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Renn wenn Du kannst — Was ist ein Turnschuhanschluss?

(reload vom 8.05.06)

  • Das tägliche Fitnesstraining am Zürcher Hauptbahnhof
  • Die Zür(i)cher sind kreativ. Sie haben nicht nur einen enorm vielseitigen Namen, den man je nach Herkunft mal mit oder mal ohne Input-i schreiben kann, nein, sie machen sich auch intensiv Gedanken über die Fitness ihrer Tagesgäste, den Pendlern aus den Umlandgemeinden. Tagtäglich strömen diese aus den hintersten Ecken der Agglo zu ihnen per S-Bahn oder Zug. „Agglo“ nennen die Zürcher liebevoll ihr Umland. Der Kosename „Agglo“ von „Agglomeration“ kommt von Lateinisch „agglomerare“, und das heisst wörtlich „fest anschliessen„. Klingt irgendwie richtig zärtlich, so nach „fest in die Arme schliessen„. Man hat sie richtig lieb, die Menschen aus der Agglo, wenn man in Zürich lebt und täglich von diesen Gästen besucht wid.

  • Ich — ES — Über-Ich in ZürIch
  • Die Zürcher (jetzt ohne „i“) unterdrücken schüchtern ihren Binnen-Vokal „i“, denn der steht für „Intensiv“ , so intensiv wie sie das Leben an der Limmat in der heimlichen Hauptstadt der Schweiz täglich neu empfinden. Gibt es eigentlich überhaupt noch eine andere Stadt von ähnlicher Bedeutung in der Schweiz? Es ist diese spezielle Ich-Bezogenheit in ZürIch, von Französisch „sur„, dem Wörtchen für „über„, hier in dieser Stadt mit dem eingebauten „Über-Ich„, was sie bei den restlichen Schweizern so beliebt macht.

    Intensiv ist diese Stadt vor allem für den Herzschlag der Pendler. Diejenigen, die mit dem zugigen Zug von Zug her kommen, werden besonders gründlich bedacht. Für sie hat man sich in Zürich am Hauptbahnhof ein morgendliches Spezialtraining einfallen lassen: Den Turnschuhanschluss.

    Das wunderbare Wort hat es sogar schon in die heiligen Hallen von Hugo Egon Balders „Genial Daneben“ Studio in Köln-Hürth geschafft. Das Rateteam mit Hella von Sinnen, sonst immer voll bei Sinnen und Verstand, und Bernhard „Der Streber“ Hoëcker, hat nicht herausgefunden, welche Bedeutung sich dahinter verbirgt. Es wurde gemutmasst und theoretisiert, Ereignisse aus der Deutschen Geschichte wurden diskutiert, in welcher das Wörtchen „Anschluss“ eine unsägliche Rolle spielte, nämlich beim „Anschluss Österreichs“ 1938 an Nazideutschland. Das Wort kann in Deutschland zwar auch heute noch verwendet werden, in Zeiten von „Beziehungskisten“ und „Lebensabschnittspartnern“ können Menschen mitunter keinen „Anschluss finden“.

  • Weg mit dem Anschluss, es lebe die ReiseMöglichkeit
  • Im Zusammenhang mit der Deutschen Bahn, die sich selbst nur noch „Die Bahn“ nennt, als ob es auf der ganzen Welt keine andere mehr gäbe, hat das Wort „Anschluss“ jedoch ausgedient und wurde schon vor Jahren im Zeichen der Privatisierung durch die „Reisemöglichkeit“ ersetzt. Kein Witz: Wenn Sie in Deutschland zu später Stunde ankommen, sagen wir so zwischen Mitternacht und 0:30 Uhr, dann können Sie von Glück sagen, wenn es diese „ReiseMÖGLICHkeit“ für Sie noch gibt. Anschlüsse haben Sie bald darauf sicher keine mehr, bis zu den ersten Frühzügen ab 5.00 Uhr.

  • Was ist ein Turnschuhanschluss?
  • Ein notwendig gewordener Sprint, den Sie am besten mit angelegten Turnschuhen und angelegten Ohren bewältigen, um bei der Ankunft ihres Zuges von Luzern/Zug/Thalwil am neuen Zürcher Bahnhof Sihlpost die 1.200 Meter bis zum S-Bahn-Tiefbahnhof „Museumsstrasse“ zurückzulegen. Von dort geht es dann mit der S-Bahn weiter. Klingt zwar sehr beschaulich dieser Bahnhof „Museumsstrasse“, heisst aber nur so, weil er auf der Seite des Schweizer Landesmuseums unter dem Zürcher Hauptbahnhof gebaut wurde. Von dem Museum sehen Sie also gar nichts. Hier unten irgendwo gibt es auch ein Stück Autobahntunnel, vor vielen Jahren erstellt und dann nie genutzt für die Autos, denn das dazugehörige Stück Autobahn unter der Oberfläche von Zürich wurde nie fertiggebaut. Nur das Tunnelteilstück ist fertig und wird als Lagerhalle oder skuriller Ort für House-Parties genutzt.

