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Wenn eine Schwiegermutter unter die Verleger geht

(reload vom 26.04.06)

  • Verlegen Sie auch Ihre Schriften?
  • Bisher kannten wir den Verlag als Wirkungsstätte eines Verlegers, der sein Geld damit verdient, Bücher und andere Schriften drucken zu lassen und sie dann zu verlegen. Nein, nicht das „Verlegen“ was Sie vielleicht jetzt meinen, wenn Sie daheim einfach die Autoschlüssel nicht mehr finden können, weil Sie sie vielleicht „verhühnert“ haben, also in der Wohnung irgendwo verlegt. Wir meinen „verlegen“ im eigentlichen Sinne im Sinne von „Bücher veröffentlichen“.

    Das deutsche Verb „verlegen“ ist ausgesprochen vielseitig, wie uns der Duden lehrt:

    verlegen [mhd. verlegen, ahd. ferlegen; 7:
    urspr. = Geld (für die Druckkosten eines Buches) vorlegen, vorstrecken]:

    Nehmen wir dies als Grundbedeutung.

    1. an eine andere als sonst übliche Stelle legen u. deshalb nicht wieder finden: den Schlüssel, die Fahrzeugpapiere, die Brille verlegen; ich habe meinen Schirm verlegt; Ein verlegter Totozettel und die Folgen (Hörzu 18, 1981, 65).

    Für dieses „Verlegen“ kann man in Deutschland auch „verschusseln“ und in der Schweiz „verhühnern“ sagen.

    2. etw., wofür ein bestimmter Zeitpunkt bereits vorgesehen war, auf einen anderen Zeitpunkt legen: eine Tagung, einen Termin verlegen; die Premiere, Veranstaltung ist [auf nächste Woche] verlegt worden.

    Da werden wir aber ganz verlegen, wenn wir unser Rendezvous verlegen müssen. In Deutschland hat sich das „Stelldichein“ dafür nie durchsetzen können, wer stellt sich schon selbst ein, ausser er ist Arbeitgeber? Duden-Bedeutung 3. – 6. bezieht sich aufs „Rohre verlegen“ u. ä., doch dann kommt

    7. (von einem Verlag) veröffentlichen:
    einen Roman verlegen; seine Werke werden bei Faber & Faber verlegt; dieses Haus verlegt Bücher, Musikwerke, Zeitschriften; … als Inhaber der Cotta’schen Buchhandlung, die auch Goethe verlegte (W. Schneider, Sieger 464).

    Und wo bleiben die „Schriften verlegen“ in der Schweiz? Wir fanden Sie in einem Artikel des Tages-Anzeigers vom 18.04.06 auf der Titelseite. Es geht um die Schwiegermutter von Berlusconi, die ihre Schriften nach S-chanf verlegt.

    Schriften verlegen

    Diese Gemeinde im Engadin schreibt sich übrigens wirklich so mit Bindestrich und freistehendem S, dass ist kein Trennungswitz. Sie hat einen Ortsteil namens „Cinuos-chel„, auch mit Bindestrich und klein weiter.

  • Was heisst „ihre Schriften verlegen“.
  • Schreibt die 76jährige Flora Bartolini an einem dicken Buch? Werden ihre Werke nun in dem kleinen Dorf „S-chanf“ gedruckt und verlegt? Nein, ganz und gar nicht. Um den Satz aus dem Tagi verstehen zu können, müssen wir die besondere Bedeutung von „Schriften“ in der Schweiz erklären. Dazu meint unser Variantenwörterbuch:

    Schriften CH die; nur Plur.:
    schriftliche [amtliche] Legitimation einer Person; Ausweisdokument: „Bei einem Wegzug muss die Niederlassungs- bzw. die Aufenthaltsbewilligung der Gemeinde zurückgegeben werden, damit die Einwohnerkontrolle die deponierten Schriften aushändigen kann“ (Gemeinde Reutigen, 2002, Internet)

    Seine „Schriften verlegen“ heisst also in der Schweiz, alle seine Ausweise und Bewilligungen auf eine andere Gemeinde tragen, sich dort anmelden und seinen ersten Wohnsitz deklarieren. Frau Bartolini tut dies, damit sie in S-chanf ein Haus kaufen kann, denn das geht nicht, wenn man nicht dort wohnt, bzw. so tut als ob man dort wohnt. Das bringt ihr ein paar nette Vorteile. So schreibt der Tages-Anzeiger weiter:

