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Der Weibel weibelt — Wenn nicht die Weiber sondern die Werbung gemeint ist

Seit wir in der Schweiz wohnen, konnten wir fast täglich unseren kümmerlichen hochdeutschen Wortschatz um interessante Wörter der Deutschen Sprache erweitern. Dabei hilft uns die aufmerksame Lektüre des Tages-Anzeigers, aber auch in amtlichen Mitteilungen finden sich mit unter interessante Berufe und Tätigkeiten. So stiessen wir auf den

  • Weibel
  • Das klingt zwar ähnlich wie „Weiber“, hat aber nur sehr entfernt mit diesen etwas zu tun. Das Wort „Weiber“ stammt vom „wip“, „wif“ „Wîb“, dem „Weib“ ab, dessen Ursprünge nicht ganz geklärt sind. Dahinter könnte die „umhüllte Braut“ genauso stecken wie die „umherwirbelnde Hausfrau“. Es hat was mit Bewegung und umhergehen zu tun, gemäss Herkunftswörterbuch des Dudens.

    Auch der Schweizer „Weibel“ geht umher, denn er hat Nachrichten zu überbringen:

    Wei|bel, der; -s, :
    (schweiz.) untergeordneter Angestellter in einem Amt, bei Gericht. Amtsbote.
    (Quelle: Duden)

    Uns bleibt in Deutschland nur eine Variante des Weibels, der „Feldwe(i)bel“, der auf dem Feld herumwiebelt oder -wirbel. Auch das Verb „wiebeln“ wird im Duden erwähnt:

    wie|beln (landsch.): sich lebhaft bewegen
    (Quelle: Duden)

    Doch zurück zum „Weibel“: Dieses Amt wird nicht nur für die Überbringung von Nachrichten benötigt. Auch bei Gemeindeversammlungen hat der Weibel zu tun:

    Ein Mann wird von einem Weibel durch den Gemeindesaal geführt, vorbei an hundert Regensdorfer BürgerInnen, die an diesem Abend über die vorliegenden Einbürgerungsgesuche abzustimmen haben. Der Weibel führt den Mann zum Mikrofon, das zwischen den Versammelten und der Tribüne aufgestellt ist.
    Quelle:

    Passend zum „Weibel“ gehört noch das Verb „weibeln“, das laut unserem Duden bedeutet:

    weibeln (schweiz. für werbend umhergehen)
    ich weible, du weiblest, er weiblet

    Da kann es schon mal passieren, dass wir uns verhaspeln, und ein „e“ zuviel aussprechen: „Ich weible“ oder „ich weibele“, doch wir wissen ja von den Zür(i)chern, wie wichtig das ist, diese zusätzlichen Vokale auf keinen Fall auszusprechen, um sich nicht als deutscher Ignorant zu outen.

    Das Verb „weibeln“ ist in der Schweiz häufig in Gebrauch, Google-Schweiz nennt 604 Fundorte
    Beispiele:

    Die SP ihrerseits, die sonst nicht genug für Einsätze der Schweiz zur Friedensförderung weibeln kann, hätte es in der Hand gehabt, hier ein Zeichen im Sinne ihrer Politik der Öffnung zu setzen;
    (Quelle:)

    Der neue Finanzausgleich schafft die Voraussetzung, um die Verkehrsprobleme in den Agglomerationen anzupacken. Deshalb weibeln Verkehrspolitiker für die Vorlage
    (Quelle Tages-Anzeiger)

    Bis zur Parolenfassung Ende April «darf ich auch als Kantonalpräsident intern gegen Schengen weibeln. (Quelle Tages-Anzeiger)

    Echte Weibel sind auch zünftig angezogen. Dann nennen sie sich „Zunftweibel„:
    Der zünftige Zunftweibel
    (Quelle: Zunft zu Safran)

    In der Schweiz gibt es praktisch auf jeder politische Ebene eigene Weibel:

    Standesweibel (auch Staats- oder Landesweibel) sind entweder für die Regierung oder das Parlament ihrer Kantone, jedoch meistens für beide, tätig.
    Die Gerichtsweibel der Kantone gehören der Vereinigung nicht an.
    Bundesweibel sind im Dienste aller drei Gewalten des Bundes tätig:
    Bundesratsweibel sind einem Bundesrat fest zugeteilt.
    Parlamentsweibel sind entweder dem National- oder dem Ständerat zugeteilt.
    Bundesgerichtsweibel sind für das Bundesgericht in Lausanne oder für das Eidg. Versicherungsgericht in Luzern tätig.
    (Quelle:)

    Hier sehen wir Weibel kurz vor bevor sie weibeln:
    Weibel kurz vorm weibeln
    Bereit zum Weibeln in Luzern
    (Quelle: Gnuesser.ch)

