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Schweizer Höflichkeit vs Schweizer Empfindlichkeit

  • Höflichkeit schon von Kindesbeinen an gelernt
  • Die Schweizer sind ein durch und durch höfliches Volk. Das Verhalten in Standardsituationen wie Begrüssung, Verabschiedung, Verabredung (=“abmachen“), Bestellen im Restaurant, Erbeten einer Auskunft von einer unbekannten Person etc. ist geprägt durch eine Reihe von „Kommunikationsritualen“, die es unbedingt einzuhalten gilt. Der Schweizer lernt sie von seinen Eltern, in der Schule und im Laufe seiner spezifisch „helvetischen Sozialisation“ automatisch. Hinzugezogene Ausländer, insbesondere Deutsche, müssen sich dies erst abschauen und langsam erlernen, dann immer wieder erinnern und trainieren, und möglichst niemals in der entscheidenden Situation vergessen.

  • Der empfindliche Schweizer
  • Geschieht es doch, wird einmal ohne Beachtung der üblichen Kommunikationsregeln der direkte Weg gesucht, reagiert ein Schweizer gelegentlich unwirsch, unhöflich und empfindlich. So schrieb ein Kommentator der Blogwiese.

    Da gab es letzthin im Radio ein Kommentar von einem Tessiner Comedian, der meinte in Zürich seien alle Leute so hilfreich. Er habe eine Adresse gesucht und nachdem er eine junge Frau fragte “können sie mir sagen wo xxx ist?”, meinte diese: “Ja, kann ich” und ging weiter.

    Wir erlebten mitunter, dass eine sachlich vorgebrachte Bitte oder kritische Äusserung von unserem Schweizer Gegenüber als Affront oder gar Eingriff in die persönliche Freiheit aufgenommen wurde.

    Eine ruhig vorgebrachte Frage nach einem zweiten Handtuch in einem Hotel führte zu hektischen Aktivitäten und Entschuldigungstiraden.

    Ich sagte zum Besitzer eines Fitnesscenters, dass er wohl an gute Parkmöglichkeit für Autos der Kunden, jedoch nicht an Fahrradständer mit Dach gedacht habe, worauf er mich sofort unwirsch an die Hand und zu selbigen führte, die etwas versteckter auf der Rückseite des Gebäudes lag. Die Anmerkung war wiederum als „harte Kritik“ empfunden worden.

  • Hochdeutsch verstärkt die Durchschlagskraft Ihrer Aussage
  • Wenn Sie als Deutscher nicht in der Lage sind, mit den Schweizern auf Schwiitzerdütsch zu kommunizieren, sollten sie in solchen Situationen extrem vorsichtig und umsichtig vorgehen und argumentieren. Allein die Tatsache, dass sie ihre Äusserung, Anmerkung, Kritik oder sogar Beschwerde auf Hochdeutsch formulieren, und sei sie mit noch so vielen „Bitte Schön“ und „Entschuldigen Sie bitte“ garniert, führt in Schweizer Ohren zu einer Verstärkung ihres Anliegens. Es bekommt einen offizielleren Ton, wird fast schon wie eine schriftliche Beschwerde aufgenommen. Denn daher mag es kommen: Ihre wohlformulierten Kritikpunkte werden wie eine schriftlich eingereichte und darum umso dringlichere Beschwerde empfunden.

  • Mit Deutschen etwas drastischer sprechen
  • Anderseits hörten wir etliche Geschichten von Schweizern, die sich mit Deutschen angewöhnt haben, selbst eine Spur „patziger“ oder „frecher“ zu sprechen, als sie es sonst gewohnt waren, um sich auf den vermeintlichen „Ton, den die Deutschen verstehen“ einzustellen. Auch diese Nuancen können wir wahrnehmen, und uns ist dabei nicht wohl. Einerseits möchten wir uns manchmal auf die Zunge beissen, wenn unser Anliegen zu schnell und zu direkt vorgetragen rausgerutsch ist, anderseits können wir auch nichts mit extra „Deutsch unfreundlichen“ Antworten anfangen.

  • Wie lange leben Sie schon in der Schweiz, Herr Wiese?
  • Das Ganze ist eine ewige Quelle von gegenseitigen Missverständnissen und benötigt auf beiden Seiten grosses Fingerspitzengefühl. Die klassischen „Telefonrituale“ kann man als Deutscher gut erlernen, sie gehen irgendwann in Fleisch und Blut über, und so gelingen Anrufe mit den nötigen Rückfragen, Danksagungen und Verabschiedungsritualen, ohne das wir uns dabei lächerlich vorkommen. Dennoch kann ich mir einen gewissen Sarkasmus nicht verkneifen, wenn ich z. B. nach meinem Namen gefragt werde, den aber just vor 2 Minuten langsam und deutlich gesagt habe, oder in einer Email die Frage lese: „Bitte senden Sie uns ihre Telefonnummer“, welche drei Zeilen weiter unten deutlich zu lesen ist. Am liebsten mag ich aber die Frage von Journalisten zum Thema Blogwiese: „Wie lange sind Sie schon in der Schweiz? Sind Sie alleine hier?„, zeugt es doch von perfekter Recherche. Lesen ist ein brutal schweres Geschäft, aber manchmal hilft es tatsächlich weiter.

    (2. Teil Morgen: Als die Bildzeitung die Schweizer empfindlich beleidigte)

    

    85 Responses to “Schweizer Höflichkeit vs Schweizer Empfindlichkeit”

    1. Fiona Says:

      Vieles hängt davon ab, wo man in der Deutschschweiz lebt. Has our esteemed Administrator lived exclusively in Bülach? Uebrigens, weshalb
      Bülach?

    2. vorgestern Says:

      Jens, die Schweizer haben Französisch „gepachtet“ und halten einem Vorträge, wie man es auszusprechen hat.

    3. Administrator Says:

      Lieber D. Montebasso,

      Sie schreiben, dass Sie Erlebnisse und sprachliche Beobachtungen als Deutscher in der Schweiz wiedergeben. Sie geben aber nur Erlebnisse und sprachliche Beobachtungen als Deutscher in der Deutschschweiz ab.

