Heute schon ein Vorurteil gepflegt? Warum jedes Land seine Ossis hat

März 1st, 2010

(reload vom 15.12.06)

  • Innerschweizer Nettigkeiten
  • Die Zürcher mögen die Basler wenig, sie sind vielleicht eifersüchtig auf deren europäische Lebensstil im Dreiländereck mit Deutschland und Frankreich. Wären sie doch selbst gern eine „Weltstadt“ , und auf die locker-gelöste Art der Basler, mit der am Rheinknie die Fasnacht ohne Zwänge und Riten gefeiert wird, sowie natürlich auf die erfolgreiche Wirtschaft.

  • Die Zürcher sind die Deutschen der Schweiz
  • Die Basler wiederum mögen, wie die meisten anderen Kantone auch, die Zürcher nicht so sehr. Die Anerkennung und Beliebtheit eines Zürchers in der Schweiz (ausserhalb von Zürich) ist vergleichbar der Situation von Deutschen in Zürich. Sie gelten als arrogant, überheblich, etwas vorlaut und immer mit der Überzeugung daherkommend, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Alle Schweizer sind sich einig gegen die Zürcher, weil die so schnell „schnurren“, ohne deswegen Ähnlichkeiten mit Katzen zu haben.

    Die Beliebtheit gewisser Landesteile lässt sich gut an der Beliebtheit der Dialekte ablesen:

    So wurde gemäss einer Umfrage aus dem Jahr 2002 der Walliserdialekt von 20% der Befragten als beliebtester Dialekt angegeben. Noch beliebter war Berndeutsch (27%), während der Zürcher Dialekt nur gerade von 10% der Befragten als Lieblingsdialekt genannt wurde.
    (Quelle: swissworld.org)

    Die genaue Rangfolge sah so aus (von sehr beliebt bis am am wenigsten beliebt)
    1. Bern
    2. Bünderland (Attribut heimelig, warm, abwechslungsreich)
    3. Wallis (urig, lebhaft, freundlich)
    4. Uri
    5. Basel
    6. Luzern
    7. Zürich
    8. Appenzell
    9. St. Gallen
    10. Thurgau (grell, ungünstig, kalt)

    Wir hörten diese Reihenfolge zitiert bei einem Vortrag auf dem SAL Forum. Die Quelle ist nur wage belegt, das Material erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch auf Korrektheit. Auch ist nicht bekannt, wie diese Daten erhoben wurden, wieviele Menschen befragt wurden etc.

  • Wer aus Bern oder aus dem Wallis kommt hat es leichter
  • Jetzt ist auch klar, warum im Schweizer Fernsehen gern ein Moderator aus dem Wallis eingesetzt wird, wie Patrick Rohr, der uns jedoch einmal verriet, dass er selbst als „Vorzeige-Walliser“ diesen Dialekt erst als dritte Muttersprache mit ca. 14 Jahren zu lernen anfing. Es hat sich für ihn beruflich gelohnt.

  • Wehe wenn Sie aufeinander losgelassen
  • Die sonst nach aussen so harmonisch und freundlich auftretenden Schweizer sind tief im Innersten ein ganz schön zerrissenes Völkchen. Der viel zitierte „Kantönligeist“ ist dafür nur ein beschönigender Ausdruck. Kommt es zu einem spielerisch gemeinten Wettbewerb zwischen den Kantonen, sei es bei einer Casting-Show wie „MusicStar“ oder einem anderen Wettstreit im Schweizer Fernsehen, wird sich mächtig für den eigenen Kanton ins Zeug gelegt.

  • Der Aargau liegt zwischen Basel und Zürich
  • Basler und Zürcher lächeln gemeinsam über den Aargau, dem „Rüebliland“ und Zwischenkanton, über den die wichtigste Aussage „er grenzt an Basel und an Zürich“ geradezu sprichwörtlich ist. Es fällt auf, dass der Kanton Aargau im „Dialekt-Ranking“ gar nicht erwähnt wird. Er ist „Niemandsland“ für die Schweizer. Sprachlich eher an Zürich ausgerichtet, mit dem Herzen jedoch eher in Bern. Die Jurabewohner im jüngsten Kanton hingegen reagieren allergisch auf Bärndütsch und auf jegliche Bevormundung aus dieser Richtung.

