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Let’s talk Hochdeutsch — Standardsprache nur in Parodien möglich

  • Die Gänsefüsschen in der Luft
  • Es gibt da ein merkwürdiges Phänomen, dass wir als Deutsche in der Schweiz immer wieder beobachten konnten, wenn wir in in einer Gruppe von ausschliessliche untereinander auf Züritüütsch sprechenden Schweizern an der Kommunikation teilhaben wollten. Im beruflichen Umfeld wird je nach Lust und Sprachvermögen der anwesenden Schweizer weiter mit uns Mundart gesprochen, oder es wird „geswitched“ auf Hochdeutsch, oder es werden Mischformen gepflegt. Jeder Schweizer praktiziert das so wie er kann oder will oder mag oder nicht mag.

    In privaten Bereichen, sei es in einem Verein, in einem Chor oder sonstigen, nicht „professionellen“ Umfeld (apropos: Was sprechen eigentlich Damen im Zürcher Langstrassengebiet?) haben wir beobachtet, dass manche gut gelaunten und uns wohl gesonnenen Schweizer dann plötzlich begannen, mit uns in Anwesenheit ihrer Kollegen oder Vereinsmitglieder in einem perfekten hochdeutschen Hochdeutsch zu sprechen, allerdings sahen wir bei jedem Satz zwei „Gänsefüsschen“ in der Luft schweben.

    Amerikaner machen in solchen Gesprächssitutationen eine bestimmte Geste, in dem sie gleichzeitig mit der linken und rechten Hand hochfahren und die ersten beiden Finger jeder Hand kurz zweifach einknicken, um so zwei „Anführungszeichen“ in die Luft zu malen und damit anzudeuten, dass das so Gesagte nicht „wörtlich“ gemeint ist.

  • Hochdeutsch in Gänsefüsschen
  • Hochdeutsch zu sprechen geht also nur als „Parodie von Hochdeutsch“. Wir haben das mehrfach von Schweizern gesagt bekommen oder gelesen, dass für sie die Aussprache von deutschem Hochdeutsch zwar rein lautlich kein Problem sei, psychologisch aber nur schwer über die Lippen komme. Das sei so ähnlich, wie wenn ein Deutscher im Englisch Unterricht plötzlich kein „Schulenglisch“ mehr spricht, sondern den breitesten Texas-Akzent hinlegt oder einen rollenden „Scottish-accent“ zu Gehör bringt.

    Der Leser Giacometti schrieb:

    Wenn ich will, kann ich gut Hochdeutsch sprechen – aber wenn ich das tue, verfalle ich jeweils automatisch in die Parodie. Alles, was ich dann sage, ist ironisch gemeint. Ernsthaft Hochdeutsch sprechen geht nicht – das klingt einfach zu doof. Man will sich ja einen gewissen Selbstrespekt bewahren. Nicht weil es “schlecht” klingt, sondern weil das nicht ICH bin.
    Gleichzeitig spreche ich mit Genuss andere Fremdsprachen, und wie mir oft bestätigt wird, auch mit einem gewissen Talent, was die Aussprache und Intonation betrifft.
    (Quelle: blogwiese)

  • Hochdeutsch nur im „Parodie-Stil“?
  • Es ist also nicht angesagt und schon gar nicht gesellschaftlich möglich, als Schweizer in Anwesenheit von anderen Schweizern ohne mit den Wimpern zu zucken auf Hochdeutsch umzuschalten, es sei denn man deutet dabei an: „Achtung, ich mache mir jetzt mal einen Jux“. Oder, „Jetzt reden wir mal aus Spass so wie die Deutschen“. Das nennt man in der Schweiz übrigens „angekündigte Ironie“.
    Die in einer solchen Situation anwesenden Deutschen würden es wahrscheinlich gar nicht merken, dass deutsches Hochdeutsch sprechen für einen Schweizer etwas anderes ist, als „helvetisches Schriftdeutsch“ laut zu äussern.

    Nach einer Weile pflege ich dann nachzufragen: „Bist Du eigentlich Schweizer?“ Vielleicht ist das der Moment, in dem unser Gegenüber die Angst bekommt, in seiner Identität nicht mehr wahrgenommen zu werden und dann flugs auf Schweizerhochdeutsch weiterspricht.

    Bei Kindern und Jugendlichen haben wir diese merkwürdige Hemmschwelle der Schweizer übrigens seltener beobachtet. Die plappern im originalen TV-Total-Ton los, oder je nach Alltagsgruppe hört man auch Peter Lustigs „Dürft ihr nicht machen, ist viel zu gefährlich“ Aussprache heraus.

  • Welches Englisch im Englischunterricht?
  • Als ich Englisch lernte, war es äusserst verpönt, einen speziellen britischen oder amerikanischen Akzent zu sprechen. Gefragt war deutsches „Schulenglisch“, damit auch jeder in der Klasse es verstehen konnte. Die Grundhaltung hat sich in der Fremdsprachendidaktik in der Zwischenzeit geändert. Wer Kinder in Baden-Württemberg beim Englischunterricht belauscht wird feststellen, dass dort sehr genau auf das britische Lautbild geachtet wird und dass die verwendeten Hörbeispiele der Lektionstexte alle von britischen Nativspeakern aufgenommen wurden. Wir gehen davon aus, dass es in der Schweiz genauso gehandhabt wird.

