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Wir machen einen Stein — Neue Schweizer Lieblingstätigkeiten

  • Gabriel Vetter über die heimkehrenden Schweizer
  • Die Schweiz hat nicht viele natürliche Ressourcen. Im Überfluss besitzt sie Wasser, Wasserenergie und Steine. (vgl. Blogwiese)
    Offensichtlich nicht genug, denn wir lasen im Tages-Anzeiger vom 26.10.07, dass zu den vorhandenen Steinen, die von den Bergen herabfallen und durch die Bäche und Flüsse in die Täler geschwemmt werden, noch weitere Steine zusätzlich künstlich hergestellt werden müssen. In einem Artikel über den Slam-Poeten Gabriel Vetter wird dieser zwar zitiert mit „die Berge habe ich ja nicht selber aufgebaut“, doch im gleichen Anzug fällt der Satz:

    Das kann man immer dann beobachten, wenn die Schweizer mit dem Zug oder mit dem Flugzeug aus den Ferien zurückkommen – vor allem aus dem Süden. Ich hasse diese Schweizer Touristen, die im Zug aus Italien sitzen, und kaum sind sie zurück in der Deutschschweiz, sagen sie: «Ou, nein, lueg, da machen wieder alle einen Stein
    (Quelle: Tages-Anzeiger 26.10.07, S.12)

    Slam Poet Gabriel Vetter
    (Quelle Foto: gabrielvetter.ch)

    Nein, zur Lüge wird hier niemand aufgefordert, den „luege“ ist verwandt mit „to look“, im Südbadischen auch bekannt durch den „Lueginsland“ benannten Berg Schauinsland bei Freiburg i. Brsg. (vgl. Blogwiese). Uns fasziniert die Feststellung „da machen wieder alle einen Stein“. Kein Wunder, dass dabei hohe Berge herauskommen in der Schweiz. Kein Wunder, dass diese Ressource nie knapp wird, soviel Kies das Land auch täglich per Zug oder LKW verlässt. Der Kies und die Steine gehen raus, viel Moos, Asche, Mäuse oder Stutz kommen via Datenleitung oder Köfferchen zurück.

    Die machen alle einen Stein“ ist natürlich mehrdeutig. Macht nun jeder einen oder alle an einem herum? Dann wäre die Ausbeute natürlich mager, aber vielleicht dafür der Stein besonders gross.

    Manchmal rollen die Steine davon und kommen nur gelegentlich alle paar Jahre für ein Konzert auf dem Flughafengelände von Dübendorf oder nach Lausanne zurück, dann allerdings sogar singend. Das wird so weitergehen, bis sich Steine in der Niere oder Galle wohler fühlen und nicht mehr raus wollen.

    Stein Gesicht von Fred Lang
    (Quelle Foto: fred-lang.de)

  • Der Stein mit Geschmack
  • Die Schweizer machen nicht nur „einen Stein“, sondern auch manchmal einen „sauren Stein“. Doch wer isst schon Steine, noch dazu wenn sie sauer schmecken? Stein ist in diesem Satz kein Synonym für Geld, wie zunächst falsch vermutet, sondern für etwas Rundliches, das ziemlich hart sein kann. Sitzt auf den Schultern und nennt sich auch „Kopf“.

  • Lächelnde Steine
  • So entdeckten wir

    Mit einem Lächeln erreichen Sie bestimmt mehr als mit einem „sauren Stein“.
    (Quelle: flughafen-flohmarkt.ch)

    In einem Online-Lexikon finden dann die genaue Erklärung:

    en {suurä} schtäi machä (expr.) to look unhappy,unfriendly note lit. ‚to make a sour stone‘ ( lit. german ‚einen sauren Stein machen‘)
    (Quelle: SwissGerman )

    Ob jemand, der zuviel „sauren Sprudel“ trinkt, irgendwann einen „sauren Stein“ macht?

    

    13 Responses to “Wir machen einen Stein — Neue Schweizer Lieblingstätigkeiten”

    1. Ungweliante Says:

      nun, ich glaub behaupten zu können, dass jeder schweizer seinen eigenen stein macht. denn wozu sollen wir mit anderen einen stein machen, wenn er dann nicht dem individuellen geschmack (nicht geschmacksrichtung) entspricht? sonst wird er noch zu rund, zu eckig, zu assimetrisch, was dazu führt, dass dann wieder jeder einen (eigenen) stein macht / machen müsste. also lieber gleich von anfang an auf die individuellen wünsche anpassen. gelegentlich kann es sein, dass man hilfe in anspruch nimmt, was dann dazu führt, dass man wiederum einen stein machen muss, den man dem helfer in den garten werfen muss /darf / kann / von einem erwartet wird.

    2. Fiona Says:

      Hoi Zäme!

      Die heimkehrenden Deutschen sind Thema in der NZZ am Sonntag 28 Okt.
      Zitat „Das Klima für Deutsche in der Schweiz wird rauer. Die ersten packen ihre Koffer und ziehen zermürbt nach Deutschland zurück“.