    „Sie profitiert bei den Steuern von einem Pauschalabkommen, gültig für Personen, die in der Schweiz domiziliert, hier aber nicht erwerbstätig sind.“

    Das Wörtchen „domiziliert“ haben wir jetzt nicht mit „domestizieren“ (von lat „domesticare“ = zähmen) verwechselt, aber messerscharf mit stets „parat“ (und nicht bereit) gehaltenem Fremdwörterbuch in der Schweiz herausgefunden, dass es gleichfalls etwas mit „Domus“, der Heimstatt/dem Haus zu tun haben muss. Unser Variantenwörterbuch sagt es klipp und klar:

    domiziliert CH Adj. (nicht steigerbar): „wohnhaft“:
    „Das Generalsekretariat des Europäischen Musikrates (EMR), domiziliert in Aarau, zieht am 1. Januar 2000 nach Bonn“ (Blick 28.10.1999)

    Übrigens auch im deutschsprachigen Teil von Belgien bei den Flamen bekannt. Es gibt also noch andere kleine Völker, die sich von Französischen Nachbarn das ein oder andere Wort abgucken. „Fritten“ zum Beispiel, oder „Mayonnaise“, zu denen wir in Deutschland bekanntlich „Pommes Schranke“ sagen. Vgl. Blogwiese.

    

    9 Responses to “Wenn eine Schwiegermutter unter die Verleger geht”

    1. cocomere Says:

      Weiss jemand ob diese Berlusconi-Schwiegermutter überhaupt mal in S-chanf angekommen ist?

    2. AnFra Says:

      Beim „domestizieren“, welches eine unendlich schwierige Sache sein kann, darf man eigentlich nicht an zähmen denken.

      Den Ursprung dieses seltsamen Begriffes sollte man bei den indogerm. / indoeurop. Völkern suchen. Die Quelle ist im Namen der Eiche enthalten. Die Eiche ist im griech. „doma“ für dom / Dom, welches aus dem griech. „dorn, dor, dom“ für den besagten Baum abstammt. Im slaw. „dub“, poln. „domb / dab“. Der Schlüssel liegt hier: „Die Götter wohnen in diesem Baum“.
      Da die Protogriechen zuerst auch Waldbewohner waren und erst später in die waldarme / steinreiche griech. Landschaft zugewandert sind, haben sich dann dort die Götter auf die Berge, hier den Olymp, umgesiedelt. Aber die Götterbezeichnungen und das religiöse Umfeld hat die alten Namen behalten. Der vergleichbare Vorgang erfolgt in der Bautechnik. Die in Stein gebauten Tempel sind ursprünglich und eindeutig Holzbauten. Bei den Brüdern Grimm ist folgendes lesen: ….. „Kennzeichen der eiche sind stärke, höhe und lange dauer, sie ist königin aller bäume“…..
      In der Gotik bis in den Barock war die Eiche „das“ besondere Bauholz durch recht extreme Eigenschaften.
      Wenn nun der von Göttern bewohnte Eichenbaum Baumaterial für die Sakralbauten abgab, wurden diese neuen Gebäude traditionell mit gleichem Namen tituliert.

      Das „Gotteshaus“ ist nun der „Dom“, das Haus der Götter und etliche Zeit später das Haus „des Herrn“. Diese Domizilierung bedeutete: Der Gott hat seine Bleibe gefunden. Diese Begriffsbeschreibung (lat. domus) ist später profanisiert worden und jede Zuführung von Tieren, Pflanzen und Heimgewöhnungen wurde Domeszifikation genannt.

      Es wird auch auf die Affäre mit der germ. Donareiche / Thoreiche in 723 n. Ch. und dem Missionar Bonifatius erinnert. Die Eiche wurde von ihm abgehakt und…..: Nichts. Der eine Gott und die germ. Götter müssen ihn gemocht haben. Er wurde von keinem Blitz getötet und wir sind nun Christen. Ne tolle Domeszierung. Aus der Eiche wurde Bauholz gearbeitet, dann eine Kapelle gebaut und ca. 500 Jahre später der Dom (!) von Fritzlar errichtet. Eine einmalige Kausalität.

