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Beim Forfait reut es uns das Reugeld

  • Gimmi five, gimmi four, gimmi Forfait
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger, dem Fachblatt für Wettrennen und Vertragsstrafen, am 25.03.06 auf Seite 12 die traurige Mitteilung:

    „René Rindlisbacher muss für die neue Fernsehserie „Der Match“ auf SF2 Forfait geben. Der Zürcher Komiker hatte am Dienstag nur wenige Stunden vor der Premiere seines neuen Bühnenprogramms einen Kreislaufkollaps erlitten.“

    Forfait geben
    Wir wünschen René Rindlisbacher an dieser Stelle natürlich gute Erholung vom Stress. Wir schätzen ihn sehr als begnadeten Situationskomiker bei der Schweizer Fassung von „Genial Daneben“ und als ehemaligen Moderator von „Wer wird Millionär“ Schweiz, auch wenn es mit der Gnade in letzter Zeit in der Sendung von Frank Baumann nicht mehr ganz so glänzend bestellt gewesen sein sollte. Kann ja wieder kommen, die Gnade, nicht die Sendung, denn die kommt auf jeden Fall gnadenlos jeden Dienstag um 20.00 Uhr im Schweizer Fernsehen. Halt! Es gab doch ein bisschen Gnade in dieser Sache, denn die Sendung wurde auf Sonntags 22:55 Uhr verlegt. Ausserdem wurde das Preisgeld für nicht gelöste Fragen um 100% erhöht, so sage und schreibe 100 Franken auf 200 Franken. Lösen die eigentlich mittlerweile auch mal eine Frage?

  • Geht es um den Match?
  • Jedenfalls verdanken wir dieser kurzen Notiz im Tages-Anzeiger eine neue Wortentdeckung. Nein, nicht „der Match“, das ist uns nix Neues. Denn Match haben wir vor der Haustür bei diesem fiesen Regenwetter jeden Tag, wenn wir auf den Parkplatz gehen, oder mit dem Hund aufs Feld. Wir kriegen ihn kaum wieder von den Schuhe, so fies klebt der an den Sohlen. Wahrscheinlich sollte es bei dieser neuen Fernsehserie auf SF2 um Schlammschlachten mit Match handeln, so genannten „mud-wrestling“ oder einem zünftigen „jawing match“. Nicht unser Stil, wir gucken lieber Talkshows.

  • Was heisst „forfait geben“?
  • Entdeckt haben wir das Wörtchen „forfait geben“. Wir kennen „gimmi five“, vielleicht gibt es ja auch „give me four“, „give me forfait?“
    Unser Duden belehrt uns wie immer eines Besseren:

    For|fait, das; -s, -s [frz. forfait = Reugeld (2),

    Was ist denn Reugeld? Klingt wie eine Hundekrankheit, die Räude, aber die schreibt sich ja mit „äu“. Es handelt sich hier bestimmt wieder um eine Übersetzung von 1871 von Campe und Co:

    Reu|geld, das:
    1. (Rechtsspr., Wirtsch.) Geldsumme, die vereinbarungsgemäß beim Rücktritt von einem Vertrag zu zahlen ist.
    2. (Rennsport) Geldbuße, die der Eigentümer zu zahlen hat, wenn er sein zu einem Rennen gemeldetes Pferd nicht teilnehmen lässt.

    Der Duden weiss aber auch, was „Forfait“ besonderes in der Schweiz bedeutet:

    Forfeit] (schweiz., bes. Sport):
    Zurückziehung einer Meldung bes. für einen Sportwettbewerb; Absage: (…)

    Forfait geben (seine Teilnahme absagen; seine Meldung zurückziehen)
    :
    Die Rückenschwimmerin … musste schon auf die WM verzichten, ihre Schulterprobleme zwangen sie, auch für die nationalen Titelkämpfe Forfait zu geben (NZZ 29. 8. 86, 44).

    Da haben wir es! Hier wird überhaupt nichts gegeben, hier wird einfach nur die Teilnahme abgesagt, und zwar in eleganter französischer Form. Da sage noch mal einer, dass Englisch die Sprache des Sports in der Schweiz sei. Nach der Barrage, in der gespielt wird, und der „Blamage“, die nie eintreten wird, nun das „Forfait“, von dem wir nicht mal die deutsche Version „Reugeld“ wirklich kannten.

  • Wer verwendet denn das?
  • Ob das viele sagen in der Schweiz? Na, aber locker 502 Fundstellen bei Google-CH. Und in Deutschland? Immerhin noch 325 Funde, was ja nicht sooo schlecht ist. Doch es stellt sich raus, dass es fast alles Schweizer Websiten sind, die nur in Deutschland gehostet werden.

    Dafür ist der Begriff „Reugeld“ in Deutschland 783 Mal belegbar. Wir lesen vielleicht einfach nicht intensiv genug den Sportteil bzw. die juristischen Fachblätter, die sich mit 353 BGB „Rücktritt gegen Reugeld“ befassen. Da reut es uns dann das Geld, die zu kaufen.

    In der Tagi-Meldung vom 25.03.06 heisst es weiter:

    Zurzeit werde eifrig nach einem Ersatz für Rindlisbacher gesucht, allfällige Kandidaten werden aber keine genannt. Am 9. April werden 18 prominente Schweizer in ein Fussballcamp einrücken und unter Trainer Gilbert Gress den Alltag von Profifussballern leben.

