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Wenn die Schweizer den Rauch reinlassen — Bächteln in Bülach

  • Bächtelis kommt nicht von bechern
  • Heute feiern die Bülacher im Zürcher Unterland „Bächtelis“ mit „Bächtelswurst“ und „Bächtelsweggen“. Nun gibt es zwar einige Bäche, die durch Bülach fliessen und die gelegentlich im Sommer bei einer „Bachputzete“ gereinigt werden, aber in die Bäche von Bülach steigt heute niemand. Klanglich ist das Wort „bächteln“ eher mit dem Wort „bechern“ verwandt. In Bülach ziehen beim Bächteln Musikgruppen von Kneipe zu Kneipe und spielen auf, ähnlich wie man das von den Fasnachtcliquen in Bern oder Basel kennt, und dabei wird natürlich ordentlich gebechert. Hier das Programm für den heutigen Tag:

    Bächtelen in Bülach

  • Berthold von Zähringen kann nichts dafür
  • Es gibt wenige Tage im Jahr, an denen man sich als Deutscher in der Schweiz darüber von Herzen freut, nicht mehr im grossen Kanton zu leben, sondern von den echt Schweizerischen Feiertagen zu profitieren. Dazu zählen neben dem 1. August natürlich der verlängerte Start ins neue Jahr mit dem „Berchtoldstag“ am 2. Januar. Aber wie heisst er eigentlich richtig? Kaum ein Feiertag bringt es auf eine so stattliche Anzahl von Namen: Bechtelstag, Bechtle, Bechtelistag, Berchtelistag, Bächtelistag, Bärzelistag.

    Der Name Berchtold erinnerte uns zunächst an das alte Geschlecht der Zähringer, denn „Bertold von Zähringen“ gründete bekanntlich neben Bern, Thun, Murten und Fribourg auch Freiburg im Breisgau, unseren letzten Wohnort in Deutschland. Nur hatte der kein „ch“ im Namen und einen heiligen „Berchtold“ gibt es auch nicht im Kalender.

  • Frau Holle und die wilde Perchta
  • Der Berchtoldstag hat einen heidnischen Ursprung und geht auf die altgermanische Dämonin „Perchta“ hin, die es bis in die Märchen der Gebrüder Grimm als Frau Holle geschafft hat. Bächtele, Berchten bedeutet „heischen, verkleidet umgehen und schmausen”; man glaubt, dass die Perchta, eine altgermanische Dämonin war, die zu Wotans Wildem Heer gehörte, mit diesem in den “Zwölf Nächten” oder “Rauhnächten”, den dunkelsten des Jahres, ihr Unwesen trieb. In vielen Bräuchen hat sich ihr Andenken erhalten, wenn sie z. B. beim „Perchtenlauf“ nachahmend gebannt wird. Schrecklich vermummte Gestalten toben durch die Nacht und müssen mit Gaben, die sie einfordern, besänftigt werden. So ziehen im aargauischen Hallwil und in anderen Ortschaften der Schweiz an diesem Tag die „Bärzelibuebe“ als schaurige Maskengestalten durchs Dorf. Auch der bis vor kurzem allgemein lautstark und mit zerstörerischem Schabernack gefeierte Schulsilvester ist davon ein Abbild.

  • Die rauen Nächten sind rauchig
  • Der Berchtoldstag findet mitten in den Rauhnächten statt, heisst es. Ob das besonders kalte und raue Nächte sind? Nein, es kommt vom „Rauch“, vom „Weihrauch“, mit dem man im Mittelalter die bösen Geister zu vertreiben suchte. „Den Rauch reinlassen“ sagt man heute noch, wenn man das Böse vertreiben möchte. So berichtet eine andere Quelle:

    „Unter den 12 Rauhnächten verstand man die Zeit zwischen dem 24. Dezember und den 6. Jänner. Sie war charakterisiert durch eine besondere Andacht und Arbeitseinschränkung. Die Zeit galt als besonders heilig, gleichzeitig war es eine Zeit, in der vermehrt Bräuche stattfanden.“

  • Das kleine Rauchopfer und zu Aldi nach Jestetten
  • Heute wird nur noch ein “kleines Rauchopfer” gefeiert, wie es der Chinese im Roman “Briefe in die Chinesischen Vergangenheit” von Herbert Rosendörfer bezeichnet. Gemeint hat er damit allerdings das Abbrennen von Zigaretten.
    War dieser Tag im Kanton Zürich bis vor kurzem noch der traditionelle Ausflugstags zu Aldi nach Jestetten, um dort die schlechte Qualität der angebotenen Ware persönlich in Augenschein zu nehmen und auf dem Parkplatz endlich den Nachbarn zu treffen, den man so lange schon nicht mehr gesehen hat, so ist diese Sitte in 2007 aus der Mode gekommen, weil jetzt auch hier zahlreiche Einkaufszentren an diesem Tag geöffnet sind.

    (Dieser Artikel ist eine überarbeitete und ergänzte Fassung eines früheren Artikels, der am 02.01.06 auf der Blogwiese erschien)

    

    5 Responses to “Wenn die Schweizer den Rauch reinlassen — Bächteln in Bülach”

    1. Chimaera Says:

      Und mal wieder ein interessanter Beitrag….

      „Jemandem den Rauch reinlassen“ sagt man im übrigen immer als Redewendung im Schwäbischen. Heisst soviel wie “ Ich steig dir gleich aufs Dach“, sprich „Freundchen du kriegst gleich Ärger“

    2. Fiona Says:

      Bächteln in Bülach? Von „bächteln“ habe ich nie gehört…

      Sag emol, Jens, bist du nach 6 Jahren nun vollständig integriert? Hast du deine schlechten deutschen Gewohnheiten hinter dir für IMMER gelassen? Hasch Vorsätze für double 0 seven (‚007) schon gefasst?
      Was für Vorsätze? Just wondering!

    3. Joachim Says:

      Da musste ich jetzt selber googlen vor Lachen und fand dann doch das wieder, was du hier schreibst. Allerdings wunderte ich mich, ob des Wikipedia Artikels: Darin wird von Bülach geschrieben! Als wär’s ein Text von dir…

      [Anmerkung Admin:
      Stimmt, ich habe Teile meines alten Postings vom 02.01.06 verwendet, der aus Wikipedia zitierte (siehe Hinweis am Ende des Postings). Bei der Version von heute (02.01.07) habe ich diese Quellen ausnahmsweise nicht nochmals angegeben, weil ich stark kürzen musste, und andere Sachen ergänzt habe. So ist ein Mischmasch zwischen eigenem Content und Wiki-Content enstanden. Darum kam es zu diese Übereinstimmung mit Wiki. Ich weiss, keine saubere Trennung, aber es gibt da einen Grund für. Ich musste exakt auf eine bestimmte Anzahl Zeichen kommen.]

    4. Guido Says:

      @Chimaera, “Jemandem den Rauch reinlassen” kommt nicht nur aus dem Schwäbischen, sondern wird auch in weiten Teilen des Rheinlands und der Eifel benutzt.

    5. patrick Says:

      Jemanden den Rauch reinlassen wird meiner Meinung nach nur in Teilen des Rheinlands und der Eifel benutzt. Aber die definierung “Jemandem den Rauch reinlassen” heisst soviel wie “Freundchen du kriegst gleich ärger“
      und war in sofern schon richtig

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