-->

Kaffee zum Fortlaufen — Ostern in Oslo

  • Schlange stehen für den Pappbecher
  • In der Passage des Zürcher Hauptbahnhofs genauso wie am Gleis 3 in Bülach lässt sich Morgen für Morgen ein interessantes Phänomen beobachten: Die Pendler, auf Neu-Deutsch auch “Commuter” genannt, stehen an für eine Ware, wie weiland in der DDR wenn neue Schuhe im Geschäft zu haben waren. Sie kaufen Kaffee in Bechern. Nicht um ihn gleich zu trinken, wenn er frisch und voller Aroma ist, nein, sie wollen ihn mit sich tragen, sich daran festhalten, die Hände erwärmen und die Schnauze, die in der Schweiz höflicher als „Muul“ bezeichnet wird, daran verbrennen. Was sie dort in der Frühe kaufen, ist ein „Café-to-go“ oder „Kaffee-zum-Mitnehmen“. Was signalisiert uns der moderne Pendler mit diesem Becher in der Hand? Vielleicht: „Ich bin so wichtig und beschäftigt, ich kann unmöglich daheim in Ruhe frühstücken, das Büro würde ohne mich nicht anfangen können“, oder „mit einem Plastikbecher in der Hand habe ich was zum dran festhalten und muss nicht an meine aufgegebene Nikotinsucht denken“?

  • Prêt-à-manger aber nicht prêt-à-café
  • Keine Ahnung. In Frankreich, so erzählte mir ein französischer Freund, genauer gesagt in Paris, da hat sich diese Kultur nicht durchgesetzt. „Prêt-à-porter“, das ist Mode von der Stange, zum Mitnehmen und gleich Tragen, aber „Café-à-porter“? Wer will den mitnehmen, wenn es überall in Paris Bars mit Theken für den schnellen Kaffeegenuss oder mit Tischchen auf dem Trottoir für die gemütlichere Version gibt? „Prêt-à-manger“, die schnelle Küche, die gibt es mittlerweile auch bei den gestressten Franzosen, aber doch keinen Kaffeebecher zum Rumlaufen!

  • Immer schön fest den Pott in der Hand
  • Das Festhalten eines Kaffeebechers, genauer gesagt eines „Potts“ ist eine typisch amerikanische Erfindung. Es gehört zu jeder Lagebesprechung dazu, dass der Boss möglichst relaxt einen Pott Kaffee umklammert, während er sich den Rapport der Mitarbeiter anhört. Sogar in Science Fiction Filmen wie „Alien“ oder „Startreck“ wird dieses Utensil als Gemeinplatz in Zukunftsgeschichten eingebaut. Hast du eine Krise zu besprechen, dann mildere den Ernst der Situation und demonstrierte deine entspannte Aufmerksamkeit bzw. Fähigkeit zum Multitasking, in dem du beim Zuhören Kaffee aus einem Becher schlürfst. Macht mächtig Eindruck. Eine typische Geschäftsverhandlung in Deutschland oder in der Schweiz wird hingegen mit sehr förmlichem Kaffee-Anbieten eröffnet. Eine Untertasse und Crème aus einem Portionspäckchen mit lustigem Sammelmotiv sind dabei Pflicht, Smalltalk beim Eingiessen und Umrühren ebenso. Bloss nicht gleich zur Sache kommen. Ist man erst mal in der Verhandlung, bleibt für den Kaffeegenuss eh keine Minute mehr Zeit. Also brav vorher trinken.

  • Kaffee zum Schuheausziehen
  • Ich arbeite momentan immer noch in Norwegen. Dort ist es mir auf einem Geschäftstreffen passieren, dass der offerierte Kaffee schon 2-3 Stunden alt ist und so schmeckt, wie man sich eine aufgegossene schwarze Herrensocke, was man sich lieber nicht vorstellen möchte. Das Geschmackserlebnis bleibt gleich: es zieht Ihnen einfach die Schuhe aus. Die leeren Becher von Starbucks, Costa-Café oder wie die internationalen Anbieterketten sonst heissen, sind sehr beliebt bei den zahlreichen Bettlern auf der Strasse, die im Abstand von 100 Metern immer dort zu finden sind, wo reger Publikumsverkehr herrscht.

  • Kaffeebecher zum Betteln
  • Norwegen ist das laut Statistik das reichste Land er Welt, mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen, und doch sieht man viele Bettler. Der Kontrast könnte in der Hauptstadt Oslo nicht grösser sein, zwischen dem hübschen Schloss, in dem der norwegische König wohnt, und den Obdachlosen, die in Sichtweite des Schlosses vor dem Nationaltheater auf dem Gehsteig wohnen.

