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Komm wir machen eine Session — Wenn Schweizer Politiker sich in Flims treffen

  • Komm wir machen Marmelade — Die Jam-Session
  • Eine Session nennt man in der Rockmusik das spontane Zusammenspielen von verschiedenen Musikern, die sonst nicht gemeinsam auftreten. Weil das soviel Spass macht und ein wunderbares Durcheinander ergibt, wie bei einem Verkehrschaos, einem „traffic jam“, wird es auch als „Jam Session“ bezeichnet. Alles Quatsch, das hat weder was mit Marmelade (=jam) noch mit Strassenverkehr zu tun:

    Eine Jamsession (v. engl. jam „improvisieren“ und session „Veranstaltung“) ist ein zwangloses Zusammenspiel von Jazz-, Blues-, Hip-Hop- oder Rock-Musikern, die nicht üblicherweise in einer Band zusammenspielen. Auf Jazz-Jamsessions werden meist Stücke gespielt, deren harmonisches Schema und Melodie allen Mitmusikern bekannt ist (sogenannte Standards).
    (Quelle: Wikipedia)

    Es gibt berühmte Beispiel, wie das Zusammentreffen von Mike Bloomfield, Al Kooper (Blood, Sweat & Tears) und Stephen Stills (Crosby, Stills, Nash & Young), was als „Supersession“ in die Musikgeschichte einging.

  • Was ist eine Session in der Schweiz?
  • In der Schweiz ist eine Session etwas ganz anderes. Es bedeutet Arbeit. Genauer gesagt: „Arbeit für die Schweizer Politiker“, die ihren Job anders als die Deutschen Bundestagsabgeordneten nicht in als Vollzeitbeschäftigung ausführen. Denn „Session“ kommt von:

    (aus lat.: sessio v. sedere sitzen) eine sich über einen längeren Zeitraum erstreckende Tagungs- oder Sitzungsperiode
    (Quelle: Wikipedia)

    In diesem Herbst ist das Bundeshaus in Bern jedoch ein Baustelle, also weichen die Politiker aus in die „Provinz“, nach Flims. So schreibt der Tages-Anzeiger vom 22.08.06:

    Am 18. September beginnt in Flims die Auswärtssession des Parlaments. Sie soll zum Ausflugsrenner werden.
    Noch 27 Tage bis zur … Herbstsession des Schweizer Parlaments. Pardon, zur «Sessiun» – mit u! Die Tagung findet nämlich auswärts statt, und nach dem Welschland und dem Tessin kommt dieses Jahr Graubünden – und das Romanische – zum Zug. Weil derzeit das Bundeshaus renoviert wird und ein Unterbruch der Arbeiten auch teuer zu stehen käme, will man sich den auf rund 1,8 Millionen Franken budgetierten Luxus trotz Spardruck leisten.
    (…)
    Die Tourismusverantwortlichen Graubündens packen ihre Chance: Mit dem Countdown und anderen PR-Kapriolen machen sie auf sich aufmerksam. Dank der exotischen Location im edlen Wellnesshotel Park-Hotel Waldhaus, in der Ferienregion Flims-Laax-Falera, steht weniger die Traktandenliste als das Drumherum im Scheinwerferlicht. Was Bundesbern nicht geheuer ist – schliesslich zählt an der Session die Arbeit, nicht das Vergnügen.
    (…)

    Eine Traktandenliste ist also nicht die Liste der Behandlungsmöglichkeiten mit Fango, Schlammbaden, oder kräftiger Massage. Traktiert werden die Vorlagen, auf sie wird „eingetreten“ oder auch nicht. Da geht es richtig zur Sache.

    Zimmer werden im Waldhaus von Montag bis Donnerstag zwar keine mehr zu haben sein: 140 der Parlamentarier und der gesamte Bundesrat nächtigen im Hotel. Aber an den Wochenenden können auch andere Gästen buchen. Vielleicht doch eine Chance, den Lieblingspolitiker in der Sauna zu treffen? Ein Teil der Parlamentarier verlängert nämlich den Aufenthalt aufs Wochenende. Falls der oder die Gewünschte nicht unter ihnen sein sollte: Der Hoteldirektor schlägt Erlebnisnächte zu Spezialpreisen in den weichen Betten vor, wo sich während der Woche die Politprominenz räkelt. Etwa im Zimmer von Bundesrat Blocher – auf Wunsch auch ohne Bettwäschewechsel.
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 20.08.06)

    Na, ich merke schon, sie können sich kaum mehr halten und wollen gleich nächsten Freitag nach Flims, um DAS gleich auszuprobieren, nicht wahr?