  • Der ultimative Kick per Board
  • Es gibt noch eine Alternative für die Turnschuhe: Kaufen Sie sich einfach ein Kickboard, am besten gleich mit Helm und Schonern dazu, denn dann haben Sie ein reelle Chance, innerhalb der vorgeschriebenen 4-5 Minuten ihren Anschlusszug an der anderen Seite des Bahnhofs tatsächlich zu erreichen.
    Hier der Weg in rot eingezeichnet, den Sie zurücklegen müssen.
    Der lange Weg zu Fuss per Turnschuh
    Sie sollten unterwegs das Geräusch eines Rettungswagens imitieren, dann haben Sie garantiert freie Fahrt in den Menschenmassen. Alternativ können Sie auch laut „Vorsicht: Heiss und fettig“ rufen und damit die anderen Pendler so irritieren, dass sich sogleich ein Gasse für Sie auftut. Erfahrene Pendler und „unter der Erde Umsteiger“ laufen oder kick-boarden übrigens auf der rechten Gangseite. Sie fallen mächtig auf, wenn Sie jetzt einen auf Britisch machen, und den Linksverkehr einführen.

    Turnschuhanschluss
    Turnschuhanschluss mit Helm, Kickboard und Reflektoren an den Turnschuhen. So soll es sein!

    (Zweiter Teil morgen: Die illegale Gleis-Lotterie am Bahnhof Museumstrasse)

    

    4 Responses to “Renn wenn Du kannst — Was ist ein Turnschuhanschluss?”

    1. Eric Says:

      Agglomeration ist einmal mehr kein spezielles Schweizerdeutsch sondern ein Fremdwort für „Ballungsraum“ – so wie im südlichen deutschen Sprachraum Fremdwörter (zB Orange) und im nördlichen deutschen Sprachraum (zB Apfelsine) Eindeutschungen eben allgemein üblicher sind.
      „Reisemöglichkeit“ ist der norddeutsche Ansatz der sog. „deskriptiven Sprache“. Das heißt man will aus irgend einem Grund selbsterklärende Begriffe haben die genau beschreiben worum es geht oder was sie „tun“. Freilich setzt dies dann hier zB voraus dass man „Reise“ und „Möglichkeit“ kennt, also ein seltsames Konzept. In die Kategorie passen auch andere Kopfgeburten wie „Schraubendreher“ für Schraubenzieher.

      „Wenn Sie in Deutschland zu später Stunde ankommen..“ – es gibt eine Stadt oder einen Bahnhof der „Deutschland“ heißt? Wie ich Pauschalisierungen liebe..

    2. Christian Says:

      Ich könnte seitenweise Bücher füllen zu Geschichten über diese sogenannten Reisemöglichkeiten…

      Sänk ju for träwelling wis Deutsche Bahn!

      Das nur am Rande…

    3. Guggeere Says:

      @ Eric
      Apfelsine ist nun auch nicht gerade das deutscheste aller Wörter. Und selbsterklärend schon gar nicht. Aber trotzdem ein originelles Wort – «herzig» würde ich als Schweizer so was nennen.
      «Reisemöglichkeit» hingegen passt mir gar nicht. Das ist nichts anderes als eine brutal hochtrabend-aufgeblasene Umschreibung für einen stinknormalen Zugsanschluss. Verspricht mehr, als sie hält; soll den Passagieren (äh, Fahrgästen) wohl das unbeliebte Umsteigen auf trostlosen Vorortbahnhöfen als Chance schmackhaft machen, die lockende Ferne hinter dem Horizont zu erkunden. Tönt (äh, klingt) nach meinem Dafürhalten eher wie die Ausgeburt eines gaaaanz besonders schöpferischen Werbefritzenhirns.

    4. Ulli Says:

      „Sie sollten unterwegs das Geräusch eines Rettungswagens imitieren, dann haben Sie garantiert freie Fahrt in den Menschenmassen. “

      Alternativ: Sombrero aufsetzen und ‚Ay, caramba‘ rufen.

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