Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 5) — Gluschtig

November 20th, 2005
  • Gluschtig, glutschtig tralalala
  • Da wir nun gelernt haben, dass „glatt“ in Wirklichkeit „lustig“ bedeutet (und anderes mehr), wenden wir uns nun dem Wort „lustig“ zu. Es ist nämlich keinesfalls zu verwechseln mit „gluschtig„. Ich las dieses Wort zum ersten Mal auf der Werbetafel eines Pizza-Stands im Basler SBB Bahnhof: „Gluschtige Pizzastücke“ wurden da angeboten, und prompt riet ich falsch und meinte, es müsse sich hier wohl um besonders schlecht ausgesprochene Variante von „knusprig“ handeln.

  • Gluschtig“ ist nicht „knusprig“
  • Aber weit gefehlt, es hat nix mit Knuspern zu tun, sondern mit Lust. Reine unverholene Lust auf etwas zu Essen. Womit wir wieder beim Ausgangspunkt, dem Wort „lustig“ wären.
    Ge-lustig“ bedeutet, dass es die Lust im Käufer wecken soll, dass es Appetit macht, nicht auf Sex, sondern auf Pizza. Lustgewinn beim Pizzaschmaus. Denn es steckt natürlich auch das neuhochdeutsche Nomen“Gelüste“ in diesem Wort. Sollte man „geluschtig“ also besser mit „Gelüste habend“ übersetzen? Wie ist dann aber eine „Gelüste habende Pizza“ zu verstehen? Wird sie gleich über mich herfallen und mich vernaschen? Oder doch eher ich die Pizza?

  • Aromat macht gluschtig
  • Die Schweizer kennen da ein Zaubermittel, mit dem man aus jeder langweiligen Suppe, aus jedem faden Auflauf und aus jedem noch so laschen Kartoffelchip eine „gluschtige“ Speise machen kann: AROMAT.
    Aromat als Geschmacksverstärker
    Das ist im Prinzip nichts anderes als „Geschmacksverstärker„, in der asiatischen Küche auch als „China-Gewürz“ gehandelt, für die Chemiker unter uns: Es ist reines Natriumglutamat (E621).

  • Was ist Glutamat?
  • Der am häufigsten verwendete Geschmacksverstärker ist Natriumglutamat (E 621). Das Salz der Glutaminsäure (eine Aminosäure) ist in Eiweißstoffen enthalten und kommt in zwei Formen vor: „gebunden“, also zusammen mit anderen Aminosäuren zur Bildung von Proteinen und „ungebunden“, das heißt nicht in Verbindung mit Eiweiß. Nur das ungebundene Glutamat hat die geschmacksverstärkende Wirkung und kommt auch in natürlichen Lebensmitteln wie Getreide, Fleisch, Algen, Käse und Tomaten vor. (Quelle)

    Kommt daher wohl das Wort „gluschtig„? Speise mit Glutamat? Würde doch prima passen. Der Wirkstoff Glutamat ist übrigens stark dafür in Verruf geraten, dass er von vielen nicht vertragen wird, und auch Kopfschmerzen auslösen kann. Häufige Besuche beim Chinesen können zur Beweisführung beitragen. Aber wer hat in der Schweiz schon das benötigte Kleingeld, um häufig zum Chinesen zu gehen.

  • Kopfschmerzen durch Glutamat?
  • Auf einer Gesundheits-Webseite finde ich dazu:

    Chinarestaurant-Syndrom und Glutamataufnahme Es gibt zahlreiche Fallberichte (fast ausschließlich aus USA), in denen Unverträglichkeitsreaktionen nach Essen in Chinarestaurants beschrieben werden. Ein Zusammenhang mit dem Glutamatgehalt der Speisen ist oft vermutet, jedoch nie bewiesen worden. Ob derartige Unverträglichkeitsreaktionen häufiger nach Essen in Chinarestaurants auftreten als nach Mahlzeiten in anderen Restaurants, ist bis heute ungeklärt. Insofern sollte auf den Begriff Chinarestaurant-Syndrom ganz verzichtet werden. (Quelle)(DGE)

    Na ja, dann müssen die Kopfschmerzen doch nicht vom Essen beim Chinesen herrühren, sondern vom Blick auf die anschliessende Rechnung und auf das leere Portemonnaie.

    Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 4) — Eine glatte Sache

    November 19th, 2005
  • Das ist eine glatte Sache
  • Ziemlich häufig bekommt man in der Schweiz das Wörtchen „glatt“ zu hören. Muss man nun deswegen permanent auf Wollsocken oder mit Spikes unter den Schuhen unterwegs sein, mit dem Salzstreuer oder einem andern Streugut bereit in der Hand (Schweizerdeutsch: „parat“)? Es scheint so, dass die Schweiz, speziell das Zürcher Unterland extrem Glatteis gefährdet ist. Denn hier ist alles glatt:

    Der Fluss, der vom Greifensee bis zum Rhein durch das Unterland fliesst, heisst „die Glatt„.

    Das Einkaufzentrum bei Wallisellen ist das „Glattzentrum„, und dort gibt es das Restaurant „Glattdörfli„.

    Fährt man mit der S-Bahn weiter in Richtung Schaffhausen, kommt man durch „Glattbrugg„, „Oberglatt„, „Niederglatt„, und um die Ecke im Glatttal liegt dann auch noch „Glattfelden„.

    Alles in allem eine rutschige Angelegenheit.

  • „Glatt“ heisst „lustig“
  • Aber „glatt“ kann in der Schweiz vieles heissen. Fragen sie doch mal die Schweizer in ihrer Umgebung, wie sie das übersetzen wüden. „Lustig“ werden sie wahrscheinlich an erster Stelle hören. Also geht es wohl ziemlich lustig zu, hier im Unterland, wenn einfach alles so „glatt“ ist?

  • Unser Herkunftswörterbuch verrät zu „glatt“:
  • Mhd. glat „glänzend, blank; eben; schlüpfrig“, ahd. glat „glänzend“, niederl. glad „glatt, schüpfrig“, engl. glad „fröhlich“ (eigtl. „strahlend, heiter“), schwed. glad „heiter, fröhlich; angeheitert“ gehören zu der vielfach weitergebildeten und erweiterten idg. Wz. „*ghel- „glänzend, schimmernd, blank“ (vgl. gelb). Mit dem altgerm Adjektiv sind z. B. eng verwandt lat. glaber „blank; glatt; kahl“ und russ. gladkij „glatt“. (Quelle Duden 7)

    Das erklärt doch alles: Sie waren glücklich und heiter, wahrscheinlich auch ein wenig „angeheitert“, die Schweizer im Glatttal, als sie ihre Dörfer und den Fluss nach diesem hübschen Wörtchen benannten.

  • Die glatte Stadt Freiburg im Breisgau
  • Auch im Südbadischen Freiburg im Breisgau, tiefste Allemanische Hochburg, geht es „glatt“ zu. Zum einen, weil dort die „Bächle“ kreuz und quer durch die Stadt fliessen
    Niemals hineintappen in ein Freiburger Bächle
    und wenn man da hineintappt, kommt man nie wieder fort aus Freiburg. So will es die Sage, und so geschieht es jedes Jahr wieder. Als Student kommen sie nach Freiburg, die jungen Norddeutschen, tappen aus Versehen in ein Bächle, und schon ist es passiert. Sie kleben an der Stadt wie die Daunenfeder am frisch geteerten Delinquenten.

    Hier fährt die Müllabfuhr mit einem gross aufgedruckten Zitat des allemanischen Dichters Johann Peter Hebbel durch die Gegend: „z’Friburg in der Stadt, wo’s sufer isch un glatt„.

    Die Freiburger sind mächtig stolz auf dieses Lob eines Dichters, obwohl das Gedicht noch weitergeht:

    Z’Friburg in der Stadt,
    sufer ischs und glatt;
    richi Here, Geld und Guet,
    Jumpfere wie Milch und Bluet,
    z’Friburg – z’Friburg –
    z’Friburg in der Stadt

    Jetzt sind die allemanischen Hobby Linguisten wieder gefragt: Was um alles in der Welt heisst nun „jumpfere„? Hat es was mit dem Englischen „to jump“ zu tun?

    Die Schweiz und ihre Promis (Teil 1) — Kennen Sie Renzo Blumenthal?

    November 18th, 2005
  • Die Schweiz hat wenig Prominente
  • Die Schweiz ist ein kleines Land und hat daher nur wenig Prominente. Das ist normal, bei nur 7,2 Millionen Einwohnern. Das sind immerhin mehr Einwohner als das Ruhrgebiet hat (5,5 Millionen), und dort gibt es ja auch nicht viele Prominente. Weil es nicht so viele Prominente in der Schweiz gibt, müssen die durch bestimmte Aktionen künstlich nachgezüchtet werden. „Music Star“ war so eine Aktion. Den Namen der Gewinnerin dieser Castingshow, Salome Clausen, kennt jedes Kind. Nur ihre Platten kauft niemand. So ist das mit den einheimischen Stars. Die müssen erst im Ausland grossen Erfolg haben, bevor sie im Inland etwas verkaufen können.

