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Bin ich mich selbst oder bin ich selbst? — Identitätsfindung von Schweizern und Deutschen

  • Ich will mich selbst sein
  • Ein merkwürdiges Kapitel Deutsch-Schweizer Selbstfindung kam uns unter. „Ich“ oder „Mich“ sein, dass ist hier die Frage, speziell in Verbindung mit dem Selbst. So lasen wir auf uma´s welt:

    Darf ich mich sein? Mit allem was ich bin? Mit meinen Rundungen, meiner empfindsamen Seele? Mit meinen Ecken und Kanten?
    (Quelle: Blog „uma’s welt“)

    Mich selbst sein“ ist wundervoll, und viel eindeutiger als „ich selbst sein“. In der Schweiz ist man viel lieber „mich“ als „ich“. So fanden wir auf bl.ch:

    Grundmotivation So-Sein: Ich bin mich selbst

    (Quelle: bl.ch)

    Ich bin mich selbst, du bist dich selbst, er/sie/es ist sich selbst, wir sind uns selbst, ihr seid euch selbst, sie sind sich selbst. Alles klar? Willkommen bei den Schweizern!

    Der Deutsche Regisseur Robert Schwentke, dessen bekanntester Film „Flightplan“ (2005) mit Jodie Foster ein grosser kommerzieller Erfolg in den USA war, ist offensichtlich davon schon angesteckt, denn er meint in einem Interview mit dem emagazine der Bank Credit-Suisse:

    Ich kann als Regisseur nur mich selbst sein. Ich versuche, die Stoffe, die mich interessieren, zu eigenen zu machen, und die Geschichten dann auf meine eigene Art zu erzählen
    (Quelle: credit-suisse.ch)

    Demnach ist das also doch nichts spezifisch Schweizerisches? Leider hilft uns Google bei der Beantwortung dieser heiklen Frage nicht wirklich viel weiter, denn die Suchmaschine findet bei der Eingabe von „ich bin mich selbst“ nur Lessings Nathan der Weise: „Du hörst, ich bin mich selbst zu loben, auch nicht faul“.

    Oder sie findet ein anderes Mal denkwürdige Songtexte: „UND ICH BIN MICH SELBST AM FRAGEN WANN ICH ENDLICH WIEDER FREI HAB“ des deutsch-tunesischen Rappers Bushido .

    Da bin ich mich doch selbst am fragen, ob der Autor dieser Zeilen nicht auch aus dem Ruhrpott kommt, wo dat da ständig „am regnen“ ist (Fehlanzeige, Bushido lebt in Berlin).

    Die Leute im Pott sprechen sowies echt lupenreines Hochdeutsch. So sagt die Mutter: Kind, sach mal wat mit „Wamama“ und „Hattata“! Antwort: „Wamama auf Schaalke, hattata gereechnet .“

    

    23 Responses to “Bin ich mich selbst oder bin ich selbst? — Identitätsfindung von Schweizern und Deutschen”

    1. Holger Says:

      „gereechnet“ bitteschön

    2. Micha Says:

      „Darf ich mich sein?“ oder „Ich bin mich selbst“?! Entschuldigung, aber welche Funktion soll denn bitte hier der Akkusativ haben? Es müsste dann ja auch heißen „Wen bist du denn?“ bzw. in der Sesamstraße „Wen nicht fragt, bleibt dumm“, oder täusche ich mich da?

      Mich würde interessieren, ob solche Formulierungen in der Schweiz allgemein üblich oder nur auf fehlende Grammatikkenntnisse einiger weniger zurückzuführen sind.

    3. bobsmile Says:

      Na, das war jetzt so ein richtig schönes Bettmümpfeli, leichter Hang zum „Sauglattismus“, aber lustig allemal.
      Ich weiss, ist jetzt nicht sehr konstruktiv, aber dafür von mir selbst …
      🙂

    4. Kiki Says:

      Hmm, ich kenne das eher mit „Hamsamsam“ und „Hattata“… 😉

      „Hamsamsamstach Fußball gesehen? Hattata geregnet!“ 😀

    5. lamiacucina Says:

      Wer hier wen angesteckt hat ist doch keine Frage. Den Ansteckungsherd vermute ich schwer beim deutschen Topmodel Claudia Schiffer und ihrer TV-Reklame für irgendein Haarpflegemittel aus Frankreich, das sie benützt „weil ich es mir wert bin“.

