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Durch alle Böden — Neue (alte) Schweizer Lieblingsredewendungen

  • Putzen wir den Boden durch?
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 12.02.08 auf Seite 11 in einem Artikel über Hillary Clintons Wahlkampfmanagerin Maggie Williams:

    „In den turbulenten Clinton-Jahren spielte Williams eine herausragende Rolle. Sie verteidigte ihre Chefin durch alle Böden, trat sogar als deren Stellvertreterin zu hochnotpeinlichen Hearings vor dem Kongress an.“

    Wir stutzten bei dem Ausdruck „durch alle Böden“ und begannen zu rätseln, woher diese Redewendungen wohl kommen mag. Ist es ein Zeichen von extrem gründlicher Putzarbeit mit einem „Blocher“, wenn man sich „durch alle Böden“ hindurch arbeitet, mehr noch, sogar „verteidigt“, quasi mit dem Besen, Strupfer oder Schrubber in der Hand?

  • Wird durch die Böden gebodigt?
  • Oder hat es was zu tun mit dem weiten Wortfeld des Schwingens, wo der Gegner auch „gebodigt“ wird, also auf den Boden geworfen, und manch einer „schwingt oben auf“. Die Redewendung ist nicht einfach zu erklären, aber eindeutig schweizerisch, denn sie ist sogar im Duden-Schweiz verzeichnet. Sogar die NZZ ist mehrfach dabei, wenn es um die Verwendung dieses Ausdrucks geht:

    Er verteidigt das Glasfasernetz mit Kommentaren durch alle Böden,
    (Quelle: NZZ.ch)

    Oder hier:

    Vögeli hat seine besonders gehätschelte, erfolgreiche Söldner-Truppe im Handel (…) gegen aussen und innen durch alle Böden verteidigt.
    (Quelle: NZZ.ch)

    Es muss doch was Militärisches dahinter stecken. Vielleicht eine kollektive Erinnerung der Schweizer Männer an ihre Rekrutenschule, der „RS“, in welcher sie vielleicht die Kunst des Häuserkampfes in Pappgebäuden erlernten, bei denen man im Eifer des Gefechts durch den Fussboden krachen kann und sich so „durch alle Böden“ verteidigen muss?

    

    3 Responses to “Durch alle Böden — Neue (alte) Schweizer Lieblingsredewendungen”

    1. AnFra Says:

      Jens, so schlecht liegst Du mit dem Militärischen gar nicht! Aber mit dem zugehörigen Zeitraum nicht so richtig. Da muss man ins Mittelalter zurückgehen, um diese militärtechnische Aussage zu verstehen.

      Der etymologische Hintergrund hierfür ist im „Boden“ zu finden. Laut unserer Sprach-Gurus Brüder Grimm im GWB ist es „Boden = podam, podum, bodem = Tisch, Tenne : Bühne (Buhne?) : Estrich : Speicher : Bodenkammer : (natürlich auch der Boden, hier aber nicht der geologische Begriff) für „Grund, unteres Teil (Fußteil)“ eines Behältnisses oder Gegenstandes. Es ist auch noch im Fass-, Kisten-, Kasten-, Schubladen- und Fuß-Boden erkennbar. (Siehe: hier)

      Der entscheidende Punkt ist jedoch dieser „Boden“ in Verbindung mit dem „Bergfried“ der mittelalt. Burganlagen. (Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Bergfried). Dieser Bergfried war oft die letzte Möglichkeit der Burgbewohner, bis zum möglichen Entsatz der Burganlage sich zwischenzeitlich in den höchsten Teil des turmartigen Bauwerkes zurückzuziehen.
      Je nach Bauhöhe des Bergfrieds gab es mehrere „Böden“ als Zwischendecken im Inneren des Frieds. Grundsätzlich gab es im Eingangsbereich keine erste Treppenstufe. Man ist mit Klappstufe, Leitern oder Zügen in den ersten „Boden“ eingestiegen. Die oberen Treppenstufen endeten oft in einem weiteren „Boden“, d.h. einem „Zwischenstockwerk“. Diese Bautechnik kann man noch heute bei einigen Burganlagen und zugehörigem Bergfried sehr gut sehen.
      In diesen „Böden“ als Zwischenstockwerke erfolgte der Verteidigungskampf. Die Angreifer von unten, mit Messern, kurzen Schwertern, Äxten, Streitkolben und kurzen Spießen, die Verteidiger von oben mit den selben Waffen und zusätzlich Steinen, Baumstämmen, kochendem Wasser od. Öl. Dieser Kampf ist ein extrem verlustreicher und ungeliebter „Häuserkampf“.
      Vergleichbar der Situation im heutigem Irak. Mann gegen Mann, mit hohen Verlustraten. Im Gegensatz zum Irak konnten meist die Angreifer, wenn auch mit großen Verlusten, gewinnen.
      Die Verteidiger kämpften sich zurückziehend vom „Boden“ zum nächsten höherliegenden „Boden“ bis zu ihren letzten Kampf im obersten Stockwerk. Oben im Bergfried waren die geflüchteten Menschen, mit ihren Wertsachen und sonstigen Habe, da der Bergfried oft auch ein „Wertdepot“ gewesen ist.
      Der Spruch „Durch alle Böden kämpfen“ deutet heute noch auf diese extreme Kampfsituation hin. Man kämpft sich halt vom „Boden zu Boden“ oder „Durch alle Böden“ bis zum verlockenden Sieg!
      Dort locken Erpressungsgelder für die Männer, Abenteuer mit den Frauen und gehortetes Geld, Gold und Schmuck als Kriegslohn.
      Die Schweizer vergessen halt ihre Vergangenheit nicht.

    2. Mare Says:

      @AnFra: danke

    3. AnFra Says:

      @Mare

      Bitte.

      Nicht vergessen, jeden Tag treibt uns der Kastellan (Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Kastellan ) „Jens-Rainer von der Blogwiese“ den unendlich großen Bergfried hinauf.
      Von Themen-Boden zu Themen-Boden. Also ohne irgend welche Rücksicht „Durch alle sprachlichen, nationalen und nachbarschaftlichen Böden“.
      Es wird auch hier manchmal / mengisch bis aufs Blut gestochen, gekämpft und weiter gestürmt. Die Reihen lichten sich. Bin gespannt, welchen Beute oder welche Schatz wir dort vorfinden. Habe eine gewisse Vermutung.

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