Nicht durch die Reihe, sondern durchs Band — Neue Schweizer Redensarten

November 20th, 2008

(reload vom 16.2.06)

  • Nicht durch die Reihe, sondern durchs Band
  • Wir lasen in der Sonntagszeitung vom 29.01.06:
    durchs BAnd

    „Seit Ingrid Deltenre den Kurs bei SF bestimmt, sinken die Quoten praktisch durchs Band.“

    Und wir glaubten immer, das Fernsehen arbeitet mit Funkwellen, und nicht mehr mit Tonbändern. Oder werden die Sendungen auf dem „Fliessband“ hergestellt? Die Kult-Sendung „Am laufenden Band“ von und mit Rudi Carrell war unser Lieblingsprogramm in den 70ern. Dort durfte sich der Gewinner soviele Gegenstände wie möglich merken, die auf einem Fliessband an ihm vorbei fuhren. Gar nicht so einfach, wie jeder hier selbst ausprobieren kann: Spiel „Am laufenden Band“.
    Wer geht hier durchs Band?
    (Foto: tv-nostalgie.de)
    Doch was bedeutet die Formulierung „durchs Band“? Sie ist auf jeden Fall etwas Alltägliches, wie die 970 Funde bei Google-Schweiz beweisen.

    Ein paar Beispiele:

    „… Erfolg durchs Band bei konsequenter Anwendung … mit Kunden und privat …
    (Quelle: umberto.ch)

    oder

    Laibach zeigt tolle Weine durchs Band (…)
    (Quelle: Suedafrikainfo.ch)

    oder

    Auf Stock.xchng gibt es in 15 Kategorien rund 184 000 Fotos zu bewundern, und die Qualität ist durchs Band gut.
    (Quelle: Tagesanzeiger)

    Oder hier beim Schriftsteller Roger Graf:

    Schliesslich kann man in jedem Geschichtsbuch nachlesen, dass in den Jahrhunderten vor der Erfindung der Massenmedien friedliche und durchs Band intelligente, phantasievolle Menschen diesen Planeten bevölkert haben.
    (Quelle: rogergraf.ch)

    Wir finden es nicht im Duden, Redensarten-Duden oder bei den Brüdern Grimm. Durch die zahlreichen Belege bei Google-Schweiz vermuten wir, dass es die Schweizer Variante von „durch die Reihe“, „durchweg“ (= durch Weg), als „immer, ständig, die ganze Zeit“ bedeutet. Vielleicht hat es ja auch mit dem „Band auf der Ziellinie“ bei Wettläufen zu tun, das vor der Einführung von anderen Messmethoden vom Sieger durchtrennt werden musste, wodurch das Zielfoto automatisch geschossen wurde?

    Das spricht mal wieder Bände über unseren geringen Wortschatz. Wir geraten ausser Rand und Band über diese neue Entdeckung und knüpfen eine zarte Bande mit allen Helvetismen, doch jetzt ist das Band zu Ende. Ab durch die Mitte? Nein, ab durchs Band!

    Was muss Doktor Pögg? – Werbung in Bern

    November 14th, 2008
  • Werbung nicht verstanden
  • Ein Deutscher Kollege, der früher in der Schweiz gearbeitet hat und lange nicht mehr im Lande unterwegs war, schickte mir dieses in Bern fotografierte Werbeplakat mit der Bitte um sprachliche Aufklärung:

    „Dr Pögg muess ids Gou u dr. Börger ids Muu”

    Dr Pögg muess ids Gou
    (Quelle: privates Foto aus Bern)

  • Da könnten die Navajos einpacken
  • Wir fragen uns bei so einem prächtigenBeispiel für „gelebtes Berndeutsch im Alltag“ immer, warum die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg eigentlich für die Verschlüsselung ihrer Funksprüche im Pazifikkrieg gegen die Japaner die Hilfe von Angehörigen des Navajo-Indianderstammes in Anspruch nahmen. Kannten die vielleicht einfach keine Berner? An diesem Code hätten sich Japanische Dechiffrierspezialisten sicherlich auch die Zähne ausgebissen. Jetzt beissen sie, wie überall auf der Welt, in den „Börger“. Der gehört ins Muu, will heissen „Maul“, will heissen das humanoide Kauorgan in der unteren Gesichtshälfte, jedenfalls in der Schweiz. Wenn sie hier jemand auffordert, das Maul zu öffnen, dann ist das keine Beleidigung, sondern eine Arzthelferin, die einen Abstrich von ihrer Schleimhaut, sorry, „Schliimhuut“ natürlich, machen will.

