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Geben Sie nicht Pfötchen sondern Ihr Foto — Hörverständnisproblem mit Schweizern

  • Fötteli und nicht Pfote geben
  • Wir belauschten ein flirtendes Paar junger Schweizer in der abendlichen S-Bahn:

    „Gisch mer dis Fötteli?“

    So weit ist es also schon gekommen, dass der junge Mann „Pfötchen“ geben soll. Wird hier der Versuch gestartet, aus wilder ungestümer Männlichkeit etwas Handzahmes zu generieren, das später wie ein Vögelchen ins „Näscht“ schlupft? (vgl. Blogwiese )
    Pfötchen geben
    Nein, es ist einfach nur ein neues Hörverständnisproblem. Das „Fötteli“ ist nicht die Pfote sondern die schweizerdeutsche Koseform für „Foto“. Sie können wählen zwischen der gängigen Schreibweise mit einem „t“= Föteli (64.500 Treffer bei Google-Schweiz ) und der etwas elitäre Version mit zwei „tt“, immer noch 711 Treffer bei Google-Schweiz.

    Oh, wo wir es gerade vom „Foto“ haben: Dieses sächliche Neutrum kann in der Schweiz auch ganz feminine Züge bekommen: „Die Foto“ ist laut Duden erlaubt und üblich in der Schweiz:

    Fo|to, das; -s, -s, schweiz. auch: die; -, -s:

    Denn es ist eine Kurzform von „die Fotografie“.

    Durch die „Götti“-Diskussion lernten wir, dass in der Schweiz viele weibliche Formen zugleich auch Neutrum sein können:

    Die Mama => das Mami
    Die Gotte = d gotte (f.) = mini gotte => das Gotti = s Gotti = mis Gotti

    Da tut sich ein weites Feld auf für die Psychoanalyse, warum die Ur-Mutter „Mama“ plötzlich sächlich wird. Wahrscheinlich damit der Papa sie dem Kind nicht mehr streitig machen kann.

  • Überleben im Alltag mit einem Drittel Verständnis
  • Unsere Hörverständnisquote beim Schweizerdeutschen ist zwar gestiegen, die magischen 100% haben wir aber noch lange nicht erreicht. Der Leser Branitar aus Norddeutschland schrieb:

    In der Schweiz verstehe ich dann in der Regel nur noch etwa ein Drittel dessen, was gesagt wird, und das auch nur, wenn ich mich sehr konzentriere und mir den Rest denke. Auch an Tankstellen und Supermarktkassen muss ich oft explizit darauf hinweisen, dass mein Verständnis des Schweizerdeutschen nicht ausreicht, auch, wenn ich bereits mit meinem Gegenüber Hochdeutsch geredet habe (und man mir wohl recht stark anhört, das ich aus dem Norden komme).

    Wie kann man in einem Land überleben, wenn man immer nur ein Drittel versteht? Wir sehen da diverse Möglichkeiten:

    1.) Immer freundlich lächeln und hoffen, dass man das richtige Drittel verstanden hat.
    2.) Einen Antrag auf Zuteilung eines Simultan-Dolmetscher bei der Einwohnerkontrolle einreichen.
    3.) Es mit Englisch versuchen, das können die Schweizer fast noch besser als Hochdeutsch (siehe Fachsprache beim Fussball).
    4.) Als Norddeutscher einfach fragen: „Verstehen Sie Plattdüütsch?“ und dann munter drauflos „snacken“.
    5.) Einen Sprachkurs bei der Migros-Clubschule belegen (Beispiel hier) .
    6.) Wem 5.) nicht reicht, der kann ja noch die Fortbildung zum Jodeldiplom anhängen.

    

    10 Responses to “Geben Sie nicht Pfötchen sondern Ihr Foto — Hörverständnisproblem mit Schweizern”

    1. Chrigl Says:

      Du strebst nach einer 100%igen Hörverständnisquote des Schweizerdeutsch? Bei den Unmengen von Dialekten? Vergiss es! Das schaffen nicht einmal die hartgesottensten Eingeborenen!

