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Machen sich Deutsche über Schweizer lustig? — Warum Schweizer gern Möbel in Deutschland kaufen

  • Wer macht sich da lustig über wen?
  • Das Thema berührt einen äusserst sensiblen Bereich der Deutsch-Schweizerischen Beziehung: Wer macht sich über wen lustig? Finden die Schweizer die Deutschen lustig? Stefan Raab schauen sie jedenfalls gern, obwohl den nicht jeder lustig findet. Und lachen die Deutschen über die Schweizer? Der Tages-Anzeiger vom 25.08.08 meint „ja“, denn er bringt als Titelzeile in der Online-Ausgabe:

    Deutsche machen sich über Schweizer lustig

    Im Artikel wird dann erklärt, um was es geht. Nämlich um Werbung, und die hat schon immer mit Übertreibung und Klischees gearbeitet:

    Das deutsche Möbelhaus Seipp provoziert: In einer Kampagne zeigt es die Doppelmoral der Schweizer gegenüber ihren deutschen Mitbewohnern auf. Deutsche sind laut, rüpelhaft und fahren am Arbeitsplatz gerne die Ellbogen aus. So lauten die gängigsten Vorurteile von Eidgenossen gegenüber den Mitbewohnern aus dem Norden. Seit immer mehr von ihnen die Schweiz als attraktiven Wohn- und Arbeitsort entdecken, haben solche Anfeindungen Hochkonjunktur.
    (Alle Zitate siehe (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz 25.08.08)

    Deutsche machen die Schweiz gemütlicher

    Das deutsche Möbelhaus Seipp nimmt nun in einer Werbekampagne die Ressentiments von Herr und Frau Schweizer auf – und macht sich über die grassierende Deutschland-Feindlichkeit lustig. «Die Deutschen machen die Schweiz gemütlicher», schreibt das Unternehmen in grossen Lettern auf ganzseitigen Inseraten in den publikumsstärksten einheimischen Zeitungen und Zeitschriften.

    Es wird jetzt dann doch Zeit, die Wahrheit zu sagen: Deutsche sind gar nicht gemütlich. Sie machen auch nichts gemütlicher. Sie haben nur gemütliche Möbel. Und damit die sich gut verkaufen bei den weniger gemütlichen Schweizern, wird eben Werbung gemacht, die behauptet, dass Deutsche die Schweiz gemütlicher machen. Doch Obacht: Es war ironisch gemeint! Zum Glück erklärt das der Tages-Anzeiger sehr deutlich:

    Mit einem gehörigen Schuss Ironie werden weitere positive Auswirkungen der Teutonen-Invasion genannt: «Die Deutschen bringen Ruhe ins Land», lautet ein weiterer Slogan, oder: «Die Deutschen machen Ihnen ein Leben lang Freude».

    Werden die hierzulande angebotenen Lärmstopper denn von Deutschen Firmen hergestellt? Bei einem Konzert neulich wurden die Dinger sogar kostenlos verteilt, allerdings von einer Stiftung der Winterthur-Versicherung, als „Tinnitus-on-Tour“ Aktion, nicht von Deutschen.

    Deutsche bringen Arbeitsplätze
    Und ich dachte, die „nehmen“ Arbeitsplätze weg. Ab dann klärt sich alles auf. Es geht um Möbel, Tische an denen man arbeiten kann zum Beispiel. Muss man nur erst verstehen.

    «Wir wollen das Vorurteil brechen, wir seien humorlos», betont Martin Seipp vom Design-Einrichtungshaus. Seine Kampagne soll die Doppelmoral der Schweizer offenlegen: Schliesslich verlassen sie sich seit Jahren auf die Qualität deutscher Produkte und Dienstleistungen: fahren VW und Mercedes und rasieren sich mit Braun.

    So ganz haben wir aber noch nicht verstanden, wieso sich hier die Deutschen über die Schweiz lustig machen. Das ist doch alles wahr, was da steht, oder? Deutsche sind humorlos, aber gemütlich, und sie bringen Ruhe ins Land. „(…) Ein Leben lang Freude“ machen sie vielleicht als Ehegattin. Diverse Blogwiese-Leser mit deutschen Ehefrauen oder Freundinnen können das sicher bezeugen. Muss man die Deutschen mögen um VW und Mercedes zu schätzen? Einkaufen in der grenznahen Region beim ungeliebten Nachbarn geht jedenfalls ganz prima:

    Seipp glaubt nicht, dass die provokativen Werbesprüche den Eidgenossen in den falschen Hals geraten könnten. Im Gegenteil: «Wir fühlen uns zur Schweiz hingezogen. Die Grenze ist zwar da, aber es besteht ein reger Austausch.» Bereits heute stammen 60 Prozent der Kundschaft seines Unternehmens, das zwei Filialen im grenznahen Waldshut und Tiengen betreibt, aus der Schweiz. Mit der Werbeoffensive erhofft sich Seipp, seinen Bekanntheitsgrad seines in der Schweiz weiter zu steigern.

    Daher kommen also die vielen Lieferwagen mit dem deutschen Kennzeichen „WT“, die ständig vor Neubausiedlungen im Zürcher Unterland zu sehen sind. Lieferung und Montage für die Kunden in der Schweiz ist inklusive beim Möbelkauf ennet der Grenze.

    Ausgetüftelt wurden die streitbaren Werbesprüche übrigens nicht in Deutschland: Seipp liess die Werbekampagne von der Zürcher Werbeagentur HKN entwickeln – um sicher zu gehen, dass die Kampagne auch wirklich den richtigen Ton trifft.