  • Und Doktor Pögg?
  • Nein, das ist kein D.J. wie Dr. House oder Dr. Love oder Dr. Feelgood oder Dr. Strangelove (der in Deutschland „Dr. Seltsam“ heisst), das ist „der Puck“. Eine bekannte Gestalt aus Shakespeares Mittsommernachtstraum, ein Mond des Uranus, eine Hafenstadt in Polen und eine kleine runde flache Scheibe beim Eishockey, und um die geht es hier. Die darf nicht ins Maul, darum hat der „Keeper“ beim Eishockey auch ein Gitter davor, was dachten Sie denn? Diese Scheibe muss ins „Gou“. Da fehlt nur noch ein „a“ und ein „l“, dann ist es ein „Goal“. Kein Gaul, sondern das englisch Wort für „Tor“.

  • Vom Gou zum Muu
  • Wie kommen die Werber nur vom Eishockey-Puck auf den Burger? Vielleicht durch die ähnliche runde und kompakte Form, oder weil die Zielgruppe der Börger-Mampfer dieses Ding beim Eishockey-Gucken verspeisen sollen? Oder weil der Reim so hübsch ist? Da in Bern sowieso 80 % aller Wörter auf „ou“ enden, muss das Reimen dort grossen Spass machen. Wir wissen es nicht, freuen uns aber, wieder ein kleines Stück poetisches Berndeutsch gelernt zu haben. Und jetzt brauchen wir was „ids Muu“, muss ja nicht aus dem Restaurant mit den zwei Goldenen Bogen sein.

    Wenn sie in der Hitze einen Hitzgi bekommen

    November 10th, 2008

    (reload vom 12.2.06)

  • Was ist ein Hitzgi
  • Was könnte das nur wieder sein? Vielleicht einen „Hit“ beim „Ski“ fahren? Oder einen „Hitzeschlag“? Vielleicht ist es ja auch ein Einwanderer aus Polen, denn die haben alle irgendwie Familiennamen, die auf –ski enden.

  • Die Ruhrpolen
  • Im Ruhrgebiet wimmelt es in den Telefonbüchern von Essen, Dortmund oder Bochum nur so von Wischnewski, Maslowski, Rosowski und Kowalski. Alles keine „Ski-Fahrer“, sondern Nachfahren von Bergleuten, die vor über 120 Jahren zu Beginn der Industriellen Revolution, als der Kohlenpott noch eine grüne Wiese mit hübschen Fachwerkdörfern war, aus Polen geholt wurden:

    Mit Ruhrpolen sind die Menschen gemeint, die seit 1880 mit ihren Familien aus Polen ins Ruhrgebiet eingewandert sind und dort meist als Bergleute gearbeitet haben. Heute schätzt man, dass ca. 150.000 Deutsche von diesen Ruhrpolen abstammen.
    (Quelle: Wiki)

    Aber die schreiben sich alle mit „k“ im „-ski“ und haben mit dem „Hitzgi“ nur rein lautlich was zu tun. Google hat 560 Belege für „Hitzgi“.

    Duden und Wikipedia wissen dennoch nix darüber, also müssen wir die Schweizer fragen. Wir lernen sehr schnell:

    „Gegen Hitzgi hilft rückwärts trinken. Hicks!“
    (Quelle: Hitzgi)

    Denn ein „Hitzgi“ ist ein Schluckauf. Darüber weiss Wiki zum Glück wieder Bescheid:

    Der Schluckauf (lat. singultus = Schluchzen, Schlucken) ist eine reflektorische Einatmungsbewegung (Kontraktion) des Zwerchfells, wobei die Einatmung durch plötzlichen Stimmritzenverschluss unterbrochen wird. Dadurch entsteht ein hörbares Geräusch.
    (Quelle: Wiki)

    Im Schwäbischen haben wir die Bezeichnung „Häcker“ vernommen, und im Siegerland sollen die Leute dazu „Schlick“ sagen. Eigentlich eine wunderbare Sache, für die es zahlreiche lautmalerische Wortbildungen in jedem Dialekt gibt:

    In Bayern ist es ein Heschar oder Häggr

    In Südtirol ist es ein Schnaggl oder Schlukker . (Quelle:).

