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Schweizerpass und Schweizergrenze — Wenn alles „Schweizer-“ ist

Der Schweizer Filmemacher Peter K. Wehrli brachte auf SF1 und auf 3SAT einen wundervollen Film mit dem Titel „Kniefall & Karneval“, in dem er einen Schweizer Blick auf die Deutschen wirft und viele Schweizer Schriftsteller dabei zu Wort kommen lässt. Oder sollte ich schreiben „Schweizerblick“ und „Schweizerschriftsteller“? Er stellt nämlich fest:

  • Der Pass der Schweizer ist ein Schweizerpass
  • Screenshot aus dem Film:
    Schweizerpass in einem Wort

    Peter Bieri (Philosoph)

    Vielleicht kann man darin etwas erkennen, wie dass man bestimmte Dinge der Schweiz einverleibt. Also wenn man etwas einen „Schweizerpass“ nennt, so ist es, als sei der Pass jetzt eine Eigenschaft des grossen Wesens Schweiz, und nicht nur ein Pass, der unter anderem die Eigenschaft hat, ein Pass eines Schweizers zu sein.

    „Reisepass“ steht auf den Pässen der Deutschen:
    Reisepass der Deutschen
    Was dieser Unterschied wohl bedeutet?

    Nun, wir haben selbst mal gegooglet und fanden diesen „Schweizerpass“ nicht mehr. Heute sieht das Ding so aus:
    Schweizer Pass in zwei Wörtern
    Und da sind deutlich die beiden Wörter „Schweizer Pass“ getrennt zu lesen. Vielleicht war es ja früher so.

    Die Fahne der Schweiz wird in einem Wort „Schweizerfahne“ genannt.
    Schweizerfahne in einem Wort

    Die Grenze, an der sie weht, „Schweizergrenze“, in einem Wort.
    Als ob die Schweizergrenze etwas anderes wäre als die Grenze der Schweiz. Wahrscheinlich ist es eher Bequemlichkeit, aus „Schweizer Grenze“ die „Schweizergrenze“ zu machen. Und diesemal ist sie ja wirklich ein Teil der Schweiz, zumindestens bis zur Hälfte.

  • „Schweizergeist“ — „Schweizerzeit“
  • Schweizerzeit in einem Wort

    Der Schriftsteller Hugo Loetscher meint dazu:

    Das hat natürlich mit einem Nationalismus zu tun, der sehr hartnäckig ist. Aber den man insofern verstehen kann, aus der Geschichte heraus, es war eine Selbstbehauptung, nicht, vor allem war das eben doch in den Dreissigern und dem Zweiten Weltkrieg, das man sich gegenüber Deutschland, also dem Nationalsozialismus behaupten musste, also behauptet man sich eben per „schweizerisch“, und plötzlich hat man eben Sachen als schweizerisch bezeichnet, die Schweiz als „Qualitätsbegriff“ und nicht als Eigenschaft, ja eben als Eigenschaft genommen.

    Nun, das ist ein wörtliches Zitat, so ganz begriffen habe ich es ehrlich gesagt nicht.

    Peter Bichsel (Schweizerschriftsteller):

    Es gibt in diesem kleinen reichen Land ja wirklich alles, was es auf der Welt gibt. Und wenn wir von allem was wir haben, Schweizer Wein, Schweizer Aschenbecher, Schweizer Tisch, Schweizer Haare, ich hab Schweizer Finger, und Schweizer Fingernägel, wenn alles Schweizer ist was wir haben, dann sind wir die ganze Welt. Das ist ein Problem der Kleinen.
    Und wenn dann ein so Kleiner einen grossen Bruder hat, ist das schon ein bisschen schwierig.

    Nix „grosser Kanton“ also, sondern „grosser Bruder„. Normalerweise ist das doch etwas Positives? So einen grossen Bruder kann man holen, wenn es Ärger gibt, z. B. mit den Chaos-Demonstranten am Flughafen von Genf, während des G8 Gipfels 2003 (vergleiche🙂

    Thomas Hürlimann (auch Schweizerschriftsteller):

    Wer so auf den Putz haut dass er das Wort „Schweiz“ mit der Grenze zusammen ziehen muss, der hat natürlich immer auch eine gewisse Angst, dass diese Grenze geschleift werden könnte, dass sie verschwindet. Also zwischen diesen Wörter durfte man durchaus manchmal etwas Luft lassen.

    Sehen wir es also als eine postive Entwicklung an: Der Name wird heute zumindestens auf dem Pass in zwei Teilen geschrieben, da ist wieder Luft dazwischen.

    Alle Zitate der Schriftsteller sind wörtliche Mitschriebe aus dem Film „Kniefall & Karneval“ von Peter K. Wehrli.

    

    3 Responses to “Schweizerpass und Schweizergrenze — Wenn alles „Schweizer-“ ist”

    1. HalbCH/HalbD Says:

      Ich bin durch meinen Bruder auf deine Seite gekommen und finde sie spizte.

      Zur „Schweizergrenze“: Die Schweizer haben zu viel Angst es zu trennen, denn wenn man dazwischen noch luft holen kann, könnte der Eindruck entstehen, dass die Grenzen ein wenig (eine ganze! Leerstelle) göffnet werden könnte.

      Gruss und weiter so

    2. räulfi Says:

      🙂 Weiss ja nicht, aus welchem Jahrhundert der Pass auf dem Screenshot stammt, aber auf meinem (alten) steht bereits ‚Schweizer Pass’… Nach Passeport Suisse und vor Passaporto Svizzero, Passaport Svizzer, Swiss Passport… Man sieht also, das ganze wird in all diesen Sprachen gleich ‚gehäändelt‘ (nehme nicht an, dass das nur der Optik wegen so gemacht wurde). Denke mal, dass Schweizer Pass/Schweizerpass schlicht einfacher ist, als ‚Confoederatio Helvetica/Schweizerische Eidgenossenschaft, Reisepass‘. Ob man da jetzt gross was hineininterpretieren will/kann… naja…
      Deutsche werden wohl auch kaum sagen ‚ich habe den Reisepass der Bundesrepublik Deutschland‘, sondern schlicht und einfach ‚den Deutschen Pass‘.
      Ist für mich ein bisschen so (abwegig), als würde ich jetzt versuchen den ‚REISEpass‘ zu interpretieren… für was sonst ist ein Pass denn bestimmt, wenn nicht zum Reisen? Hat das jetzt womöglich gar etwas über die Deutsche Volksseele auszusagen?;-)) Und noch wichtiger: gibts denn auch einen ‚Nichtreisepass‘? *grübel-grins*

    3. Simon Says:

      Hallo Jens

      Toller Blog! Bin über den „Tagi“ darauf gestossen und kann mich jetzt fast nicht mehr davon losreissen.

      Das hier angesprochene Phänomen tritt übrigens nicht nur bei Schweizerpässen und -grenzen auf, sondern auch bei Strassen. Was hier ‚Frauenfelderstrasse‘ heisst, wäre bei unseren nördlichen Nachbarn vermutlich die ‚Frauenfelder Straße‘.

      Damit relativieren sich auch die (Über-)Interpretationen der Zusammenschreibung wieder ein wenig.

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