      Sind die Deutsche weniger „integrationsfähig“ als andere Nationalitäten – die Amerikaner z.B., oder die Engländer? Ich frage nur……

      Fiona

    3. neuromat Says:

      @ Fiona

      ich denke schon an verschiedene Blick- oder andere Schlagzeilen etwa

      „Die Deutschen gehen“ – Sie nehmen alles mit

      Vor ein paar Tagen konnte man noch in der Presse lesen, dass in den nächsten Monaten und Jahren aufgrund der nun komplikationslos möglichen doppelten Staatsbürgerschaft eine riesige Welle von deutschen Einbürgerungen stattfinden wird, gesprochen wurde von 70.000 Deutschen, die aufgrund der Aufenthaltsdauer jetzt in den nächsten Tagen und Wochen ihre Anträge einreichen werden.

      Und dann war zu hören, dass die Deutschen die Schweiz aufkaufen.

      Ja, was ist jetzt da los – da verpissen sich die einfach…

      Zu Deiner Frage: …., der werfe den ersten Stein (Thema). Für die Amerikaner soll es angeblich auf der ganzen Welt vom Klima her etwas rauer werden … wandern die dann alle auf den Mond aus. Geplant ist ja, eine Station dort aufzubauen.

      Was macht denn die Proklamation der schottischen Unabhängigkeit. Bin absoluter Schottland-Fan, bekomme aber die aktuellen Entwicklungen nicht so mit.

    4. sylv Says:

      Hi Fiona
      long time no see:) Unfortunately many Americans and a quite a few Britons actually have trouble integrating here,check out the complaints corner at
      http://www.englishforum.ch……. but be prepared to read some very foul language.

      Auso: bei Burgdorf gibt es einen Hügel der heisst LUEG und von dem aus hat man auch eine schöne Aussicht über die welligen Hügel des Emmentals.

      E Stei schriise brauche ich nicht mehr soviel,wir sagen eher: ‚Itz mach nid so ne Suurnibu!‘

    5. Holger Says:

      Gab’s in der Schweiz denn auch „Kampagnen“ gegen Amerikaner und Engländer?

    6. Lupino Says:

      @ Fiona

      Nein, wir sind nicht weniger Integrationsfähig… wir verstehen nur die Seitenhiebe!

    7. Lupino Says:

      Oder, wie der Dichter Thomas Gray schrieb: ‚Where ignorance is bliss, ‚tis folly to be wise‘. Wenn man nichts versteht, lebt es sich hier sicher wie im Paradies.

    8. neuromat Says:

      @ Fiona

      Der Artikel heisst ja wirklich „Jetzt gehen sie wieder“ – insgesamt zähle ich drei, vielleicht auch vier. Hatte nicht so viel zeit den ganz durch zulesen.

      http://www.nzz.ch/nachrichten/panorama/jetzt_gehen_sie_wieder_1.575912.html

      Heute heisst es dann: Immer mehr Deutsche wandern aus – wohin: In die Schweiz …

      http://www.nzz.ch/nachrichten/international/auswanderer_1.577073.html

      Vielleicht stellt die NZZ mal einen Reporter Tag und Nacht an die Grenze, damit wir hier verlässliche Informationen bekommen. Was ist denn das für ein Hin und Her. Rin in die Socken, raus aus^den Socken!

    9. sylv Says:

      @ holger

      gabs so viel ich weiss (noch) nicht…..ich helfe expats aus diesen ländern sich hier einzuleben,manchmal würde es gar nicht schaden wenn man jemanden von dort ‚could take down a peg or two‘,die arroganz die mir kuhschweizerin da manchmal entgegenschlägt ist nicht zu überbieten…………..auch nicht von deutschen:):):)

    10. AnFra Says:

      Wg. „saurem Stein“.

      Beim „sauren“ Stein müssen wir etwas in die Vergangenheit zurückreisen. Der „saure Stein“ ist heutzutage oft mit dem Inhalt von Vertrauen, Glaubenwollend, Trauen, Überprüfen und Kontrollieren verwoben.
      Soweit ich mich noch erinnere hat man m. E. ab MA / Renaissance den Goldanteil in Goldstücken mit Hilfe von Säure und besonderen „Probier- od. Prüfsteinen“ kontrolliert. Probierstein (alte Benennung im GWB): . Prüfstein (neuere Benennung).

      Hierbei wurde auf diesen Probierstein Säure geträufelt und das zu prüfende Goldstück daran angerieben. Da die Säure das unedlere Metall anlöst, kann man mit dem Vergleich von Probestiften bekannter Goldzusammensetzung den Karatabteil des Goldes und des Lotanteiles des Silbers ableiten.