    In Kleve ein Schluckauf ein Hekk, ganz ohne Mek (Quelle:)

    In Franken ein Hedscher

    Mein Gott, das hört ja gar nicht mehr auf, ich kriege gleich selbst noch einen…
    Und falls Sie mal einen Schluckauf / Hitzgi / Häcker / Schlick / Heschar / Häggr / Schnaggl / Schlukker / Hek / Hedscher haben sollten, dann kennt Wiki auch ein paar Tricks, wie man ihn wieder los wird:
    Beenden von Schluckauf

    * Atem anhalten
    * tief in den Bauch ein- und ausatmen
    * viel trinken
    * sich stark auf etwas konzentrieren
    * während eines Kopfstands ein Glas Wasser trinken
    * Wasser schlucken mit zugehaltener Nase bzw. zugehaltenen Ohren
    * Zucker schlucken
    * einen Schluck Wasser nehmen und so lange wie möglich gurgeln
    * den Schluckauf vergessen (dabei kann man sich z.B. die Mahlzeiten der vergangenen Tage überlegen)
    * versuchen, die nächste Schluckauf-Kontraktion bewusst zu provozieren
    * Salz auf die Zunge streuen
    * erschrecken
    * auf einem Bein stehen
    * Kopf unter Wasser halten
    * plötzlich kaltes Wasser oder Eis in den Nacken
    * Mund in fließendes Wasser halten
    * Erbrechen (hierbei fragt sich jedoch, was als unangenehmer bzw. leichter ertragbar empfunden wird)
    * tiefes Summen „mit dem Bauch“. Beim Gesang ist „mit dem Bauch singen“ eine Singtechnik. Es gibt auch noch das „Singen mit der Brust“.
    * Reizung des Atemzentrums durch Einatmen von kohlendioxidreicher Luft, z.B. Ein- und Ausatmen durch Textilien oder Papiertüte, flache Atmung mit minimalem Luftaustausch, Einatmen über stark kohlendioxidhaltigen Getränken
    * ein Schnapsglas mit Balsamico-Essig trinken, zur besseren Verträglichkeit eventuell mit einem Teelöffel Zucker verfeinern
    * küssen
    * lachen, z.B. indem man sich auskitzeln lässt
    * Es wird oftmals „scherzhaft“ behauptet, ein Schluckauf lässt sich beenden wenn man an drei Glatzköpfe denkt.
    Man sollte aber auch an die Wirkung dieser Methoden glauben. Es ist möglich, dass die Wirkung erst durch den Placeboeffekt eintritt.

    Hier dürfen Sie einen Haufen machen — „äufnen“ in der Schweiz

    November 7th, 2008

    (reload vom 11.2.06)

  • Hier dürfen Sie einen Haufen machen — „äufnen“ in der Schweiz
  • Wir bekamen Post von einem aufmerksamen Deutschen Leser der Blogwiese, der über einen Begriff der Schweizerdeutschen Schriftsprache stolperte:

    Ich habe es im Radio gehört, es ging um die Welt-Klimakonferenz und man werde für einen bestimmten Zweck einen Fonds „äufnen„.

  • Mit „H“ oder ohne „H“ vor dem Vokal
  • Rein phonetisch erinnert das Wort an „häufen“, mit ein paar Umstellungen und einem vorangestellten „h“. Dies beobachten wir im Alemannischen auch bei den Kartoffeln, die mal mit „h“ als „H-erdäpfel“, und mal ohne „h“ als „Erdäpfel“ benannt werden. Oder hat hier ein Welsch-Schweizer versucht, Hochdeutsch zu sprechen. „Isch ‚abe ‚ier heinen ‚aufen Geld ange-`äuft“? In Lausanne hörte ich mal im Radio, wie ein Sprecher den alten Song „Our house“ von Crosby, Stills, Nash & Young“ mit „Hour ‚ouse“ ansagte. Und aus „Wieviel Uhr ist es?“ wurde bei unseren französischen Freunden mitunter „Wieviel Huhr(e) ist es“. Dafür kriegen wir Deutschen die Wortverkettung im französischen Satz nicht hin machen abgehackte hässliche Pausen im Sprachfluss.

  • Wo braucht man das Wort „äufnen“?
  • Mal schauen, ob das nur gesprochene Sprache ist, oder ob man das auch schreiben kann in der Schweiz. Man kann, sogar in einem Gesetzestext findet sich das Wort:

    Die Schweizerische Eidgenossenschaft ist verpflichtet, diese Sammlungen auf eigene Kosten zweckentsprechend aufzustellen, zu unterhalten, zu verwalten und zu äufnen.
    (Quelle:)

    Nur aus dem Zusammenhang ist das Wort für uns nicht verständlich. Google-Schweiz bietet 4’910 Fundstellen, das muss was Wichtiges sein!