    Auch die jährlichen Mister und Miss Schweiz Wahlen finden starke Beachtung. Ich habe in langen Jahren in Deutschland nie mitbekommen, wer eigentlich gerade Mister Germany oder Miss Germany war. Doch, 1993 hatte Verona Feldbusch diesen Titel, meine ich mich zu erinnern. Eines der wenigen Dinge, die sie wirklich als eigene Leistung zu verbuchen hat in ihrem hübschen Leben.

  • Kennen Sie auch die Miss Schweiz Titelinhaber?
  • Doch seit wir in der Schweiz leben, kann ich locker mindestens die letzten drei Miss Schweiz Namen runterrattern, und erzählen, wann ich sie wo in welcher Sendung gesehen habe, was sie zu welcher Abstimmung gesagt haben, und auf welche Gala sie als nächstes gehen werden.

    Gleiches gilt für die Herren. Wie kommt das? Nun, es gibt sonst nicht viele Promis, über die man etwas berichten könnte. Also tauchen diese Namen und Gesichter so häufig im Schweizer Fernsehen auf, dass man sie sich einfach merken muss.

  • Robert Ismajlovic, Mister Schweiz 2003
  • Mister Schweiz 2003 war Robert Ismajlovic, wie der Name schon verrät, von altem Graubünder Adelsgeschlecht. In einer Show mit Thomas Gottschalk, in der aus Deutschland, Österreich und der Schweiz jeweils ein Ex-Mister losgeschickt wurde, um möglichst viele Frauen im Nachbarland anzusprechen und ihre Handynummern einzukassieren, scheiterte er völlig und konnte nur 3 Frauen für sein Anliegen gewinnen. Nun, die Deutsche Sprache und das verbale Anbaggern ist nicht so sein Ding, doch wie heisst es so schön: „Man muss ja nicht immer nur reden“.

    Mister Schweiz 2004 war Sven Melig, ein Sportartikel Verkäufer aus Spreitenbach. Auch Fiona Hefti, Miss Schweiz 2004, ist immer noch in den Medien präsent.

  • Was wir Renzo Blumenthal schon immer fragen wollten
  • Mister Schweiz 2005 ist Renzo Blumenthal, von Beruf Landwirt.
    Und dann passierte die Sensation, ich traute meinen Augen nicht und konnte es nicht wirklich fassen: Rezo Blumenthal kam nach Bülach! Am 8. November war er im Sechtbach-Huus in Bülach, der Metropole des Unterlands. Es wurde eingeladen zum „Gespräch mit Renzo Blumenthal“.
    Renzo Blumenthal in Bülach!

    Welch ausserordentliches Ereignis! Da mussten wir hin. Renzo Blumenthal sieht nicht nur echt gut aus, nun, er sieht ausserdem auch noch ausserordentlich gut aus. Man konnte also da hingehen und ihm mal eine Frage stellen, z. B. warum er eigentlich so gut aussieht, und was es bedeutet, Mister Schweiz 2005 zu sein. Bedeutet es vielleicht, einfach nur gut auszusehen? Er sieht übrigens echt gut aus, oder erwähnte ich das bereits?

    Jetzt warten wir gespannt, dass Miss Schweiz Lauriane Gilliéron eingeladen wird. Damit wir sie endlich fragen können…

    Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 3) — Haben Sie auch einen zu kleinen Rucksack?

    November 17th, 2005
  • Zu kleiner Rucksack
  • Ein kleiner Rucksack ist eigentlich eine ganz feine und angenehme Sache in den Bergen. Die Dinge für einen Tag passen hinein, darum heisst er auch auf Neudeutsch „Day-Pack„. Wenn Sie in der Schweiz eine Berufsausbildung beginnen wollen, sollten Sie sich aber lieber ein etwas grösseres Modell zulegen, so einen 30 – 40 Liter Rucksack vielleicht, mit integriertem Traggestell. Denn Sie brauchen einen grossen Rucksack offensichtlich für die Berufsausbildung, und er kann nicht gross genug sein, doch lesen Sie einfach selbst:

