-->

Die illegale Gleis-Lotterie am Bahnhof Museumstrasse

(reload vom 9.5.06)

  • Perron oder Bahnsteig, Gleis oder Ge-leis?
  • Am Bahnhof Museumsstrasse gibt es zwei Bahnsteige und vier Gleise. Schweizer dürfen diese Dinge gerne weiterhin „Perron“ (=Vortreppe, heute sagt man „quai“ in Frankreich) und „voie“ nennen, wie die Deutschen es vor der grossen Eindeutschung und Reichsgründung um 1870 auch taten, bei der die Schweizer natürlich nicht mitmachten. Meinetwegen sagen Sie als Schweizer auch „Ge-leise“, wie die Aufforderung, doch bitte „leise zu gehen“, also mit einem „e“ mehr als in Deutschland üblich, laut unserem Duden in der Schweiz noch möglich:

    Geleise, das; -s, – [mhd. geleis(e) = Radspur, Kollektivbildung zu: leis(e), ahd. (wagan)leisa = (Wagen)spur] (österr., schweiz., sonst geh.)

    Doch wo wir hinschauen, steht „Gleis“ angeschrieben, auch in der Schweiz. Wahrscheinlich hatte der Duden hier wieder Probleme mit der korrekten Einordnung von „schweizerisch“. Soll ja vorkommen.

  • Alles wirklich nur ein Zufall?
  • Wo genau auf welchem Gleis jetzt hier Ihr Zug halten wird, das weiss kein Fahrplan sondern wird jeweils fünf Minuten vor der Einfahrt des Zuges von einem Computer wahrscheinlich per Zufallsgenerator bestimmt. Wer das daheim mit seinem Microsoft Excel nachbauen will verwende am besten die Funktion „randomize“ zur Erzeugung einer Zufallszahl, im deutschen Excel als =WENN((ZUFALLSZAHL()*2+1)<2;21;22) zu haben, einfach in eine Excel-Tabelle kopieren und mit der F9-Taste aktualisieren. Egal was der Computer sagt, die Menschen auf diesem Bahnsteig starren wie gebannt auf die Anzeigetafeln. Müssen sie sich nun nach links oder nach rechts wenden? Manche versuchen die Röhre, aus der ihr Zug zu ihnen rollen wird, zu erahnen. Am Luftstrom die Ankunft des baldigen Zuges zu erspüren. Wie beim Roulette, wo manche Spieler auch versuchen, den Lauf der Kugel vorauszuberechnen: Wenn der Zug eben links ankam, und der Zug danach rechts, dann müsste mein Zug aller Wahrscheinlichkeit wieder links… doch halt, da hat ja ein Zug Verspätung! Es bleibt spannend bis zum Schluss, und die Menschen sind beschäftigt. Sind abgelenkt vom tristen Alltag, ihrem Weg zur Arbeit oder nach Hause. Für einen Moment werden alle zu Spielern. Warum auf den Anzeigentafeln eigentlich keine Werbeeinblendungen erfolgen, so wie beim Boxkampf im TV, in der kurzen Pause zwischen zwei Runden, ist uns schleierhaft.

  • Wetten Sie einfach mit!
  • Man sollte da unten am Bahnhof Museumstrasse eigentlich einen Croupier beschäftigen: „20 Franken für Ankunft auf Gleis 21, 10 Franken für Zieleinlauf auf Gleis 22, rien ne vas plus!“ aber solch nicht-staatliches Glückspiel ist illegal in der Schweiz. Auch der Discounter FUST bekam mächtig Ärger, als er im Rahmen einer Werbeaktion der Kauf eines neuen TV-Geräts mit dem Spielglück der Schweizer „Nati“ (=Nationalmannschaft ohne Parteiabzeichnen) bei der Weltmeisterschaft 2006 verband.

    28.04.2006 — Tages-Anzeiger Online
    Fust-Wettbewerb wird untersucht
    Die Fust AG verspricht in Inseraten und TV-Spots Gratis-Fersehgeräte, falls die Schweizer Fussball-Elf an der WM den Viertelfinal erreicht. Jetzt prüft die St. Galler Staatsanwaltschaft, ob dies gegen das Lotterie-Gesetz verstösst.

