Das vierbeinige Pizza-Monster von Bülach — Ein Beispiel für innovatives Schweizerdesign
September 8th, 2008Im berühmten Science Fiction Roman „Krieg der Welten“ von H. G. Wells bewegen sich die ausserirdischen Eindringlinge mit Hilfe von dreibeinigen Fahrzeugen (die natürlich nicht fahren sondern auf drei Beinen gehen) über die Erde. Am Ende sind sie geschlagen und besiegt, durch einen Virus, und die drei Beine staken in den Himmel. Das Dreibein-Thema griff später der englische Jugendbuchautor Samuel Youd unter der Pseudonym John Christopher wieder auf, und machte es in einer „Tripod-Triologie“ populär, die sogar als Fernsehserie von der BBC verfilmt wurde.
An diese Dreibeiner von Wells und Christopher mussten wir denken, als wir zum ersten Mal jene geniale Vorrichtung in Bülach erblickten, die neben einer bequemen Parkbank und einem „Haifischzahn-Mülleimer“ aufgestellt ist. Unten ein Betonsockel, darauf eine Stange, die sich teilt und verzweigt.

(Quelle: Privates Foto, Standort ist hier)
Allerdings sind es vier statt drei Beine. Warum steht dieses Ding bloss auf dem Kopf? Wie soll der dicke Betonsockel von diesen schmalen Beinchen getragen werden? Gäste aus Deutschland, denen wir auf einem Spaziergang durch Bülach die hübsche Altstadt zeigen, fragen wir hier stets nach ihrer Meinung zu diesem Gestänge. Ist es moderne Kunst, lässig in den Alltag plaziert? So wie die Bülacher Henkel-Skulptur von A. B. Läute.
Wenn unsere Gäste nicht von selbst drauf kommen, um was es sich hier handelt, helfen wir mit ein paar ortstypischen Informationen weiter: In 5 Minuten Fussnähe befinden sich zum einen die Kantonschule Zürcher Unterland, die „Kanti“, die nicht nach dem deutschen Philosophen Emanuel Kant benannt wurde, auch wenn es so klingt. Griffige Abkürzung für dieses Schweizer Gymnasium ist ausserdem die „KZU“. Da kennen die nix, eine Schule mit „KZ“ abzukürzen in der Schweiz. Fällt sowieso nur einem Deutschen auf. Ausserdem liegt ein Berufschulzentrum gleich nebendran.
Doch viel wichtiger zur Lösungsfindung der Frage nach der Funktion dieses geheimnisvollem Kunstwerks ist das Wissen darüber, dass zwei äusserst beliebte Bülacher Pizza-Bäckereien in 5 Minuten Fussnähe liegen. Diese verkaufen ihre Pizzen gern auch ausser Haus in quadratischen Schachteln. Damit diese Schachteln nun nicht in der Gegend herumfliegen, wenn die Käufer sie hier auf der Bank bequem an der frischen Luft verzehrt haben (die Pizzen, nicht die Schachteln), wurde dieser Vierbein-Schachtelständer errichtet.
An guten Tagen sind dort abends sicher 10-20 leere Schachteln zu finden. Kurz vor bestimmten Feiertagen (Walpurgisnacht, Nacht zum 1. Mail etc) wird das Gerät auch mal „auf den Kopf“ gestellt, d. h. der Betonsockel zeigt dann nach oben. Ein schwieriger Balance-Akt. Die Kids haben ihren Spass, die Pizza-Bäcker oder sonst ein dienstbarer Geist kommen den Pizza-Packungen-Ständer wieder leeren, es sieht ordentlich aus, der Mülleimer nebendran quillt nicht über. Was will man also mehr, wenn so alle zufrieden sind mit dieser pragmatischen Lösung?
Nun, vielleicht könnte das Teil noch ein wenig ästhetisch aufgewertet werden, durch einen coolen Anstrich oder einer Lackierung in Metallic „Reseda Grün“. Es sollte patentiert werden, als „Original Bülacher Pizza-Kartonhalter“. Ausserdem fehlt das Hinweisschild, auf dem man schreiben könnte: „Dieses Gerät steht nicht auf dem Kopf, es gehört so rum“, oder „Bitte die Pizza im Pizzakarton vor dem Wegwerfen der Packung ganz aufessen. Danke“. Aber wir wollen die Bülacher Jugend nicht zu sehr triezen, schliesslich leisten sie beim Pizzakauf einen wichtigen Beitrag zur Sicherung des einheimischen Gastgewerbes. Wann haben Sie ihre letzte Pizza in Bülach gegessen? Im Freien auf einer Bank schmeckt sie doppelt so gut. Garantiert.