    Die Walliser wiederum finden, dass alle, die von hinter den Bergen kommen und nicht aus ihrem Tal stammen, „Grüezis“ sind und das man denen lieber misstrauen sollte. Ganz unten auf der Dialekt-Beliebheitsskala steht der Thurgau. Man könnte die Einwohner des Thurgaus auch als die „Ossis der Schweiz“ bezeichnen. Der Begriff „Ossi“ passt, weil der Kanton so weit im Osten liegt. Es ist also auch in der Schweiz möglich, noch unbeliebter als die viel gescholtenen Zürcher zu sein.

  • Jedes Land braucht seine Ossis
  • Als Otto Walkes in den Siebzigern durch Deutschland tourte und ganze Hallen mit seinen Live-Auftritten zum Kochen brachte, ward der Ostfriesenwitz geboren. Deutschlands Ossis waren bekannt für ihre langsame Sprechweise, ihre logische Art zu Denken und für die roten Halstücher, mit denen sie die Holzgewinde am Hals der jungen Mädchen versteckten.

    Die nächsten Ossis kamen dann nicht mehr aus Ostfriesland, sondern nach der Wende im November 1989 aus dem richtigen Osten, „Zonengabi mit ihrer ersten Banane“ war ein Klassiker der Satirezeitschrift Titanic:
    Zonengabi und ihre erste Banane
    Gezeigt wurde ein ostdeutsches Mädchen mit einer geschälten Gurke in der Hand.

  • Die Ossis der Schweiz wohnen im Thurgau
  • Die Thurgauer erinnern uns in der Beschreibung an all die Klischees, die einst einem Mantafahrer nachgesagt wurde: Weisse Tennissocken in Sandalen, Jogginganzug beim Einkauf und ein liebevoll aufgemotztes Auto mit Kenwood-Aufkleber.

  • Im Ruhrgebiet EN, im Breisgau EM
  • Dass die Prinzipien der soziale Stigmatisierung und Ausgrenzung nicht nur in der Schweiz existiert, können wir an Hand des Ruhrgebiets belegen. Dort ist das Autokennzeichen „EN“ für „Ennepe-Ruhr-Kreis“ das deutliche Brandzeichen für ein zünftiges Landei. Wer dieses Kennzeichen fährt, hat quasi Narrenfreiheit beim Abbiegen, Vordrängeln oder Parken im eingeschränkten Halteverbot. In der Französischen Provinz sind es die 75er Nummernschilder, die den Pariser beim Landbesuch verraten, und im badische Oberzentrum Freiburg im Breisgau haben die Kennzeichen EM für den Landkreis Emmendingen und VS = Schwarzwald-Baar-Kreis (von Villingen-Schwenningen) für die Freiburger deutliche Warnfunktion.

  • Pflegen wir weiter unsere Klischees
  • Ist es nicht klasse, wie praktisch sich die ganze Welt in Gut und Böse, in Schlaue und Dumme, in freundliche und in arrogante Menschen einteilen lässt? So herrscht wenigstens Ordnung und jedermann weiss genau, woran er beim anderen ist. Nachdenken oder selbst ein Urteil bilden ist nicht mehr nötig. Spart einfach eine Menge Zeit. Und wo lassen Sie denken?

    Das freute den gefreuten Gefreiten — die gefreute Sache

    Januar 13th, 2010

    (reload vom 8.11.06)

  • Ungefreut gefreut
  • Auch nach 6 Jahren in der Schweiz konnte es uns immer noch passieren, dass wir im Tages-Anzeiger einen völlig neuen und doch irgendwie bekannten Ausdruck entdeckten. Das reute uns, will sagen, das „freute uns“, denn die Sache, die wir lasen, war schon vorgefreut freundlich:

    Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 6.11.06:
    Gefreute Sache im Tagesanzeiger
    und fanden gleichfalls im Tages-Anzeiger Online:

    Wenn daraus 270 km werden, weil nur 13 kg Gas reingehen, ist das gerade beim derzeit noch dünnen Tankstellennetz keine gefreute Sache.
    (Quelle: Tages-Anzeiger)

    Zugegeben, der letzte Beleg ist schon etwas älter. „Gefreute Sachen“ fanden sich aber gleichwohl noch an 166 Mal weiteren Stellen bei Google-Schweiz.

