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Haben Sie heute schon legiferiert? — Neues aus dem Schweizer Sprachalltag

(reload vom 22.05.07)

  • Die lateinische Schweiz spricht kein Latein
  • Als „lateinische Schweiz“ bezeichnet man in der Schweiz die Landesteile, deren Bewohner sich auf Sprachen miteinander verständigen, welche aus dem Lateinischen, genauer gesagt dem gesprochenen „Vulgärlatein“ der Römer entstanden sind (vgl. Blogwiese). Dennoch sind Latein bzw. Fremdwörter aus dem Lateinischen in der Schweiz erstaunlich häufig anzutreffen, so z. B. in einem Artikel des Tages-Anzeigers, der sich ironischer Weise mit der „Diskriminierung der Deutschsprachigen“ im dreisprachigen Kanton Graubünden befasst:

    Am 17. Juni entscheiden die Bündner Stimmberechtigten erstmals in der Geschichte des Kantons über ein Sprachengesetz. Dessen oberstes Ziel ist es, „die Dreisprachigkeit als Wesensmerkmal des Kantons zu stärken“.
    (Quelle: Tages-Anzeiger 19.05.07)

    Das Erstaunliche an dieser Abstimmung ist, dass sie überhaupt zu Stande kommt. Denn eigentlich war die Sache längst entschieden:

    „Der Grosse Rat hatte entschieden, dass eine Gemeinde künftig als einsprachig gelten soll, wenn 40 Prozent der Bevölkerung romanisch- oder italienischsprachig sind.“ (…)

    Der 49jährige Rechtsanwalt Peter Schnyder

    „ergriff zusammen mit ein paar Gleichgesinnten das Referendum. Er tat dies, obwohl der Grosse Rat das Sprachengesetz ohne Gegenstimme gutgeheissen hatte und ebenfalls fast einstimmig einen Antrag abschmetterte, die Vorlage dem Volk zu unterbreiten“
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 19.05.05, S. 3)

    Wir haben schon vor langer Zeit verstanden, dass das „Referendum“ nicht „ergriffen“ wird, weil es auf der Flucht ist (vgl. Blogwiese). Aber der nächste Satz liess uns dann wieder sehr an unserer eigenen „Deutschsprachigkeit“ zweifeln:

    „Die Ziele des Referendums seien illusionär, weil im Fall einer Annahme der Bund zu Gunsten des Rätoromanischen legiferieren würde“.

  • Legifer… was?
  • Lex, legis (f.), das weiss der Lateiner, heisst „das Gesetz“, weiblich. „Ferre“ = hervorbringen, schaffen. Und so erklärt uns unser Duden:

    legiferieren lat. legifer „gesetzgebend“ (dies zu lex, Gen. legis „Gesetz“ u. ferre „hervorbringen, schaffen“) u. …ieren>: Gesetze verabschieden (früher in Österreich)
    (Quelle: duden.de)

    Stutzig macht uns aber die kleine Randbemerkung „früher in Österreich“. Wie so oft scheint die Duden-Redaktion nicht ganz auf dem neusten Stand zu sein. Denn der kleine Google-Test belegt:
    Es finden sich bei 2’970 Belege für „legiferieren“ bei Google-CH, verglichen mit jämmerlichen 307 Stellen bei Google-DE, und das sind zumeist Zitate aus Fremdwörterbüchern, die das Wort erklären. Vielleicht ist Google-Österreich noch zu klein und unbedeutend, denn dort fand sich nur 10 Erwähnungen. Warum also die Schlussfolgerung „früher in Österreich“?

  • Wann legiferieren denn Sie?
  • Wir fragen uns bei solchen Wörtern im Tages-Anzeiger nur, ob sie wirklich in der Schweiz von jedem durchschnittlich gebildeten Zeitungsleser verstanden werden. Gleich morgen werden wir unser freundliches Gegenüber in der S-Bahn anquatschen ansprechen und fragen, wann er den zum letzten Mal beim Legiferieren zugeschaut hat oder ob er wohlmöglich selbst gelegentlich legiferiert?

    P.S.: Die erste Bülacher Bürgerin, die ich dann bei der Probe aufs Exempel beim Landi anquatschte ansprach, konnte mir das Wort nicht erklären, entgegnete mir aber schlagfertig auf Hochdeutsch (ich kannte die Frau nicht) „Aber das schreiben Sie sicher dann morgen in der Zeitung!“ Soviel zum Thema „anonymer Feldversuch“.

    P.P.S.: Die Sursilvan sprechende Graubündnerin Diana Juerg von DRS1 kannte das Wort auch nicht, konnte es aber halbwegs herleiten.

    

    4 Responses to “Haben Sie heute schon legiferiert? — Neues aus dem Schweizer Sprachalltag”

    1. Peter Says:

      Von legiferieren habe ich auch als Schweizer noch nie etwas gehört. Offenbar wollen jetzt auch Tagesanzeiger-Journis ihren NZZ-Kollegen nicht mehr nachstehen und mit ihre Artikel sehr selten verwendeten Worten würzen. Schadet je nichts, man kan was lernen.

    2. tyrannosaurus Says:

      Diese „Sursilvan sprechende Graubündnerin“ heisst zum Nachnamen ‚Joerg‘, nur so im Fall.

    3. Hans Engel Says:

      Da sieht man wieder, was für eine seltsam anmutende Sprachinsel wir hier erschaffen haben, wo veraltete, ehemals (gemein)deutsche und österreichische Wörter lateinischen Ursprungs in Tageszeitungen aus den verkorksten Geistern der Redaktoren effluieren ;-), die kein Schwein (mehr) versteht, das nicht in den 50er-Jahren in der Schweiz studierte.

      Hoppla, jetzt habe ich wohl versehentlich gebildete, ältere Semester aus der Journalismusbranche mit verkorksten Schweinen gleichgesetzt. Na ja, kann ja passieren, dass man affröse Affronts qua affrontiver Ressentiments in Kurz-Traités mit affrösen Affronts affubliert hat. Kein Wunder das man sich sozum Affen macht, ob das nun als Affublement gedacht ist oder nicht.

    4. Fred Says:

      Kommt bestimmt von der Bundesverwaltungsprache… und vom Kontakt mit dem Französischen.

      En Suisse, l’allemand est influencé par le français, et le français, par l’allemand. C’est ce qui fait le charme de la Suisse !

      🙂

      FR:

      LÉGIFÉRER, verbe

      A. − Faire des lois.

      Quelle: http://tinyurl.com/3pwkszg

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