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Fast 10 Prozent Deutsche in manchen Zürcher Quartieren — Vorurteile bitte ernst nehmen!

  • Die vielen Deutuschen und wir
  • Unser Lieblingsmedium zur Erkundung der Schweizer Volksseele ist auch im 8 Jahr nach der Einwanderung nach wie vor der Tages-Anzeiger, jener Schweizer Zeitung mit dem Bindestrich, aus der wir fast täglich etwas über die Schweizer und ihre Sprache lernen können. Am letzten Samstag lasen wir unter dem Titel „Die vielen Deutschen und wir“ eine spannende Analyse von Edgar Schuler, die es uns wert scheint, näher betrachtet zu werden

    In manchen Zürcher Quartieren ist jeder zehnte Einwohner ein Deutscher. Das weckt Misstrauen und Vorurteile, die man besser ernst nimmt statt totschweigt.
    (Quelle für dieses und alle folgenden Zitate: Tages-Anzeiger vom 29.11.08, S. 15)

    Auf der beigefügten Grafik sind nur Maximalwerte bis 8.5 % erkennbar. Das ist „bis zu 10 %“, ohne Frage. Bei einem durchschnittlichen Ausländeranteil von 20% in der Schweiz soll es Stadtteile geben, in denen dies der Anteil der dort lebenden Schweizer Bevölkerung entspricht.

    Deutsche im Kanton Zürich
    (Quelle: Tages-Anzeiger 29.11.08)

    Dass die Zahl deutscher Staatsbürger in der Schweiz und speziell in Zürich in den letzten Jahren förmlich explodiert ist, stellen unterdessen nicht nur Einheimische fest, sondern auch Leute, die sich nur gelegentlich hier aufhalten: Hochdeutsch ist allgegenwärtig geworden, Deutsche bedienen im Restaurant, arbeiten auf dem Bau, behandeln und pflegen im Spital. Im Tram zucken Fahrgäste zusammen, wenn die Leitstelle in lupenreinem Hochdeutsch die Umleitungen bekannt gibt.

    Das mit dem „Zusammenzucken“ hat sich so langsam gelegt. Zumal Hochdeutsch grundsätzlich nicht „lupenrein“, sondern „geschliffen“ daher kommt, und bei den in Ostdeutschland angeworbenen Busfahrern nach allem anderen als nach „Bühnenhochsprache“ klingt.

    Die Statistik der ständigen Wohnbevölkerung stützt diesen Eindruck: Die Zahl der hier niedergelassenen Deutschen ist massiv angestiegen. Die Einwanderer aus dem Norden konzentrieren sich auf die Stadt Zürich, die jetzt rund 25 000 deutsche Einwohner zählt. In den Stadtkreisen 1, 6, 7 und 8 hat fast jeder zehnte Einwohner unterdessen die deutsche Staatsbürgerschaft. Dasselbe gilt für manche Seegemeinden.

    Dann verschwinden auch noch einige aus der Statistik, weil sie dezent „verschweizern“, Eidgenosse werden.

    Die «Germanisierung» wird längst offen diskutiert. Unbehagen macht sich breit. Aber statt den Ursachen und Gründen für dieses Unbehagen vorurteilslos auf den Grund zu gehen, sehen manche ihre Aufgabe darin, eilends Entwarnung zu geben: Als der «Tages-Anzeiger» letzte Woche Ergebnisse der Ausländerstatistik veröffentlichte, beeilte sich das Bundesamt für Migration, die eigenen Zahlen mit besonderen Umständen wegzuerklären. Thomas Held, Direktor von Avenir Suisse, einer Denkfabrik der Grosskonzerne, beschuldigte den «Tages-Anzeiger», Zahlen übertrieben zu haben.

    Ganz „den Ursachen und Gründen für dieses Unbehagen auf den Grund zu gehen“, genau dafür schätzen wir den Tages-Anzeiger so sehr.

    Warum darf nicht sein, was wache Geister in Zürich längst spüren und die Statistik klar bestätigt? Warum die Nervosität? Der Grund ist wohl: Die Propagandaschlacht um die Abstimmung über die Personenfreizügigkeit hat längst begonnen. Da kommt den Befürwortern alles ungelegen, was als Argument für ein Nein ausgelegt werden könnte. Da lässt man die Zuwanderungszahlen lieber gar nicht gelten und spricht von unbegründeter Aufregung.

    Es darf sein. Es sei. Die Statistiken sind alle wahr. Niemand ist nervös. Begrenzt die Zuwanderungszahlen, baut Zugbrücken, schafft die 2300 Ärzte aus Deutschland wieder aus, überlasst dein „O Sole mio“ singenden, lebensfreudigen Italiener wieder das Gastgewerbe und den Omnibusverkehr, dann ist alles gut.

