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Wenn der Zugbegleiter Witze erzählt — Mit Schweizern nach München fahren

  • Der Direktzug nach München
  • Neulich musste ich zu einem Termin nach München fahren. Kein Problem, denn es gibt einen wunderbaren Direktzug ab Zürich über St. Gallen und Lindau in knapp 4 Stunden. Der Zug war nicht schlecht gefüllt mit männlichen Schweizer Touristengruppen auf dem Weg zum Oktoberfest. Einmal ordentlich die Sau rauslassen und am Abend mit dem Gegenzug um 18.30 Uhr wieder heimkehren.

  • Verstehen Sie St. Galler Deutsch?
  • Die meisten Oktoberfestfans stiegen unterwegs um 8:19 Uhr in St. Gallen ein. Das ist die Schweizergegend mit der in unseren Ohren kompliziertesten Dialektvariante. OK, Walliserdütsch ist auch nicht einfach, aber St. Gallen verlangt dem ans Züridütsche gewohnten Hörverständnis doch noch eine Menge mehr ab.

  • Als der Schaffner einen Witz erzählte
  • Unterwegs konnte ich beobachten wie der resolute deutsche Zugbegleiter, den wir aus historischen Gründen immer noch gern „Schaffner“ nennen, sich vor eine Gruppe gutgelaunter und schon leicht angesäuselter Schweizermänner aufbaute und gekonnt einen langen und unterhaltsamen Witz erzählte. Mit verschiedenen Stimmen, einer verschlungenen Geschichte bis hin zur originell und präzise platzierten Pointe. Ach, wann erlebe ich so etwas einmal bei der SBB: Ein Kondukteur mit Talenten eines Alleinunterhalters! Das ist Deutschland, das ist Bayern.

  • Um 12:00 Uhr sind die Zelte dicht
  • Die Ankunft in München um 11:30 Uhr bedingt, dass die Oktoberfest-Besucher sich möglichst rasch zur Wies´n bewegen, denn dort werden ab 12:00 Uhr die grossen Bierzelte wegen Überfüllung für lange Zeit geschlossen. Erst am späten Nachmittag können immer exakt soviel Besucher ins Zelt hinein, wie zuvor hinausgingen, und das sind nicht viele, die den einmal eingenommenen Platz verlassen. Wer keinen Platz im Zelt erwischt, säuft halt in der Stadt im Hofbräuhaus, denn dort herrscht während der Wies´n-Zeit absolut tote Hose.

  • Die Herren mit den Hinweiskärtchen
  • Auf der Rückfahrt gab es, wie auf dem Hinweg, keine Passkontrolle, obwohl zwei Grenzen überquert werden. Auch die freundlichen Zoll-Fahnder mit den Hinweiskärtchen „Wenn Sie mehr als 20 000 Euro auf sich tragen, dann sollten Sich sich jetzt zu erkennen geben“ waren nicht zu sehen. Wer schmuggelt schon per Zug Geld in die Schweiz, wenn er den Bauch voll Bier hat?

    

    19 Responses to “Wenn der Zugbegleiter Witze erzählt — Mit Schweizern nach München fahren”

    1. Simone Says:

      Ganz ehrlich, im Zug habe ich am liebsten meine Ruhe, lese was, höre MP3 oder trinke gemütlich einen Kaffee. Dazu brauche ich weder alkoholisierte Oktoberfestbesucher noch Fussballbegeisterte.

    2. Yvonne Says:

      Hallo Jens, der St. Galler Dialekt ist für Dich am kompliziertesten? Hm, ich würde Dir vorschlagen mal nach z.B. Appenzell Innerrhoden, Bern, Freiburg, Glarus, etc. zu reisen, dann weisst Du, was ein komplizierter Dialekt ist ;-))))) es liebs Grüessli vonerer St. Gallerin

    3. Barbarella Says:

      Hm – also ein guter Weg, mein Schwarzgeld in die Schweiz zu schmuggeln.
      ..falls ich mal zu welchem komme 😉

    4. Thomas Says:

      Das wirst du bei den SBB nicht erleben, da wollen die Reisenden nämlich Ruhe. Ach ja, SBB ist ein Plural.
      Aber ich warte immer noch gespannt auf den Witz.