    Der Elektronik-Discounter Dipl. Ing. Fust AG mit Sitz in Oberbüren SG will den Kaufpreis für neu gekaufte TV-Geräte zurückerstatten, falls die Schweizer Fussballnationalmannschaft den WM-Viertelfinal erreicht. Allerdings muss der Käufer auch noch einen Tippschein korrekt ausfüllen.

    An Wettbewerb gekoppelt
    Weil die Teilnahme am Wettbewerb an den Kauf eines Fernsehgeräts gekoppelt ist, verstösst die Praxis der Fust AG laut dem St. Galler Finanzdepartement möglicherweise gegen das Lotterie-Gesetz. Es hat Fust aufgefordert, den Wettbewerb abzubrechen.
    (Quelle: tagesanzeiger.ch)

  • Und was passiert, wenn die Schweiz Vize-Weltmeister wird?
  • Unlauterer Wettbewerb? Genehmigungspflichtiges Glückspiel? Wer nur diesen Verdacht äussert, bezogen auf den programmierten Fussballerfolg der Schweizer Kicker, muss der sich nicht in der Schweiz gegen den Vorwurf des versuchten Landesverrats rechtfertigen?

    

    22 Responses to “Die illegale Gleis-Lotterie am Bahnhof Museumstrasse”

    1. Christian Says:

      …wieder was gelernt. Ich wusste gar nicht, dass der Bahnhof Meseumsstrasse heisst.
      Es gibt da so ein Spiel… Kuh Bingo oder so ähnlich…
      Eine, oder vielleicht auch mehrere Kühe, stehen auf einer Wiese, auf der ein Bingofeld aufgezeichnet ist. Derjenige, der das richtige Feld getippt hat, auf welches der nächste Haufen (Fladen) des Rindviechs fällt, hat gewonnen und darf die Dorfschönheit heiraten, oder so etwas…
      Ein ähnliches Spiel könnte man auch in dem unterirdischen Bahnhof Zürich HB (wie ich jetzt weiss: Bf Museumsstrasse) spielen.
      In welchem Gleisabschnitt (Sektor) fällt der nächste Haufen…?
      Wer weiss, vielleicht ja direkt vor deinen Füssen (nicht die Stadt im Allgäu)…

      P.S.: Es gehört hier zwar nicht hin, aber ich finde den betreffenden Artikel mit dem ß nicht: Offensichtlich ist sich viele Schweizer nicht bewusst, wann man eigentlich das ß verwenden kann, und wann man es nicht darf. Ich habe mich mal in meinem direkten Umfeld erkundigt und von 5 Befragten dachten alle 5, man könne es pauschal und immer für ein doppel-s schreiben. Das erklärt auch, wie solch komische sms mit Worten wie „Nachteßen“ oder „Wißenschaft“ zustande kommen können…
      aber ich schweife ab…

    2. AnFra Says:

      Na, von Zürichern stand bei dieser Umfrage aber nichts drin.

    3. Brun(o)egg Says:

      Von wegen Vizeweltmeister und so: Mit fällt auf, dass hier die Eishockey WM hier nicht stattfindet!? Obs mit den Resultaten zu tun hat?

    4. Brun(o)egg Says:

      Auch im Spiegel Online nicht. Eigenartig?!

    5. cocomere Says:

      Das Zugfall-Spiel kann man auch mit 23 und 24 machen. Auf dem andern Perron des Bahnhofes Museumsstrasse führen die Geleise mit dieser Nummer in die andere Richtung vorbei.

    6. vorgestern Says:

      Jens, ich glaub allmählich, dass Du heimlich ausgewandert bist (und wo ist eigentlich Neuromat?).

      [Anmerkung Admin: Nicht ausgewandert, aber beruflich viel in Norwegen, das stimmt. Doch das wird sich auch wieder ändern.]

    7. Holger Says:

      Ja pfui! Eine Sauerei ist das, daß die Deutschen nie über die Schweizer Erfolge berichten – oder hat man in Deutschland etwa schon mal über die Orientierungslauf-WM berichtet?! Eben!
      Und daß Jens nach so vielen Jahren in der Schweiz noch immer nichts darüber schreibt, zeigt doch nur, daß er immer noch kein guter Schweizer geworden ist – Mundart spricht er ja auch nicht.