      Das stimmt so nicht ganz, denn ich habe auch über Erlebnisse in der Westschweiz berichtet, und über die Situation der Tessiner
      http://www.blogwiese.ch/archives/217
      http://www.blogwiese.ch/archives/171
      http://www.blogwiese.ch/archives/26
      Nun leben wir aber im Zürcher Unterland, und das ist für uns „Schweiz“, obwohl wir gern und regelmässig auch in anderen Teilen des Landes unterwegs sind. Sie haben recht, ich sollte mal was über Erlebnisse im Tessin schreiben, nur leider sind die nicht so zahlreich oder erzählenswert wie die hier in der Gegend. Doch erhebe ich keinen Anspruch auf komplette Abdeckung aller Schweizer Landesteile und Lebenswirklichkeiten. Die Blogwiese ist keine Lexikon oder Nachschlagewerk, sondern einfach nur ein ganz persönliches Online-Tagebuch mit einem Thema.

      „Als Deutscher in der der Deutschschweiz“ klang in meinen Ohren so, als ob ich damit klarstellen möchte: „Seht her, noch nicht ‚Deutsch-Land’ aber schon ‚Deutsch-Schweiz’“ Finden Sie das wirklich hübscher?

      Das dies etwas einseitig ist – dürfte jedem der sich länger in der Schweiz aufhaltet klar werden – ausser man will nicht. Wir sind Multikulturell – auch dies sollte man nach einem längeren Aufenthalt in der Schweiz herausfinden:-).

      Auch dieses Thema wurde diverse Male diskutiert. Einseitigkeit ist normal, wenn nur einer schreibt und die anderen kommentieren. Am „multi-kulturellsten“ finde ich mit Abstand die Schweizer Autoversicherer, die meiner Arbeitskollegin, die von Serben abstammt und seit 22 Jahren hier lebt, 30% mehr Versicherungsprämie in Rechnung stellt, weil offensichtlich der falschen Kultur angehört.

      Die Schweiz ist viel zu vielseitig als das sie mit dem „Tunnelblick“ eines Germanistikers angeschaut werden sollte (Deutschland ja auch).

      Den Germanisten habe ich vor 12 Jahren an den Nagel gehängt, und dort wird er von Journalisten gern immer wieder heruntergeholt. Den Tunnelblick versuche ich zu vermeiden, in dem ich die Augen aufhalte. Das Leben ist vielseitig, die Schweiz auch. Der Blick eines einzelnen ist immer reduziert, liegt so an der Natur der Sache.

      Damit die Sachlichkeit gegeben ist müssen Sie nicht nur (meistens) negative Erlebnisse wieder gegeben -.Versuchen Sie positiv zu denken:-).

      Also wer das Gefühl hat, dass ich hier auf 345 Postings nur negative Erlebnisse wiedergegeben habe, der soll bitte nochmals am Anfang anfangen mit lesen und mir dann eine Liste schicken von den Postings, in den ich Negatives schildere. Ich denke, die wird ziemlich kurz werden. Darf ich Sie höflich fragen, wieviel Postings sie gelesen haben? Kleiner Tipp: http://www.blogwiese.ch/inhaltsverzeichnis dort ganz oben anfangen und nicht vergessen mir die Liste zusammenzustellen, wo ich immer alles so negativ sehe.

      Springen Sie über Ihren Germanistik schatten und geniessen sie dieses Land/Leute/Kultur. Einen längeren Ausflug im Jura, Waadtland oder gar ins Tessin hat noch niemanden geschadet. Übrigens hat es im Tessin ein Museum von Hermann Hesse das nicht nur für Schweizer ist:-) .

      Wenn ich jetzt anfange, alle Touren aufzuzählen, die wir in und durch die Schweiz bereits machten, hätte ich Stoff für die nächsten 20 Postings, aber dann keine Leser mehr, denn wer mag schon Reiseberichte lesen (ausser er heisst Phipu).

      Wie wäre es mit einem Blog mit dem Namen – Die Schweiz das Multikultiland aus der sicht eines Deutschen der die Schweiz auf die Deutschschweiz reduziert… .-) .-)

      Tolle Idee. Ich werde die Umbenennung gleich morgen in Angriff nehmen. Könnte der Titel nicht noch ein Spur länger und deutlicher werden? Er sollte auch möglichst in vier Sprachen sein.

      Ich wünsche weiterhin viel Spass beim Lesen der Tunnelblick-Berichte

      Gruss, Jens Wiese

    4. schampar Says:

      Gerüchte…und absolute Zahlen?
      In Gymnasien Französisch in Leistungskursen anzubieten ist gut. Diese zu belegen, mündlich/schriftlich auch erfolgreich abzuschliessen ist das Andere. Die Fremdsprache auch versuchen zu leben, „ist eine paar andere Hose unter die Bauchnabel, wo es so schön geprickelt at“;-D.
      Lange nicht alle Eingeschriebenen schaffen diese Hürde locker.
      Ich denke, Sie denken französisch, wenn es die Situation erfordert. Das ist ein Vorteil und macht Sie glaubwürdig, für wen auch immer.

    5. Schwarzbueb Says:

      @administrator
      Was, bitte schön, ist eine „Abläute“ im Bahnhof?

    6. Suk Says:

      Sehr interessant hier die Diskussion!
      Deutschschweiz wird meines Wissens nach ganz einfach für den deutschsprachigen Teil der Schweiz verwendet, ohne Bezug zu Deutschland.
      Ich kenne einige Leute, die als Erwachsene perfekt Schweizerdeutsch gelernt haben. Ich finde dies toll – und die Schweizer sollten denjenigen Deutschen, die Schweizerdeutsch lernen wollen, mehr Toleranz entgegen bringen und sie dabei unterstützen! Dass Deutsche Schweizerdeutsch sprechen DÜRFEN, sollte keine Frage sein. Ich für meinen Teil erlaube es mir, aus dem Berlinerischen die Wörter zu übernehmen, die mir gefallen, während meine Mitbewohnerin hier in Berlin auch gerne Schweizerdeutsche Ausdrücke gebraucht. Wir haben beide riesen Spass, neue Wörter zu lernen und verstehen uns prächtig!

      Des weiteren finde ich die Frage danach, ob Schweizerdeutsch eine eigene Sprache sei, sehr interessant.
      Man kann beobachten, dass man auf die Frage nach der ersten Fremdsprache, die ein Schweizer gelernt hat, vielleicht Französisch oder Englisch als Antwort bekommt, jedoch kein Hochdeutsch. Als Muttersprache wiederum wird aber nicht das Hochdeutsche, sondern das Schweizerdeutsche angesehen.
      Linguistisch gesehen ist das Schweizerdeutsche eine Varietät des Deutschen. Die Unterschiede zwischen dem Standarddeutschen und dem Schweizerdeutschen liegen jedoch nicht nur auf lexikalischer Ebene, sondern auf syntaktischer, pragmatischer, phonetischer…
      Vielleicht ist es deswegen für Deutsche so schwierig, das Schweizerdeutsche zu verstehen oder zu lernen.