      [Antwort Admin: so toll war der nicht, einfach nur gut erzählt. ]

    5. Guggeere Says:

      St.Gallen sei also «die Schweizergegend mit der in unseren Ohren kompliziertesten Dialektvariante». – Was soll man dazu sagen? Vielleicht: Zu viel Zürichdeutsch schadet dem Gehör? 😉
      Bis jetzt glaubte ich, St.Galler Mundart sei für Deutsche einfach, da insbesondere die Vokale ganz ähnlich tönen wie im Standarddeutschen. In Zürich hingegen hört man zuweilen nicht einmal den Unterschied zwischen A und O (z.B. «Porodeplotz»; und was ist eine «Hängemotte»?). Ausserdem rollen St.Galler das R nicht. Eine deutsche Schauspielerin, die Sprechunterricht erteilte, hat mir mal erzählt, Schauspielschüler aus St.Gallen könnten mit weniger Aufwand ein sauberes Bühnendeutsch lernen als andere Deutschschweizer.

    6. Bülacheraner Says:

      @Guggeere: Wie heißt denn eigentlich der Dialekt bei dem man z.B. „Auei“ für „Alle“ sagt? Im Raum Zürich sagt man ja eher „Alli“. Man hört „Auei“ manchmal im Fernsehen.

    7. lis Says:

      Also, auf die 20’000 Euro-Kärtchen solltest Du nicht warten – der deutsche Zoll besteht darauf, dass die Angabe ab 10’000 Euro fällig wird (nur falls mal jemand schmuggeln will:-)
      Und die SBB besteht seit einiger Zeit darauf, dass sie im Singuklar genannt wird. Aus den „Bundesbahnen“ ist damit die „Bundesbahn“ geworden….
      Ansonsten versteh ich nun wirklich nicht, was an St.Galler-Deutsch schwer zu verstehen ist. Die Vokalfärbung ist eutschem Deutsch so nah wie selten in Schweizer Dialekten – höchstens die Basler sind noch näher dran. Appenzeller – vor allem Innerrhödler – wären eine echte Herausforderung.

    8. Thomas Says:

      Iis: die SBB schreiben (schreibt) aber von sich immer als BundesbahneEN, verwendet aber das Kürzel SBB mittlerweile tatsächlich als Singular. Ein weiteres Beispiel für den Niedergang der Kultur. 🙂

    9. Phipu Says:

      An Guggere,

      Ich bin auch deiner Meinung. Jeder Primarschüler aus dem Mittelland hat viel mehr Mühe, ein Hochdeutsch hinzubringen, das dem Bühnendeutsch nahekommt, als ein Ostschweizer. Im Osten ist man bevorteilt durch das fehlende Roll-R und das unbekannte Chuehblätter-Ä. In der Ostschweiz hört man einem Leser nie an, ob er nun neu aufwändige Gämse oder alt aufwendige Gemse schreiben würde. Deshalb dachte ich eigentlich auch, das sollte deutschen Ohren nahe stehen. So kann man sich täuschen.

      An Thomas und Lis

      Stimmt. Es heisst zwar „Bundesbahnen“ aber mit dem Kürzel braucht man es als Einzahl. „die SBB hat, ist, wird…“. Damit es aber nicht zu einfach bleibt, heisst es auf Französisch „les CFF ont, sont, vont…“, dort also Mehrzahl.

      An Bülacheraner:

      Besser zuhören: Im Grossraum Bern (und deutschsprachiges Fribourg, auch über grosse Teile Solothurns, teilweise Aargau und Luzern) sagt man Tatsächlich die L als U. Das von dir genannte Wort heisst also „aui“ (ZH: alli, DE: alle). Hast du nun in deinem Vorschlag schon „alleine“ (ZH: „eläi“) auf Berndeutsch geschrieben? – Falsch! Gar so mundquälerisch ist es auch nicht. Das heisst dann wieder „elei“. So wirst du viele Ausnahmen entdecken, die sonst kaum überwindbar wären: „Flöige“ und nicht „Fuöige“ (Fliege), „chläbe“ und nicht „chuäbe“ (ZH: chlöipe, DE: kleben). Da muss eine mir unbekannte Regel dahinterstecken. Ich habe das als Muttersprachler jedoch noch nie so genau seziert.