    6. lamiacucina Says:

      Eigengoal. Die schöne Claudia war’s doch nicht. Google zeigt an, dass sie in Frankreich korrekt mit „Parce que je le vaux bien“ wirbt. Also sitzt der Schuldige in der Werbeagentur, die den TV-Spot übersetzt hat. Da die auftraggebende Haarpflegefirma mit Nestle verbandelt ist, könnte es sich um eine Schweizer Werbeagentur handeln. Mea culpa.

    7. mare Says:

      Das kommt von der Mundart z. B. „Wenn ig di wär“, also „wenn ich dich wäre“, statt „wenn ich du wäre“. Oder eben „Hie darf i mi sii“ = „Hier darf ich mich sein“, statt darf ich ich sein“. Das habe ich auch als kleines Kind gesagt, und dann hat mich mein Vater korrigiert, der mit uns manchmal auch hochdeutsch oder später französisch gesprochen hat, einfach so zur Übung. Seither hab ich’s nicht mehr falsch gemacht. Könnte es sein, dass manchmal auch Menschen in Deutschland Mühe haben mit diesem Fall, denn der Grammatikduden zählt ausdrücklich die Verben auf, die einen Nominativ zur Folge haben.

    8. giacometti Says:

      Die Erklärung liegt wohl darin, dass ein Interview nie wortwörtlich wiedergegeben wird. Ich habe auf jeden Fall noch nie ein Interview gelesen, in dem die Antwort lautete „…ja, ähm, da muss ich erst mal überlegen…hihihi….wie sagt man?…schlürf (Kaffee)…klingelingeling…sorry, ich geh schnell ran…blablabla….“ und so weiter. Aber das ist das, was wirklich gesagt wird. Worauf ich hinaus will: alle Interviews sind abgeschliffen und abgerundet – durch den Interviewer. Wenn es gut kommt, stimmt der Inhalt einigermassen mit dem überein, was der Interviewte gesagt hat. Die Sprache, Grammatik und Ausdrucksweise ist aber immer diejenige des Interviewers – auch bei den Antworten.

    9. Phipu Says:

      Diese Konstruktion erinnert mich an eine Englischstunde. Ich lernte mal, dass man, wenn man z.B. auf eine Foto zeigt, kommentieren kann: „that’s me“. Ich fand das im ersten Moment so seltsam, dass man dort „das ‚ist mich’“ (3. Person)statt „das ‚bin ich’“ sagt. Erstaunlicherweise hat mich das im Französisch, wo man die Bilder auch mit „c’est moi“ erklärt, weniger geprägt.

      Nach meinem Schweizer Sprachgefühl ist „ich bin mich selbst“ nicht falsch, obwohl die Grammatik mit „sein“ klar nach Nominativ verlangen würde. Vermutlich ist da eher die Idee anderer Verben dahinter. Wenn man „sein“ ersetzt durch „darstellen“, „repräsentieren“ oder „sich fühlen als“, dann passt der Akkusativ. Aber das ist eine Spitzfindigkeit und nicht Grammatik.

      Im Allgemeinen werden im Dialekt die Fälle sowieso weniger sauber unterschieden (abgesehen von der Tatsache, dass der Genitiv praktisch inexistent ist. Siehe http://www.blogwiese.ch/archives/135 ). So werden wohl auch im Schweizer Hochdeutsch mehr Unstimmigkeiten toleriert. Z.B. bei „Wär gsehsch dete?“ – „Der Beck“ und „Wär chunnt mit?“ „Der Chämifäger“ Dass das gleiche Dialekt-Wort hier („wer/der“) zu Hochdeutsch unterschiedlich verwendet wird und dadurch die Fälle anzeigt, („WEN siehst du dort“ – „DEN Bäcker“ bzw. „WER kommt mit“ – „DER Schornsteinfeger“) lernen viele Schweizer Schüler erst beim Erwerb der „ersten Fremdsprache“.

