutsch nach wie vor nicht (dieser Satz ist so herrlich doppeldeutig), es wird durch das Perfekt ersetzt. Die einfache Zukunft ersetzen wir durch das Präsenz, das kann auch für das Imperfekt verwendet werden, es ist dann ein historisches Präsenz.

      Das Plusquamperfekt kommt so gut wie nie vor. Es könnte ein Konjunktiv des Präsens sein, das ist die Stärke der schweizerischehn Mundart – es gibt für jedes Verb eine Möglichkeitsform. Was nicht heisst, dass es immer eine Möglichkeit gibt, sondern eher, dass keiner etwas genaues weiss.

    12. Phipu Says:

      An AnFra:
      Wie hier schon angetönt (nicht „-getörnt“), sehe auch ich in „gächti“ keine Vergangenheit. Genau so wenig versteckt sich darin ein „gäch“ (steil/stotzig/gääi). Das ist nach meiner oberflächlichen Kenntnis der Grammatik eine Konjunktivform des Präsens. Auf Zürichdeutsch „Wänn das gächti“ oder Berndeutsch „We ds giengti“ heisst nichts anderes als ein hochdeutsches „Wenn das ginge“. Doch diese Form wird aus Furcht vor Deklinationsfehlern, hervorgerufen eben durch diese blumigen Dialektkonjunktive, von Schweizern in gesprochenem Hochdeutsch eher plump als „wenn das gehen würde“ formuliert. Siehe auch: http://www.blogwiese.ch/archives/759#comment-226080

      Für deutsche Ohren muss man sich halt einfach daran gewöhnen, dass hierzulande eher einmal zu oft als zu wenig im Konjunktiv formuliert wird. Das soll übrigens (aufgrund eines im Radio gehörten Sketches) in Österreich auch der Fall sein: „Wenn Sie mir das noch einpacken täten“ (Grundform „tun“). Achtet einmal aktiv darauf, wie oft man Konjunktive hört, die eigentlich nicht nötig wären – äh – sind, wenn ihr nichts dagegen hättet – äh – habt.

      Aus einem spezifischen Grund verstünde ich …

      Jens
      natürlich, hielte er den Titelsatz für Vergangenheit. Gäbe es nämlich in deutschlanddeutscher Umgangssprache den im Konjunktiv vorgetragenen Satz: „kriegte* ich wohl noch ein Bier?“, anstelle der hier oft diskutierten Form mit Ausrufzeichen, klänge/tönte* die Verbform in einigen Fällen, die ich hier am liebsten mit Stern (*) bezeichnete* nämlich gleich wie die Präteritum/Imperfekt-Konjugation. Leute, die so miteinander sprächen, machten* ausserdem den Eindruck, der Umgangston sei eine Stufe höflicher, womit ich auch einen Antwortansatz aufzeigte* für die „e chli fiiner“-Aussage. Stimmte* meine Theorie, provozierte* ich nun nicht …

      Neuromat
      erneut mit diesem Thema.

    13. DaniDo Says:

      @Tellerrand

      wohl genau auf das immer stärkere Bedürfnis nach der Komplettheit dieses schönen Trios (WWG) ist die rapide Abnahme der Männergesangsvereine zurückzuführen:-)

    14. Brun(o)egg Says:

      Mir scheint absitzen logischer als hinsetzen. Es heisst ja auch aufstehen und nicht herstehen.

    15. Docu Says:

      Iischnuufe, nümmerschnuufe, usseschnuufe- so tönt es in den Spitälern in der Röntgenabteilung ——anfangs habe ich “ nümmer schnuufe“ als „nie mehr atmen“ übersetzt. Dialekt zu verstehen kann Leben retten.

    16. Tellerrand Says:

      @ Danido

      Klar. Und die immer grösser werdende Gemeinde der Frauenversteher zieht’s natürlich eher in gemischtgeschlechtliche Chöre 😉

      @ Brun(o)egg

      Dabei wird man doch in der Schweiz gerne aufgefordert, man solle mal herstehen 😉

    17. viking Says:

      Bei jedem Pipifax wird aufgeschrien, aber wenn den reformierten das evangelisch abgesprochen wird, nehmen sies einfach so hin… so weit sind wir schon 😉 Die Reformierten hier sind genauso evangelisch wie die Lutheraner, guckst du… http://www.ref.ch/

    18. Tellerrand Says:

      @ viking

      Die Reformatoren haben dagegen protestiert, dass sich die Katholiken immer weiter von den Evangelien entfernten 😉

      Man darf sich aussuchen, welchen Aspekt man zur Bennenung der Glaubensgemeinschaft(en) hervorheben möchte.

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