    Teuer ist so ein Session jedenfalls nicht. Wenn in Deutschland die Parlamentarische Sommerpause wegen einer Dringlichkeitssitzung unterbrochen werden muss und die 598 Profi-Vollzeit-Parlamentarier aus allen Ecken des Landes anreisen, dann kostet allein dieser Aufwand über eine Millionen Franken. Uns erinnert der diesjährige Schweizer Wanderzirkus ein bisschen an den ewigen Wanderzirkus des Europäischen Parlaments, dass zwischen Brüssel, Luxemburg und Straßburg permanente Ortswechsel gewohnt ist:

    Als symbolischer Sitz wurde sofort nach der Gründung Straßburg festgelegt. Es symbolisiert die deutsch-französische Aussöhnung nach dem Krieg. Weil es keine Büroflächen gab, wurden die Dienste zunächst in Luxemburg angesiedelt. Doch mit Gründung der EWG 1958 wurde Brüssel als Sitz der Europäischen Kommission bestimmt. Deshalb entwickelte es sich so, dass die Parlamentarischen Ausschüsse dort tagten. Mit dem Vertrag von Maastricht wurde Straßburg als Sitz endgültig bestätigt; diese Klausel wurde im Vertrag von Amsterdam bekräftigt und fehlt auch nicht im aktuell gültigen Vertrag von Nizza.
    Die Gebäude, die das Parlament in den jeweiligen Städten nutzt, wurden von den entsprechenden Staaten gebaut. Das Parlament versucht, sie an den Tagen, an denen sie nicht für Sitzungen gebraucht werden, zu vermieten. Auch der Europäische Bürgerbeauftragte hat seinen Sitz in den Gebäuden in Straßburg.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Warum tagen die Schweizer Parlamentarier nur in vier Sessions?
  • Anders als in Deutschland sind die Politiker in der Schweiz nur während dieser Sitzungsperioden, den Sessionen, tätig, denn:

    Während in den meisten Ländern die Ratsmitglieder ihr Amt als Beruf ausüben, gehen in der Schweiz die meisten Ratsmitglieder daneben noch einem Beruf nach. Die Bundesversammlung ist demzufolge ein Milizparlament oder Halbberufsparlament.
    (Quelle: parlament.ch)

    Warum das so sein mag? Wahrscheinlich ist es billiger? Oder man geht davon aus, dass jemand, der finanziell auf eigenen Füssen zu stehen vermag, nicht so leicht käuflich ist durch die agilen Lobbyisten.

  • Politikern bei der Arbeit zusehen
  • Einen seltenen und vergnüglichen Einblick in Schweiz Politik lieferte 2002 der geniale Dokumentarfilm „Mais im Bundeshuus“:

    Im Zimmer 87 des Bundeshauses trifft sich eine parlamentarische Kommission, die ein Gesetz zur Gentechnik erarbeiten soll. Hinter verschlossenen Türen wird die so genannte „Gen-Lex“ beraten, während draussen geduldig ein Filmteam wartet…
    Der Film ist wie eine Fiktion aufgebaut, verfolgt die Abenteuer dieser Kommission, begleitet die Abgeordneten bei ihrer Arbeit. und zeigt die Ränkespiele in diesen Politthriller. Die Wirtschaftsvertreter und Anhänger dieser revolutionären Technik treffen auf heftigen Widerstand der Gentech-Kritiker, die befürchten, dass alles ausser Kontrolle gerät.
    Im Herbst 2002 wird die umstrittene Vorlage im Parlament behandelt. Die Wandelhallen füllen sich und ein letztes Seilziehen beginnt…
    „Mais im Bundeshuus“ wirft einen Blick hinter die Kulissen schweizerischer Politik, wie es bislang noch kein Filmemacher in Angriff genommen hat. Spannend und witzig zeigt der Film die Machtspiele, aber auch die Grenzen unseres Politsystems. Eine Parabel auf die Macht – nicht nur in der Politik.

    Das solch ein Film in der Schweiz möglich ist, nichts könnte deutlicher zeigen wie offen und volksnah in diesem Land Politik „gemacht“ wird.