    

    10 Responses to “Der Weibel weibelt — Wenn nicht die Weiber sondern die Werbung gemeint ist”

    1. Sandra-Lia Says:

      bald werd ich wohl dass ungekehrte erleben.. sprich.. ich werde mit meinem schweizerdeutsch an meine eigenen grenzen stossen. Jedenfalls werden es in DE nicht viele verstehn.. schon gar ned, wenn man oben is, fast im norden, und tief im osten. hm.. wird sicher auch ne erfahrung für mich sein

    2. Peter Says:

      Lieber Jens,
      Du hast längst ein Tütchen mit den süßen „Langenburger Wibele“ verdient! Gruß Peter

    3. Phipu Says:

      Wer regionalere Zeitungen als den Tagi liest, sieht sicher zwischendurch einen Weibel auf einem Foto. Meist posieren ein „Ammann“ und ein Weibel neben einer/m 100jährigen Jubilar/in, die/der von der Gemeinde den offiziellen Stuhl überreicht bekommt. (Leider im Net kein gutes Beispiel gefunden)

      Es gibt unter der Schweizer Prominenz (die ja nach Blogwiese einen beschränkten Bekanntheitsgrad hat) jemanden mit Nachnamen Weibel. dank Jens weiss man nun auch ausserhalb der Schweiz, was dieser Name bedeutet. Siehe http://mct.sbb.ch/mct/200105_weibel_insider.pdf . Wenn also dieser Bahnchef für ein Projekt wirbt, ist es für gewisse Zeitungen ein Muss einen Titel wie „Weibel weibelt für …“ zu wählen.

      Eine kleine linguistische Bemerkung: „Weibel“ (und seine verwandten Wörter) behält auch im Dialekt sein „e-i“ während „Weib“ gesprochen zu „Wiib“ wird (siehe althochdeutsche Herkunft); ähnlich „Staubsuuger“. Für Schweizer ist die Verwechslungsgefahr zwischen Weibel und Weiber daher gering. Was heisst demnach: „Wii, Wiib und Xang“?

      an Sandra-Lisa:
      damit du nicht alle Erfahrungen selbst machen musst, schau zuerst unter http://heidiswelt.blogspot.com/ vorbei.

    4. Oliver Says:

      Die Herkunft des „Weibes“ ist nicht so bewegt, sondern eher biologisch:
      http://www.bartleby.com/61/roots/IE175.html

    5. Administrator Says:

      @Phipu
      „den offiziellen Stuhl überreicht bekommt.“
      hm.. ist das so eine Dose wo man die Stuhlprobe für den Arzt hintut? Ich würde mich dagegen wehren, ‚Stuhl‘ geschenkt zu bekommen

      Stichwort Geissenpeter: Heidi’s Welt ist seit dem 9.1.06 ziemlich tot, ich mag nicht mehr immer nur das Aromat dort anschauen….
      Gruss, Jens

    6. Phipu Says:

      Jens:
      Genau das ist mein Unglück. Ohne Bild verstehen Mediziner etwas anderes als Schreiner. Falls ich nicht vorher ein geeignetes Bild finde, warte, bis zu deinem 100. Geburtstag, dann erfährst du, was ich meine. Noch vor diesem Ereignis wirst du vermutlich
      – ein entsprechendes Bild in einer Lokalzeitung sehen
      – neue Einträge in Geissenpeters Blog lesen können.

    7. Oni Says:

      Als Schweizer in Deutschland sehe ich eher die andere Seite 🙂
      Ist schon interessant zu lesen wie andere Menschen die eigene „Heimat“ sehen.

      @Sandra-Lia. Wohin zieht es dich denn ? Vielleicht kann man ja mal „äs Kaffi zämme schlürfe“ 😉

    8. Sandra-Lia Says:

      @oni iiii de kaffi in dütschland chasch ja ned suufe.. i wott echte espresso us italie.. *lecker* hmm.. i gange, wie im mim blog gschreebe i bundeshauptstadt.. isch ned so schwer usezfinde, weli dass i meine.

    9. Gizmo Says:

      @ sandra-lia: Bis dahin würde ich noch ein wenig an der Rechtschreibung feilen, sonst bekommst Du da schwierigkeiten…..

    10. Camul Says:

      Und nicht vergessen: der Kirchweibel, der in den Kirchen (zumindest bis in die 80er Jahre) für Ruhe und Ordnung während den Gottesdiensten sorgte. Diese nette Figur wird in Deutschland übrigens Kirchenschweizer genannt (siehe http://de.wikipedia.org/Kirchenschweizer/) und existiert noch in einigen, grösseren Kirchgemeinden.

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