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Dinner for one — Warum die Schweizer ihre eigene Fassung ausstrahlen

  • Dinner for one — Bei den Deutschen und bei den Schweizern
  • Übermorgen Abend werden zahlreiche dritte Programme in Deutschland erneut den beliebten Silvester-Sketch „Dinner for one“ ausstrahlen. Warum es zahlreiche „Dritte Programme“ in Deutschland gibt? Logisch wäre doch nur ein Drittes. Nun, weil in Deutschland die ARD grundsätzlich „Das Erste“ Programm belegt, das ZDF für das „Zweite Deutsche Fernsehen“ zuständig ist, und dann auf dem dritten Sendeplatz die einzelnen Rundfunkanstalten wieder dran waren, also WDR, NDR, MDR, BR usw, bevor es zur Flut der Privatsendern kam und der Kampf um die Zuschauergunst zwischen „das Vierte“, „la Cinque“, RTL und „Pro Sieben“ begann.

  • In England kennt das keiner
  • Die wenigsten wissen, dass dieser in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Skandinavien und zahlreichen anderen Ländern so beliebte Sketch zwar lange Zeit im England in diversen Varietés aufgeführt wurde aber nie im Fernsehen zu sehen war:

    Der Autor des Sketches ist Lauri Wylie, der ihn in den 1920er Jahren geschrieben haben soll. Nach einigen Quellen führte Freddie Frinton das Dinner for One bereits ab 1945 im englischen Varietee-Theater Winter Gardens auf und zahlte entsprechend Gebühren an Wylie. 1950/1951 habe er dann Wylie alle Rechte abgekauft. Offiziell wurde das Stück 1948 im Londoner Theater Duke of Yorks uraufgeführt. (…)
    Frinton hatte mit diesem Sketch in England großen Erfolg und tourte mit verschiedenen Partnerinnen durchs Land. Pointen und Handlung verbesserte er im Laufe der Jahre.
    (Quelle für alle Zitate: Wikipedia)

    Die eigentliche Fernsehaufzeichnung erfolgte erst 1963 und war nicht nur eine der ersten MAZ Aufzeichnungen des Deutschen Fernsehens, sondern die erste Sendung überhaupt, die ohne Synchronisation auf Englisch gezeigt wurde, nach einer deutschen Einleitung:

    1963 wurde Dinner for One von Peter Frankenfeld und dem Regisseur Heinz Dunkhase im englischen Blackpool, einer Hochburg des Varieté-Theaters, für das Fernsehen wieder entdeckt. Am 8. März (laut NDR) bzw. Mai (laut WDR) 1963 wurde der Sketch in der von Peter Frankenfeld moderierten Live-Sendung Guten Abend, Peter Frankenfeld gezeigt und am 8. Juli 1963 im Theater am Besenbinderhof vor Publikum wiederholt und aufgezeichnet

    Es ist eigentlich kein Wunder, dass diese Nummer in England nie vollständig im Fernsehen zu sehen war. Ein Kritiker meinte, dass so ein spöttischer Umgang mit der „upper class“ und den vielen ehrenwerten Namen in den Sechzigern ganz und gar nicht bei der konservativen BBC auf grossen Anklang gestossen wäre. Der Hauptdarsteller Freddie Frinton hatte eigentlich auch nicht vor, in Deutschland aufzutreten:

    Er war Truppenbetreuer im Zweiten Weltkrieg und hatte keine hohe Meinung von Deutschland, so dass er sich weigerte, den Sketch auf Deutsch aufzuführen. In diesem Zusammenhang ist auch seine jeweilige Frage „Must I?“ („Muss ich?“) zu sehen, wenn es bei seiner Runde um den Tisch an der Zeit ist, den Platz des Gastes „Admiral von Schneider“ (ausgesprochen „won Schneider“) einzunehmen. Vordergründig bezieht sich diese Bemerkung darauf, dass James als Admiral die Hacken zusammenknallen muss, was ihm Schmerzen am Fuß verursacht.

  • Eine eigene, frühere Version für die Schweizer
  • Besonders erstaunte es uns, im Schweizer Fernsehen eine eigene, früher gedrehte Fassung der Nummer zu entdecken, die kürzer ist als die in Hamburg aufgezeichnete:

    Das schweizerische Fernsehen drehte im März 1963 eine eigene Version des Sketches, ebenfalls mit Freddie Frinton und May Warden. Regie führte bei dieser Studioaufnahme Franco Marazzi. Die ganzen Drehaufnahmen sollen nicht einmal anderthalb Stunden gedauert haben. Der Film wurde noch im gleichen Jahr gesendet. Die nächste Ausstrahlung erfolgte aber erst im November 1982.