      Um den hermeneutischen Sinninhalt des Begriffes „sauren Steines“ zu begreifen, können wir uns zur Veranschaulichkeit in damaliger (jedoch auch heutiger) Zeit folgende Szene vorstellen:
      Ein reicher Kaufmann aus Augsburg möchte güldene Münzen in Zürich unterbringen, denn die Steuerschergen des römisch-deutschen Kaisers und des Bischofs sind hinter ihm her und der Konstanzer Bischof hat in Zürich kaum Macht. Schon damals haben sich die Züricher Banker nicht an die reichsgültigen Regel gehalten. Der eidgenössische Banker traut den Wertangaben des schwäbischen Kaufmanns nicht und lässt die Gulden von seinen lombardischen Assistenten mit dem „Probierstein“ bzw. „saurem Stein“ überprüfen.
      Die angebotenen güldenen Stücke haben weniger Karat (Gold) und mehr Lot (Silber) als vom Kaufmann angegeben. Es gibt natürlich einen Abzug. Der Banker schaut „sauer“, weil er wieder einen Trickser ertappt hat. Ansonsten macht der Banker dies (d.h. Gold strecken) eigentlich viel besser selbst!
      Dies bedeutet, dass das Beherrschen des „sauren Steines / Probiersteines“ im Banken-, Geldwechsel- und Kaufmannsgeschäft extrem wichtig war. Frage: Sind da die Eidgenossen doch von Natur aus vorsichtiger als die übrigen Bürger im HRR(DN) gewesen? Ich glaube ja, da sich dieser Sinnspruch über den „sauren Stein“ in der CH gehalten hat. In A und D habe ich diesen noch nicht gehört.

      Wie hätte damals in der Renaissance der Genosse Lenin in Zürich wohl gesagt: „Vertrauen ist gut, saurer Stein ist besser“.

      Die Zitierung beim Flughafen-Flohmarkt macht so Sinn, weil man sich ohne einer Überprüfung am „sauren Stein“ sich auf die gegebenen Aussagen verlassen kann.

    11. Fiona Says:

      @ neuromat. Die Schotten…geht’s um den Oel im Nordsee? Ich bin FUER die Unabhängigkeit (innerhalb der EU) und war sogar SNP (Scot. National Party) Mitglied während meiner Zeit an der Uni Edinburgh.

      Auch die Romands haben es schwierig in der Deutschschweiz – der Kultur und der Sprache wegen. Das Vereinleben spielt eine grosse Rolle: es gibt ca. 200 Vereine allein im Kt Zug , zudem die International Clubs in ZG und ZH (die Angelsachsen sind „very clubbable“ people).

      @ Lupino. Thomas Gray. Aus Ihrem „Oxford Dictionary of Quotations“?
      How about „Das Treffende Zitat“ – Gedankengut aus 3 Jahrtausenden und 5 Kontinenten“ (Otto Verlag, CH-Thun).

      TTFN
      Fiona

    12. Tellerrand Says:

      Abgesehen von den nicht verstandenen Seitenhieben, haben es die amerikanischen und britischen expats hier noch aus einem anderen Grund nicht ganz so schwer, wie die Deutschen: es besteht keine Verwechslungsgefahr mit Ihnen, deswegen ist der Ton weniger rauh.

      Ich bin der ziemlich unverrückbaren Überzeugung, dass viele Schweizer die Deutschen deshalb verachten, weil sie ihnen so furchtbar ähnlich sind. (Deutsch-)Schweizer Identiät äussert sich zu einem guten Teil darin, nicht mit Deutschen verwechselt werden zu wollen. Ein nicht ganz zu vernachlässigender Aspekt des Begriffs Willennation 😉

      Was für meine Theorie spricht: die Rückbesinnung auf die Mundart als Gegenbewegung zu auch in der Schweiz zu Zeiten (besonders stark vor dem 1. WK, aber auch danach) existierenden sprachlichen Standardisierungsbestrebungen, fand erst seit Hitler und den Nazis statt. Bei dem Image, dass die Deutschen seitdem in weiten Teilen der Welt geniessen (z. B. in GB), ist dieses Abgrenzungsbestreben nicht völlig unverständlich. Es setzt nur am falschen Punkt an, denn weder Amis noch Briten merken in der Regel die sprachlichen Unterschiede und werfen doch wieder Deutsche und Schweizer in einen Topf 😉

    13. Lupino Says:

      Ich weiss dass das hier ein ‚Deutscher‘ Blog ist, aber Fiona unterstelt mir etwas das ich unbedingt korrigieren muss.

      @ Fiona

      Sorry to disappoint you, but I don’t possess a dictionary of quotations. My first contact with Thomas Gray was in Standard 8 (about) in a South African High school. The next in English 101 during my studies at the University of the Witwaterstrand. I find your insinuation offensive.

      And more to the point, the quote is very relevant. In his poem Ode on a Distant Prospect of Eton College‘, Gray juxtaposes (very simply put) the hapiness of a youth at school with the horrors that life may bring and claims that :

      Since sorrow never comes too late,
      And happiness too swiftly flies.
      Thought would destroy their paradise.
      No more; where ignorance is bliss,
      ‚Tis folly to be wise.

      He means it is better not to know the things to come. I meant I would be happier if I didn’t understand the Swiss newspapers.

      Another quote that seems relevant (this poem is a gem…):

      ‚And hard Unkindness‘ altered eye,
      That mocks the tear it forced to flow;‘

      Sums it up quite well

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