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Das Zufallsmehr und der Entscheid

  • Land ohne Meer
  • Die Schweiz als Binnenland hat keinen Zugang zum Meer. Die Schweizerische Gebirgsmarine kann daher nur auf den zahlreichen Seen der Schweiz ihre Manöver durchführen. Die Schwaben haben aber immerhin noch ihr „Schwäbisches Meer„, den Bodensee. An dem dürfen die Schweizer gnädiger Weise ein bisschen teilhaben.
    Der Bodensee mit Blick auf die Alpen
    (Quelle: Wasserwirtschaftamt Kempten)
    Die Schweizer müssen wegen des fehlenden Zugangs zum richtigen Meer nicht traurig sein. Sie haben andere Meere, die wir in Deutschland bisher nicht kannten.
    Unser Lieblingsmeer in der Schweiz ist das Zufallsmehr.

    Das Zufallsmehr
    Es ist schwierig zu finden. Google-Schweiz zeigt es uns 231 Mal an ganz unterschiedlichen Orten. Wir wissen nicht, wo es eigentlich geographisch liegt. Wahrscheinlich ändert es von Zeit zu Zeit rein zufällig seine Position. Es tarnt sich ausserdem hervorragend durch die Verwendung eines Dehnungs-Hs anstelle des doppelten „Es“. Es schreibt sich „-mehr“, nicht „-meer“ am Ende. Dennoch muss dieses Zufallsmehr eine gewaltige Kraft haben, denn es ist verantwortlich für manche wichtige politische Entscheidung:

    Zufallsmehr für Steuerfusssenkung
    In einer Marathondebatte behandelte das Wiler Stadtparlament das Budget 2003 und beschloss mit 19 zu 18 Stimmen die vom Stadtrat beantragte Steuerfusssenkung von 133 auf 131 Prozenten
    (Quelle:)

    Oder hier:

    Wir haben aber damals, bei der Schaffung des neuen Geschäftsreglementes im Jahre 2003, eine etwas verunglückte Bestimmung aufgenommen, die damals – ich muss es sagen – nur mit einem Zufallsmehr ins Geschäftsreglement gekommen ist.
    (Quelle:)

    Sucht man hingegen mit Google-Deutschland nach dem „Zufallsmehr“, so finden sich magere 30 Funde und Google fragt verzweifelt zurück: „Meinten Sie nicht eher die ‚Zufallsnummer’“?

    Ernsthaft erschrocken hat uns hingegen die Entdeckung, dass so ein wichtiges Wort mit 257 Fundstellen in offiziellen Publikationen vom Duden, der ja sonst durchaus gewillt ist jedes Schweizer Wort zu akzeptieren, einfach ignoriert wird! Kein Fund, in keinem Band des Dudens! Wir werden dies in einem Protestbrief an die Dudenredaktion bemängeln.

  • Entscheid ganz ohne -ung
  • Das Zufallsmehr hat enge Beziehungen zu einem zweiten typisch männlichen Vertreter der Schweizer Politiksprache, den „Entscheid“, der in der Schweiz ohne „-ung“ auskommen muss. Kannten wir bisher nur den „Be-scheid“, den Werner immer sagen muss, wenn der Bölkstoff alle war („Werner, saach mal Bescheid….— Bescheid — …. Werner, hasse auch Bescheid gesacht? Na klar, man.“) (Quelle Werner: ), so vergeht kaum ein Tag ohne einen „Entscheid“ im Tages-Anzeiger. Beispiel:

    Swisscom-Entscheid: Indiskretion?
    Im Zusammenhang mit dem Swisscom-Entscheid des Bundesrates ist es möglicherweise zu Indiskretionen gekommen. Die Bundesanwaltschaft hat Vorabklärungen in die Wege geleitet.
    (Quelle Tages-Anzeiger)

    Natürlich wird das Wort „Entscheid“ auch in Deutschland verwendet, jedoch anders als in der Schweiz. Der Duden erklärt uns eine Bedeutung a) und b)

    Ent|scheid, der; -[e]s, -e [spätmhd. entscheit]:
    a) von richterlicher, amtlicher Seite ausgesprochene Entscheidung:
    nach E. des Arztes, des Schiedsrichters; Die … Opposition kann … gegen den E. der Mehrheit das Bundesverfassungsgericht anrufen (Fraenkel, Staat 229);
    b) Entscheidung:
    … dass er nicht für eine Kandidatur zur Verfügung stehe; sein E. ist für die berufliche Karriere in der Privatwirtschaft gefallen (NZZ 30. 8. 86, 29).

    Die Bedeutung a) kennen wir in Deutschland, die Bedeutung b) = „Entscheidung“ ist hingegen für die Schweiz reserviert.

  • Entscheide die piksen
  • Wenn es richtig spannend ist beim „Entscheid“, spricht man in der Schweiz noch von einer etwas brutaleren Variante, die auch piksen kann, dem „Stichentscheid“:

    Stichentscheid notwendig
    Bern – Der Ständerat hat dem Bundesgesetz über die Familienzulagen zugestimmt. Bei 21 zu 21 Stimmen kam das Ja aber nur durch Stichentscheid des Ratspräsidenten Bruno Frick (CVP/SZ) zustande. (sl/sda)
    (Quelle: )

    

    6 Responses to “Das Zufallsmehr und der Entscheid”

    1. rogerrabbit Says:

      Meer, Ständemehr, Zufallsmehr oder nicht mehr. Wir sind die Segelnation Nummer 1 auf der Welt. Alinghi wir segeln.
      😉

    2. doofi Says:

      mehr zufall war nie!
      danke, prof. wiese, für den schönen beitrag.
      darf ich nachfragen, ob blökstoff ein lustiger absichtlicher oder ein versehentlicher tipp-verschreib-fehler ist. ich kannte bisher nur bölkstoff.
      und bitte schreib mal was über die zellwegerin. irgendwie scheint die ganze schweiz mit rene verwandt zu sein und ist wahnsannig stolz auf sie. warum? fragt sich der
      doofi

    3. Administrator Says:

      @doofi
      das war ein schlichter Dreher! Danke für den Hinweis. Und — du glaubst es nich — meine Rechtschreibprüfung kannte das Wort Bölkstoff auch nich, also wenn der das schon egal ist, wo das „l“ hinkommt, wie soll ich das dann wissen?
      Gruss, Jens

    4. Etienne Says:

      Wusstes du das die Schweiz als einziges Binnenland eine hochsee taugliche Schiffsflotte hat? Das Schiff(f)ahrtsamt ist in Bern angesiedelt.

    5. Gizmo Says:

      ist denn walfang in der Schweiz erlaubt?

    6. Viking Says:

      @Gizmo […ist denn walfang in der Schweiz erlaubt? …]
      Ja, mit Angelpatent während des Wa(h)lkampfs. Viel Spass bei der Suche 😉

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