  • Helvetisches Hochdeutsch ja oder nein?
  • Beim Deutschunterricht gehen dann die Meinungen auseinander. „Mut zum helvetischen Hochdeutsch“ fordern die einen, und „Wie werde ich zum sprachlichen Chamäleon?“ praktizieren die anderen. Es gibt da diese Hemmschwelle: „Ernsthaft Hochdeutsch sprechen geht nicht – das klingt einfach zu doof. Man will sich ja einen gewissen Selbstrespekt bewahren. Nicht weil es “schlecht” klingt, sondern weil das nicht ICH bin“

    Warum klingt es „doof“, einen Standard zu sprechen? Hätten wir auch Probleme damit, Oxford-Englisch oder Pariser Französisch zu sprechen?

    Es haben uns auch Schweizer berichtet, wie ihnen im Deutschunterricht sehr pragmatisch die helvetische Aussprache abtrainiert wurde, wie man ihnen die perfekte Tarnung für den nächsten Deutschlandbesuch beibrachte.

  • Wenn Deutsche Schweizer parodieren
  • Deutsche kennen die Schweiz in der Regel nur aus dem Skiurlaub, von der Durchfahrt nach Südfrankreich, von den Schaltungen bei Thomas Gottschalk und durch die alten Emil-Folgen. In Unkenntnis der Schweizer Dialektvielfalt meinen Sie oft, mit ein paar „li“ am Ende der Wörter und einigen Krachlauten beim „ch“ sei Schweizer Mundart leicht zu parodieren.

    Warum wird eigentlich nicht zur besten Sendezeit in Deutschland ein Film wie „Strähl“ über das Drogenmilieu der Zürcher Langstrasse ausgestrahlt, original mit hochdeutschen Untertiteln (Beispiel siehe Trailer) , um so alle Klischees von der gemütlichen und langsamen Schweiz und ihrer „putzigen“ Sprache zu zerstören?

    Straehl als Sprachkurs für Deutsche
    (Quelle Foto: straehl.net)

    Die am häufigsten zu hörende Lautfolge in diesem Film ist übrigens der Ausdruck „Figgdii!“, mit dem keine Feigenfrüchte gemeint sind. Das Beispiel half uns endgültig die Erfahrung „Schweizer fluchen nicht“ ad Akta zu legen. (vgl. Blogwiese).

    Doch, das ZDF strahlte am 9.7.2006 den Film aus, jedoch erst um Mitternacht. Solche Filme bringen mehr „sprachliche Aufklärung“ über die Schweiz als jeder Kurs bei einer Migros-Clubschule. Zwar wurde auch der Lausbubenfilm „Mein Name ist Eugen“ mit einigem Erfolg in Deutschland in den Kinos gespielt, jedoch in einer rein synchronisierten Fassung. Untertitel hätten unserer Meinung nach ausgereicht, um die wunderbaren alten Berndeutschen Schimpfwörter zu erhalten. Hier eine Umfrage zum Film von der Webseite:
    Schimpfwörter aus Eugen
    (Quelle Foto: eugen-film.ch )

  • Triglossie oder Diglossie?
  • Bleibt zum Schluss die Frage zu beantworten, ob die sprachliche Zukunft der Deutschschweizer eher in einer Triglossie (Mundart, helvetisches Hochdeutsch, deutsches Hochdeutsch) oder in einer Diglossie (Mundart plus eine weitere Variante) zu suchen ist. Wer die Ansicht vertritt, es reiche aus, neben seiner gesprochenen Mundart die helvetische Hochdeutsch-Variante zu beherrschen, verbaut sich damit den Weg nach Deutschland. Denn dort über Jahre diese Variante im Gespräch mit Norddeutschen oder Berlinern durchzuhalten, das braucht eine Menge Selbstbewusstsein und Standhaftigkeit gegen den permanent aufblitzenden „Jöö-Faktor“.

  • Worauf ich mir dann schwor, ich werde Redaktor
  • Wer nie vor hat, nach Deutschland zu gehen und sich lediglich in der Schweiz mit Ausländern auf Hochdeutsch verständigen möchte, für den reicht die Diglossie mit der helvetischen Schriftdeutschvariante allemal. Falls es dann doch einmal zu einem literarischen Erfolg kommt, müssen die Verlagslektoren darauf achten, ob sich ein „es tönt“ an Stelle von „es klingt“ in den Text verirrte, oder „wir sind es uns gewohnt“ an Stelle von „wir sind es gewohnt“ zu lesen ist. Redakteur, sorry, „Redaktor“ des Tages-Anzeigers ist mit perfekt beherrschtem helvetischen Schriftdeutsch auf jedem Fall eine mögliche berufliche Perspektive.

    

    52 Responses to “Let’s talk Hochdeutsch — Standardsprache nur in Parodien möglich”

    1. Bine Says:

      Na Herr Redaktor, soll ich dann dein Redaktorat lektorieren?

      „„Redaktor“ des Tages-Anzeiger ist mit perfekt beherrschten helvetischen Schriftdeutsch auf jeden Fall eine mögliche berufliche Perspektive.“

      Du darfst mir dann beibringen, wie man das Wort Appetit? Apettit? Apetit? schreibt und ich helf dir übern Akkusativ und überm Dativ 😉

      [Anmerkung Admin:
      Mein Gott, habe ich das wirklich so geschrieben? Muss ich gleich bei meine Oma gehn aufn dritten Stock und ihr dat erzählen. Wie peinlich]

    2. Bine Says:

      „Redakteur, sorry, „Redaktor“ des Tages-Anzeiger ist mit perfekt beherrschtem helvetischen Schriftdeutsch auf jedem Fall eine mögliche berufliche Perspektive. “

      Du hast auf „jedem“ Fall Angst vorm Fall in die Genitive, hm?

      Oder ist das weglassen des Endungsesses in der Schweiz usus. Dann verzeih.

      Wenn einmal der Wurm drin ist… :))

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