    Aber es gibt auch andere gefreute Dinge.

    „In dem Sinne wünsche ich allen eine gefreute Zeit ihn Biel.“
    (Quelle: bijou.ch)

    Oder

    Es sei auch deutlich geworden, dass die Bildungskommission eine gefreute Kommission sei.
    (Quelle: Tages-Anzeiger)

    Und siehe, ein erfreulicher Blick in unseren Duden verrät uns, was für ein angenehmes Wort wir da soeben gelernt haben:

    gefreut (schweiz.): erfreulich, erwünscht, angenehm: gefreute Leute; die Familienverhältnisse sind nicht sehr gefreut.
    (Quelle: duden.de)

    Ob es also beim Militär auch gefreute Gefreite gibt ? Oder gefreite Gefreute?

    Es wird Zeit, den Staub von Grimms Wörterbuch zu pusten und mal nachzusehen, wie lange schon gefreut wird:

    GEFREUT, part. zu sich freuen, alem. als adj. gebräuchlich: ungefreut, still, finster, ein ungefreuter mensch. STALD. 2, 516 (mhd. Helmbrecht 1655). auch von dingen, wie fröhlich, froh machend: ein gefreutes gut, angenehmes landgut, ein ungefreuter mensch, mit abstoszendem betragen STALDER 1, 398, vgl. TOBLER 219b; sie .. würden lieber klein und gfreut, als wolfeil und breit eingekauft haben. FELDER sonderl. 1, 50.
    (Quelle: Grimms Wörterbuch)

    „Alemannisch als adjektiv gebräuchlich“, also eindeutig Süddeutschland / Schweiz spezifisch. Das Gegenteil von ist „ungefreut“, und so werden vom SAC-Bern die Schneeverhältnisse beschrieben:

    Die Wetter- und Schneeverhältnisse sind derart ungefreut, dass wir auf etwa 2600 Metern den „Übungsabbruch“ beschliessen.
    (Quelle: sac-bern)

    Immerhin kein Unterbruch der da als Entscheid gefällt wurde.

    Wenn der Esel am und der Ochs vorm Berg steht — Wie erkennt man einen Schweizer an seinen idiomatischen Wendungen?

    Januar 11th, 2010

    (reload vom 6.11.06)

  • Ochs und Esel stehen am/vorm Berg
  • Jeder, der sich schon einmal mit dem Lernen von Sprachen beschäftigt hat, weiss, dass es da ausser Grammatik und Vokabular noch eine weitere Ebene gibt, die extrem schwierig zu lernen ist. Man lernt sie automatisch mit der der eigenen Muttersprache, oder lernt sie unbewusst passiv durch ausgiebige Lektüre. Die Rede ist von „idiomatischen Wendungen“, von Sprichwörter und Redensarten. In der Schweiz wird das in der Schule gelehrt und gelernt.

  • Morgens noch schnell die Redewendungen lernen
  • So wurden wir Zeuge, wie Berufschüler in der S-Bahn von Zürich sich morgens gegenseitig die Bedeutungen von „Morgenstund hat Gold im Mund“ (das Leitmotiv der Zahnärzte), „Der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht“ und „Die Axt im Haus ersetzt den Ehemann“ abfragten, wie Englisch oder Französisch-Vokabeln. Sie lernten dies für den Deutschunterricht. Eine Prüfung dazu war angekündigt worden. Sie tun gut daran, sich in diesen idiomatischen Wendungen fit zu halten, denn ohne diese Formulierung versteht man heute keine Zeitung und keine Nachrichtensendung.