      [Anmerkung Admin: 1. Spreche ich sehr wohl Mundart, wie jeder Mensch in Deutschland, und 2. war das Thema Orientierungslauf hier dran http://www.blogwiese.ch/archives/100 , nur von der WM habe ich, weil zur Zeit viel in Oslo, leider nicht viel mitbekommen, das stimmt. ]

    8. neuromat Says:

      warum (?) – ich bin auf Welt 38. Mir sind einfach diese Rechenaufgaben zu schwer am Ende einer stundenlangen Texteingabe. Im Fall hat der Züricher wieder einmal Recht. Der ist wirklich Experte. Das nächste Mal wenn ich nach München fahre, werde ich mir die helvetischen Kontrollschilder abziehen – da ist der Schweizer ja so was von beliebt ….

    9. solanna Says:

      Hurrah! Neuromat lebt doch noch! wie ist es so – auf dieser Welt 38? Tz zz zz! Kapituliert vor dem blöden Training für Diskalkuliten!

      @Christian
      Von wegen SMS mit ß : Von meiner einsitigen höheren Bildung in deutscher Sprache her müsste ich ja eigentlich die Anwendungsregeln dafür kennen. Hab ich aber in der Schweiz nie gelernt! Hingegen habe ich schnell gemerkt, dass man sich mit dem ß ein Zeichen sparen kann beim Smseln – und jedermann in der Schweiz versteht, dass ein ss gemeint ist.

    10. Brun(o)egg Says:

      @ Holger

      Grins. Sehe es genauso.

    11. Christian Says:

      @Solanna
      Ja, den Grund gaben mir meine Freunde auch an, als ich sie fragte und das klingt auch logisch. Aber es tut trotzdem so furchtbar weh, beim lesen…

    12. neuromat Says:

      das mit der Dyskalkulie lässt sich nicht verallgemeinern.

      Aus irgendeinem Grund muss ich Aufgaben wie „dritte Wurzel aus sechzehn mal Lebensalter von Ueli Maurer, dividiert durch die helvetische Luftwaffe minus Anzahl der bis zu diesem Zeitpunkt erfolgten Comments, abzüglich derer von Z (ihr wisst schon, weil die nicht zählen)“. Dagen muss „Z“ nur auf die Frage antworten was kommt nach „A“. Selbst dabei hat er dreimal das Plus- und viermal das Ausrufezeichen angegeben und hundert Mal Har Har gemeint…

    13. Guggeere Says:

      @ Christian, Solanna
      Wer die neue «Eszett»-Regel nicht begreift, ißt doof.

      @ Neuromat
      Ueli «Servela» Maurer lebt? Bist du sicher?

    14. AnFra Says:

      Gleis oder Geleis- Ein Problem im Duden und für den Duden

      Der Duden hat immer wieder gewisse Auslegungsprobleme. Diese scheinen darin zu bestehen: Die Duden-Boys haben u. a. auch die Wörterbücher der Brüder Grimm nicht richtig gelesen.

      Die Definition für Gleis ist innerhalb der Bautechnik klar beschrieben: „Der Oberbau einer Eisenbahn umfasst die Teile der Fahrbahn, die oberhalb der Unterbaukrone (Planum) liegen: Gleis und Bettung. Zum Gleis gehören die Schienen, die Schwellen und die Befestigungsmittel der Schienen untereinander sowie mit den Schwellen (Kleineisenzeug)“.
      In den mir zugängigen deutschen techn. Fachbüchern sowie der zugehörigen Quellenliteratur erscheint nirgends die Schreibweise von „Geleisen“.
      Die Bezeichnung Geleise scheint demzufolge sich üblicherweise auf Spuren von Irgendwas auf Irgendetwas in Irgendwo im Irgendwann zu beziehen. In den oberdeutschen Sprachenfamilie hat sich noch für die Spur, Riefe, Kratz- oder Schleifspur auf der Erdoberfläche die Bezeichnung „Leise“ erhalten. Habe jedoch auch nirgends in CH oder A die „Geleise“ lesen können. Die mir vorliegende Fach-Literatur (bis zum Jahr 1884) beschreibt immer nur den Begriff Gleis.