    Was man beim „Café-to-go“ in Oslo nicht sieht, in der Schweiz aber sehr wohl, ist das Gipfeli zum Kaffee in der anderen Hand. Als „Croissant“ hat es in Deutschland längst Einzug erhalten, doch bis nach Skandinavien ist der Siegeszug noch nicht fortgeschritten. Die Norweger essen lieber frische Waffeln zum Frühstück, und das dann doch lieber im Sitzen. Das finden sie „hyggelig“, wie überhaupt fast alles oft als „hyggelig“ bezeichnet wird. Nein, nicht hügelig, sondern „angenehm, bequem, gemütlich, nett“. All das kann „hyggelig“ heissen. Ostern feiern die Norweger übrigens gern eine ganze Woche. Von Palmsonntag bis Ostermontag ist fast niemand im Geschäft. Gründonnerstag ist ebenso wie Karfreitag ein offizieller Feiertag. Na dann „god påske“ oder „Frohe Ostern“!

    

    13 Responses to “Kaffee zum Fortlaufen — Ostern in Oslo”

    1. Fischkopp Says:

      Herr Wiese, ihnen ist glaub ich ein Fehler unterlaufen!

      Norwegen hat mit Sicherheit nicht das größte Bruttosozialprodukt!
      Das höchste Pro-Kopf-Einkommen triffts wohl eher!

      [Anmerkung Admin: Danke für den Hinweis, werde ich gleich korrigieren ]

    2. Mare Says:

      Ich sehe die Pendler immer mit Kaffeebechern, bevor sie in den Zug steigen. So kann man das Frühstück und Wachwerden in den Zug verlagern und hat erst noch etwas zu tun unterwegs.

    3. Simone Says:

      Das mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen in Norwegen wirkt sich auch auf die Bettler aus. Bereits 1996 wurde ich auf der Straße immer angehauen: „Gi meg ti kronor“ (norwegische Alternative zu „Haste ma ne Mark?“).
      Kaffee wird in Norge gerne durchgekocht, von daher ist es wichtig, dass er 2-3 Stunden zieht. Tipp: Streu doch ein wenig Kardamom drüber. Schmeckt auch gut im Waffelteig.

    4. Phipu Says:

      Tägliches Kaffee trinken im Wegwerfbecher muss nicht zwingend mit „cool“ oder „wichtig“ zu tun haben. Ich sprach auch schon einen Freund an „meinem“ Bahnhof darauf an, als er sich ein solches Pendlerzmorge (Kaffe und Gipfeli zum mitnehmen) kaufte. Er entgegnete mir das einleuchtende Argument, dass er in seinem Haushalt mit den „ringhörigen“ Zimmerwänden frühmorgens seine Familie (mit kleinen Kindern) nicht wecken wolle. Die heute allhaushaltsgegenwärtige Kaffeemaschine macht nämlich ziemlich viel Lärm. Als Kaffeemuffel hatte ich mir diese Überlegung gar noch nie angestellt.

      [Anmerkung Admin: Schön von dir zu lesen, Phipu! Wir dachten schon, diese schlechte Stimmung hier hätte dich vergrault. Warum sollte Kaffeekochen Lärm machen? Wenn Wasser durch den Handfilter läuft, ist das eine ziemlich leise Angelegenheit. Nur das frische Mahlen, da hast du recht, macht einen höllischen Krach. Ansonsten gebe ich dir recht: Tee ziehen lassen geht auch ziemlich geräuschlos. ]

    5. AnFra Says:

      Der Becher, eigentlich und ursprünglich ein schönes Werkzeug um Frieden und Eintracht zu beschließen.

      Denn der Becher ist ein Gegenstand, welcher ursprünglich zwei Griffstücke / Henkel besessen hat. Schon der Name „Becher“ ( mhd. becher, ahd. behhari, aus vul.lat. bicarium und piccarium, ital. bicare) führte im Namensursprung bei den Lateinern und Griechen den Begriff „bicarium“ bzw. „bicos“, also die Zwei-Griffigkeit / Zwei-Henkligkeit zurück. Er war ursprünglich mit zwei Henkeln ausgestattet, um vom Gebenden sicher an den Empfänger weitergeben werden zu können. Der Empfänger konnte dann den z. B. Friedenstrunk mit beiden Händen zum Munde führen und den Frieden begießen.

      Drum, Zuercher / Züricher, lass uns Wein vom Zürich- und Bodensee in den Friedensbecher schütten / rühren und uns gemeinsam, jeder an seinem Henkel, daraus einen großen Friedensschluck trinken.
      Hat doch was: Für die Blogwiese sich die Lebern ruinieren.
      Uawg.

      PS: In amerik. und leider auch europ. Schinken-Filmen sieht man die Wikinger teilweise auch aus den Helmen trinken / saufen. Der Helm hat dann dabei auch eine Funktion eines zwei-griffigen Gefäßes, da auf dem Helm zwei Kuhhörner angebracht sind.
      Der größte Quatsch der Weltgeschichte. Die Wikinger haben keine Kuhhörner auf’m Helm. Alles falsche Ableitungen aus den Wagner-Opern des 19. JH mit dem ganzen Trödel-Kram auf den Helmen (u. a. Schwanflügel, Schwäne, Sauen, Burgen, Landschaften und Hörner).
      Habe gestern im FS 1 10 vor 10 im Bericht über den Freizeitpark in Rust Grausamkeiten gesehen. Dort gibt es ne neue Themenecke für die „Nordmannen / Wikinger“.
      Mit was auf dem Kopf: Helme mit Hörnern! Und was für welche. Wahrscheinlich von indischen Langhornrindern, extra groß.

      http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Nestorbecher_Mykene.jpg&filetimestamp=20061202123252

      http://de.wikipedia.org/wiki/Kylix_(Gefäß)

    6. Phipu Says:

      Hallo Jens,

      Nein, nein, ich bin nicht vom Erdboden verschwunden. Ich schaue immer wieder, ob es neue Beiträge hat. Die gereloadeten habe ich ja schon so um 2006 rum kommentiert. Tatsächlich verleitet mich aber einer der neuen Kommentatoren fast täglich zum wegzappen, um meine Nerven zu schonen.