    7. Harry Says:

      Wie Michael bereits anspricht, ist Schweizerdeutsch nur der Sammelbegriff für eine Vielzahl zum Teil stark unterschiedlicher Dialekte. Und zwar: alemannischer Dialekte!

      Halten wir fest: (@wolfi und @sanchoz):

      Schweizerdeutsch ist keine eigenständige Sprache, trotz der zahlreichen Besonderheiten der Schweizer Dialekte. Es gibt keine einheitliche Grammatik und keine Rechtschreibung, wie z. B. im Niederländischen. In der Deutschschweiz werden alemannische Dialekte gesprochen, das sagt uns nicht zuletzt die alemannische Wikipedia.

      Trotzdem hat Sanchoz irgendwo Recht: „Schweitzerdeutsch ist nicht Allemannisch“, beides existiert nämlich nicht. 😉

    8. Folma Says:

      Ich bin keine fleissige Blogleserin und weiss daher nicht, ob die Anmerkung, die ich zum Thema Dialekt/Hochsprache machen möchte, hier nicht längst diskutiert worden ist.

      Eine kleine Geschichte vorweg: ich bin als Ostfriesin auf einem grossen Bauernhof in Ostfriesland aufgewachsen. Um mich herum sprachen alle Plattdeutsch. Die Grosseltern, die Mutter, unsere Arbeiter und deren Kinder, unsere Spielgefährten. – Aber mit uns Kindern sprachen die Erwachsenen Hochdeutsch. – damit wir etwas Höheres lernen sollten. Der Dialekt galt (und gilt) als Sprache zweiter Klasse.
      Als ich vierzehn wurde und der Erfolg im Gymansium langsam als gesichert galt (da kann man sich bekanntlich gewaltig täuschen), wollte mein Grossvater mit mir Plattdeutsch sprechen, weil er nun fürchtete, dass ich mich von meinen Wurzeln allzu weit entfernen könnte und wohl auch weil er begriff, dass das Plattdeutsche ein akut gefährdeter Dialekt war und ist. Plattdeutsch hatte ich natürlich langst gelernt, aber mit Grossvater blieb ich beim Hochdeutschen.
      Als ich dann nach Deutschland ging um zu studieren, sagte Grossvater zu mir:“Kind, du geist nu na Dütschland, aber breng mi nich soon Dütschen int Hus.“ Das passierte dann halt doch und noch dazu lebten wir in der Schweiz.

      Für Schweizer: mir ist klar, dass es hier nicht Hochdeutsch, sondern Schriftdeutsch heisst. Und das hat einen guten Grund. Es ist ein sachlicher Ausdruck für die schweizerische Doppelsprachigkeit, das Nebeneinander von gesprochenenr und geschriebener Sprache. Und es soll zeigen, dass dieses Schriftdeutsch in der Schweiz nichts „Höheres“ ist, sondern ….??? Hier weiss ich eigentlich nicht, wie ich es ausdrücken könnte, ohne jemanden zu kränken, ohne … na, über die zahllos herumterstehenden Fettnäpfchen lesen wir ja hier in fast jedem Beitrag.

      Mir scheint, es gibt hier zwei Varianten. Mainstream,offizielle Ansicht ist, dass der Dialekt nicht nur eine vollwertige Sprache sei, sondern dass man auch alles in ihr kommunizieren könne. Was vor gut zehn Jahren zur Folge hatte, dass auch eine schweizerdeutsche Schriftsprache gefordert wurde. Das scheint heute kein Thema mehr zu sein. Heimlich scheint manche/r daran zu zweifeln.
      Daher wehe dem, der Schweizerdeutsch niedlich findet oder glaubt, in einem (hoch)deutschen Sprachraum sollte doch jeder Hochdeutsch können.

      Als Deutsche sind wir so sozialisiert worden: Hoch = hoch und platt = platt bzw. tief-stehend, geistig gesehen wohlverstanden, nicht etwa wegen der Landschaft.

      Da treffen also zwei Sprachwelten aufeinander.

      Und ausserdem scheint es mit noch etwas komplexer zu sein. Warum muss der Dialekt in der Schweiz so vehement verteidigt werden?
      1. – es gibt eine Diskussion darüber innerhalb der deutschsprachigen Schweiz, in der bezieht man dabei Stellung. Schriftdeutsch im Kindergarten ??? etc.
      2. – es gibt diesen Riesennachbarn, der eine andere Haltung vertritt. Da muss man sich wehren. „David und Goliath-Sydrom“.
      3. – und es gibt diese nagende innere Stimme, die fragt, ob man wirklich auf Schweizerdeutsch über Kant diskutieren kann, ob sich das Schweizerische bürgerliche Gesetzbuch wirklich im Dialekt formulieren lasse … und ob nicht sogar der Wetterbericht etwas an Zuverlässigkeit gewönne … aber in diesen Punkt hat die Tagesschau nun freilich anders entschieden.
      – und 4. gibt es einen Trost: liebe Freunde, man kann auch auf Hochdeutsch sagen: ich habe dich gern, ich mag dich – oder: soll ich dir die Schuhe binden? oder: bring endlich den Müll runter oder: es is heiss heute, lass uns baden gehn. Das klingt sogar alles sehr herzlich und alltäglich und küchenmässig und normal, wenn man damit aufgewachsen ist.

      Der liebe Gott, so scheint mir, hat hier wieder einmal alle seine Kinder gleich gern, aber sie streiten nach wie vor darum, wer seinem Herzen näher sei.

      Ich lebe übrigens inzwischen seit 42 Jahren in der Schweiz, manchmal gern, manchmal könnte ich sie alle auf den Mond schiessen, die Schweizer. Und dort würden sie dann die Deutschen und die Ostfriesen treffen, die ich auch schon dorthin geschossen habe.

