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Die Schweizer sind nicht freundlich sondern höflich — Die ganze Wahrheit von Andreas Thiel

  • Höflichkeit ist nicht gleich Freundlichkeit
  • Uns wurde ein Geheimdokument zugespielt, welches endlich die wahren Gründe für alle Deutsch-Schweizerischen Missverständnisse und Krisen erklärt und analysiert. Es stammt von dem begnadeten Schweizerkabarettist und Schweizersatiriker Andreas Thiel. Der schreibt:

    Die Deutschen mögen uns. Sie finden uns freundlich, was wir aber faktisch weder sind noch sein wollen. Wir bemühen uns bloss, höflich zu sein. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Wir Schweizer sind nicht freundlich, wir sind höflich. Die Höflichkeit ist eine grundlegend helvetische Tugend. Die Deutschen, bei deren Umgangsformen die Höflichkeit nicht zuvorderst steht, unterliegen dem Fehler, die schweizerische Höflichkeit als Freundlichkeit zu interpretieren. Daher kommt die Begeisterung der Deutschen für die Schweiz. Dass die Deutschen uns mögen, ist die Folge eines Missverständnisses.
    (Quelle aller Zitate: Schweizermonatshefte.ch)

    Andreas Thiel
    (Foto: Stefan Kubli, Zürich)

    Könnte man es besser auf den Punkt bringen? Ein Deutscher erlebt zum ersten Mal einen absolut perfekt höflichen Schweizer im Gespräch und schlussfolgert sofort: „Mein Gott, was sind das für freundliche Menschen hier!“.
    Thiel führt weiter aus:

    Unsere ausgeprägten Höflichkeitsformen erlauben es uns, in der Schweiz trotz kultureller und sprachlicher Unterschiede friedlich zusammenzuleben. Die schweizerische Höflichkeit dient dem Frieden, der Stabilität und somit dem Wohlstand. Der Deutsche, der unsere Höflichkeit mangels besseren Wissens persönlich nimmt, ist sofort begeistert von der Schweiz. Bleibt er hier, wird er aber bald mit der Distanz konfrontiert, die die Höflichkeit von der Freundlichkeit unterscheidet. Er trifft auf eine Reserviertheit, die er nicht erwartet hat. Auch merkt er, dass er bei den Schweizern nicht ankommt. Trotz freundlicher Gesinnung mangelt es ihm an Höflichkeit. Es fehlt ihm sowohl der freundliche Umgangston wie auch die nötige Distanz.

    Wir haben es doch immer gewusst: Ohne die permanente Höflichkeit würden sich die Schweizer sofort gegenseitig kurz und klein schlagen. Es ist genetisch bedingt und auf Grund natürlicher Evolutionsprozesse übriggeblieben: Survival of the fittest à la Suisse. Nur die höflichen Schweizer überlebten und konnten ihre Gene vererben. Die Streithähne und Schlägerjungs haben sich gegenseitig massakriert. Das ist unter Hunden nicht anders. Das häufigste Verhalten, das ein Hund an den Tag legt, ist „Beschwichtigung“. Sich hinlegen, sich wegdrehen, gähnen, sich verlegen kratzen, all das sind Gesten, die seinem Herrchen oder einem unbekannten Hund zeigen: Schau her, wie harmlos ich bin! Ich will keinen Streit. Auch Höflichkeit ist eine Art der Beschwichtigung. Wer die Hand zum Gruss reicht zeigt damit: „Schau her, ich habe keine Waffe dabei“, usw. Da sind wir Deutschen, im Vergleich zu den Schweizern, auch nach zwei Weltkriegen noch Lichtjahre von entfernt. Denn soweit haben es, laut Andreas Thiel, die Deutschen in der Evolution noch nicht gebracht:

    Die Deutschen haben ein konfrontatives Gesprächsverhalten. Was ein Deutscher sagt, klingt in Schweizer Ohren oft wie ein Befehl. In der Schweiz hingegen pflegt man die permanente Deeskalation. Das Gesprächsverhalten des Schweizers ist nicht gezielt vorpreschend, sondern präventiv abschwächend. Unsere höchsten Güter sind der Konjunktiv und der Diminutiv. Flankiert werden diese Schätze der Konsenskultur noch von der beschwichtigenden Verharmlosung, der anekdotischen Übertreibung und der auflockernden Ironie.

    Es ist also doch Ironie im Spiel bei den Schweizern! Auch wenn diese uns oft und glaubwürdig versuchten weisszumachen, dass Ironie an und für sich sehr unschweizerisch sei und hierzulande praktisch nicht vorkommt. Sie verraten sie uns nicht, damit der Überraschungseffekt um so grösser ist.

    Ein deutscher Freund fragt mich in der Beiz: «Noch ein Bier?», um dann nach einem kurzen «Ja» meinerseits folgende Bestellung aufzugeben: «Noch zwei Bier!» Schweizer hingegen deeskalieren Frage, Antwort und Bestellung präventiv: «Was meinsch, sölle mer ächt no eis näh?» – «I gloube, s chönnt nüt schade…» – «Mir numte de äuä no eis.»