  • 90 Minuten Arbeit für 11 Minuten
  • Warum beim Schweizer Fernsehen niemand auf die Idee kam, diese Urfassung zwischen 1963 und 1982 auszustrahlen, und was in den restlichen 79 Minuten der Drehaufnahmen (der Film dauert 11 Minuten, die Drehaufnahmen 90 Minuten) aufgezeichnet wurde, das bleibt ein ewiges helvetisches Geheimnis.

  • Der peinliche Grammatikfehler
  • Wichtigster Unterschied zur Hamburger Fassung: Es fehlte die Deutsche Einleitung durch Heinz Piper, der sich in einer frühen Fassung auch noch bei der Erklärung des Satzes „Same procedure…“ grammatikalisch vertan hat:

    Er zitierte James Frage als „same procedure than last year?“ und Sophies Antwort darauf als „same procedure than every year“. Die wiederholte Ausstrahlung dieses Grammatikfehlers führte immer wieder zu Protestreaktionen von Englischlehrern und anderen Sprachkennern, so dass sich der NDR dazu entschloss, die Tonspur durch einen Ausschnitt aus einer Probeaufzeichnung zu ersetzen. Seit 1988 heißt es daher auch in der Einleitung grammatikalisch korrekt: „The same procedure as last year?“ – „The same procedure as every year“.

  • Keine hochdeutsche Einleitung für die Schweizer
  • Hat man die Deutsche Einleitung in der Schweiz vielleicht deswegen vermieden, weil man lieber keinen Grammatikfehler einbauen wollte? Oder weil das Publikum dank unsynchronisierter Filme im Kino es sowieso gewohnt war, Englisch gut zu verstehen? Wir vermuten eher, dass so umgangen werden konnte, eine Schriftdeutsche, Französische, Italienische und Rätoromanische Einleitung produzieren zu müssen. Der Sketch ist ja auch ohne Erklärung leicht zu verstehen.

    Die Schweizer Ausgabe unterscheidet sich in vielen Details. Sie wird statt der deutschen in Norwegen und Schweden und natürlich in der Schweiz gezeigt. Die Handlung ist die gleiche. Die Version unterscheidet sich unter anderem wie folgt:
    • Sie dauert nur 11 Minuten statt 18.
    • Eine Kamera befindet sich im linken Bühnenbereich, sodass manche Einstellungen eine andere Perspektive bieten. (…)
    • Die weiße Tischdecke und die Kerzenständer fehlen in der Schweizer Version und die Kulisse ist insgesamt weniger gediegen.
    • Miss Sophie erscheint, ohne dass James den Gong anschlägt.
    • Nach dem ersten Stolperer des Butlers über den Tigerkopf bückt er sich in der deutschen Version und streicht das Fell wieder zurecht. Dieses Zurechtstreichen fehlt in der Schweizer Version.
    • Die Frage des Butlers „Must I?“ und die zugehörige Antwort von Miss Sophie fehlen in der Schweizer Version.
    • Einige weitere Gags und Einzelheiten, etwa „Is that a dry sherry?“, fehlen ebenfalls.

  • Woher rühren diese Unterschiede?
  • Jetzt wäre es an der Zeit für die Literatur- und Gesellschaftskritiker unter uns, diese Unterschiede zu interpretieren. „Die Kulisse ist weniger gediegen“ heisst es. Aus helvetischer Sparsamkeit oder republikanischem Understatement? „Miss Sophie erscheint, ohne dass James den Gong anschlägt“. Soll auch eine ganz andere Obrikeitsbeziehung angedeutet werden? Überliefert ist, dass die Schauspieler Frinton und Warden vom NDR 4.150 DM Gage bezahlt bekamen. Was die Schweizer bezahlten, ist nicht überliefert.

    Die kürzere Schweizer Version gibt es bei videoGoogle hier zu sehen. Die meisten heute auffindbaren Version bei YouTube gehen auf diese Fassung zurück, leicht zu erkennen an der Kürze von 10-11 Minuten und an den fehlenden Kandelabern auf dem Tisch.

    Hier die 18 Minuten Fassung mit (korrigierter) deutscher Einleitung (Dank an Phipu, der den Film bei video.google.it fand).

    So sieht der Tisch in der Hamburger Langfassung aus:
    Kandelaber in der Hamburger Fassung
    Die Kandelaber werden bekanntlich heute noch auf den Schweizer Strassen verwendet und stehen dort machem Lenker im Weg (vgl. Blogwiese).