      Moin, moin
      Folma

    9. Brummbaer Says:

      Zum Schweizerdeutsch. Schweizerdeutsch ist keine eigenständige Sprache. Sondern eine vielzahl von Dialekten wovon die mehrzahl Allemannischer herkunft sind. Auch wenn dass jetzt meine Landsleute nicht gerne hören, es ist so. Darum und jetzt zum Thema „Schweizerdeutsch“ sprechende Schweizer in Deutschland. Ich rede auch meinen „Dialekt“ in Deutschland und zwar im Südbadischen und um den Bodensee. Ihr solltet mal die Gesichter sehen. Mir scheint es wie „he do traut si jo einer allemanisch t`schwätze“. Wenns jemand nicht versteht rede ich halt Hochdeutsch. Ich liebe Dialekte und wundere mich immer wenn ich Deutschland bin das dort so wenig Dialekt gesprochen wird. Ihr habt so schöne Dialekte.

      Noch was zur wahrnemung der Schweiz und der Schweizer in Deutschland. Wir Schweizer und die Schweiz werden in Deutschland und von den Deutschen nicht so negativ wahrgenommen wie wir das immer meinen. Folgendes Beispiel: Ich nahm letztes Jahr an einem Musikanten treffen eines Musikforums teil. Es wahren Teilnehmer aus ganz Deutschland, drei aus Österreich und ich aus der Schweiz. Am ersten Abend gabs das obligate sich vorstellen. Ich stellte mich vor mit den Worten „Ich komme aus dem schönsten Land Europas“ darauf riesen gelächter. Viele die hier Posten würden jetzt sagen „die arroganten Deutschen lachen uns aus“
      Ich sahs eher so die haben über meine aussage gelacht und sie haben bestimmt nicht mich, die Schweiz oder die Schweizer ausgelacht. Das ganze Wochende war toll, ich habe eine menge toller leute kennen gelernt. Weder Arrogant noch eingebildet noch sonstwas.
      Auch dieses Jahr gibts wieder ein treffen und als einer (Aus Baden) sah das ich wieder komme schrieb er im Forum „Toll das du kommst ich mag deinen Akzent“ Das heisst für mich die Deutschen haben kein Problem damit wie wir „Hochdeutsch“ sprechen, sondern sie mögen es.
      Liebe Schweizer Landsleute, nehmt doch nicht alles so ernst.

    10. Peter Says:

      Naja, was eine Sprache ist und was ein Dialekt, wird von Menschen mit bestimmten Interessen definiert. Standardsprachen wie das Schriftdeutsche werden irgendwann von bestimmten Gruppen von Leuten „erfunden“: Sie haben die Macht, zu definieren, was „richtiges“ und „falsches“, und was überhaupt gar kein Deutsch sei. So wurde behauptet, es handle sich bei ostfriesischen Platt und Alemannisch aus dem Südschwarzwald um die Varianten der gleichen Sprache. In der Folge wurde erwartet, dass sich die Leute anpassten und ein „sauberes Deutsch“ lernten. Und sauberes Deutsch, soviel war klar, war weder Elsässisch noch Tirolerisch noch Oberlausitzer Dialekt. Sauberes Deutsch, das war die von Luther geprägte Sprache der protestantischen preussischen Beamten und Gelehrten. Wer ein anderes Deutsch sprach, hatte einen Dialekt – Kennzeichen von Provinzialität und Unterklassigkeit. Drum finden Deutsche Schweizerdeutsch putzig – sie erleben es als etwas Deviantes und Inferiores. Und dass sie uns, bewusst oder unbewusst, als deviant und inferior erleben, macht uns, oft auch nur unbewusst, gelegentlich sauer.

      Doch lassen wir uns nicht beirren. Natürlich kann man auf Schweizerdeutsch über Kant diskutieren. Dürrenmatt und Frisch wären kaum auf die Idee gekommen, miteinander Schriftdeutsch zu sprechen. Und was die arroganten Schweizer angeht, die in Süddeutschland Schweizerdeutsch reden: Wer mal mit einem Einheimischen aus Lörrach, dem Hotzenwald oder dem Wiesental geplaudert hat, weiss, was er von diesem Statement zu halten hat ; )

      Liebe Grüsse aus dem Dreyland (in dem Alemannisch immer noch die wahre Lingua Franca ist)

      Peter

    11. Thomas W. Says:

      @Peter:
      In einem Land der Größe und Vielfalt der Dialekte wie Deutschland ist die Verwendung von Hochdeutsch (das auch keine abstrakte Erfindung ist) ein Muss um sich zu verstehen. Ansonsten empfehle ich jeden Österreicher oder Schweizer, mal in einem Münsterländer Dorf in die Kneipe zu gehen und zu lauschen, wie da op Platt gekürt und vertellt wird.
      Das sich eine bestimmte Sprachvariante für die übergreifende Kommunikation herausbildet, ist übrigens kein deutsches Phänomen. Gleich in Frankreich gibt es das nächste Beispiel. Und schon die Römer, Griechen und Ägypter haben ihre Reich mittels gemeinsamer Sprache regiert.
      Das Hochdeutsche hat sich tatsächlich – im Gegensatz zum Niederdeutschen – aus den in den bergigeren Regionen südlich (!) der so genannten Benrather Linie entwickelt. Die Süddeutschen Dialekte stehen dem Hochdeutschen näher als die damals im Norden gesprochenen Sprachvarianten. Der Begriff ist daher nicht abwertend gemeint gewesen. Aber selbst die Hanse hatte als norddeutsche Handelsorganisation schon zuvor das Mittelniederdeutsche zum Standard im Handel gemacht, bis es dann vom Hochdeutschen verdrängt wurde, dass sich auch über hunderte Jahre hinweg entwickelte und nicht von einem auf den anderen Tag erfunden oder verordnet wurde. Erst recht nicht von Luther, wie ich als Katholik anmerken muss!
      Deutsche finden übrigens das Schweizerdeutsch nicht putzig, weil wir es für einen unterentwickelten Dialekt hielten. Die meisten Deutschen kennen doch sowieso nur den Akzent, wenn Schweizer Hochdeutsch reden. Nein, der Klang ist einfach nett! Bei Frauen sogar sexy. Und wirkt sogar modern und fortschrittlich, da wir die Schweiz so toll finden. Denn sonst müssten wir ja auch das Wienerische, Berlinerische, Sächsische oder (Gott bewahre!) Schwäbische putzig und süss finden. Finden wir allerdings nicht.

