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Schweizer Lieblingstätigkeiten (Teil 2) — Luegen und rühren

(reload vom 17.12.05)

  • Rühr doch mal das Fondue um
  • Eine sehr wichtige Schweizer Vokabel ist das Wörtchen „rühren“. Nicht, weil die Schweizer so gern „gerührt“ werden durch Soap-Operas im Fernsehen. Diese rührenden Stücke „gucken“ die Schweizer sowieso nicht, sondern „luegen“ sie. „Luege“ hat wiederum nichts mit „lügen“ zu tun hat, sondern eher mit dem Englischen „to look“.

  • Auf dem Luginsland wird nicht gelogen
  • Im Freiburg im Breisgau gibt es den Hausberg „Schauinsland“, der auch „Luginsland“ genannt wird.
    Schauinsland mit Seilbahn
    Die Freiburger „lügen“ hier nicht, dass sich die Balken biegen, sondern „lugen“ = „look“ = „gucken“ einfach über die Nebelsuppe des Rheintals hinüber zu den Gipfeln der Vogesen, oder zu den noch höheren Gipfeln der Alpen. Webcams von dort oben findet man hier.
    Nebenbeigemerkt ist der Schauinsland kein Berg, sondern mehr ein Schweizer Käse, so sehr wurde er im Mittelalter durchlöchert und durchbohrt auf der Suche nach Edelmetallen. Schweizer Käse ist übrigens immer löchrig, das haben wir bei unserem Freund Geissenpeter aus Hamburg gelernt (siehe hier).
    Der Schauinsland ist ein Bergwerk
    Doch zurück zu den Schweizern.

  • Warum ist rühren wichtig?
  • Nun, gerührt werden muss vieles in der Schweiz, z. B. das leckere Käsefondue, damit es nicht anbrennt. Das tut es zwar sowieso, aber irgendwie muss man den Gast ja beschäftigen, also kriegt er einen Löffel in die Hand gedrückt und den Auftrag, ständig und vorsichtig umzurühren, damit der Käse flüssig und heiss bleibt.
    Ist beim Käsefondue doch etwas schief gegangen, stimmt die Mischung nicht, zuviel Wasser, zuviel Wein, was auch immer, und es gibt hässliche Klumpenbildung, dann hilft am Ende wieder nur „rühren“, wenn nämlich die ganze ungeniessbare Masse „fortgerührt“ wird. Wie sagte einst Otto Walkes in seiner TV-Kochstudio-Parodie: „Dann geben wir das Ganze unter langsamen Rühren in den Ausguss“.

  • Rühren kann noch anderes bedeuten
  • Fortrühren“ heisst also wegwerfen. Und weil das Wort schon mit „werfen“ assoziiert und die Schweizer Meister im „fortrühren“ sind, haben sie das Wörtchen „rühren“ gleich für „werfen“ im Sprachschatz behalten: „Rühr mir mal den Ball rüber“ ist für sie also nicht eine Aufforderung, nun einen Löffel zu ergreifen und mit Rührbewegungen einen Ball zum Zielort zu bewegen. Sie dürfen ihn einfach werfen.
    Kritisch wird’s dann beim Militär. Erteilt hier der Kompaniechef den Befehl: „Soldaten, rührt Euch„, sollten Sie sich keinesfalls fortwerfen, ins Gras oder in den Schlamm wohlmöglich, sondern einfach nur bequem stehen. Auch der Griff zum Taschentuch (das in der Schweiz sowieso nicht in der Tasche sondern in der Nase steckt und darum „Nastüchli“ heisst) um sich damit verstohlen und gerührt eine Träne wegzuwischen, wäre ganz falsch in dieser Situation.

  • Ruhen statt Rühren
  • Damit die Soldaten nicht durcheinander kommen mit den Kommandos in der Schweiz, wird der militärische Befehl, der in Deutschland „Rührt Euch!“ (ganz ohne Kochlöffel) lautet, in der Schweiz zu „Ruhen!“, so wie „sich ausruhen„. Wobei sich jeder ordentliche Schweizer Soldat unterstehen sollte, dies als die Aufforderung zu einem kleinen Nickerchen zu interpretieren.

    

    9 Responses to “Schweizer Lieblingstätigkeiten (Teil 2) — Luegen und rühren”

    1. Hobubätzi Says:

      fortrühren wird meines wissen nur in Zürich und Region verwendet.
      Nicht grade mein Lieblingswort.
      Sticht einem als Berner aber immer wieder ins Gehör.

    2. Anna Says:

      Ein Löffel fürs Fondue?? Und damit den Käse direkt von der Pfanne in den Mund löffeln?

      sehr schöne Idee, muss ich nächstens mal mit ausländischen Gästen ausprobieren…;)

    3. solanna Says:

      Etwas berühren heisst dafür hierzulande „aalange“, z.B. „Lang das nöd aa!“

      „Törf mes aalange?“ (Darf man es berühren? Dies etwa, um sachte ein Material zu prüfen)

    4. Thomas Says:

      ich wollt auf was aehnliches wie Hobubätzi eingehen: rühren im sinn von werfen, seien das Speisen oder Bälle, ist Züridütsch. Andere Zungen schmeissen oder ‚gheie‘ das Züg i Abfau, oder i Küder.

    5. Zomfgi Says:

      Im Schweizer Militär gibts kein „Rühren!“ und auch kein „Stillgestanden!“, Bsp.:

      „Kompanie, stillgestanden!“ = Deutschweiz: „Kompanie, Achtung!“
      (wobei das ‚A‘ extrem betont wird, damit man in einem Klapf in der Achtungsposition steht)

      „Kompanie, rühren!“ = Deutschweiz: „Kompanie, ruhn.“ (man begibt sich in die sog. Ruhnposition: Beine breit, Arme hinter dem Rücken verschränkt und Schnauze tief!)

      Gruss

    6. cocomere Says:

      Ich bin ganz gerührt über den heutigen Blogeintrag…

    7. phoboid Says:

      Etwas ähnliches wie luegen kenne ich auch aus
      der saarländischen (moselfränkischen) Mundart:
      „luu ma lòò“ = „Schau mal da“.
      Wobei luu auch von lugen kommt.

    8. spielmaus Says:

      an solanna:
      Berühren heißt hierzulande „aalange“. Da muss ich jetzt aber „zualange“. Auch „hierzulande“ im Schwäbischen sollte man keine heissen Töpfe „aalange“. Schön, dass wir immer wieder auch etwas Gemeinsames in unserer Alltagssprache haben.

    9. Kreis 7 Says:

      Was macht das Wasser im Käsefondue? Dieses wird lediglich am nächsten Tag für die Vertreibung des Katers verwendet, sollte man zu viel Weisswein und Kirsch dazu genossen haben.

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