    

    9 Responses to “Komm wir machen eine Session — Wenn Schweizer Politiker sich in Flims treffen”

    1. Stefan R Says:

      „Warum tagen die Schweizer Parlamentarier nur in zwei Sessions?“

      Diese Information ist nicht ganz richtig, es sind vier sessionen pro jahr (d.h eine pro quartal), nicht zwei. Siehe http://www.parlament.ch/homepage/se-aktuelle-session-ueberblick/se-sessionsdaten.htm

      Gruss

      [Anmerkung Admin: Danke! Ist schon verbessert]

    2. myl Says:

      „Mais im Bundeshuus“ ist in der Tat ein besonderer Film, zumal die Protagonisten keine Schauspieler, sondern wirklich „unsere Volksvertreter“ an der Arbeit sind.
      Was mir besonders gut gefällt, ist die doppelte Bedeutung des Titels: Handelt der Film zum einen von gentechverändertem Mais, so bedeutet „Mais“ oder auch „Meis“ im Dialekt „Lärm/Krach“, aber auch „Ärger“ oder „Streit“. Schriftdeutsch würde ich das mit „Zoff“ oder „Knatsch“ „übersetzen“.

    3. Michael Says:

      Milizsystem: Die Schweizer sind Milizfanatiker. Aktive Vereinstätigkeit ist klassiche Milizarbeit. Aber das wird in der Politik (sämtliche Parlamente, lokale Exekutive, Kommissionen etc.) und Armee bis zum Excess getrieben. Dafür geht es Jahre bis Jahrzehnte bis gewisse Entscheidungen gefällt werden (kein Wunder bei nur 4 Sessionen zu 3 Wochen).

    4. Sabine Says:

      in der schweiz tagt man in vier sessions, in deutschland in den four seasons 🙂
      klingt irgendwie komfortabler.

    5. renegade Says:

      @michael

      betrachte es mal von der anderen Seite, wer nur 4 mal im Jahr tagt, kann auch nur 4 mal im Jahr etwas kaputt machen (mal gelinde ausgedrückt). So Hauruck-Entscheidungen können dich auch teuer zu stehen kommen.

      Bsp.: 2005 war Deutschland erstmals ein Auswanderungsland und rate mal was die Politiker für Gedanken haben. Ich gebe dir schon jetzt die Auflösung: Sie überlegen/diskutieren über eine Steuer für im Ausland lebende Deutsche. Da siehst du mal was für Blödsinn verzapft werden kann, wenn man keiner geregelten Arbeitszeit nach geht und nur Politik betreibt.

    6. Fredy Says:

      Plural von „Session“ ist „Sessionen“, nicht „Sessions“. Und es ist bei weitem nicht so, dass die National- und Ständeräte nur während der Session Politik machen.

    7. Phipu Says:

      Ergänzend zu myl

      Ein solches Wortspiel mit „Mais“ kann natürlich auf französisch, in der Sprache, in der der Film ebenfalls gezeigt wurde, nicht wiedergegeben werden. Dort heisst der Titel „Génie Helvétique“ (anlehnend an „génie génétique“ = Gen-Technologie).

      http://www.maisimbundeshuus.ch/f.htm

    8. Michael Says:

      @renegade: kann man wirklich auch so sehen. Aber in der Schweiz gibt es noch die Volksinitiativen. Da dauert es schon mal mehrere Jahre bis sie im Parlament behandelt werden, geschweige vor das Volk zur Abstimmung kommen.

      @Fredy: kann schon sein. Aber die parlamentarischen Entscheide werden nur während den Sessionen gefällt.

    9. renegade Says:

      @michael

      ich gebe dir noch ein Beispiel eines Schnellentscheids aus Deutschland. Es war März 2000 oder 2001 bin mir nicht mehr ganz sicher. Da verkündete Schröder, dass er die Greencard für ausländische IT-Fachkräfte blitzschnell einführen werde. Die Wirtschaft freute sich, weil ja soviele Stellen unbesetzt waren. Im Grunde wäre es ja eine super Idee, so Know-How ins Land zu holen. Aber…. Was wäre die Wirtschaft, wenn sie dies nur nutzen und nicht ausnutzen würde. Viele Unternehmen hatten vor dieser Ankündigung bereits Standorte in Indien, Russland etc. Für diese Unternehmen stellte es keine Probleme dar, die Fachkräfte zu rekrutieren. Damals war ich erstaunt über die hohe Zahl der unbesetzten Stellen in der IT. Die unbesetzten Stellen waren so hoch, dass bereits 2003 viele der wenigen Greencard´ler vergebens nach Arbeit in Deutschland suchten. ;-). Wie sich das bei einzelnen auf den Arbeitsvertrag auswirkte, brauche ich wohl nicht zu schreiben.

      Jetzt jammert man, dass Fachkräfte abwandern *kopfschüttel*

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