  • Und was heisst „allfällig“?
  • Also nur kein Stress unter Trainer Gress. Ob „allfällig“ bedeutet, dass die häufiger mal hinfallen oder bald alle zu den Gefallenen (in welchem Krieg?) zählen, wissen wir nicht. Das Wörtchen gehörte bisher nicht zu unserem Wortschatz. Aber auch hier hilft uns der Duden:

    allfällig [auch: ] (bes. österr., schweiz.):
    etwa[ig]; allenfalls, gegebenenfalls [vorkommend], eventuell:

    Das soll uns doch allfällig mal nützlich sein, wenn die Zeit fällig ist!

    

    11 Responses to “Beim Forfait reut es uns das Reugeld”

    1. CAK Says:

      Solche Beiträge lese ich besonders gerne, da es sich bei „forfait“ oder bei „allfällig“ um Helvetismen handelt, die ich als solche nicht erkenne – im Unterschied beispielsweise zu Wendungen wie „mich dünkt“, bei denen mir sehr wohl bewusst ist, dass sie schweizerisch geprägt sind, die ich aber absichtlich verwende, um der Sprache etwas Lokalkolorit zu geben.

      Als Ergänzung: „Forfait“ wird nicht nur in der Zusammensetzung „forfait geben“ verwendet. Man spricht auch von „Forfait-Niederlage“, „forfait gewinnen“ oder einfach von „Forfait“. Der Begriff ist vor allem an Freizeit-Tournieren sehr verbreitet, wo immer mal wieder eine Mannschaft nicht rechtzeitig erscheint.

    2. geissenpeter Says:

      Ich würde dir raten, beim nächsten Mal nicht im Duden, sondern im Französisch-Wörterbuch nachzusehen 😉

      Siehe auch hier.

    3. Administrator Says:

      @geissenpeter
      Habe ich beim letzten Mal getan, als ich „in der Barrage“ spielen suchte, und fand mich wieder im Sperrfeuer, Stausee etc. hat mächtig viel gebracht.
      Dann lieber den Duden fragen.
      Gruss, Jens

    4. doofi Says:

      dass du „allfällig“ bisher noch nicht in deinem wortschatz hattest, jens, erstaunt. es steht doch fast in jedem offiziellen brief (bei allfälligen fragen…). vielleicht gibt es da aber auch so eine art selektive wahrnehmung: hat man das wort erst einmal „intus“, dann begegnet es einem überall. oder man schafft es sich fünf jahre lang vor diesem wort zu verstecken.

    5. Phipu Says:

      An doofi
      Doch, doch „allfällig“ kommt in der Blogwiese schon vor. Es fehlen wohl einfach die Links. Siehe http://www.blogwiese.ch/archives/13 und http://www.blogwiese.ch/archives/79 (über „Inhaltsverzeichnis – Suche“ gefunden)

    6. doofi Says:

      @Phipu
      na von mir aus. Aber hier in dem heutigen Beitrag stand „das Wörtchen (allfällig) gehörte bisher nicht zu unserem Wortschatz“. Da hat er sich halt selbst überholt, der JR.

    7. Administrator Says:

      @doofi
      1. Ich vergesse manchmal wieder, was ich schon gelernt habe hier in der Schweiz.

      2. Wenn Fall 1. eintritt, nenne ich das „dichterische Freiheit“.

      Gruss, Jens

    8. Christian Says:

      Vielleicht ist mir ja die feine Ironie der Stelle entgangen – oder ist Jens tatsächlich über (nicht durch!) „den Match“ gestolpert?

    9. Administrator Says:

      @Christian
      Was ist mit dem „Match“? Stimmt was nicht? Habt ihr keinen im Garten, wenn es so stark regnet wie heute?
      „Jawing match“ wäre dann angesagt….
      Um deine Frage zu beantworten: „über den Match“ bin ich sehr wohl gestolpert. Der kommt sonst ja nur in Bällen vor, habe ich mir sagen lassen, beim Volleyball.

    10. Christian Says:

      Also doch… Wenn’s draußen schneit, hat es (wie die Helvetier sagen) Schneematsch (mit -tsch, nicht -tch) auf der Straße. Was hingegen anderswo im deutschen Sprachraum als „das Match“ bezeichnet wird, ist in der Schweiz *der* Match. „Gömmer am Sunntig an Match?“ fragt der Hansli den Ruedi. – So wie es ja auch *der* Göpfinal ist; der hat übrigens nix mit dem schon anderswo traktierten Gottfried zu tun, sondern ist das Finale des Fußball-Cups. (Beide Fälle, der Match und der Final, sind übrigens im Variantenwöbu drin.)

    11. Bruno Says:

      Wenn der Duden Forfait mit Reuegeld übersetzt, dann ist er mal wieder im vor-vorletzten Jahrhundert stehen geblieben und hat die Sprachentwicklung bezw. den veränderten Sinn des Wortes schlicht verpennt.
      Oder gibt ein Mann bei der Scheidung schlicht Forfait? Bezahlt also Reuegeld? (Natürlich muss er das. Reut aber jeden.) Und bei einer aussergerichtlichen Einigung bei der eine Partei bezahlt, gibt die dann Forfait? Kaum.

      „déclare le forfait“ heisst ganz einfach „zurücktreten“ und „Forfaitaire“ heisst „Pauschal“. In einem Satz: Zurücktreten ohne Bedingungen.
      Tschüss Duden.

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