    12. sylv Says:

      Hm, so von wegen der Kommentare ob Schweizerdeutsch eine eigene Sprache ist habe ich da auch noch meinen Senf dazuzugeben.Als stolzes ‚Berner Modi‘ ist meine Muttersprache auch meine Identität, aber ich bemühe mich reines Berndeutsch zu sprechen und die alten Ausdrücke zu benützen,was manchmal dazu führt das meine Teenietochter nachfragen muss: ‚ Mam,was heisst denn das schon wieder:) ?!‘
      So zum beispiel techle oder sirachne statt speeden,es ist doch fast überall so dass die Sprache immer mehr mit englischen echt- und pseudoausdrücken gespickt wird und dies das Orginal total verfremdet.

      Don’t get me wrong, I love England and speaking and writing english,aber jedes zu seiner Zeit und nicht miteinander vermischt.

    13. Gabi Says:

      Hallo zusammen ich weiss es haben hier schon 62 etwas geschrieben, aber ich versuchs trotzdem auch nochmal.

      Ich finde der Schweizerdialekt ist im prinzip eine eigene sprache. Der Unterschied zu anderen Sprachen ist bloss, dass wir kein allgemeines Schweizerdeutsch haben über das sich aller verständigen können.

      Vielleicht ist es gerade das, auf was man hierzulande so stolz ist. Vielleicht auch eine sprachliche Ausprägung des Kantönligeists.

      An alle die, die die ganze Zeit Jens Artikel kritisieren, weil sie etwas negativ rüberkommen… schnappt euch mal einen duden und schlagt sarkasmus nach.. Ich habe die Artikel bis jetzt immer als sehr freundlich empfunden. Negativ wären sie wenn er jemanden dafür verantwortlich machen würde oder darüber motzen, tut er aber nicht!!!!! Die Artikel sind aufmunternd geschrieben und bringen die meisten schweizer zum grinsen (alle die ich kenne, mich eingeschlossen).

      Aber jetzt mal zum ursprünglichen Thema, ich finde nicht das schweizer sonderlich empfindlich sind gegenüber deutschen, diese sind aber auch nicht wirklich ruppig wie hier oft beschrieben. ich arbeite bei Ravensburger Schweiz und da unser Mutterhaus in deutschland ist haben wir oft deutsche am telefon. Sie waren bis jetzt immer höflich. Es gibt nur eine Eigenart die mir bis jetzt aufgefallen ist. Sie nehmen das telefon ob mit hallo ab, meist fragend, was ich anfangs oft falsch interpretierte. Ich dachte immer man versteht mich nicht richtig oder so…

      so jetz seid ihr dran

    14. Thomas W. Says:

      @gabi: das mit dem Hallo ist dann wohl eine Ravensburger Eigenart. Deutsche melden sich privat meist mit dem Nachnamen (manchmal auch Vor- und Nachnamen), dienstlich jedoch mit der Firma und Namen, beispielsweise „Ravensburger, Seifert“
      Dafür wird aber im Ausland stets Hallo gesagt und nie der Name – in England, USA und Kandada hale Hello, in Italien ausschliesslich „Pronto“ und in Frankreich auch was in der Richtung.

    15. Vertbeau Says:

      Tut mir leid, dass ich so insistiere. Ich sehe aber immer noch nicht, was der letzte Absatz mit „Schweizer Höflickkeit“ zu tun hat. (oder vielleicht mit Empfindlichkeit….?)

    16. Administrator Says:

      @Vertbeau
      Ich hatte mal geschrieben, dass die „vorauseilende Entschuldigung“ typisch Schweizerisch ist. Für die hast Du gerade ein gutes Beispiel geliefert. 🙂
      Du hast Recht, der letzte Absatz hat nur noch indirekt etwas mit „Höflichkeit“ zu tun. Ich resümierte darin die Situation als Deutscher, der sich an die vielen Rückfragen und guten Wünsche am Ende eines Telefongesprächs gewöhnt hat und das jetzt selbst praktiziert. Deutsche sagen gern am Ende des Telefonats: „danke und Tschüss“, und schon ist Feierabend. Dieses abrupte Ende wird von Schweizern unhöflich empfunden. Ich füge dann noch an, dass ich es hingegen unhöflich finde, wenn ich von meinem Gegenüber Dinge gefragt werde, die zum Beispiel auf der Titelseite des Blogs stehen, oder die ich ihm gerade mit einer Mail geschickt habe. Das ist in sofern Unhöflich, weil es mir zeigt, dass sich der andere nicht wirklich die Mühe gemacht hat, etwas zu lesen.

      Du hast recht, dass ist dann nicht mehr das Thema „Schweizer Empfindlichkeit“, sondern „meine Empfindlichkeit“.

      Der Schluss des Postings ist deswegen ein bisschen „krumm“ geraten, weil ich erst spät beschlossen habe, den Teil mit der Bildzeitung auf den nächsten Tag zu verschieben. Ursprünglich war das ein Artikel, der mir aber dann zu lang wurde, wie so oft.. Sorry und Entschuldigung deswegen, mache ich bestimmt nicht mehr… waren jetzt alle Deine Fragen geklärt? Dann wünsche ich noch einen recht schönen Tag!

    17. Jan Says:

      Ich bin kein Experte, aber meines Erachtens verhalten sich Schweizerdeutsch und Hochdeutsch etwa so wie Schwedisch und Dänisch, Nynorsk und Bokmal (beides Norwegen), Katalanisch und Spanisch. Sardisch und Italienisch, etc…

      Es zu einer Sprache mit eigenem Recht zu erheben, wäre eine einfache Entscheidung. Luxemburg hat diese Entscheidung 1984 einfach getroffen: http://de.wikipedia.org/wiki/Luxemburgische_Sprache
      Das macht man, indem man eine eigene Rechtschreibung eingeführt und die Sprache in offiziellen Dokumenten verwendet.

      Dass die Berner alle L’s zu U’s machen, die Sanggaller auf der Zunge und die Basler durch die Nase reden, sollte niemanden daran hindern eine gemeingültige Schriftsprache einzuführen. Wenn man durch Deutschland fährt, kann man (auch dort wo keine Dialekte, sondern nur Akzente gespochen werden) hören, wie verschieden auch dort das (von Luther in seiner Bibelübersetzung verwendete sächsische) Hochdeutsch ausgesprochen werden kann.

      Die Entscheidung, Schwiizerdütsch nicht zur Sprache zu erheben, ist m.E. bewusst getroffen worden, aber auch nachvollziehbar: man will Romands und Tessiner nicht brüskieren, man will Hochdeutsch gebräuchlich halten, um international wettbewerbsfähig zu bleiben, man will sich das Hickhack welche regionale Ausssprache zur Schriftsprache übernommen wird ersparen, etc…

      Das heisst aber noch lange nicht, dass Schweizerdeutsch nicht eine vollwertige Sprache sein könnte.