    Wurde auch sichergestellt, dass der verantwortliche Texter dieser Zürcher Werbeagentur nicht auch ein Deutscher ist? Denn auch bei solchen Werbekampagnen herrscht ein reger Ausstausch zwischen Deutschland und der Schweiz. „Geiz ist geil“ wurde von der Schweizer Agentur Jung von Matt erfunden, und die Blick-Kampagne vom Januar 2007 „Wieviele Deutsche verträgt die Schweiz“ hat eine Deutsche Agentur auf dem Gewissen. Zu erkennen, wer was verzapft hat, ist ganz einfach: Wenn Ironie und Humor mit im Spiel ist, dann waren es meistens die …, sonst die anderen.

    

    14 Responses to “Machen sich Deutsche über Schweizer lustig? — Warum Schweizer gern Möbel in Deutschland kaufen”

    1. Brun(o)egg Says:

      Das Einzige was mich ärgert ist, dass der Slogan „Geiz ist Geil“ in der Schweiz erfunden wurde. Denn dümmer gehts nümmer.

      [Antwort Admin: Nicht „in“ der Schweiz, sondern von einem Schweizer Werber namens Jean-Remy von Matt, dessen Agentur in Hamburg ihren Sitz hat. ]

    2. Simone Says:

      Trifft „gemütlich“ wirklich das, was gemeint ist? Sind die Möbel, wenn überhaupt, dann nicht eher „lässig“ oder „herzig“ oder bringen sie nicht viel eher „den Plausch“, wenn man draufsitzt?

      [Anmerkung Admin: Ich denke, wenn die Möbel aus Deutschland stammen, dann erübrigen sich Adjektive wie „lässig“ oder „herzig“. Dann sind sie in Wirklicheit sicherlich „ruck-zuck“ und „zack-zack“ oder so. „Lecker“ können sie schlecht sein.]

    3. Marroni Says:

      Gröhl. Endlich mal echt gute Werbung. Deutsche Möbel? VERKAUFT in Deutschland. Über die Grenze gefahren vom Polen, zusammengesetzt vom Schreiner aus Lettland, hergestellt in Schweden von Türken und Italienern, aus Finnischem Holz, Leder aus Neuseeland. Vermutlich sogar noch umwelfreundlicher, wenn einer aus dem Kanton Zürich da Einkauft, der Transportweg ist wesentlich kürzer als Rothrist oder Suhr.

    4. Nessi Says:

      Ich hab da so meine Zweifel, ob der Möbelheini aus Deutschland mit seinen Werbesprüchen das erreicht, was er sich erhofft??? Auch wenn sie von einer Zürcher Agentur stammen. Du hast völlig recht, Jens, man weiss nämlich nicht wer da arbeitet denn die Anzahl Deutscher in Schweizer Werbeagenturen ist nicht zu unterschätzen.

    5. AchimK Says:

      Ja! Lustige Werbung. Leider ist die Überschrift im Tagi wieder mal zu „streng“ auf Kundenfang ausgelegt. Wer macht sich da über wen lustig? Hier wird doch nur ein Vorurteil gegen das andere ausgepielt. Janu, die meisten haben es diesmal richtig verstanden, glaub ich!

    6. Brun(o)egg Says:

      @ Wiese

      Kenn den Typen schon. Bin ja auch Kommunikationsfritze.

    7. Fanki Says:

      Was ist da neu?
      jedes Jahr ziehen so und so viele Deutsche in die Schweiz und bringen (einige umnidest) Ihre Möbel mit um es sich hier gemütlich zu machen .

    8. Brun(o)egg Says:

      @ Fanki

      Die bringen deutsche Möbel mit? Gelsenkirchener Barock? Also das wollten wir dann schon nicht. Da wird man eingeladen und sitzt in einem Eichen-Interieur? Wir erwarten schon ein bisschen mehr. (vielleicht weniger?)

    9. neuromat Says:

      @ Fanki

      neu ist, dass offen ausgesprochen wird, dass jedes Jahr so und so viele Schweizer nach Deutschland fahren, die dortigen Möbel mitbringen, um es sich dann daheim wieder gemütlich zu machen. Und da rede noch einer von kulturellen Unterschieden …

      umnidest – hat das etas mit umnieten zu tun – versteckt sich schon wieder eine gewisse Aversion 😉

    10. Fanki Says:

      @neuromat

      Wenn es heiss ist im Büro schmelzen schon mal ein paar Buchstaben weg :-))

      Mich würde interessieren, wieviele Schweizer Ihre alten Möbel mit nach Deutschland nehmen und dort bleiben ohne neue zurück zu bringen?

    11. Tobi Says:

      @ Brun(o)egg

      Gutes Statement, da habe ich herzlich gelacht! 😉

      Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass die „normalen“ Schweizer und Deutschen sich da nicht viel nehmen —> nach dem Motto: in ein anständiges Wohnzimmer gehört eine Schrankwand 😉

      Ich muss mir schon immer dumme Sprüche anhören, da ich weder ein Bücherregal noch Schrankwand oder so etwas dort stehen habe. „Oooch, das sieht ja so leer aus bei Dir.“

    12. neuromat Says:

      @ Fanki

      eine ganze Menge … auf dieser Liste rangiert Deutschland an TOP 2 hinter Frankreich. Wobei schaut man sich diese dort verweilenden an … bemühen sie sich nicht unbedingt um Assimilation 😉

      (was mir auch nicht wichtig wäre)

    13. Phipu Says:

      An Tobi:

      Noch ein Link auf einen verwandten Blogwiesen-Artikel:
      An der „Schrankwand“ bzw. an der „Wohnwand“ sollt ihr deren Herkunft erkennen:

      http://www.blogwiese.ch/archives/90 (siehe auch Kommentare)

    14. Nikki Says:

      genial

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