    2. Dan Says:

      Bereits in der zweiten Woche nach meinem Umzug in die Schweiz gab es eine „Clear-Desk“ Kontrolle nachts an meinem Arbeitsplatz. Die schlimmsten Verstoesse der Kollegen (Passwort auf einem Post-it unter der Tastatur, meterhohe Papierstapel auf dem Schreibtisch) wurdes fotografisch festgehalten und kommentiert per email an die Angestellten verschickt. Meine Chefin meinte „Schauts Euch die Föteli an“. Ich war geschockt, Föten am Arbeitsplatz?

    3. Phipu Says:

      In http://www.blogwiese.ch/archives/23 hat es ein FÖTELI von einem Hund, der mit seinem PFÖTLI auf den Strassenrand weist. Soviel zum Hörverständnis, da letzteres Wort hier noch nicht erwähnt wurde.

      Es gibt noch weitere Beispiele für Damen, die sächlich bezeichnet werden können. Z.B. „‘s Grosi“ (die Grossmutter) oder „‘s Tanti“ (die Tante). Meine persönliche Linguisto-Psycho-Analyse führt dies auf die Kosenamen zurück, die ja grundsätzlich mit sächlichen Diminutiven gebildet werden. In lateinischen Sprachen gibt es ebenfalls Diminutive: z.B. spanisch „abuelita“ von „abuela“ (= Grossmutter). Nur gibt es dort keinen sächlichen Artikel. Vielleicht kann auch die lateinische Wurzel das Beibehalten des weiblichen Artikels im Bündner-Dialekt erklären. „der Neni und d’Nana“ (der Grossvater und die Grossmutter). Mangels Romanisch-Kenntnissen vergleiche ich es mit italienisch „il nonno“ und „la nonna“. Psychologisch wird meine Theorie erst dort, wo die klassischen männlichen Respektspersonen nie sächlich benannt werden, im Gegensatz zu einer liebevoll umbenannten netten Dame.

      Zum Jodeldiplom:
      Im erwähnten Link nicht ersichtlich: der Sketch „die Jodelschule“ stammt von Loriot http://www.loriot.de . Wer das nicht kennen sollte: unbedingt mal anhören.

    4. Britta Says:

      Diese Woche war ich bei meiner schweizer Coiffeuse zum Haareschneiden. Sie fragte mich wie lange ich denn nun schon in der Schweiz wäre. Als sie hörte, dass es schon sieben Jahre sind, meinte sie zu mir: „Da müssten Sie eigentlich gelernt haben, Schweizerdeutsch zu reden“. Ich sagte, dass es mir sicher leichter fallen würde, eine neue Fremdsprache zu lernen, als einen Dialekt anzunehmen. Doch da hatte ich das Falsche gesagt, denn nun plädierte sie, dass man doch Hochdeutsch ganz abschaffen solle, denn schliesslich brauche man kein Hochdeutsch, da man ja hier in der Schweiz Schweizerdeutsch reden würde, was man ja auch gut schreiben könne.
      Statt Deutsch sollten die Kinder doch lieber richtig Englisch lernen.

      Kopfschüttelnd und ein wenig ratlos verliess ich das Geschäft. Die Dame kann gut Haare schneiden, ob ich wiederkomme weiss ich noch nicht.

    5. Branitar Says:

      Whoa… Ich hätte nicht gedacht, das ich mal zitiert werde. 🙂
      Mein Sprachdefizit wird mittlerweile mit dem Buch „Schweizerdeutsch für alle“ von Urs Dörig (ein Geschenk einer Schweizer Freundin) bekämpft udn mir wird nachgesagt, zumindest das Chuchichaeschtli ganz ordentlich zu artikulieren 😉 Gelegentlich erhalte ich auch SMS in Schrift-Schweizerdeutsch, die mich nicht mehr ganz soviel Mühe wie früher kosten.