    

    10 Responses to “Dinner for one — Warum die Schweizer ihre eigene Fassung ausstrahlen”

    1. Feustel Says:

      Die Unterschiede gibt es nicht nur bei Dinner 4 one.
      Ich höre des öfteren Radio 24, dabei fällt mir ab und an auf das manche Titel in einer geringfügig anderen Version gespielt werden als das in Radios in Deutschland der fall ist.
      Der Text ist der gleiche, aber die Instrumentale Untermalung ist eine leicht andere.

    2. Psalmist Says:

      Hm, die „Schweizer Version“ hab ich noch nie gesehen. Ich kann’s dieses Jahr nicht überprüfen, da ich keinen Fernseher mehr habe, aber früher wurde auch im Schweizer Fernsehen an Silvester die Deutsche Version gezeigt – allerdings ohne die Einleitung. Übrigens danke für den Link – so kann ich dieses Stück auch dieses Jahr genießen.

    3. Phipu Says:

      Für viele Schweizer, die die Deutsche Version nicht kennen, ist folgender Link interessant; Mit hörbar neu eingespielter Tonspur bei „the same procedure as last/every year“ in der Einleitung (ursprünglicher Grammatikfehler).
      http://video.google.it/videoplay?docid=9105942950207814319&sourceid=zeitgeist
      (Links auch beim entsprechenden Wikipedia-Artikel)
      Gegenüber der oben abgebildeten Foto sind Unterschiede (z.B. Stühle, dreiarmige Kerzenständer) zu erkennen. Wäre das obige Bild also eher aus einer noch anderen Version?

    4. Branitar Says:

      …und das beste an dem Sketch ist, dass die Deutschen immer wieder darüber lachen können, auch wenn sie ihn schon 30 mal gesehen haben.

      In diesem Sinne „The same procedure as EVERY year!“: Guten Rutsch und Frohes Neues Jahr! 🙂

    5. Fiona Says:

      Wird Mr Bean eventuell „Dinner for One“ ersetzen?

      Butlers in Grossbbritannien müssen häufig nicht nur „butteln“ (verb: to buttle) sondern auch müssen sie gelegentlich als Gärtner, Chauffeur oder beim Jagd Hilfe leisten…

      P.S. Ein Verwandter von mir (mütterlicherseits) war Berufsoffizier (Royal Scots) und musste ein Sommer in „Her Majesty’s Service“ im Schloss Balmoral (Schottland) auch quasi als „Butler“:-) Dienst leisten.
      Er hat mir folgendes erzählt: Unter anderem musste er gelegentlich als „extra man“ abends beim Dinner bei der Queen resp. bei der Königinmutter einspringen.

      Auch eines Tages musste er auf dem Moor „grouse shooting“ gehen mit Prince Andrew und Prince Edward. Das Trio machte eine Mittagspause in einem „bothy“ (shepherd’s hut, auf schottischem Mundart). Mein Cousin war völlig überrascht als die Queen zu Fuss mit Picknickkorb erschien, und Sandwiches und Fruit Pie verteilte……und meinem Cousin „Do have another piece of pie, Captain H…“ sagte.

    6. Administrator Says:

      @Fiona
      Die alte Dame weiss sehr genau, wie sie beim Volk beliebt bleibt. Da fällt mir noch mein englischer Lieblingswitz ein:

      What’s the great thing about the word ‚Queen‘?
      It rhymes perfect on ‚Guillotine‘.

    7. Fiona Says:

      Hi Jens

      So you’re not a fan of „The Baked Bean“?
      In Cockney slang*, that means „The Queen“.

      *Cockneys (Menschen, die im East End-Viertel von London leben) sprechen ryhming slang. Eigenartig! z.B.

      trouble and strife = wife
      apples and pears = upstairs
      Barnet Fair = hair

    8. Simon R. Says:

      Es gibt ja noch eine andere Schweizer Version (Die dürfte gar noch nicht so alt sein). In dieser spielt Walter Andreas Müller den Butler. Na ja eigentlich ist es schon eher eine Parodie. Diese Version wurde auch ein paar Mal im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt. Kennt die noch jemand?

    9. rolf steiger Says:

      hey hallihallo und natürlich git’s sit 2002 au no ä dialäktversion vo cooltv
      und diä gaht aber nur 6 minute … z’gseh gsi uf teletop mitem titel “ ässe für eis“ … gruess und guet surf

    10. Dirk Einecke Says:

      Eine Liste aller „Dinner for One“-Sendetermine für Slvester 2007/2008 gibt es übrigens hier.

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