    18. Schwarzbueb Says:

      Ich weiss, dass Schwyzerdütsch nicht als eigene Sprache gilt, so wirklich als Muttersprache kann ich sie aber auch nicht ansehen. Meine Mutter hat ihrer Lebtag nie Hochdeutsch mit mir geredet, von ein paar Kinderversen und Gedichten mal abgesehen.
      Hier noch eine Episode, als ich in Basel die Lehrzeit absolvierte.
      Eine Schweizer Kollegin stritt sich mit einer Deutschen, dass es wohl unmöglich sei, in einer (oder zwei?) Stunde einen Rock zu nähen. Schliesslich stellte es sich heraus: Gemeint war ein Jupe; und weiter
      Schweiz Jupe entspricht Hochdeutsch Rock
      Rock “ Kleid
      Chleid (Bchleidig) entspricht (Herren-) Anzug
      Azug “ (Bett-) Bezug
      Dafür wusste ich lange Zeit nicht, was eine Apfelsine ist und was Frikadellen sind, von denen ich den Jugendbüchern las (Es gab noch kein Google) und der Stiftekopf erinnerte mich immer an einen Stiftzahn.
      Ich jedenfalls finde die verschiedenen Ausdrücke sehr spannend.
      Übrigens: Im Spanischen bedeutet das gleiche Wort in Spanien und in Südamerika auch nicht immer dasselbe.

    19. Thomas W. Says:

      @Jan: Die Schweizer Dialekte sind nicht mehr und nicht weniger eigentständige Sprachen als sämtliche anderen Dialekte. Im Unterschied dazu gibt es in Norrddeutschland das Friesische – tatsächlich eine eigene Sprache, und erst recht im sächsischen das slawische Sorbische. Wenn sich die Schweiz allerdings tatsächlich auf den Weg zu einer eigenen Sprache machen will, dann ist die Verschriftung nur ein kleiner Schritt dahin (dies wird in Bayern auch ab und an mal ganz gerne versucht, mit lächerlich-folkloristischen Ergebnissen, die nicht mal die Bayern schön finden).
      Ihr müsst es halt schaffen, dass wir Euch wirklich nicht mehr verstehen und Ihr uns möglichst auch nicht – also das, was das Niederländische geschafft hat. Oder Ihr erkundigt Euch bei den österreichischen Nachbarn, wie man ein Land im deutschen Sprachraum sein kann und dennoch ganz unabhängig und selbstbewusst, auch ohne die Illusion einer eigenen Sprache. Auch in Südtirol glaubt man, Deutsch zu sprechen, und muss sich nicht vom deutschen Sprachraum distanzieren. Überhaupt ist dies eine seltsame Diskussion – sowas gibt es weder im französischem noch im englischen oder spanischen Sprachraum.
      Es gibt jedoch eine andere Möglichkeit: Steigt doch einfach alle auf Französisch oder besser noch Rätoromanisch um, dann habt Ihr nix mehr mit Deutsch zu tun. Und wenn Ihr uns dann noch das Rösti-Monopol übergebt, können wir den Röstigraben an den Bodensee verschieben. Weiterhin an Deutsch hängende Schweizer erhalten dann natürlich in Schwaben und Bayern Asyl, im Allgäu sogar mit netten Bergen.

    20. Jan Says:

      @ThomasW:
      1. In Dein „Ihr“ schliesst Du mich offensichtlich nicht ein, denn ich bin Deutscher
      2. Friesisch und Sorbisch sind eigene Sprachen und haben wenig mit Deutsch gemein. Es gibt allerdings unter den deutschen Dialekten grosse Unterschiede. Sachsen und Hessen sprechen Hochdeutsch mit Akzent. Bayern, Schwaben, Badener sprechen ein eigenes Idiom, das sich nicht nur im Wortschatz, sondern auch in der Grammatik abhebt. Schweizerdeutsch hat sich vom Mittelhochdeutsch abgespalten. Holländisch und Plattdeutsch meines Erachtens vom mittelalterlichen Niederdeutsch.
      3. Stimmt, Holländisch ist auch ein Beispiel dafür, dass ein halbwegs für Deutsche verständlicher Dialekt zu einer eigenen Sprache erklärt wurde. Wenn Du mal versuchen würdest Holländisch in Holland zu sprechen, würdest Du feststellen, dass die ähnliche Probleme wie die Schweizer haben, wenn ein Deutscher anfängt ihr „Idiom“ zu sprechen.
      4. Dass Österreicher selbstbewusst und unabhängig sind, wäre zu beweisen. Wir „Piefkes“ sind auch dort nicht gern gesehen.
      5. Die Südtiroler hingegen müssen sich nicht vom deutschen, sondern vom italienischen Sprachraum distanzieren. Und das tun sie heftig, aber das ist eine andere Geschichte.
      6. Dass es diese Diskussion in Frankreich nicht gibt liegt daran, dass seit der französischen Revolution alle Dialekte (patois, wie das Languedoc) und Lokalsprachen kontrolliert plattgemacht wurden. Bei den Patois hat’s geklappt, bei den nicht-französischen Sprachgruppen hat es bei den Korsen, Bretonen, Katalanen, Basken und inzwischen auch Elsässern zu einer mehr oder minder heftigen Gegenreaktion geführt.
      7. Ueber die Probleme der Spanier wollen wir lieber schweigen.
      8. Die Engländer haben etwas, was man Soziolekte nennt: jeder, der kein Oxford-Englisch spricht, outet sich als Prolo. Ein ähnliches Phänomen haben wir Deutsche übrigens auch, sobald wir den Weisswurstäquator (Mainlinie) überschreiten.
      9. Dein Vorschlag wurde m.E. in der Schweiz nach dem Krieg sogar erwogen. Der Kanton Fribourg ist daher jetzt ein welscher Kanton, obwohl er mehrheitlich von Dütschschwiizern bewohnt wird.