      Die Eiche und die dt. Mythen und das Militär: Eine unendliche Geschichte. Anstelle des Lorbeer- dann der Eichenkranz. Die höchsten Insignien, z. B. der Marstallsstab aus Eichenholz.
      Die Abzeichen und Orden: überschwemmt mit Eichensymbolen, z. B. im 2. WK das Ritterkreuz, zur Steigerung mit Eichenlaub und extrem selten mit Brillianten. Die wichtigste Truppe sind die Jäger, in Grün und zum Teil mit Eichenlaubsymbolen ausgestattet. Daraus hat sich die dt. grüne Polizeiuniform entwickelt, die nun Blau und Schwarz wird. Usw.

      Zum scheinbar franz. „Dom“ kann man sagen: Dies ist im Deutschen sicherlich ein sprachlicher Rückwanderer. Denn m. E. ist dieser religiös belegte Begriff „dom“ für den Sitz der Götter erst durch die siegreichen germ. Franken in das gallo-römisch-lateinsch (vulgärlat.) Gebiet mitgebracht worden. In der Zeit der Gotik, die aus dem frankisch-französischem Gebiet sich ausbreitete ist dieser Begriff in einer neue-alten (romanisch-germanisch vermengt) Definition für ein Gotteshaus und hier besonders für eine Kuppelkonstruktion wieder ins Deutsche zurück gekommen.

      Der Mensch ist doch ein Gewohnheitstier.

    3. Egon Says:

      das habe ich gleich ausprobiert: „domiziliert“ – wusste wieder keiner … das Gleiche wie mit dem Zeigefinger.

      Müsst ihr mal ausprobieren. Ist der Test: Jeder zweite CHler denkt der Mittelfinger ist der Zeigefinger

      und noch einer „vis-a-vis“ – jede dritte: „null check“

    4. cocomere Says:

      @Egon

      Je nach dem, wie man sich den andern gegenüber benimmt, zeigen die Leute halt mit dem Mittelfinger auf dich. Wenn es wirklich jeder zweite sein soll, dann musst du dich vielleicht schon mal fragen, wieso die das tun…

    5. Helena Says:

      Chinuos-chel ist doch ein eigenes Dorf mit eigenem Bahnhof und kein Ortsteil von S-chanf. Das weiss ich, weil ich in beiden Dörfern je einmal ein Tierschutzlager vom Jugendtierschutz verbracht habe.
      Der Bindestrich bei S-chanf soll nur verhindern, dass der Ort als «Schanf» ausgesprochen wird. Man spricht den Ort als «Skanf» aus. Rätoromanisch halt 😉

    6. Eine Zuercherin Says:

      nicht zu vergessen: du häsch en schöne Verlag! (=Sauordnung)

    7. Brun(o)egg Says:

      @ Egon

      Also im Moment ist der Mittelfinger in der Schweiz schon der Zeigefinger.
      Nach oben ausgestreckt.

      Was vis-a-vis betrifft: Wurde die sicher aussagekräftige, Zielpublikum relevante Umfrage die Du ansprichst in der Schweiz oder in Deutschland gemacht? Wenn in der Schweiz: Hast Du per Zufall nur eingewanderte Deutche erwischt? Umfragen sollten halt schon repräsentativ durchgeführt werden, nicht wahr?!

    8. Guggeere Says:

      @ Helena

      Zur Aussprache von Wörtern mit «s-ch/sch» im Engadiner Romanischen: Es stimmt, dass «sch» wie im Deutschen ausgesprochen wird. Hingegen bedeutet der Bindestrich, der so auffällig mitten im «es-ce-ha» steht, dass diese Buchstabenfolge als «schtsch» auszusprechen ist. Also etwa so wie bei der russischen Suppe namens Borschtsch (steht immerhin so im Duden). Ungewohnt und schwierig für Deutschsprachige, aber für die Romanen nicht ganz unwichtig. Denn «pasch» zum Beispiel bedeutet Friede und «pas-ch» Viehweide…

      Anderseits liegst du dennoch nicht ganz falsch: Viele Engadiner Ortsnamen gibts auch in verdeutschter Version: z.B. Münster (statt rätoromanisch Müstair), Sils (statt Segl) und eben auch Scanfs (S-chanf) und Cinuskel (Cinuos-chel). In neuerer Zeit allerdings werden die meisten germanisierten Namen in der Öffentlichkeit viel seltener verwendet.

    9. Marko Says:

      Ich glaube das besagte Umfrage schon ziemlich repräsentativ angegangen wurde. Alles andere ist Statistik.

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