    Ochs und Esel haben viel zu tun
    (Quelle Foto: fraema.it)

    Doch Vorsicht: Jedes Land im deutschsprachigen Europa kennt da eigene Varianten. Ochs und Esel zum Beispiel, aus der Weihnachtsgeschichte nach Matthäus allen bekannt, machten sich auf nach Europa, und kamen zu den Alpen, wo sie stehen blieben. Der Ochs stand „vorm Berg„, und der Esel „am Berg„.
    Google kennt 88 Belege für „wie der Esel am Berg“. Unser Variantenwörterbuch aus dem DeGruyter Verlag meint zum Stichwort Berg:

    *[dastehen] wie der Ochs vorm Berg AD;
    *dastehen wie der Esel am Berg CH (salopp) „verdutzt, ratlos [sein]; mit einer Situation überfordert [sein]. Betreten sass der Junge da wie der Ochs vorm Berg (OÖN 3.3.2001, 16;A); Oft stehen wir da wie der Esel am Berg, wenn wir ausländische Gäste etwas über unser Land erzählen müssen (TA 20.8.1006, Internet; CH);

  • Wieso gibt es diese beiden Varianten?
  • Nun gilt es noch herauszufinden, wieso es zu dieser feinen Differenzierung kam. „Ochs vorm“ ist ein Binnenreim mit doppeltem „O-Laut“. „Esel am Berg“ hingegen, da werden wir nicht schlau draus. Vielleicht spielt da noch die zweite Bedeutung vom „dummen Esel“ mit hinein? Es lässt sich nicht endgültig begründen, warum die eine Formulierung in Österreich und Deutschland, die andere jedoch in der Schweiz üblich ist. Je nachdem, ob sie ihrem Text eine „Standarddeutschefärbung“ oder mehr den helvetischen Grundton geben wollen, sollten sie lieber den „Oxen vorm Berg“ oder den „Esel am Berg“ wählen. Nur sollten sie beide Redewendungen niemals mischen, also keinen „Oxen am Berg“ und keinen „Esel vorm Berg“ platzieren. Das ist Stilbruch, und fast so grausig wie „das schlägt dem Fass den Boden mitten ins Gesicht“ oder „der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum“. Knapp daneben ist eben meistens auch vorbei.

  • Was der Ochs oder Esel sonst alles so aufhalten
  • Dann gibt es da noch den berühmten Ausspruch Erich Honeckers vom 6. Oktober 1989, im Palast der Republik anlässlich des vierzigsten Geburtstags der DDR vorgebracht:

    Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf
    (Quelle: FAZ vom 22.12.98, zitiert nach „Die DDR im WWW„)

    Der äusserst lesenswerte FAZ-Artikel führt aus, dass dieser Spruch schon 100 Jahre mehr auf dem Buckel hat und aus einer Zeit stammt, als sozialdemokratische und christliche Weihnachten bitter in Konkurrenz zu einander standen.

    Seit dieser Zeit müssen Ochs und Esel alles nur erdenkliche Aufhalten: Den Sozialismus, den Kapitalismus, den Kommunismus, aber auch die Globalisierung, und sie schaffen es nicht. 627 Belege finde sich bei Google. Sie stehen also quasi nicht mehr vor oder am Berg, sondern nur noch im Lauf, und halten dennoch nichts auf. Was für eine Wende.

    Machen Sie auch klein in Mode? — Mödelis in der Schweiz

    Januar 7th, 2010

    (reload vom 30.10.06)

  • Mödeli sind nicht immer aus Butter
  • Grosse Mode kennen wir, die kommt aus Mailand oder aus Paris. Kleine Mode muss verkleinert werden, in der Schweiz hilft uns da ein „li“ am Ende. Kein „Mödchen“ oder „Modilein“ sondern ein „Mödeli“ soll es sein, wenn man von der kleinen Mode spricht. Oder in der Mehrzahl von „den kleinen Mödeli“. Die sind uns in der Schweiz häufiger zu Ohren oder vor die Augen gekommen, die „Mödeli“. Zeit also, diesem Modewort einmal nachzugehen. Unser Slängikon sagt uns, „es Mödeli“das sei Anke. Nein, nicht die Anke Engelke, sondern die Butter-Anke. „Für mich auch Butter“ = „anche per me“, wie die Italiener sagen.