      Aber der Duden-Hinweis bei „Geleisen“ mit dem Kürzel „geh.“ hat m. E. die Lösung: Die Verwendung in der „gehobenen Sprache“. Bei den Dichtern und Wortdrechslern tauchen sie vereinzelt auf, die besagten „Geleise“:
      ….Die Geleise, die der Schlitten im frischen Schnee hiterlassen hat…… Die Geleise ((!!)) die das Schiff im Wasser hinter sich lässt….. Die Geleise, die im menschlichem Empfinden eingeprägt sind…..Die Geleise, die Wotans rasender Wagen am Himmelszelt ((Milchstraße!!))….. zeichnet. Also nur Spuren und Kratzer in allen Möglichkeiten, also nix mit den technischen Gleisen vergleichbar.
      Der Begriff „Gleis“ gab es lt. Br. Grimm schon im 15. / 16. JH. Es gab ihn als Begriff für des sog. Spurenmaß / Gleismaß, welche bei den Spur-Rillen in den alten römischen Wagentrassierungen vorhanden waren. Dieses Gleismaß sollte zur Vereinheitlichung der Spurweiten der verwendeten Wagen beitragen. Deshalb ist es ein logischer Vorgang: Die Bahntechniker verwendeten im 19. JH logischerweise diesen Begriff „Gleis“, weil dieser sprachlich und technisch bereits bei den Wagnern / Stellmachern gebräuchlich war und historisch als richtig und üblich empfunden wurde.

      Das mit dem Duden-Effekt kann man sich nur so erklären: Es sind dort wohl (zu) viele Altphilologen am Werk.

    15. Phipu Says:

      AnFra

      Du fährst du ja mit einer sehr gehobenen Erklärung auf. Das ehrt natürlich die damaligen Schriftsetzer für Bahnschilder, die übrigens nicht alle auch Helveten sein müssen:

      http://www.spielzeugraritaeten-walter.de/images/foto108.jpg
      Märklin (Göppingen, DE), 1906

      http://www.sagen.at/doku/fo_fotos/versare_kopie.jpg
      noch heute im Südtirol (IT)

      Ich hätte da aber noch eine andere, viel profanere Erklärung parat, weshalb auch heute noch so oft „Geleise“ benützt wird. Es geht um das alemannische „Dialekthandicap“, das sich bemerkbar macht, sobald man gezwungen wird, auf Hochdeutsch „umzurechnen“.

      Heisst das Schweizerdeutsche „Glächter“ nun auf Hochdeutsch „Gelächter“? Die Vorsilbe „ge“ wird ja im Dialekt zumindest um den e gekürzt („gchürzt“) oder bei zu komplizierten Ausspracheformen ganz weggeputzt („wägputzt“). Diskussion dazu hier: http://www.blogwiese.ch/archives/680#comment-164071

      Woher sollen wir Dialektsprecher nun also wissen – zumindest bis wir in der Schule Hochdeutsch lernen – ob es Gländer oder Geländer heisst, Glump oder Gelump, Glas oder Gelas, gleiten oder geleiten, Glück oder Gelück? Dann kann ein schweizerdeutsches „Gleis“ genauso gut zum hochdeutschen „Geleis“ mutieren, besonders wenn diese Schreibform der poetischen Karrspur in Büchern auch tatsächlich referenziert wird, und es durch seine Häufung dann sogar bis in den Duden schafft.

      [Anmerkung Admin: Phipu, das hast du wirklich schön gesagt gsagt]

    16. AnFra Says:

      @Phipu

      Die Sache mit dem Gleis und Geleis hat schon was. Im Web gibt’s sicherlich ca. 10 bis 20 % Einträge mit dem „e“. Geleisanlagen, Geleiskörper, Geleisübergänge, Geleisgruppen, Geleisstrecken: Im Modelbereich, in Katalogen und auch in der wirklichen Wirklichkeit.