    Tages-Anzeiger vom 01.02.2005

    Schüler für die Lehre fit machen
    Eignungstest in einer Grossbank: Die Firmen misstrauen den Schulnoten.
    Warum finden Junge keine Lehrstelle? Weil das Angebot knapp ist. Aber nicht nur: Viele genügen den Anforderungen der Wirtschaft nicht. Jetzt reagieren die Sekundarschulen.
    Von Antonio Cortesi
    Alle jammern. Die Politiker, weil die Wirtschaft zu wenig Lehrstellen anbietet, und die Schulabgänger, weil sie Dutzende von Bewerbungen schreiben müssen (…). Aber auch die Firmen klagen. Sie bemängeln, allzu viele Schülerinnen und Schüler brächten einen zu kleinen Rucksack für eine Lehre in ihrem Betrieb mit.
    Die Firmen beklagen sich nicht ohne Grund, wie eine kürzlich publizierte Nationalfondsstudie zeigt. Der Zürcher Bildungsforscher Urs Moser hat bei den acht Schweizer Grossunternehmen ABB, Migros, Novartis, SBB, Siemens, SR Technics, Swisscom und UBS die Ergebnisse von 1420 Eignungstests und Assessments untersucht. Parallel dazu testete Moser die Jugendlichen selber gemäss den Vorgaben der Pisastudie auf ihre Mathematikkenntnisse und ihre Lesekompetenz.
    Die Resultate sind in hohem Mass Besorgnis erregend:
    Nach dem 9. Schuljahr genügen einzig die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten den Anforderungen für eine anspruchsvolle Lehre (Kaufmann oder Informatik). Jeder zweite Schüler der Sekundarschule bringt einen zu kleinen Rucksack für eine KV- oder Informatik-Lehre mit.

    Also was lernen wir daraus: Als engagierter Lehrer sollten wir unbedingt noch ein Outdoor-Ausrüster Geschäft in unserer Freizeit aufziehen, um den jungen Leuten mit passendem Equipment ausstatten zu können. So ein schickes Modell von Salewa oder Wolfskin kann dann richtig Karriere fördern wirken.
    Haben Sie auch nur einen kleinen Rucksack?

    Und gross soll er sein, der Rucksack, denn so eine Berufsausbildung, die dauert lange und da muss wohl ne Menge Proviant reinpassen, und ein warmer Schlafsack, wenn einem der kühle Wind des Alltags um die Nase pustet im Geschäftsleben.

    Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 2) — Raus auf die Äste

    November 16th, 2005
  • Sich auf die Äste hinaus lassen
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger, unserem täglichen Lehrwerk für das korrekte Schweizer Schriftdeutsch:

    „In dem sich Blocher von der Haltung des Bundesrates distanziert, strapaziert er das Kollegialprinzip. Mit seiner Kritik am Roadpricing lässt er sich ebenfalls auf die Äste hinaus. (Tages-Anzeiger 5.11.2005)“

    Verstehen Sie noch etwas? Auf welche Äste klettert hier der Bundesrat Christoph Blocher hinaus? Ich dachte, Bern und der Bundsrat seien ein durchaus zivilisierter Ort. Die Schweizer haben die Bäume doch schon lange verlassen und wohnen jetzt zu ebener Erde in Häusern mit Fenstern, und nur noch äusserst selten in Krisenzeiten in tiefen Stollen in den Bergen, genannt „réduit“ oder gemütlichen eigenen Atomschutzbunkern mit Wanderschuhen und Chemieklo. Warum muss sich dann jemand „auf die Äste hinaus“ lassen?

    Doch es ist ja nur so eine Redewendung: 697 Mal lässt man sich laut Google in der Schwez „auf die Äste hinaus“. Ich stelle mir vor, dass das noch aus der Zeit stammt, als Äpfel und Kirschen von Kindern gepfückt wurden, die hoch in die Bäume stiegen, und sich manchmal, auf der Suche nach den besten Früchten, weit auf die immer dünner werdenen Äste hinaus gewagt haben. So lange, bis der Ast krachte, oder sich nach unten bog.

    Die Deutschen sind da etwas zivilisierter. Sie lehnen sich mitunter zu weit hinaus, allerdings dann nur aus dem Fenster. Einen Ast, auf dem sie sitzen, pflegen sie auch manchmal abzusägen, oder sie befinden uns ganz einfach auf einem absteigenden Ast. Aber niemand lässt sie auf die Äste hinaus, nicht einmal sie selbst. Dazu braucht es wohl erst einen Schweizerpass.