    Gemeint ist eigentlich nicht die Butter selbst, sondern die hübsche Form, mit der man apart aussehende Butterstückchen formt und auf einem Frühstücksbuffet präsentier.
    Butter Mödeli
    (Quelle Foto: zumbiline.ch). Man könnte natürlich auch einfach einen Kamm nehmen und damit ein paar hübsche Linien ziehen in die Butter, aber so sieht es einfach viel netter aus.

    Mödeli definiert Kurt Meyer so:

    Das flach rechteckig (in einem Model) gepresste Stück zu 100 oder 200 g, in dem die Butter im Einzelhandel verkauft wird. Artikel 103 der Eidgenössischen Lebensmittelverordnung verlangt, dass Margarine modelliert nur in Würfelform in den Handel gelangen darf. Die Mödeliform wurde ausdrücklich der Butter vorbehalten, um Verwechslungen auszuschliessen (NZZ 2.10.68)
    (Quelle: Schweizer Wörterbuch, S. 184)

    Wenn man Sie also einst zum „Modelschnitzen“ einlädt, dann will man nicht an der Model-Karriere der Haustochter arbeiten, sondern diese Holzteile herstellen. Hiermit werden sie geformt, die Mödeli:
    Mödeli für die butter
    (Quelle Foto: wyyparadiesli.ch)

  • Wenn die Form zum Inhalt wird
  • Form und Inhalt tauschten die Bedeutung, das passiert in Sprachen beim Bedeutungswandel nicht selten. Aus dem dicken Tongefäss, dem „testa“ = Tonscherbe, wurde in Frankreich der Kopf, der aussah wie ein Tongefäss, also „tête“ (diese kleinen Zirkumflexe stehen immer für ein früheres „s“ hinter dem Vokal, so wie bei Hostel > Hôtel). Doch zurück zur Butter, zur Anke, zum Mödeli! Gibt es neben der Butter nicht noch eine andere Bedeutung?

    Wir lasen im Internet über den Radiomoderator Pat Stöpper:

    das schreibt Laurent Rueff über die Mödeli von Patrick Stöpper
    (Quelle: www.basel1.ch)

    Ob der Mann Butter ins Haar tut, weil er Mödeli hat?
    Oder:

    Mödeli: Unterhose im Badezimmer liegen lassen
    Mödeli: Haar zwirlä
    Mödeli: Bi mängmal chli en Chaot und mach oft alles im letschte Moment
    (Quelle: Verein junger Skifahrer „jungschi.ch„)

    Hier geht es definitiv nicht um Butter oder Mode, sondern um „Modus“ = lat. Art und Weise etwas zu tun, um Macken, Angewohnheiten, kleine Eigenarten. Der Kontext der Verwendung von „Mödeli“ lässt diesen Schluss zu, so ganz sicher sind wir aber nicht bei der Beantwortung der Frage, wie aus einer „kleinen Mode“ ein „grosser Tick“ werden konnte.

    Grossmehrheitlich im Lande ohne Meer über Meer

    Dezember 18th, 2009

    (reload vom 24.10.06)

  • Grossmehrheitlich ist nicht kleinminderheitlich
  • Dass die Schweiz nicht am Meer liegt, ausser am südlichen Rand des „Schwäbischen Meers“, hatten wir schon erläutert (vgl. Blogwiese). Der Zufall will es, dass es dennoch manchmal hierzulande ein „Mehr“ gibt. Niemals ein Wattenmeer (auch wenn uns Vermicelles immer noch an Wattwürmer erinnern), nicht selten ein Nebelmeer, aber ab und zu ein „Zufallsmehr“. Ist dieses „Mehr“ besonders gross, dann haben die Schweizer dafür auch ein passendes Adjektiv erfunden, welches ab sofort zu unserem neuen Schweizer Lieblingsausdruck aufgestiegen ist (nach „für einmal“ und „erst noch“). Die Rede ist von „grossmehrheitlich“.