    10. wotan Says:

      Viellecht kommt das auch aus dem Französischen: c’est moi . jeder Franzose würde aufjaulen, wenn er hört „c’est je“. Tut mir sogar beim schreiben weh…

      Übrigens im Englischen sagt man ja auch „It’s me“.

      just my 2c

    11. neuromat Says:

      ich war heute morgen schon ganz aufgeregt bei diesem genialen Fortsetzungsthema von gestern, so dass ich meinen Blog falsch eingestellt hatte:

      Sehr geehrter Herr Wiese,
      ist die heutige Teilnahme an der blogwiese wirklich kostenlos. Normalerweise werden für Selbsterfahrungsseminare und Selbstfindungskurse doch Gebühren erhoben

      @ admin

      wahrscheinlich der Versuch heute den Commentrekord zu brechen. Wo liegt der eigentlich?

      Jetzt stelle ich fest: Bei dem Thema Who is who, ist gar nichts los. Was kann das bedeuten, ausser dass beide Schweizer und Deutsche mit ihrer Identität ein Problem haben

    12. Gerald Says:

      @lamiacucina

      Meintest Du den deutschen Satz? Wenn ja, was soll sie denn sonst sagen?

    13. giacometti Says:

      Off-Topic:

      http://www.nzz.ch/2007/03/16/fe/articleEZSXA.html

      16. März 2007, Neue Zürcher Zeitung

      Sprache mit Seele

      «Marillen», «Nachtmahl», «gnädige Frau» – kann das österreichische Deutsch in Europa überleben?

    14. Branitar Says:

      lamiacucina said:
      […]“weil ich es mir wert bin”[…]

      Das ist aber grammatikalisch korrekt, weil sich das „mir“ auf das „es (jemandem) wert sein“ bezieht.

    15. Brun(o)egg Says:

      Ich find den Blog von Jens Wiese wie immer gut: Hier wird Sie geholfen.

    16. Brun(o)egg Says:

      Noch etwas:
      @ lamiacucina

      Übersetzen von Werbeslogans funktioniert nur in den seltensten Fällen. Adaption ist angesagt. Entgermanisieren oder eindeutschen, Verhelvetismen oder ganz einfach neu erfinden. Ausser englisch. Da klappts manchmal. Allerdings hat das zur Folge, dass 80% den englischen Slogan total falsch verstehen.

    17. neuromat Says:

      @ giacometti

      wieso off-topic ? Sehr schöner Artikel. Guter Hinweis. Geht „sich“ doch um Identität.

      Eine kleine Provokation: Ich denke in Europa ja, in der Schweiz eher nein. Ich kenne so einige Oesterreicher, die sich ihr charmantes Deutsch hier völlig abgewöhnt haben. Vielleicht auch ein Stück Identitätsverlust. Aber die Identität der ésis ist ja heute nicht dran.

    18. Selma Says:

      Sowas aber auch: Ruhrpott-Deutsch und Schweizerdeutsch haben etwas gemeinsam! Bei uns kann es auch am regnen sein (heute zum Glück nicht). Das ist ausserdem eine prima Eselsbrücke fürs present continuous im Englischen. I bi öppis am mache = I am doing sth. (um entsprechenden Kommentaren vorzubeugen: Die englische Variante kann natürlich je nach Kontext auch andere Übersetzungen haben..)

      Was „ich selbst“ und „mich selbst“ anbelangt: Schreiben würde ich wohl nur den Nominativ. Mein Sprachgefühl hat allerdings keinen unmittelbaren „Abwehrreflex“ gegen „ich bin mich selbst“ – dafür ist es wohl zu schweizerisch…

    19. Brun(o)egg Says:

      @ wotan

      Im Baseldeutsch war der „Schö“ (je) mal üblich. Allerdings im minderen Basel (Kleinbasel), an der der Rheingasse und somit in der Unterschicht. “ Dr Schö, meint…“

    20. Marischi Says:

      Ich kenn den Schöberli (je) auch ein Synonym für mir selber ;-)))

    21. Thomas Says:

      hehe, ich rede auch immer von mir als „schöberli“.

    22. bobsmile Says:

      @Marische & Thomas
      Genau, geht „mich“ auch so!
      „Fyraabe! Dr Schöberli geit itze hei!“
      😉

    23. Cambridge Proficiency Says:

      @wotan “It’s me” ist englischer Slang/Umgangssprache. Formell/schriftlich drückt man sich gepflogener aus: It is I that has the right world formula, wohahahaha.
      It is he/she (nicht him/her). Ich bin einen Dumpfbacken, also mich selbst (me, myself and I)!

      Gruss von proficient English/German speaker

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