      Die Kollektivbildung des „Ge-“ beschreibt i. d. R. eine Anzahl von den gemeinten Dingen, eben die Leisen / Spuren, Büsche, Berge, Steine usw. Hier in diesem Fall beim „Gleis“ handelt es sich um ein konkretes Ding, also kein Kollektiv, die Spurrillen in der römischen Via, also einer mit mineralischen Materialien bedeckten militärischen und merkantilen Fernstrasse (äquivalent der modernen Autobahnen). Da die alten Römer auch extreme Befürworter und Anwender der Normierung waren, ist überwiegend von einer einheitlichen und im gesamten Imperium Romanum geltenden und verbindlichen Bemaßung der Spurbreite auszugehen.
      Die ollen Römer wussten es: „Einheitliche Spurrillen erleichtern die Logistik und die erzielte Mobilität gewinnt den Krieg“. Und das 2.000 Jahre vor dem Guderian.
      Im Teuteburger Wald vor nun genau 2.000 Jahre gab es keine logistische Rennbahn, keine befestigten Wege, nur barbarischen Chaos im furchtbaren, finsteren Wald, da wo die wilden germanischen Kerle hausen. Dies hat bis in die Neuzeit eingewirkt.
      Und hier liegt auch die mögliche Lösung für die Unterscheidung zwischen Geleisen mit „e“ und Gleisen „ohne e“. Das alte röm. „Gleismaß“ ist dann ein mittelalterliches Maß, welches hier vieles bewirkt. Den Aufbau und Maß der Handelswagen, Straßen- und Wegebreiten in Flur und Stadtbereich sowie die lichten Breiten der Stadttore und natürlich der Brücken. Mindestens 1.000 Jahre nach dem römischen Ende und über die Bahngleise bis zu uns.

      Bei den Brüdern Grimm (Nur Brüder, da es ja konkret zwei Söhne waren und nicht Gebrüder, also kein unbestimmtes Kollektiv, da ja die zwei Brüder konkret als ausschließlich zwei Söhne bekannt sind!) kann man bei „Geleise“ und „Gleise“ nachlesen. Die Merkliner sind Schwaben und viel Spielzeug und Tand kam aus Nürnberg und dem fränkisch-thüringischen Umfeld. Das könnte eventuell die lockere und unverkrapfte Schreibweise aus dem Oberdeutschen mit dem „e“ erklären.
      Die oberdeutschen Sprecher müssen nicht nur beim „Geleis und Gleis“ achten wie sie untereinander das „Gespräch oder Gspräch“ hierüber führen.

      Viel schärfer, wilder, abstruser und interessanter ist es mit den Begriffen „Perron“, Quai“ und „Bahnsteig“.

    17. AnFra Says:

      @Phipu

      Der „Quai“ ist auch so ne Duden-Altphilologen-Problematik.

      Im Duden wird „Quai bzw. Kai“ auf den „Gehege, Hag“ zurückgeleitet. Die phonetische Ähnlichkeit hätte schon etwas.
      Aber wenn man den techn. Aufbau eines historischen Kais in vereinfachter Art betrachtet, wie sie folgend dargestellt wird: Zum Wasser sind i. d. R. eine Reihe Rammpfosten, die mit Stämmen hinterlegt oder mit Faschinen verflochten sind. Dahinter zum Land hin dann eine Auskofferung mit Wacken oder mit Rosten aus Baumstämmen oder auch tiefer verbrachten Rammpfosten. Auf diesen Untergrund wird dann ein verdichtbarer Aushub (z. B. frei von Lehm, Ton und Schluff. Wandkies ist gut geeignet) aufgebracht. Als oberstes Planum wird eine Lage „Kies“ (z. B. mit der Sieblinie 2-63, d. h. 2,0 mm bis 63,0 mm Korngröße nach heutiger Normung) aufgeschüttet!
      Der Riesenvorteil der Kiesaufschüttung: Wenn das Wasser übertritt (auch beim Regen) und wieder fällt, kann es problemlos aus dem Kieskörper abfließen, da diese monostrukturelle Kiesaufschüttung die Eigenschaft eines Drainagekörpers hat. Die Kiesschüttung an der Oberfläche von diesem „Kai“ gewährleistet eine wasserfreie Oberfläche. Eine Be- und Entladung von Schiffen und Booten ist dadurch nun sehr einfach. Was man an der Oberfläche sieht, ist für den Menschen die Kiesung, also ist es ein „Kiesbauwerk bzw. Kiesweg“.