      Ein schöner besonders berndeutscher Laut ist „äuä“. Dies heisst wörtlich „allweg“, wird in der Konversation anstelle von „wohl“ oder „ach was?“ gebraucht. „Du hesch äuä hüt der euter siubrig Heum agleit“ (Du hast wohl heute den älteren silbernen Helm angezogen; [eu als e-u sprechen nicht oi wie in „deutsch“]). „Äuä, mit mire Briue muess i ging der gäub Dechu bruche“ (Ach was, mit der Brille muss ich immer den gelben Deckel brauchen; [auch hier äu nicht wie in „Häuser“, sondern ä-u]). Der Komiker Massimo Rocchi hat „äuä“ sogar als Titel für eine CD gewählt: http://www.massimorocchi.ch/start/index.php?page=shop.product_details&flypage=shop.flypage&product_id=25&category_id=7&manufacturer_id=0&option=com_virtuemart&Itemid=1&vmcchk=1&Itemid=1

      Kommt in der Blogwiese auch vor: http://www.blogwiese.ch/archives/930 http://www.blogwiese.ch/archives/630 http://www.blogwiese.ch/archives/21

    10. casimiroa Says:

      @Bülacheraner
      Wie lange bist du denn schon in der Schweiz?
      Ich finde, spätestens nach einem Jahr solltest du gemerkt haben, dass der Dialekt, den du meinst- Berndytsch ist!
      Etwa als Schwyzerdütsch Einführungslernfilm nicht -Ueli der Pächter- gesehen?
      mmh!
      Bi zwar vo Basu zum Glück hets es hier aber nid so viu Hagu so gross wie Öpfu,sorry:)

    11. Bülacheraner Says:

      @casimiroa: Naja, ich habe so ca. 2 Wochen gebraucht um Schwyzerdütsch ganz gut zu verstehen, aber ungefähr ein Jahr bis mir dann die verschiedenen Dialekte (im TV) aufgefallen sind. Die Schweizer die ich kenne sprechen alle Züri-Deutsch.

      Den Uli-Film kenne ich nicht. Der stand beim Zurich Film Festival auch nicht auf der Liste 😉

    12. Bülacheraner Says:

      @Phipu: Besten Dank für die detaillierten Infos! Werde mir die Links ansehen.

    13. Guggeere Says:

      @ Bülacheraner
      Dieses berndeutsche u statt l klingt nicht nur für «Deutschland-Deutsche» sehr exotisch. Ich habe irgendwo mal gelesen (und weiss demzufolge überhaupt nicht, ob das stimmt), diese Lautverschiebung sei eine relativ neue Erscheinung. Jeremias Gotthelf habe sie noch nicht geaknnt. Erst später sei dieses seltsame u als Modeströmung aufgetaucht und habe sich nach und nach durchgesetzt.

      Ein Student an der Uni Bern unterhielt sich auffallend oft mit dem Pedell (Hausmeister, Abwart, in postmodernem Deutsch Facility Manager). Über diesen Studenten wurde später erzählt, «är heig am Pedäu sis Wouwoue wöue-n-erwöue» (er habe das Wohlwollen des Pedells erwollen [=erzwingen] wollen).

    14. Thomas Says:

      @Phipu: das mit dem L und U. Ich als Solothurner benutze auch die U Srache, also statt Brille Brüue. Das schreibt sich aber komisch. Selbst wenn ich manchmal mundartmails schreibe, schreibe ich dann brille statt brüue, weil es irgendwie lesefreundlicher ist. Schon no komische Sache.
      Das mit den SBB war drum noch lustig, weil der Chefredakteur, also mein Arbeitgeber hier, mal gesagt hat, das seien die SBB [plural] (was eigentlich auch korrekt ist). Er krebste dann aber zurück, weil das Kürzel SBB bei der NZZ und im allgemeinen Sprachgebrauch mittlerweile ganz klar als Singular verwendet wird. Interessant, wie Sprache innerhalb von 20 Jahren zugrunde geht, oder, nicht wertend ausgedrückt, sich ändert.