      Nun aber wieder zum Kaffee, was ja auch nicht gut für die Nerven sein soll:
      Heute ist geräuschlos aufgebrauter Filterkaffee oder Instantpulver vollkommen out. Das scheinst du ja hier schon zu ahnen:
      http://www.blogwiese.ch/archives/663

      „Man“ hat eine Maschine zuhause stehen, in die jedes Familienmitglied seine Lieblingskapsel der schier unendlich farbigen Auswahl einwerfen kann. What else?
      https://secure.nespresso.com/precom/sima/selector.php?pays=ch&lang=de
      Aber eben, der Nachteil ist: Auf Knopfdruck beginnen recht starke 50Hz-Wechselstrom-Vibrationsgeräusche. In „ringhörigen*“ Blöcken reicht das schon aus, um Frau und Kinder zu wecken. In gewissen Häusern hört man sogar ja das Klicken der Lichtschalter in der Nachbarwohnung.

      * „ringhörig“ versteht man, wenn man „ring“ kennt:
      http://www.blogwiese.ch/archives/810

      Wer so was nicht hat, ist ein unverbesserlicher Konsumverweigerer (so auch ich), der die Aluminiumproduzenten (Kapseln) und einen Nahrungsmittelmulti mit Sitz am Genfersee knietief in die Krise schickt – oder zumindest auf den heissen Stein tropfend dazu beiträgt, dass sie sich etwas weniger goldene Nasen verdienen.

    7. solanna Says:

      Du sprichst mir aus dem Herzen, Phipu. Auch ich sperre mich gegen den Kaffee-Schickimicki (oder heisst es etwa die oder das Schickimicki???). Wenn in Eile einfach Koffein für den Kick zum Wachwerden not tut, gibts löslichen Kaffee (aber auch nicht vom Konzern am Genfersee, sondern FairTrade aus Ostafrika) und sonst „Italienischen“ aus der Aluminium-Schraub“maschine“. Blickdick schwarz.

      Ausser einem Zischen, wenn heisser Espresso auf die heisse Herdplatte überspritzt, hört man da nichts.

    8. Phipu Says:

      An Solanna

      Es ist erstaunlich, wie viele Leute auf das Bialetti*-Prinzip schwören. Das sieht man schon hier in den Kommentaren.
      http://www.blogwiese.ch/archives/663
      http://www.blogwiese.ch/archives/597

      Sogar ich als Kaffeemuffel habe so eine Kanne zuhause. Das viele Aluminium, das zu ihrer Herstellung verbraucht wurde, entspricht zwar etwa 100 Kapseln (eigene Schätzung). Immerhin kann ich sie aufgrund meiner geringen Kaffeetrinkfrequenz wohl ein ganzes Leben brauchen, was mein Konsumentengewissen wieder etwas beruhigt.

      * siehe
      http://de.wikipedia.org/wiki/Espressokanne

    9. Nick Says:

      Haha, das mit dem Kaffee ist mal nicht schlecht, vor allem will man ja nicht unhöflich sein und Sachen stehen lassen, aber einen 3 Stunden alten Kaffee trinken, würde ich nicht gerne.

    10. solanna Says:

      @Phipu

      Ach waren das noch Zeiten, als es unter 53 (!) Responses zwar kleine Anspielungen und Neckereien, aber noch keine plumpen, abschreckenden Niedermachereien mehr gab.

      Richtig nostalgisch, wieder einmal nachzulesen, wer sich doch damals noch regelmässig räusperte. Hoffentlich lesen wir doch wieder einmal von jenen, die damals zum harten Kern gehörten, aber plötzlich „schriftlich verstummten“.

    11. Mare Says:

      @Phipu: Es gibt die Bialetti auch in (Chrom)stahl. Die halten garantiert ein ganzes Leben lang, sogar bei täglich dreimaligen Gebrauch. Nur hie und da die Gummidichtung wechseln.

    12. Ilka Says:

      Ich bin ja richtig happy zu erfahren, dass Wiese wieder bloggt!
      Was den Kaffee-Multi vom Genfersee betrifft, so habe ich mich auch davon distanziert, nachdem ich mich fast ruinierte mit dem Kapselkauf. Zurück zur Kaffeemaschine mit Filterkaffee.

    13. Susann Geyer Says:

      Ach, ach, auch in Dänemark ist alles, alles, alles immer hyggelig… zum Gähnen, oder Schreien, in jedem Fall zum Davonlaufen.

    Leave a Reply