    21. moffi Says:

      @jan

      ich schliesse mich dir an. und das waren „nur“ die europäischen beispiele…

      @ThomasW

      Haben die niederländer sich wirklich versucht von den deutschen abzugrenzen um dann eine eigene sprache zu entwickelt? ich würde sagen das ist eine ansichtsache. es gibt nicht nur das „nichtdeutsche“ sondern auch entwicklungen durch die lokalität betreffenden umstände.
      es tut mir leid, aber mich stört dieses „wir“ und „ihr“. ich finde das schafft nur fronten, zu denen ich entweder gehöre oder nicht. und als schweizer hat man dann ja bei dir schlechte karten…

    22. Thomas W. Says:

      @jan: Nun ja, das mit dem halbwegs verständlich für Holländisch werden die meisten Deutschen sicher so nicht unterschreiben. Und klar, die Österreicher sind nicht unbedingt Deutschlandfans, aber wo in Europa ist man denn Deutschland wohl gesonnen? 60 Jahre sind wohl zu kurz und Deutschland zu gross um es zu lieben. Ansonsten ging es mit eher um all die französischsprachigen, spanischsprachigen, englischsprachigen Länder auf allen Kontinenten, die für Ihre eigene Identität keine eigene Sprache definieren müssen oder ihren Ursprung so vergessen machen wollen. Und ein Österreicher zweifelt auch nicht an seinem Österreichertum, obwohl er Deutsch spricht. Ich kenne allerdings fast keinen Engländer, der „Oxford-Englisch“ benutzt. Ausser im Fernsehen oder ab und an mit Touristen. Da schlackern einem fast die Ohren. Speziell in Schottland – beispielsweise im Umland von Glasgow, kann man nur raten, was gesagt wurde. Obwohl der Sprecher gerade meinte, Englisch mit Dir zu reden.

      @Schwarzbueb: In Bayern gibt es keine Frikadellen, sondern Fleischpflanzerl. Und in Berlin heissen die Dinger Buletten. In Hamburg hingegen Hamburger… na ja, fast.

    23. Stéphanie Says:

      ok, ich habe mich jetzt durch den ganzen Kommentar-Dschungel durchgelesen und mein Fazit ist ein „typisch-Schweizerisch-harmoniesüchtiges“ Friedensangebot: Mir als Schweizerin ist mein Dialekt wichtig. Er ist Teil meiner kulturellen Identität. Ich wohne nicht mehr in der Schweiz und werde im Ausland oft gefragt, was den meine Muttersprache sei (gemeint ist Deutsch, Französisch oder Italienisch) und ich antworte jeweils mit „ein deutschter Dialekt“. Denn a) ist es keine offizielle Sprache und b) gibt es kein Schweizerdeutsch. Wirklich nicht (und mir stehen jedesmal die Haare zu Berge, wenn das Wort benutzt wird… was auf diesem Blog ständig der Fall ist… Bayrisch und Hessisch ist auch nicht das selbe, warum sollte Züridütsch und Wallisertitsch das selbe sein? Aber lassen wir das bei Seite).
      Ich glaube der Grund, warum mir (und vielen meiner Landsleute) der Dialekt so wichtig ist, ist die klare Abgrenzug gegen aussen. Das hat nix mit Rassismus zu tun. Aber schaut doch mal ganz sachlich die Karte an: Klein-Schweizchen ist (um nur mal diesen Aspekt zu betrachten) nun wirklich keine Einheit. Es gibt drei Teile, die sich ganz einfach dem angrenzenden Ausland zuwenden könnten (und es in vielerlei Hinsicht, zum Beispiel was die Medien betrifft auch tun). Obwohl mein Heimatkanton bilingue ist, möchte ich jetzt bei den deutschsprechenden Schweizern bleiben: Am Dialekt festzuhalten ist Teil des Schweizer-/nicht-Deutscher-Seins. – Oder frei nach Simmel: der Fremde stiftet die Gruppe durch Abgrenzung. Und hey: Solange IHR anerkennt, dass WIR die schönsten, besten, cleversten und witzigsten sind, haben wir ja keine Probleme! 🙂 Vive la difference! 😉

      Oh, ein letzter Kommentar zum Unterschied Dänisch/Schwedisch, der ist nämlich beachtlich. In den meisten Fällen wird hier Englisch gesprochen (es sei den, einer der beiden spreche die andere Sprache). Nicht so bei Dänisch/Norwegisch: Hier kann man sich durchaus zweisprachig verständigen… und beide finden den anderen amüsant. 🙂

    24. Jan Says:

      @steph
      Stimmt, Walliserdeutsch hat im Gegensatz zu den anderen Schweizer Dialekten eine wichtige Lautverschiebung nicht mitgemacht. Es heisst daher auch Höchstallemanisch, der Rest der Schweizer Dialekte wird aber unter Hochallemanisch zusammengefasst. Dass man für diese Gruppe keine (wie Du sagst identitätsstiftende) Rechtschreibung hinbekommen soll, ist mir schleierhaft. Irgendeinen Kompromiss zwischen (z.B.) „goosch du heime?“, „gahsch du hei?“ wird man doch wohl finden können. Warum nid? (warum nööd?)
      Bayrisch ist übrigens näher verwandt mit den Schweizer Dialekten als mit dem Hessischen (weil letzteres die 2. Lautverschiebung nur teilweise mitgemacht hat).

    25. Stéphanie Says:

      @Jan
      uiuiui: Habe ich da einen Germanisten geweckt? (Falls ja, ist die Verlockung auf Dialekt weiterzuschreiben riesig – All meine grammatikalischen und orthographischen Fehler müssen bei dir ja das Augenwasser hervorrufen! Pardon!)
      Natürlich hast du recht. Diese Lautverschiebung haben wir nicht mitgemacht, aber wenn ich mich recht erinnere, habe ich da mal was von Baselditsch und Wallisertitsch als allemanischen Dialekten und den restlichen als germanischen Dialekten gelesen… Korrigiere mich doch bitte oder gib mir ’ne gute URL – Ich finde das jetzt gerade recht spannend.
      Noch schnell ein Wort (oder zweihundert) wegen der einheitlichen Rechtschreibung: Kannst du dir das beim Schweizerischen Kantönligeist ernsthaft vorstellen? Als Beispiel: Vor geraumer Zeit (in den 80ern, wenn ich mich recht erinnere) wurde Rumantsch Grischun entwickelt – eine Fusion der bisherigen fünf romanischen Dialekte, um der Sprache eine Überlebenschance zu geben. Die Sprache hat sich (zumindest mündlich) bis heute nicht durchgesetzt… Wir Schweizer sind doch Schtieggini (=Stiere – haben harte Köpfe und lieben es mit diesen durch die Wand zu gehen).