    Klar: Die deutsche Einwanderung hat viele positive Aspekte. Die Erwei­terung der Personenfreizügigkeit hat seit Mitte 2007 einen fundamentalen Wechsel der Ausländerpolitik eingeläutet: Nicht mehr Asyl und Familiennachzug sind die Hauptgründe für die Einwanderung. Massiv zugenommen hat dafür der Anteil der Einwanderer, die kommen, um zu arbeiten, gerade auch in hochqualifizierten Berufen mit besten Löhnen.

    Und die sind nicht zu bremsen. Die zahlen sogar einfach die Schweizer Steuern und AHV Abgaben! Ausserdem geben Sie Geld aus, und steigern die Mieteinnahmen von Schweizer Vermietern. Unglaublich.

    Die deutschen Einwanderer haben Lücken im Schweizer Arbeitsmarkt gefüllt, die mit Schweizern gar nicht zu füllen gewesen wären. Sie bringen unsere Wirtschaft vorwärts, sind dabei sprachlich und kulturell weit integrierter als die Zuzüger etwa aus dem Balkan. Und das Beste: Weil sie überwiegend jung, mobil, bestens ausgebildet und dienstleistungsorientiert sind, haben sie in der sich ankündigenden Rezession beste Chancen, ihren Arbeitsplatz zu behalten – oder in ihrem Heimatland oder anderswo einen neuen zu finden. Dem Schweizer Sozialsystem werden sie voraussichtlich nicht zur Last fallen.

    Das mit der „sprachlichen Integration“ will ich überlesen haben. Und wollen wir überhaupt, dass unsere Wirtschaft vorwärts gebracht wird? Verdrängen die nicht die weniger gut ausgebildeten von ihren Wunscharbeitsplätzen?

    Also alles kein Problem? Nein. Das Unbehagen über die deutsche Invasion ist echt. Die Überfremdungsangst ist tief verwurzelt, ein unvermeidliches Bauchgefühl angesichts der grossen Zahl der Einwanderer.

    Gegen „unvermeindliche Bauchgefühle“ hilf etwas zu essen, vom „aufgestellten“ ostdeutschen Kellner an den Tisch gebracht. Oder ein Magenbitter Marke Jägermeister, auch aus Deutschland.

    Sie ist aber auch durchaus real: Bisher haben zwar noch nicht massenweise Schweizer ihre Arbeitsstelle an Deutsche verloren. Aber die Uni-Assistentin, die angesichts ganzer neuer Forschungsteams aus Deutschland ihre Optionen verschwinden sieht, ärgert sich mit gutem Grund. Der Zahnarzt, der Patienten an ein mit Deutschen besetztes Zahnärztezentrum verliert, bekommt es mit der Existenzangst zu tun.

    Schützt die Schweizer Zahnärzte! Verringert die Praxendichte, erhöht damit die Wartezeit auf einen Zahnarzttermin (bei einem Schweizer Arzt) und sorgt für neue Optionen für Schweizer Uni-Assistentinnen. Gibt es die wirklich?

    Und wer beim Besichtigungstermin für eine neue Wohnung in einer Warteschlange mit lauter Hamburgern, Brandenburgern und Schwaben steht, beginnt sich zu fragen, wie er zu einer neuen Bleibe kommen soll.

    In dem er einfach 10 KM raus fährt in Gegenden mit freien Wohnraum. Oder in dem Vermieter gezwungen werden, ab 3% Deutsche im Haus nur noch Schweizer als Mieter zu akzeptieren. Das erhöht sofort die Anzahl der leerstehenden Wohnungen.

    Die Zahl der Mitbewerber um gute Stellen und Wohnungen wächst, die Anforderungen an Ausbildung, Einsatz und Mobilität sind klar gestiegen. Sicher ist das ein volkswirtschaftlich gewollter und insgesamt positiver Effekt. Aber bei vielen Schweizerinnen und Schweizern verstärkt die massive Zuwanderung die Unsicherheit, die in der angespannten wirtschaftlichen Situation ohnehin zunimmt.

    Die Lösung lautet also: Weg mit den Anforderungen, weg mit der Unsicherheit, weg mit der angespannten wirtschaftlichen Situation. Schafft einfach mehr Binnennachfrage, durch Schliessen der Grenzen, dem Bau von Zugbrücken etc.

    Wer jetzt diese Verunsicherung kleinzureden versucht, erreicht nur, dass bei den Stimmberechtigten das Misstrauen weiter wächst. Das Vertrauen darin, dass der freie Personenverkehr für uns alle eine gute Sache ist, kann nur stärken, wer reinen Wein einschenkt und die Ängste ernst nimmt. Wer die Zahlen der Zuwanderung verniedlicht, zerstört Vertrauen.