      Die Sache mit dem Föteli hat mich auch zuerst etwas verwirrt, da aus dem Zusammenhang nicht ersichtlich war, was eigentlich gemeint war („Zeigst mir mal des Föteli?“). Auch ich wollte instinktiv die Hand vorzeigen…

      @Britta
      Die Sache mit dem Schweizerdeutsch sprechenden Nichtschweizern wird unter den Schweizern offenbar sehr kontrovers diskutiert. Meine Freunde votieren eher dafür, dass es gar nicht erst versucht wird, da es sich meist „lustig anhört“ aber das Verständnis nicht notwendigerweise erhöht. Sauberes Hochdeutsch wird (wohl auch aufgrund der starken regionalen Unterschiede in der Schweiz) meist vorgezogen.

    6. Biiit Says:

      Die Coiffeuse hat recht, führt endlich schweizerdeutsch-Unterricht ein in Deutschland! 😉

      generell gesagt ist -li einfach die Koseform oder „Verkleinerung“ im Schweizerdeutschen.

      Mal ein Versuch einer Konvertierung:

      Man nehme ein Wort und hänge -li an (allfällige Endungen e entfernen).

      Wenn es sich dann noch zu Deutsch anhört, ändere
      au/a -> ä
      u -> ü
      o -> ö
      und hänge -li an

      Maus -> Müsli
      Elefant -> Elefäntli
      Strasse -> Strässli
      Stuhl -> Stüehli
      Telefon -> Teleföndli
      Haar -> Häärli/Höörli

      hrhrr macht ja direkt Spass. Wasserdicht ists aber nicht 😉

    7. Videoman Says:

      @Britta:
      Wegen deiner Coiffeuse: Es gibt viele Leuet in der Schweiz, die sprechen quasi nie Hochdeutsch. Die haben es mal in der Schule gelernt, aber dann mussten sie es nie mehr verwenden. In gewisse Berufe hat man halt mit sehr mit Deutschland zu tun und trifft auf sehr viele Leute, die kein Schweizerdeutsch verstehen.
      Aber als Coiffeur hat man halt keinen regelmässigen Kontakt, wo man gezwungen ist Hochdeutsch zureden. Tja, mit der Zeit verlernt man es.
      Obwohl wir in unserem gschäft viele Deutsche haben, gibt es einen der spricht nur Schweizerdeutsch mit ihnen, Hochdeutsch hasst er zu reden.

    8. daniela aspali Says:

      ich hätte da noch eine frage: wie verhält es sich mit dem deutschen (dialekt)- wort : gmächt (sein gemächt). bezeichnung wohl für des adams nicht unschönsten teil, mit unserem wort für eingemachtes=(iigmachts)
      früchte, gemüse,süss/sauer oder nur süss bezw. nur sauer haltbar gemachte lebensmittel.
      aus welchem teil deutschlands kommt denn dieses wort? bayern ?
      gelesen und gelacht auf einem deutschen blog.

    9. Phipu Says:

      Monate später nachgelesen:

      An Daniela Aspali:

      Viel Lektüre in diesem Zusammenhang gibt es hier:
      http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?lemid=GG07292

      Dieses Wort ist also einfach historisch. Bei Abschnitt III ist die Bedeutung wohl am naheliegendsten. Mit etwas Phantasie könnte man auch weiter oben, bei 2b (Metzger, Fleisch) einen Zusammenhang ersinnen.

    10. Gizmo Says:

      jaja… ich bedaure oft genug das ich Plattdetusch nur halbwegs verstehe aber nicht sprechen und schreiben kann (wird ja im gegensatz zu schweitzerdeutsch nicht als dialekt geahndelt sondern tatsächlich als eigene sprache)…

      denn dann würde ich nur noch so schreiben… in der Schweiz wohlgemerkt…

      Oder anders ausgedrückt, ich würde mir wirklich wünschen das viele Schweizer einfach entspannter reagieren würden was Ihre Sprache und Schrift anbelangt… Aber es wird eben ein Wunsch bleiben….

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