      Und hier der springende und scharfe Punkt: Da die Herkunft „Kai“ schwer ermittelbar ist, kann man eine logische Verbindung vom Kies zum Kai vermuten. Laut Br. Grimm kann man den „Kies“ im Norddeutschem und den skandinavischen Sprachen nicht nachweisen. Es scheint sich auf das Süd-(West)-germanische zu konzentrieren. Im Niederländischem ist der Kies der „kei, keye, kae“ und im Niederrheinischem ist der Kiesel der „kei“. Im Englischem nennt man Sandbänke „key“, z. B. in USA die Florida-Keys! Vermutlich kann man die Geburtsstätte des Kais im wasserreichen Niederungen im nord-westlichem Teil Mitteleuropas sehen.

      Da die errichteten Schiffsanlegestellen mit den aus Kies hergestellten Landebauwerken zwangsläufig mit den Straßen und Wegen verbunden waren, sind dann die zum Fluss- oder Seeufer parallel verlaufenden Straßenverbauungen nach dem „Verbausystem a la Kai“ dann auch Kais genannt worden. An den von 17. JH bis Anfang 20. JH. gebauten befestigten Uferrändern „Dammstraßen“ wurde der Begriff „Kai“ aus dem sichtbaren „Kies“ übertragen und weiter benutzt. Auch als die Uferverbauungen mit Steinmaterial errichtet wurden und die Straßenoberflächen mit Steinpflasterungen versiegelt wurden. Dies kann man auch noch in Zürich Limatquai sehen („Zürich“ = lat. „turicum“ = in dt. „Trockener Ort“).

      Dieses urfranzösisch scheinende Wort „Quai /Kai“ dürfte m. E. mit der fränkischen Herrschaftsergreifung sich im heutigen Frankreich etabliert haben. Eine weitergehende Verwandtschaft dieses fränk.-germ. „Kies“ mit anderen franz. Bezeichnungen kann man kaum finden. Die anderen techn. Begriffe scheinen röm.-lat. Abstammung zu sein.

      Eine alte indo-germ. / indo-europ. Verknüpfung ist jedoch wohl möglich, da im lat./ital. ein Weg mit Besandung bzw. Kiesung „caje“ genannt wird. Auch scheint eine sprachliche Verbindung zur sog. Druckluftkammer-Technik mit dem „Caisson“ möglich, in welchem dann am Flussgrund Sand und Kies abgetragen wird. Die ital. / span Bezeichnung für Fernwege „cammino / camino“ müsste man noch untersuchen.

      Der „Quai“ scheint jedoch ein extrem tolles Sprachen-Chamäleon zu sein!

    18. Guggeere Says:

      Das englische Wort «key» (auch «cay») für «kleine flache Insel» soll vom spanischen «cayo» her stammen. Ich kann zwar kein Wort Spanisch, aber das behauptet u.a. immerhin das Wörterbuch Merriam-Webster. «Cayo» bedeutet anscheinend etwa dasselbe wie «key» im Englischen. Über die als Keys bekannten Inseln vor Florida habe ich zudem irgendwo mal gelesen, dass die Spanier sie als «cayos» bezeichneten. Die Angelsachsen haben das Wort also wohl nicht aus den «wasserreichen Niederungen im nord-westlichen Teil Mitteleuropas» importiert.
      Die Verwandtschaft Quai / Kies / Key / Cayo scheint mir aber dennoch einigermassen plausibel.

      http://de.wikipedia.org/wiki/Key_Largo

    19. AnFra Says:

      @Guggeere

      Deine Meinung wg. der Florida-Keys hat schon was.

      Jedoch möchte ich sagen: Der Begriff „key“ ist Funktionell und geographisch in Angel-Sachsen, also weit (mind. 5 bis 800 Jahre) vor der Entdeckung Amerikas, üblich gewesen. Das soll meinen: Die flache sandig-kiesige Inselbezeichnung kann eindeutig nicht vom Spanischen übernommen worden sein.