    15. Phipu Says:

      An Thomas

      Mein Mutterdialekt ist auch der von Solothurn. Aber wenn ich wirklich Dialekt schreibe, dann tu ich es so, wie ich es sage. Ich mache mir jeweils eben gerade einen Spass daraus z.B. meinem Bündner Freundeskreis in SMS und Mails „danke vüumou“ zu schreiben.

      Eigentlich wollte ich Bülacheraners Kiefer- und Lippenmuskeln nicht noch mit diesem zusätzlichen Schwierigkeitsgrad konfrontieren. Es ist schon schwer genug, in „Miuch“ „Milch“ zu erkennen. Dank dir ist er jetzt darauf vorbereitet, dass es auch „Müuch“ gibt.

      Das mit den/der SBB betrachte ich nicht als sprachlichen Zerfall, sondern als historische Entwicklung. 1904 (oder so) gingen die Bundesbahnen aus wenigen damaligen grossen Bahngesellschaften hervor (Nordostbahn, Centralbahn, Nationalbahn etc.). Logischerweise hatte man damals natürlich eher Tendenz, dies als Mehrzahl von Bahngesellschaften zu sehen. Ich weiss allerdings nicht, wie schwerwiegend die Änderung im Handelsregister wäre, wenn man nach heutigem Verständnis den Unternehmensnamen von „..-bahnen“ zu „..-bahn“ ändern müsste. Vielleicht liegt eben dort das grösste Hindernis.

      Denn gerade in den von dir geschilderten letzten 20 Jahren hat sich viel geändert. Heute, da auch der Schienenverkehr der Konkurrenz geöffnet ist, ist die SBB als einzelner Transporteur einfach eines der Unternehmen, das neben vielen anderen auf der normalspurigen Infrastruktur verkehrt.

      Und über die mehr oder minder logische, und oft vom Dialekt abweichende Wahl der Artikel vor so wohlklingenden Namen im Güter- und Persontransport wie „Rail4Chem, Raillion, RBS, Cisalpino, CityNightLine“ würde uns wohl immer mehr ins „off-topic“, pardon „Abseits“ führen.

    16. Thomas Says:

      Müuch und Miuch eignen sich auch dazu, Berner von Solothurnern zu Unterscheiden. Östlich vom Baregg scheitern die ja daran kläglich, sind selber aber immer etwas verschnupft, wenn man Zürich zur Ostschweiz zählt. 🙂
      Was diese Namensgebung der Unternehmen angeht: als SF DRS sich umwandelte in SF, wollten die Verantwortlichen den Brand „Schweizer Fernsehen“ einführen. Es sollte also dann heissen „Willkommen bei Schweizer Fernsehen“, wie z.B. Willkommen bei Firma X“. Logischerweise war die Tat zum Scheitern verurteilt. Meine Lachmuskeln werden aber noch heute strapaziert, denn seit diesem Entschluss steht beim Empfang von SF das Schild „Willkommen beiM Schweizer Fernsehen“. hihi

    17. Phipu Says:

      Thomas,

      Ou ja, ich muss meine Bündner Leute wieder mal „Ostschweizer“ nennen. Dann komme ich wieder in den Genus eines Vortrags.

    18. Schnägge Says:

      >> „Verstehen Sie St. Galler Deutsch?
      Die meisten Oktoberfestfans stiegen unterwegs um 8:19 Uhr in St. Gallen ein. Das ist die Schweizergegend mit der in unseren Ohren kompliziertesten Dialektvariante.“

      Das kommt ganz darauf an. Vor oder nach dem Oktoberfest? 😉

      Als ich heute bei der Deutschen Bahn eine Fahrkarte erstand, habe ich auch gedacht: Der Typ am Schalter kann aber super Witze erzählen!
      War dann aber tatsächlich der Fahrpreis…

    19. Haui Says:

      Sitzen ein Schweizer, ein Schwabe und ein Berliner im Zug von Hauptstadt zu Hauptstadt.

      Ergreift der Schweizer (!) , abenteuerglustig, das Wort an den Preussen: „Sind Sie schon mal ´n Gzüri gsy?“

      Der Berliner versteht nichts, der Schwabe will helfen: „er moint gwää“

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