    Ich kriege einen trockenen Mund und Durst allein schon vom Zuhören! Kein Wunder dass viele grosse Schweizerbrauereien dichtmachen mussten. Wenn alle so lange reden, wann kommt man dann zum Biertrinken?

    Je ernster das Gespräch ist, desto vielfältiger sind die Deeskalationsfloskeln, die wir – obwohl in ihrer Form unsachlich – zur Versachlichung des Themas anwenden. Ein Schweizer vermeidet absolute Sätze wie: «Das stimmt nicht!» Er würde eher sagen: «Vielleicht liege ich komplett falsch, aber könnte es nicht auch sein, dass…?». Statt «Das geht nicht» sagt er vielleicht: «Vielleicht sollte ich das jetzt nicht sagen, aber wäre es nicht noch eine Überlegung wert…?» usw.

    Und immer schön dem anderen die Gelegenheit geben, sein Gesicht und Ansehen zu wahren. Ich sag ja: Beschwichtigungsverhalten ist lebensnotwendig, nicht nur bei Hunden.

    Im absoluten Ernstfall greift der Schweizer zur Verharmlosung. Entsteht bei einem Unfall erheblicher Blechschaden, sagt der Geschädigte zum Schuldigen: «Das isch nid eso schlimm.» Es handelt sich dabei aber um deeskalierende Höflichkeit und nicht um eine Freundlichkeit. Die Übertreibung wiederum dient der Auflockerung verfahrener Situationen. Ein Satz wie «Das unterschreibe ich nicht», geht dem Schweizer schwer über die Lippen. Er lacht eher kollegial und fragt: «Wollen Sie mich in Ketten legen?» oder erkundigt sich nach der Reiseroute der Galeere, auf die man ihn zu verbannen gedenke. Auch die helvetische Ironie dient der Entspannung hitziger Debatten: «Wissen Sie was? Sie haben recht! Aber nur bis nach der Kaffeepause.»

    Das mit der „helvetischen Ironie“ müssen wir uns wirklich hinter die Ohren schreiben. Die obigen Sätze sind also tatsächlich nicht ernst gemeint? Hätten wir jetzt komplett falsch verstanden, so ganz ohne Erklärung.

    (…)
    Deutschland hat eine Overstatement-Kultur. Die Schweiz pflegt das Understatement. Schweizer sind tendenziell unsicher und underdressed, dafür gut rasiert, und zwar mit der teuersten Klinge, die gerade zu haben war. Der Schweizer liebt Qualität, aber er trägt sie nicht zur Schau. Je mehr Vermögen ein Schweizer hat, desto kleiner ist das Auto, das er fährt. Dass es vollbepackt ist mit sämtlichen Extras, die ab Werk nicht dabei waren, braucht ja keiner zu wissen. Beim deutschen Autofahrer hingegen sieht man auf den ersten Blick das Maximum, das er sich leisten kann.

    Na ja, so ganz kann ich dieser Argumentation nicht folgen. Kenne genügen Schweizern, die ziemlich dicken Autos fahren und sichtbar teure Anzüge tragen. Wer mit offenen Augen durch Zürich fährt, sieht genügend dicke Villen am Zürichseeufer und grosse Boote im Hafen. Alles in der Hand von Ausländern? Ein Besuch in der Oper zeigt dann das typische „underdressed Understatement“. Wo denn das, vielleicht beim Pförtner? Aber das ist Zürich, etwas speziell in der Schweiz sowieso. Die wahre „understatement“ Kultur erlebt man sicher im Winter in Davos oder St. Moritz. Im Trainingsanzug Trainer vom C&A in der Cüplibar am Pistenrand, garantiert.

    Schweizer pflegen das Understatement auch sprachlich, und das bei weitem generöser als nur mittels des Diminutivs. Der Schweizer spricht grundsätzlich mit chaotischer Satzstellung, wobei er grammatikalische Mischtechniken zu verwenden scheint. Sätze wie «Chum, mir göh go nes Kafi go näh» erscheinen uns fraglos geglückt, obwohl sie eigentlich eine grammatikalische Katastrophe darstellen: «Komm, wir gehen gehen einen Kaffee gehen nehmen.»

    Hier irrt der werte Kollege Thiel: Das ist kein sprachliches Chaos, das sind einfach ca. 1000 Jahre alte, unveränderte Syntax-Regeln und Gramatiküberbleibsel unserer gemeinsamen Deutschen Sprache! Aber wir wollen nicht kleinlich sein und empfehlen von ganzen Herzen die Lektüre des vollständigen Artikels auf der Webseite der Schweizermonatshefte. Ach, seine neue CD „Politsatire2“ haben wir auch schon bestellt. Und um, ganz schweizerisch, die Ironie zum Abschluss klar zu kennzeichnen: Richtig freundliche Schweizer haben wir auch schon kennengelernt in der Schweiz!

    

    51 Responses to “Die Schweizer sind nicht freundlich sondern höflich — Die ganze Wahrheit von Andreas Thiel”

    1. Müller Says:

      Herrlich, alles. Damit Heidi nicht zu kurz kommt, Heidi ist ein deutscher F1 Rennfahrer, aktuell ausser Betrieb, 2009 noch nbei BMW-Sauber und wohnt am Zürisee, heisst Nick zum Vornamen.

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