      Da die Angel und Sachsen auch Westgermanen sind und aus dem sprachlichen und geographischen Umfeld aus dem heutigen Niederdeutschem Sprachgebiet stammen (Niederlande, Friesland uam, welche man nicht beim besten Willen als trockene Wüstengegend bezeichnen kann) haben sie diese wichtige Bezeichnung im 4. JH auf die engl. Insel mitgebracht. Es gibt augenscheinlich auch gälische Bezeichnungen, die einen ähnlichen Anlaut besitzen. Bei den grundelementaren Namen für Landwirtschaft, Bau- und Kriegstechnik, Geographiezeichnungen schimmern die altgerm. Benennungen immer noch oft durch.

      Da die Römer in Hispanien DIE Väter für fast alles waren, kann die Bezeichnung „cayo“ für diese flache Sand-Kies-Insel und für den gesandeten Weg „cammino / camino“ nur von ihnen stammen.
      Auch darf man die Westgoten nicht vergessen.
      Wenn sich bei der Aneignung der Halbinsel Florida durch die US-Amerikaner die span. Bezeichnung „cayos“ mit dem engl. (angl-sächs.) „keys“ sprachlich deckt, so ist es eine familiäre Wiedervereinigung. Im Hintergrund ist sicherlich schön die gemeinsame Herkunft aus dem indo-germ. / indi-europ. „kaa, kai, kei, kie uam“ für Kies zu erkennen.

      Im Florida-Cayos-Keys trifft der span.-lat. Name „cayo“ seinen engl.-germ. Namensvettern „key“!

      Denn Inhaltlich passen die Namen, Aussprache, Urbedeutung, techn. Verwendung, Ableitungen und Derivate des „Kai“ in jeglicher Hinsicht sehr gut zusammen. Auch deutet die franz. Bezeichnung „Quai“ auf die Herkunft mit einem anlautenden harten „k“.
      Der „Kai“ war in historischer Hinsicht auch ein extrem wichtiger Bestandteil bei vielen Stadtgründungen, die heutzutage DIE Städte sind: Paris, London, Mailand, Bologna, Köln, Prag, Bratislava, Warschau, Moskau, Berlin und natürlich Zürich! Neben einem Flussübergang war ein natürlicher oder künstlich erbauter „Kai“ (Kiesplatz) als der Umschlagplatz immer die Keimzelle des Handels. Denn die Güter konnten von der Straße auf den Fluss und umgekehrt umgeschlagen werden. Also der Knotenpunkt im Handelsnetz der Frühzeit und bis in die Zeit der Eisenbahn!!!
      Für Alemannen gibt’s ne interessante These: Die Bezeichnung „keien“ für schmeißen, werfen, fallen lassen, legen, absetzen, umsetzen, schubsen uam. könnte möglichen ihren Ursprung aus dem Umfeld dieses „kai“ abstammen. Da ist die Handelsware, die umgeladen wird. Alle Attribute der Handhabung der Umladerei tauchen hier auf. Auch sind immer handliche Kiesel vorhanden, um faule Mitarbeiten mit diesen zu „keien“. Also kann man faule Bootsknechte mit dem „keien“ eines Kiesel zur Arbeit antreiben.

      PS: Wie beim Duden sollte man bei Wiki (und auch bei der Blogwiese) immer eine gewisse und gesunde Skepsis ansetzen. Viele Übersetzer von Wörterbüchern sind nun mal ausschließlich sprachenorientiert (z. B. Altphilologen-Syndrom). Sie können leider daneben nicht auch noch eine fundierte Kenntnis über die Technik-, Kriegs-, Handels- und Natinalgeschichte besitzen.

    20. Franzl Lang Says:

      Bzgl. cayo – Kies …. wie wär’s mit französisch „cailloux“ für Kies?

    21. AnFra Says:

      @Franzl Lang

      Gut, aber nicht vergessen:
      „Kiesel = caillou“ (fr.) und auch „Kies = ghiaia“ (ital.).

    22. Nancie Figiel Says:

      Alter Artikel, aber sehr witzig 🙂

    Leave a Reply