    Ich mache jetzt sofort eine Flasche mit reinem Wein auf, und rede dann die Verunsicherung gross. Das hilft. Misstrauen wandelt sich in Vertrauen. Und wehe es verniedlicht noch irgendjemand irgendwelche Zahlen! Ängste sind hiermit ab sofort total ernst genommen. Noch jemand ohne Weinglas? Prost.

    

    54 Responses to “Fast 10 Prozent Deutsche in manchen Zürcher Quartieren — Vorurteile bitte ernst nehmen!”

    1. Gugus (Zürcherin in Genf) Says:

      @ Matthias:

      In Genf sieht das schon etwas anders aus, auch wenn ich nicht behaupten würde, dass die Genfer toleranter oder weniger „bünzlig“ als die Zürcher wären.

      Grundsätzlich sind sich beide Städte mitsamt ihren Bewohnern doch sehr ähnlich: wirtschaftliches Zentrum ihrer Sprachregion, hoher Ausländeranteil in der Bevölkerung, Bewohner werden von in den umliegenden Kantonen als zu selbstsichere, arrogante Grossmäuler tituliert (so quasi die Zürcher als die Deutschen der Deutschschweiz, und die Genfer als die Deutschen der Romandie – oder so.. 😉 bitte jetzt kein Torpedobeschuss!)

      In Genf, und auch anderswo in der Romandie, richten sich diffuse Ausländerängste im Bezug auf (qualifizierte) Arbeitsplätze und Wohnungen wohl eher gegen Franzosen (und die Rolle der „Jugos“ spielen hier eher Menschen aus Afrika oder dem Maghreb). Auch was die Sprache betrifft, werden die (eigentlich beinahe gleichsprachigen) französischen Nachbarn öfters als arrogant wahrgenommen. Allerdings lebt man in Genf schon seit Jahrzenten mit einer grossen Anzahl Grenzgängern, und zudem auch mit einer Vielzahl von Ausländern aus der ganzen Welt, welche in internationalen Organisationen hier tätig sind. Insofern sind sich die Genfer wohl eher als die Züricher bewusst, wie wichtig diese ausländischen Arbeitskräfte für die regionale Wirtschaft sind.

      Ich kann mir deshalb Pressekampagnen „à la Zurichoise“ gegen Franzosen oder sonstwen hier kaum vorstellen. Gut, eigentlich konnte ich mir letzteres in Zürich bis vor kurzem auch nicht vorstellen…

    2. Torsten Berger Says:

      @Kein Züricher: Ihre Reime sind genauso humorfrei wie der Rest den Sie hier absondern.

    3. Matthias - Berlin Says:

      @ Gugus: Besten Dank für die Info – sehr interessant zu lesen und sehr hilfreich.
      Infos und Vergleiche wie diese findet man sehr selten in der Presse!

      Eigentlich schon witzig, dass sich die Bünzlis immer zuerst an der eigenen Sprachgruppe vergehen … naja, weiter reicht der Horizont des Tellerrands über den man ggf. hinwegschauen müsste dann doch nicht … 😉
      … oder ist es etwa doch der „drohende“ Identitätsverlust bei Kontakt mit Leuten der gleichen Sprache, vielleicht sogar der gleichen geschichtlichen Herkunft und das man sich „auf Teufel komm raus“ hier zwingend abgrenzen muss?!
      Ist in beiden Fällen wahrscheinlich so, denn sowohl in Genf als auch in Zürich „droht“ die Gefahr des grossen Nachbarn aus dem Norden mit der gleichen Sprache … ausser das in Genf die Zeit wie es scheint die grössten Wunden bereits geheilt hat und aus der anfänglichen „Bedrohung“ eine Annehmlichkeit, eine Symbiose wurde und man hier vielleicht doch ein bischen weltoffener, toleranter, schlauer und vor allem mehr multikulti ist … Zürich, bitte den Genfern nachmachen!!!

      Was sehr, sehr schade ist: Seitdem ich diesen Blog mit all seinen Facetten lese, laufe ich hier in Berlin an der Schweizer Botschaft mit ganz anderen Eindrücken und Gefühlen vorbei … und fahre bei meinem nächsten Skiurlaub vielleicht doch lieber nach Österreich … sehr schade eigentlich.
      Liebe Schweizer: Vergesst nicht – dieser Blog kann überall gelesen werden und einige der Kommentare sind doch wirklich nicht Schweizer Niveau, o’dr!!!???
      In diesem Sinne – auf eine weiterhin nette Nachbarschaft in Europa!! 😉

    4. Hans-Rudolf Says:

      Hans-Rudolf Merz: «Die Schweiz ist eines der offensten Länder der Welt»
      😉

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