    Dieses fantastische Wörtchen ist von grosser Bedeutung in der Schweiz, und „für einmal“ nur in der Schweiz, denn die Beweislage ist eindeutig: Grossmehrheitlich fand sich bei Google-Schweiz sage und schreibe 42.300 Mal und bei Google-DE nur läppische 3560 Mal , und dann auch fast nur in Artikeln aus oder über die Schweiz.

  • Wer verwendet es grossmehrheitlich?
  • Bei der Verwendung von „grossmehrheitlich“ findet sich leicht alles was Rang und Namen hat im Schweizer Blätterwald. Die alte Tante NZZ ist dabei:

    Vier Fünftel der unter 25-Jährigen haben auch eine separate Kamera, die – wen erstaunt’s – grossmehrheitlich ein digitales System ist.
    (Quelle: nzz.ch)

    Der Tages-Anzeiger selbstverständlich auch:

    Die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit am 25. September wurde laut der Vox-Analyse grossmehrheitlich von den Anhängerschaften der SP, der CVP und der FDP gutgeheissen.
    (Quelle: tagesanzeiger.ch)

    Und unsere Lieblingsquelle, die Homepage der Schweizer IT-Fachleute und Systemadministratoren, „admin.ch“, deren Nachrichtendienst im viersprachigen Helvetien selbstverständlich „news-service“ heisst, wie sonst:

    In seiner heutigen Sitzung hat er von den grossmehrheitlich positiven Reaktionen Kenntnis genommen.
    (Quelle: news-service.admin.ch)

  • Sind grosse Minderheiten immer kleine Mehrheiten
  • Nach soviel „Grossmehrheitlichem“ wollen wir natürlich wissen: Gibt es eigentlich auch kleinmehrheitlich?
    Jawohl, auch das kommt vor. Zwar nicht so häufig, aber wir fanden es doch hoch offiziell in einem Protokoll des Kantonsrats Zürich:

    wenn eine 6-prozentige Steuerfusssenkung und 60 Millionen Franken Einlage in den Strassenfonds beschlossen werden, dann könnten wir uns kleinmehrheitlich diesem Budget anschliessen.
    (Quelle: www.kantonsrat.zh.ch)

    Eigentlich sollte man das „kleinminderheitlich“ ersatzlos streichen und durch „grossminderheitlich“ ersetzten. Klingt irgendwie viel grösser.

    Die „Kleinminderheit“ haben wir grossmehrheitlich nicht in der Schweiz, es reichte nur für ein „Kleinbasel“

  • Was klein ist muss man grösser machen
  • Klein ist auch das „Klein Matterhorn“. Obwohl wir 3883 Meter über Meer eigentlich für gar nicht so schrecklich klein finden. Es soll endlich ein 4000 Meter hoher Berg werden:

    Über 120 Viertausender gibt es in den Alpen, doch das ist den Schweizern nicht genug. Das 3883 Meter hohe Klein Matterhorn soll ab 2007 durch eine Pyramide mit Restaurant und Übernachtungsmöglichkeiten um 120 Meter „aufgestockt“ werden.
    „Dadurch wird der Berg zum Viertausender“, sagte Eva Flatau von Zermatt Tourismus bei einer Präsentation in Hamburg. Auf der Spitze des Berges seien zwei Aussichtsplattformen geplant, die über Lifte erreichbar sind. Schon jetzt befindet sich auf dem Klein Matterhorn die höchste Aussichtsplattform der Alpen. Sie wird jährlich von rund 500.000 Menschen besucht.
    (Quelle: Spiegel.de)

    Klein Mattern (Foto aus Wikipedia)
    (Quelle Foto Klein Matterhorn: Wikipedia)

    Wir lernen vom Klein Matterhorn, welches irgendwann gross sein wird, dass „gross“ und „klein“ immer nur relative Begriffe sind. Ob „grossmehrheitlich“ besser klingt als „mit grosser Mehrheit“? Auf jeden Fall ist letzte Umschreibung umständlicher, und auf gar keinen Fall extremmundartlich genug in unseren Ohren.