    26. Jan Says:

      @steph
      Deine Frage trifft den Kern des Problems: Will man sich in der Schweiz durch Kantönligeist lieber voneinenader abgrenzen, oder durch eine identitätsstiftende Sprache von den Dütsch’n. Was wiegt stärker?
      Keine Sorge, bin kein Germanist, sondern habe nur ein „Faible“ (wie man auf gut Deutsch sagt) für Sprachen.

    27. Stéphanie Says:

      @Jan
      Ich weiss nicht, vielleicht sagen wir gerne Nein – vorerst und sicherheitshalber. Vielleicht hilft da aber auch wieder Herr Simmel weiter (‚tschuldiung – meine Profession schimmert ständig durch), in dem sich die Identität der Gruppe jeweils am gruppenfremden Element orientiert und wenn es halt nur Schweizer in einem Raum gibt, wird die Gruppeneinteilung auf die nächste Ebene, die Kantone, verschoben. Meine persönliche Erklärung, weshalb dieses Verhalten in der Schweiz so stark ist, würde ich auf die Entstehungsgeschichte verweisen: Auf dem Rütli war nicht die Rede von einem „einig Volk von Brüdern“ – zumindest nicht in einem romantischen Sinn. Es war vielmehr eine Zweckgemeinschaft gegen das fremde Element (die Habsburger). Mit anderen Worten: Vier Sprachen, unendlich viele Dialekte, eine Vielzahl von Kulturen gepaar mit dem harten (manchmal engstirnigen Willen von Bergmenschen) ist ein guter Nährboden für Missverständnisse und endlose Diskussionen. Ach, wie schön ist die Heimat. 😉
      Hihi, diesen Faible für Sprachen teile ich mit dir – allerdings steht bei mir Kommunikation mit anderen Menschen in deren Muttersprache an erster Stelle, dicht gefolgt von nicht-übersetzter Literatur… Sprachgeschichte hat mich früher auch interessiert, aber derzeit fehlt mir die Zeit.

    28. Bettina Says:

      Ich hatte heute auch ein Erlebnis, bei dem ich sofort an diesen Blog-Beitrag denken musste. Eine Dame wollte, dass ich mein Auto umparke und wurde sofort reserviert, als ich nicht gleich jubelnd JA sagte, sondern anfing nachzufragen. Zum Schluss drehte sie sich eingeschnappt weg, ließ mich stehen und verschwand im Haus.
      Wobei ich nicht weiß, ob sie (aufgrund des Alters?) einfach keine Widerrede (mehr) duldet oder einfach ein Typ ist, der es nicht anders kennt oder ob es schweizerisch sein soll. Wage ich nicht einzuordnen. Nur: An Jens‘ Beitrag denken musste ich dennoch…

    29. aquado Says:

      Wie man von dem Leitartikel hin zu den Eigenarten der „Schweizer Sprache“ kommen kann um diese dann endlos lang zu kommentieren, ist wieder ein gutes Beispiel für die Schweizer Mentalität.

    30. Vertbeau Says:

      Vielen Dank. Alle meine Fragen sind nun geklärt, und das mit deutscher Gründlichkeit!

    31. Jan Says:

      @ aquado und vertbeau
      der eine bezieht den Diskussionsverlauf dieses Threads auf deutsche Gründlichkeit, der andere auf Schweizer Mentalität…
      Hallo! Das hier ist ein gemischter Blog (mindestens D und CH), falls es Euch noch nicht aufgefallen ist. Das „Ihr“, „Wir“, „Euer“, „Deren“ bringt hier niemanden weiter.

    32. Mike Says:

      Gestern am Zürisee: Ein Hund springt mit Freude in den See und planscht ne ganze Weile umher. Ich geselle mich dazu: In der Hoffnung etwas Humor in den Alltag zu bringen: Entschuldigung vielmals: Ich wusste noch garnicht das es „Seehunde“ im Zürisee gibt….
      Daraufhin der fragende Blick und dann folgender Satz: Ja das ist meiner….ohne zu lächeln oder sonstwas….
      Ich in meiner Bestürzung gedacht: Hab ich jetzt was falsches gesagt?, habe ich zu schnell gesprochen?, wissen Zürcher überhaupt was Seehunde sind?….
      Oder hat die Dame den nicht unbedingt feinsinnigen Humor überhaupt verstanden???
      Zuhause die Geschichte meiner Schweizer Ehefrau erzählt: Ergebnis: Wir haben lauthalts gelacht….
      Insofern lags dann doch wohl an der Hitze in Züri….

    33. moffi Says:

      @Mike
      nich lustig

    34. Thomas W. Says:

      @Mike:
      Sauguat!
      (das war bayerisch, nicht dass hier jemand denkt, ich hätte mich an einem Schweizer Dialekt vergriffen)

    35. Nachbarn Says:

      Schweizerdeutsch ist nicht gleich Schweizerdeutsch. Nur ein Einheimischer kann sofort feststellen aus welchem Winkel der Schweiz man kommt. Das wird ein Ausländer wohl nie können. Selbst von Tal zu Tal gibt es Unterschiede. So heisst im einen Tal hinauf = ämbruuf, im nächsten Tal = uechi oder hinab = achi oder ämbraha. Noch nach Jahren wohnhaft in einem andern Gebiet merkt man, aus welchem Tal man stammt. Es sind Sprachmeldodien – man betont anders – z.B. singen die Berner Oberländer während die Stadt Berner Patrizier die Vornehmheit gepachtet haben und die Walliser sehr originell klingen. Wenn ein Basler vom Buschi spricht, tönt das liebevoller als vom Kind. Ich liebe die Schweizer Dialekte – aber ich mag auch den Dialekt der Bayern. Im Badischen Raum habe ich Ferien gemacht – man sagte mir dort, man hört mich lieber in Schweizer Deutsch als in Preussisch. Das waren Deutsche! Auch die Schweizer mögen nicht jeden ihrer Dialekte gleich gern. Favoriten sind: Graubünden, Bern und Wallis – am wenigsten beliebt sind die Ostschweizer: St. Gallen, Thurgau und Zürich. Liedermacher sind am ehesten in Berndeutsch erfolgreich. Ich war ein Jahr in Berlin – jedes schweizerdeutsche Wort brachte mich vor Heimweh zum Weinen. Ich würde niemals in Deutschland leben wollen. Das geht doch auch Heimweh-Italienern oder Spaniern so. Dort wo man aufwächst, ist man verwurzelt – ein Leben lang. Das scheint man heute bei der Völkerwanderung und Babylonisierung zu vergessen.

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