    Auch im Tages-Anzeiger wird es erwähnt, dann hat es also alle Weihen der Schweizer Schriftkultur:

    (…) frei verfügbares Kapital in Form von Wertschriften sowie zusätzliches Vorsorgekapital in der zweiten Säule über Einkäufe fehlender Beitragsjahre zu äufnen.
    (Tages-Anzeiger vom 26.03.04)

    Als letzte Zuflucht greifen wir zum Duden. Der alte Schlauberger weiss es wieder, das hätten wir ihm echt nicht zugetraut:

    äufnen (sw. V.; hat) [mhd. ūfenen = erhöhen, zu: ūf, 1 auf] (schweiz.):
    [ver]mehren; (Kapital, Geld) bilden, ansammeln:
    eine Sammlung, ein Kapital ä.; Wie ist sicherzustellen, dass der durch staatlich verordnetes Zwangssparen geäufnete Sozialfonds von bald 25 Milliarden Dollar nicht missbraucht wird? (NZZ 13. 10. 84, 5).
    (Quelle: Duden)

    Also kein „Haufen“ sondern „auf-tun“ , „auf-nehmen“ steckt da drin, und es geht ums Fachvokabular für die Vermehrung von Geld. Jetzt wissen wir auch, warum wir das Wort nicht kannten. Wir kennen uns besser aus mit dem Fachvokabular für die Vernichtung von Geld, nicht für seine Vermehrung.
    P.S.:
    Wir fragten ein paar Schweizer Muttersprachler in unser Umgebung, ob sie uns erklären können, was „äufnen“ bedeutet. Konnten sie nicht. Wir sind beruhigt, denn es scheint, es gibt doch mehr Fachleute für die Geldvernichtung als für die Geldvermehrung.

    Überleben im Schweizer Satzbau — Was alles „erst noch“ passiert

    November 6th, 2008

    (reload vom 10.2.2006)

  • Was „erst noch“ passiert
  • Fast täglich stolpern wir bei der Lektüre des Tages-Anzeigers oder Schweizer Webseiten über ein Konstruktion mit „erst noch“, die wir nicht interpretieren können:

    Pisten gut – und erst noch Sonnenschein
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 04.01.06)

    Was heisst das jetzt: Danach wird es regnen? Erst haben wir noch ein bisschen Sonnen, danach nicht mehr?
    Erst noch
    Tages-Anzeiger vom 26.01.06
    Was passierte danach? Erst haben sie sich noch erfunden, dann muss da doch noch etwas anderes geschehen sein.

    Oder hier das Portal cash.ch:

    BAUHERRENBERATUNG: Guter Rat, der erst noch spart
    (Quelle: Cash.ch)

    Heh, das reimt sich sogar! Heisst das, später wird es dann richtig teuer?

    Der Begrif „erst noch“ findet sich bei Google-Schweiz 198.000 Mal.
    Oder hier, aus einem Tages-Anzeiger Artikel über einen Sammler alter Telefone:

    Engler hütet insgesamt 370 verschiedene Modelle aus der ganzen Welt, alle detailgetreu restauriert und erst noch funktionstüchtig
    (Quelle: Tages-Anzeiger)

    Später gehen sie dann kaputt? Was passiert danach, wenn „erst noch“ etwas geschieht?

    Wir stellen fest: In der Schweiz bedeutet diese Floskel etwas ganz anderes als in Deutschland. Dort wird das immer rein zeitlich verstanden. So z. B. in der Wochenzeitung, „Die Zeit“:

    „Das Schlimmste kommt erst noch“
    (Quelle: Manager-Magazin.de)

    Der Duden meint dazu:

    erst (Adv.) [mhd. ēr(e)st, ahd. ērist, Sup. von eher]:
    1.a) als Erstes, an erster Stelle; zuerst, zunächst:
    b) anfänglich, zu Beginn:
    2.a) nicht eher, früher als:
    b) nicht länger zurückliegend als:
    c) nicht mehr als:

    noch (Konj.) [mhd. noch, ahd. noh, zusgez. aus: ne = nicht u. ouh = auch, eigtl. = auch nicht]:
    schließt in Korrelation mit einer Negation ein zweites Glied [u. weitere Glieder] einer Aufzählung an; und auch nicht:
    er kann weder lesen noch schreiben; (…)
    (Quelle: Der Duden)

  • Erst noch und für einmal
  • Es kommt für uns in die gleiche Kiste wie das „für einmal“, welches in Schweizer Zeitungstexten ständig an Stelle von „diesmal“ oder „ausnahmsweise“ verwendet wird.

    Erst noch“ muss soviel wie „ausserdem“ bedeuten in der Schweiz, das können wir aus dem Kontext erschliessen. Allein, wir müssen es einfach „erst noch“ verstehen.